Hörspielkritik – Fünf nach Acht (2019) – Ab 13. September 2019 auf Doppel-CD und Digital erhältlich

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Radioshows, in denen Anrufer ihre Probleme schildern um vom Moderator hilfreiche Tipps zu erhalten, erfreuen sich seit Jahren einer großen Beliebtheit. Domian hat es vorgemacht und sogar ins Fernsehen geschafft. Doch was, wenn der Anrufer ein so ernstes Problem in seinem Leben hat, dass er als letzten Anlaufpunkt einen öffentlichen Abschied im Radio wählt, um sich ein letztes Mal den Frust von der Seele zu sprechen? Genau hiermit beschäftigt sich das neueste Werk aus dem Hause Wolfy Office. Kein leichtes Thema. Ob hier feinfühlig genug zu Werke gegangen wurde, um diesem gerecht zu werden, erfahrt Ihr im Artikel.

Regisseure: Diddi Meyer & Sirius Kestel

Sprecher: Tobias Häusler, Sven Gielnik, Bert Stevens, Gerd Beyer, Jasmin Lord

Artikel von Christian Jürs

Jeden Dienstag Abend um fünf Minuten nach Acht beginnt die Radioseelsorgenshow mit DJ Harry Ossmann. Egal, ob Teenager mit peinlichen Tattoos, die ihnen Ärger mit der Freundin bereiten oder andere, kleinere Probleme, Harry hat stehts einen aufmunternden Spruch und hilfreichen Ratschlag parat.

Tobias Häusler

Auch dieser Abend beginnt wie gewohnt, doch dann wird Emile, ein junger Mann, in die Sendung durchgestellt. Dessen Probleme überschreiten Harrys Kompetenzen allerdings, denn schon nach kurzer Konversation wird klar, dass Emile seinem Leben ein Ende bereiten möchte. Der Radio-DJ unterbricht die Unterhaltung und sucht mit seinem Vorgesetzten das Gespräch. Der hat bereits die Polizei informiert, doch damit ist es für Harry noch nicht vorbei, denn Emile steht auf dem Dach eines Hauses um sich von dort in die Tiefe zu stürzen. Die Aufgabe des Radiomoderators ist nun, den Anrufer so lange wie möglich in der Leitung zu halten, um seinen Sprung hinauszuzögern oder gar zu verhindern, während die Polizisten den Standpunkt des potentiellen Selbstmörders zu ermitteln versuchen. Ein Wettlauf gegen die Zeit…

Wow, was wir hier in 92 Minuten Hörspiel serviert bekommen, ist ein ganz schönes Brett. MIt viel Feingefühl wird hier eine Geschichte erzählt, die jederzeit in der Realität durchaus so oder so ähnlich stattfinden könnte. Dabei konzentriert sich das Hörspiel fast vollständig auf das Radiogespräch zwischen dem Radiomoderator und dem potentiellen Selbstmörder. Alle anderen Personen, wie Harrys Kollegen oder eine Polizistin, sind bessere Statisten und agieren nur im Hintergrund.

Sven Gielnik

Überraschend ist der Verlauf zwar nicht, ahnt man doch sehr schnell, wohin die Reise geht, doch ist es gerade dieser Umstand, der es für den Zuschauer mit jeder Minute, der man sich dem Ende nähert, nur umso packender. Schnell, spannend, authentisch geschrieben und gesprochen. Ja, das Drehbuch und die Sprecher sind durch die Bank weg großartig. Vor allem Tobias Häusler passt auf Harry Ossmann wie die Faust aufs Auge, was wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass Häusler Radiomoderator bei WDR 2 ist und eine perfekte Radiostimme besitzt, die etwas Gottschalkartiges besitzt. Höchst sympathisch, wie er sich im handlungstechnisch gewohnten Terrain gibt. Er schafft es, seine Nervosität von Minute zu Minute für den Zuhörer spürbar zu steigern. Auch Sven Gielnik ist spitze als vom Leben abgeklärter Selbstmordkandidat, der den Radiomoderator (und auch den Zuhörer) am eigenen Dasein kurz zweifeln lässt. Hierfür sorgen ausgefeilte Dialoge zwischen den beiden Protagonisten, die nur selten die Echtheit der dargebotenen Radioshow zu hinterfragen lässt.

Es gibt aber zwei Punkte, die einen kleinen Bedarf an Kritik lassen. So ist Emile eine klitze kleine Spur zu abgeklärt. Ich weiß, es ist beabsichtigt, gerade ihn unfehlbar scheinen zu lassen, nur ist es nicht zu 100% glaubwürdig, dass ein dem Tode naher, junger Mann auf jede Frage des Radiomoderators immer sofort die passende Antwort oder sogar Geschichte parat hat, ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten oder kurz zu stammeln, während Harry, auch das ist beabsichtigt, immer verzweifelter wird und um die rechten Worte bemüht ist, was wiederum brillant ist. Doch das ist alles jammern auf hohem Niveau.

Jasmin Lord

Etwas schwerer wiegt da in meinen Augen der zweite Kritikpunkt, den man einfach hinnehmen muss, um das Hörspiel voll und ganz genießen zu können. Dieser betrifft die Tonmischung, denn der Unterschied zwischen Radiomoderator und Anrufer ist leider nur marginal. Emile klingt etwas blecherner als Harry, dabei müsste er eigentlich auch dumpfer klingen (wir alle haben schonmal Anrufer im Radio gehört und die klangen alle anders als Emile). Man gewöhnt sich aber schnell daran, versprochen.

Trotz kleiner Mängel ist Fünf nach Acht für mich bislang die Hörspielentdeckung des Jahres. Tolle Sprecher in einer Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden und die man auch nicht gleich nach dem Konsum wieder vergisst. Nein, dieses Hörspiel bleibt noch Tage später haften. Die empfohlene Freigabe ab 16 Jahren ist hier wirklich realistisch eingestuft. Nein, es gibt keine Gewalt, jedoch mit dem F-Wort versehene sexuelle Erzählungen und vor allem eine psychologisch in jüngeren Jahren schwer verkraftbare Aussage der Geschichte. Wer dieses Alter erreicht hat, dem kann ich diese packende Radioshow nur wärmstens empfehlen.

Trailer:

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