Dragged Across Concrete (2018) – ab 23. August als Blu-Ray & DVD erhältlich!

Ein knappes Jahr mussten Fans schonungsloser Kost, hierzulande auf den neuen Film von S. Craig Zahler warten. Mit DRAGGED ACROSS CONCRETE (2018) liefert der, als moderner Exploitation-Auteur geltende, Regisseur und Drehbuchautor seine dritte Regie-Arbeit ab. Nach Kannibalen-Western und Knast-Prügeleien, wagt sich Zahler nun an einen klassischen Cop-Thriller, in dem Mel Gibson und Vince Vaughn groß aufspielen dürfen. Wir verraten euch, wie sich der Streifen schlägt!

Originaltitel: Dragged Across Concrete

Drehbuch & Regie: S. Craig Zahler

Darsteller: Mel Gibson, Vince Vaughn, Tory Kittles, Michael Jai White, Laurie Holden, Jennifer Carpenter, Thomas Kretschmann, Udo Kier, Don Johnson…

Artikel von Christopher Feldmann

Es hat wirklich lange gedauert, bis S. Craig Zahler im Filmgeschäft Fuß fassen konnte. Mehr als 20 Mal haben Studios seine Drehbücher optioniert, ein Film ist daraus aber nie entstanden. Also musste der Autor, der übrigens auch Romane schreibt und als Musiker tätig ist, selbst aktiv werden, um seinen Stoff angemessen umzusetzen. Aus einem kleinen Schreiberling, der im Low-Budget-Segment anfing, wurde eine ziemlich gewichtige Nummer im aktuellen Genre-Kino. Sein Debüt, der Kannibalen-Western BONE TOMAHAWK (2015), avancierte zum Geheimtipp und war einer der interessantesten Filme seines Erscheinungsjahres. Auch sein zweites Werk BRAWL IN CELL BLOCK 99 (2017), welches wir schon ausgiebig besprechen durften, war nicht minder virtuos. Zahler inszeniert charaktergetriebene Exploitationfilme, die nicht selten politisch und gesellschaftskritisch sind und sich durch einen fiesen Pessimismus auszeichnen. Mit DRAGGED ACROSS CONCRETE (2018) bleibt er seiner Linie treu und serviert einen ruhig erzählten Cop-Thriller, der aktuelle Themen aufgreift und provokant zur Schau stellt. Dabei sollte man natürlich keinen klassischen Action-Reißer erwarten, sondern etwas Sitzfleisch mitbringen. DRAGGED ACROSS CONCRETE ist sperrig aber gerade deswegen auch so verdammt gut!

Inhalt:
Die beiden Polizisten Brett Ridgeman (Mel Gibson) und Anthony Lurasetti (Vince Vaughn) sind Partner und in der, von Kriminalität überschwemmten, Stadt Bulwark unterwegs. Als sie einen verdächtigen Drogendealer etwas zu hart anpacken und dabei auch noch gefilmt werden, bleibt ihrem Vorgesetzten (Don Johnson) nichts anderes übrig, als die Beiden für mehrere Wochen zu suspendieren, ohne Bezahlung. Da das Geld knapp ist, beschließen Ridgeman und Lurasetti ihren Unterweltkontakt Friedrich (Udo Kier) zu nutzen, um Informationen über bevorstehende Coups zu erlangen. Tatsächlich kommen sie auf die Spur des Gangsters Lorentz Vogelman (Thomas Kretschmann), der einen Bankraub plant. Doch anstatt im Sinne des Gesetzes zu handeln, legt sich das Duo auf die Lauer, um den Gangstern letztendlich die Beute streitig zu machen. Gleichzeitig lassen sich auch der Ex-Sträfling Henry Johns (Tory Kittles) und sein Kumpel Biscuit (Michael Jai White) von Vogelman einspannen. Die stellen allerdings bald fest, dass mit den brutalen Bankräubern nicht zu Spaßen ist.

Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, mit DRAGGED ACROSS CONCRETE hat man die rechte Ecke filmisch vorliegen. Denn nicht nur Regisseur S. Craig Zahler fällt gerne durch erzkonservative Ansichten auf, Mel Gibson selbst ist gewiss auch kein unbeschriebenes Blatt, wenn man sich an die antisemitischen Äußerungen erinnert, die dem einstigen Hollywood-Star für mehrere Jahre die Karriere gekostet haben. Auch Vince Vaughn, mit dem Zahler schon bei BRAWL IN CELL BLOCK 99 zusammenarbeitete, vertritt ähnlich konservative Ansichten, weshalb eine Zusammenarbeit der drei Männer gar nicht passender sein könnte.

Das ist gleichzeitig auch die DNA, die den ganzen Film durchzieht. Zahler drückt seinem nihilistischen Cop-Reißer wieder einmal seinen Stempel auf und behandelt ungeniert Themen, die allgegenwärtig sind. Das Ganze wird dann in die gewohnt pessimistische Ausrichtung eingebettet, denn obwohl in Zahlers Filmen immer wieder mit Moral und ihrer Einhaltung gearbeitet wird, ist am Ende alles ziemlich düster. Diesem Muster folgt auch DRAGGED ACROSS CONCRETE, der uns zwei Polizisten präsentiert, die den Wandel der Zeit satt haben. Ridgeman ist ein gealterter Cop, der in seinem Dienstgrad nie aufgestiegen ist und immer noch für das gleiche Gehalt Jagd auf Drogendealer und Waffenschieber machen muss. Seine Frau leidet an multipler Sklerose, schafft es, trotz Medikamente, kaum durch den Tag und die eigene Tochter wurde nun schon zum fünften Mal auf dem Heimweg von Jugendlichen mit Migrationshintergrund angemacht und belästigt. Lurasetti hingegen ist der eher gelassenere Typ, wird aber von Beziehungsproblemen geplagt und ist zunehmend genervt von seiner Arbeit und den neuen Regeln.

Als die beiden Ordnungshüter bei ihrem Vorgesetzten antanzen müssen, weil ein Video veröffentlicht wurde, in dem Ridgeman und Lurasetti einen Verdächtigen zu hart rannehmen, fallen die wohl bezeichnendsten Dialoge für die politische Gesinnung des Films. Laut Gibsons Figur, haben beide einen gefährlichen Drogendealer aus dem Verkehr gezogen, werden aber suspendiert weil sie nicht nett genug waren. Dieser Widerspruch ist sinnbildlich für unsere heutige Gesellschaft, was Ridgeman auch unverblümt darstellt. Er ist halt der “wird man ja noch sagen dürfen”-Typ. Zahler prangert diese Politik an, stellt die fiktive Stadt Bulwark als Abbild eines kaputten Amerikas dar und lässt seine Protagonisten aus Frust und Geldnot auf die andere Seite des Gesetzes wechseln, man lässt ihnen ja keine Wahl.

Auch Henry Johns, gespielt von Tory Kittles, hat Geldsorgen. Seine Mutter verdient sich als Prostituierte etwas dazu, der kleine Bruder sitzt im Rollstuhl. Für ein besseres Leben muss Henry eben wieder kriminell werden, die Gesellschaft gibt dem Ex-Sträfling sowieso keine Chancen.

Zahler baut behutsam seine drei Hauptfiguren auf und bringt sie in Position. DRAGGED ACROSS CONCRETE ist weniger ein Actionthriller, sondern mehr ein Film über Menschen, die keine andere Wahl haben, als die Moral beiseite zu legen und gesetzeswidrig zu handeln. Der Film kritisiert das System und rechtfertigt somit Zahlers Pulp-Fantasie, mit der er seinen langsam erzählten Cop-Krimi würzt. Bis es nämlich erstmal losgeht, dauert es eine ganze Weile. Wir lernen die Figuren kennen, beschäftigen uns mit ihrem Alltag, bis eben  der eigentliche Krimi-Plot beginnt. Der erfordert viel Sitzfleisch, denn einen großen Teil der Laufzeit verbringen wir mit Vince Vaughn und Mel Gibson, die im Auto sitzen und observieren, dabei über alles mögliche reden und Eiersandwiches essen. Das mag für viele langatmig, schlicht langweilig sein, mich hat es jedoch nicht gestört. Es vermittelt recht gut das Gefühl, dass auch die Beiden empfinden, während sie ewig im Auto warten müssen. Somit zieht der Film die Aufmerksamkeit noch weiter auf die Figuren, was natürlich Zahlers Plan ist, um uns zum Ende mit explodierender Gewalt zu schocken und die quälende Langatmigkeit zu unterbrechen. Dabei wird es aber nie uninteressant, denn Zahler hat genug interessante Dialoge und Beobachtungen auf der Pfanne, die den Figuren mehr Konturen verleihen. Das hat oft etwas tarantinoeskes, auch wenn Zahler mehr auf Natürlichkeit, statt auf Coolness setzt.

Inszenatorisch knüpft der Regisseur spielend an sein vorheriges Werk BRAWL IN CELL BLOCK 99 (2017) an. DRAGGED ACROSS CONCRETE hangelt sich von Einstellung zu Einstellung und bleibt über den gesamten Film recht statisch. Zahler erlaubt sich wenige Spielereien und verzichtet auf lange Kamerafahrten, wie auch auf knackige Schnittwechsel. Der Film ist fast schon dokumentarisch und fängt gekonnt die düstere, nihilistische Atmosphäre ein, die immer allgegenwärtig ist, was in einem dunklen Showdown mündet, in dem Zahler die Spannung deutlich anzieht und natürlich auch nicht mit derben Gewaltspitzen geizt. Hier wird schon mal in aller Deutlichkeit ein Magen ausgenommen. Wenn man den Stil mag und die Atmosphäre genießt, wird man bei DRAGGED ACROSS CONCRETE kaum Schnitzer finden. Und trotzdem ist der Film kein Meisterwerk. Die politische Agenda, mit der ich nicht so richtig übereinstimme, ist mir dafür zu allgegenwärtig und erkennbar, und manche Szenen sind doch einen Tick zu lang. Besonders bei dem größten Störfaktor, der Szene in der Bank mit Jennifer Carpenter, deren Rolle eigentlich nichts zur Sache tut und lediglich dazu dient, dem Zuschauer zu zeigen, dass Zahler keine Gefangenen macht. Das war mir allerdings vorher klar, weswegen die ganze Nummer unnötiger Ballast ist. Immerhin bekommt man als Belohnung einen deftigen Splatter-Effekt geboten. Ähnlich wie Jennifer Carpenter, haben auch die restlichen Darsteller kleine Rollen. Don Johnson und Udo Kier haben jeweils nur eine Szene, Laurie Holden immerhin zwei. Auch Thomas Kretschmann ist mehr zu hören, als zu sehen und Michael Jai White hat auch nicht wesentlich mehr Screentime. Der Film konzentriert sich vollends auf Vaughn, Gibson und Kittles, bei dem Zahler am Schluss beweist, dass er vielleicht doch nicht alles so ernst meint. Alle Darsteller sind hervorragend, besonders Mel Gibson, dem die Rolle auf den Leib geschrieben scheint.

Die Veröffentlichung der Zahler-Filme in Deutschland ist immer so eine Sache. Bereits BONE TOMAHAWK erschien direkt im Heimkino und wurde im Fahrwasser von THE HATEFUL EIGHT (2015) verramscht. BRAWL IN CELL BLOCK 99 erwischte es dann etwas schlechter. Während der Vorgänger noch ungeschnitten mit FSK 18-Siegel veröffentlicht wurde, erschien BRAWL nur in einer geschnittenen Fassung auf Blu-Ray und DVD, bis sich Capelight Pictures erbarmte und dem Knast-Drama eine Uncut-VÖ im Mediabook spendierte. Ärger mit der FSK hatte DRAGGED ACROSS CONCRETE hingegen nicht. Der Film erscheint ungeschnitten mit 16er-Freigabe im Handel, obwohl er nicht wirklich weniger zimperlich ist als die bisherigen Regie-Arbeiten Zahlers. Bild und Ton sind sehr gut, das Bonusmaterial ist mit zwei Featurettes bestückt.

Fazit:
DRAGGED ACROSS CONCRETE (2018) ist ein typischer Film von S. Craig Zahler. Provokant, nihilistisch, dreckig und brutal. Fans werden hier voll auf ihre Kosten kommen, sollten sich aber auch im Klaren sein, dass man hier keinen Actionfilm präsentiert bekommt. Der ruhige Cop-Thriller baut seine Figuren sorgsam auf und zeichnet dabei ein gesellschaftliches Bild, in der Moral keine Rolle mehr spielt. Wer gutes Genre-Kino sehen will und kein Problem damit hat, viel Zeit mit Gibson und Vaughn im Auto zu verbringen, ist hier an der richtigen Adresse. Alle anderen werden ihre Schwierigkeiten haben.

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