Hörspiel Special – H.G. Francis‘ Gruselserie – 12 – Die Nacht der Todesratte (1981)

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Auch wenn das Cover eine Riesenratte verspricht, die des Nachts Jagd auf junge Damen macht, bewegt sich diese Folge mehr in Richtung Psychothriller und bietet eben kein mordendes Riesentier. Gerade deshalb ist DIE NACHT DER TODESRATTE eine ganz besondere Folge, die langsam ihre Bedrohung aufbaut und von Minute zu Minute stetig gruseliger wird. Empfehlung: Unbedingt allein in einer dunklen Wohnung hören.

Cover der 1981er / 1999er Auflage (MC, LP bzw. CD)

Cover der 1987er Auflage (Techno-Edition, MC)

Regie: Heikedine Körting

Buch: H.G. Francis

Sprecher: Richard Lauffen, Donata Höffer, Christian Mey, Andreas von der Meden, Henry Kielmann, Siegfried Wald, Werner Cartano. Günther Ungeheuer

Klappentext:

Professor Hasquet will nicht sterben! Er, ein leidenschaftlicher Forscher, findet sich nicht damit ab, daß er alt ist. Als sein Ende naht, läßt er sich auf ein gefährliches Experiment ein, und plötzlich in der Nacht verbreitet sich Grauen über die Stadt Brest …

Artikel von Christian Jürs

Das Weihnachtsfest 1981 war eines der Denkwürdigsten meines Lebens. Lediglich ein paar jahre später, als der damals sauteure Commodore 64 unter dem Baum lag und noch ein paar Jahre später das Fest, an dem ich meine Unschuld verlor, konnten 1981 toppen (Letzteres belegt definitiv Platz 1 in meiner Top 5 Weihnachtsliste). Der Grund für meine Begeisterung lag damals darin, dass unterm Tannenbaum die komplette zweite Staffel (Nummer 11 – 15) der Neongruselreihe lag (bei letztgenanntem Fest lag dort meine damalige Freundin). Okay, Santa Claus hat sich nicht ganz an die Altersempfehlung gehalten, immerhin war ich noch 6 Jahre alt und nicht 12 Jahre, wie einst empfohlen, doch Klein-Christian war happy. Heute würde man Eltern warscheinlich steinigen, wenn sie ihren Kleinen solche Horrorgeschichten als Präsent zur besinnlichen Weihnachtszeit (oder sonstwann) machen würden. Mir wars wurscht, ich verpieselte mich nach dem Abendbrot in mein Zimmer und lauschte der Reihe nach allen vier neuen Hörspielen, sowie den HORROR POP SOUNDS, die heute, aus oft erwähnten Rechtsgründen, gegen ein altes NESSIE Hörspiel ausgetauscht wurde, was nicht die schlechteste Wahl war. Doch kommen wir zur Geschichte.

Richard Lauffen

„In der Festung von Brest, der Hafenstadt im Nordwesten Frankreichs, war neben einem Marinemuseum auch eine biologische Forschungsanstalt untergebracht.“

Mit diesen Worten des Herrn Ungeheuer werden wir in die Geschichte eingeführt, die ebenso wie zuvor DER PAKT MIT DEM TEUFEL, an einem real existierenden Ort spielt. Von Inseln an der Küste Transsilvaniens oder ähnlichem Nonsens ist diesmal keine Spur. Doch auch von einem Monster im eigentlichen Sinne kann diesmal nicht die Rede sein. Der Wissenschaftler, der natürlich wie immer an der ganzen Misere schuld ist, heißt Professor Hasquet (Richard Lauffen) und arbeitet, zusammen mit seiner Assistentin Claudine Dassaux (Donata Höffer) an dubiosen Forschungen bezüglich des menschlichen Gehirns. Wir werden akustische Zeugen, wie sie die Hirnströme eines Affen (stellvertretend für einen Menschen und in manchen Fällen sicherlich sogar intelligenter) in den Körper eines anderen Affen überträgt. Der Körper des Wirtes verendet, ebenso wie die Identität des Empfängeraffens. Macht ja nix, hauptsache, dass Experiment ist gelung….äääh…ach neee….da war ja noch unser titelgebendes Tier. Denn um etwaige Stromschwankungen abzufangen, hat Professor Haquet eine Ratte zwischen die beiden Affen geschaltet. Pech nur, dass die Eigenschaften der Ratte nun ebenfalls in den Affen gefahren sind. Und da Ratten in trivialen Horrorgeschichten nunmal böse sind, läuft das Tier Amok und muss schlussendlich erschossen werden.

Donata Höffer

Zu recht fragt sich der Zuhörer nach dem Sinn dieses Experimentes und auch Claudine stellt sich nach dem Ausraster von Link dem Butler die Frage, worin der Sinn ihrer Arbeit liegt. Tatsächlich lässt sich die Gute mit der Erklärung „Ich möchte geistig behinderten Menschen helfen, indem ich ihnen gesunde Gedankenströhme verpasse“ vom Professor abspeisen und nach hause schicken. Natürlich hat der Arzt ganz andere, wesentlich düsterere Absichten. Zwar stellt Claudines Verlobter Henry Clement (Christian Mey), den wir im Anschluss kennenlernen, die Motive des Arztes in Frage („Wenn Hasquet geistig behinderten Menschen helfen möchte, benötigt er doch das Gehirn eines Zweiten, Gesunden.“), doch dieser Geistesblitz kommt zu spät, denn mittlerweile liegt der Professor tot in seinem zerstörten Labor. Ein zurückgelassener Schal von Claudines Bruder Pascal (Andreas von der Meden) lässt schlimmes ahnen…

Folge 12 der Neon-Gruselreihe dürfte die Lager spalten. Kunden, die sich am Coverbild orientieren, dürften eine herbe Enttäuschung erleben, da die Riesenratte, die bei Mondschein junge Damen bedrängt, durch Abwesenheit glänzt. Stattdessen ließ sich Herr Franciskowsky hier von dem eher unbekannten Gruselfilm DER MANN, DER SEIN GEHIRN AUSTAUSCHTE aus dem Jahre 1936 inspirieren, in dem Boris Karloff ganz ähnliche Ambitionen wie Professor Hasquet hegte.

Christian Mey

Wer jetzt „Spoiler“ schreit, dem sei gesagt, dass das Hörspiel bei aller Geheimniskrämerei eigentlich nie einen Hehl daraus macht, dass der Bösewicht natürlich in der Person des Professors zu finden ist. Sowohl der Klappentext, als auch die Worte Günther Ungeheuers, der erklärt, dass Hasquet sich bewusst sei, dass er seine Forschungen aufgrund seines Alters nicht vollenden könne, sprechen Bände. Darin liegt auch gar nicht die Spannung dieser Horrorgeschichte. Auch bleiben seine mörderischen Handlungen eigentlich immer im Off verborgen, da stattdessen der Fokus auf Claudine und Henry gelegt wurde, die immer erst nach dem Geschehenen am Tatort eintreffen. Trotzdem haben wir hier eine der unheimlichsten Folgen, da die Bedrohung sich von Minute zu Minute mehr entfaltet. Wenn Günther Ungeheuer Sätze wie „Nervös blickte sie durch das Rückfenster… und da sah sie eine dunkle Gestalt auf der Straße stehen…“ von sich gibt, dann baut sich unweigerlich eine beklemmende Atmosphäre auf. Diese wird im Finale, in dem Claudine in einem einsamen Appartement eines Hochhauses sich dem Bösen stellen muss, zum Herzklopffinale, welches leider viel zu schnell vorüber ist.

Sowohl Soundkulisse als auch Sprecher sind mal mehr allererste Sahne, auch von Frau Höffer hier und da ein wenig wie Reinhild Schneider auf Valium wirkt. Spätestens jedoch mit ihrem Schrei im Finale, den ich nie zuvor besser und schockierender gehört habe, rast die Pumpe wieder beim Zuhörer. Auch die Musik ist, zumindest in der Erstauflage, wunderbar stimmig. Auch die Technoversion beinhaltet einen stimmigen Score, jedoch wurden hier bereits Laute des „Rattenmonsters“ eingefügt, die eher störend als gruselig wirken.

Andreas von der Meden

Zuletzt möchte ich noch ein paar kleine, charmante Fehler auflisten:

– Alle Figuren sind Franzosen, die freilich hochdeutsch kommunizieren. Lediglich Henry Kielmann, der als Polizist und Taxifahrer doppelt besetzt wurde, wusste dies scheinbar nicht und fügte seinen Rollen einen starken französischen Dialekt hinzu.

– Das „Monster“ spricht im Finale mit der falschen Stimme. Denn lediglich die Gehirnströme wurden getauscht, nicht die Stimmbänder.

– Wenn unsere Helden herausfinden, dass sie es mit einem „außerordentlich, gefährlichen Wesen“ (Zitat Claudine) zu tun haben und sie die Polizei informieren möchte, watscht Henry sie mit den Worten „Ach, das hat Zeit bis morgen früh!“ ab. Er geht lieber Cognac trinken. Really?

– Bookletfehler: in allen Auflagen wird als Sprecher von Pascal Alexander Bischoff genannt. Es handelt sich aber tatsächlich um Andreas von der Meden.

– Zwischen Sirenengeheul und Eintreffen der Polizei im 11. Stock liegen nur Sekunden. Deren Fitness möchte ich haben.

 

Ich kann DIE NACHT DER TODESRATTE allen Gruselfreunden nur wärmstens empfehlen. Ein Klassiker mit erhobenem Zeigefinger gegenüber der Wissenschaft, der auch heute noch regelmäßig in meinem Player landet.

 

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