Nur ein Augenblick (2019) – Ab 13. August 2020 im Kino

Da erwacht der Lokalpatriot in mir. In diesem Kriegsdrama, welches von FARBFILM VERLEIH in den kommenden Tagen im Kino startet, spielt der aus meiner Heimatstadt Lübeck stammende Schauspieler Jonas Nay (DEUTSCHLAND 83 / 86 / 89) mit. Der sympathische Mime gibt hier den Freund eines jungen Syrers, der in Hamburg studiert und unvermittelt in seine Heimat aufbricht, als sein Bruder dort in Gefangenschaft gerät. Seine schwangere Freundin lässt er dabei zurück und begibt sich mitten ins Kriegsgebiet. Ein schwieriges Thema, welches die ansonsten fürs Fernsehen arbeitende Regisseurin Randa Chahoud hier aufgreift. Ob ihr dieses Unterfangen gelungen ist, könnt Ihr nun in unserer Kritik nachlesen.

Originaltitel: The Accidental Rebel

Drehbuch und Regie: Randa Chahoud

Darsteller: Mehdi Meskar, Emily Cox, Jonas Nay, Marwan Moussa, Husam Chadat, Amira Ghazalla

Artikel von Christian Jürs

Der junge Student Karim (Mehdi Meskar) führt ein sorgenfreies Leben, seit seine Eltern ihn vor fünf Jahren von Syrien nach Hamburg geschickt haben. Zusammen mit seinem Kumpel Max (Jonas Nay) arbeitet er an einem neuen Ernährungskonzept, von dem sich die beiden eine Menge versprechen. Besonders in Sachen Liebe aber, hat Karim das große Glück in der jungen Studentin Lilly (Emily Cox) gefunden. Beide wohnen mittlerweile zusammen und das erste Kind ist auch bereits unterwegs, als Karim eine schreckliche Nachricht aus seiner Heimat erhält.

Sein Bruder Jassir, der sich eigentlich auf dem Weg zu ihm nach Hamburg befinden sollte, gerät, während beide miteinander telefonieren, in ein Feuergefecht, ehe die Verbindung abbricht. Karim erfährt, dass Jassir inhaftiert und in ein Foltergefängnis gesteckt wurde. Sofort reist der junge Student zurück in seine Heimat und nimmt mit den Rebellen, denen sein Bruder angehört, Kontakt auf. Dabei schließt er sich ungewollt den Freiheitskämpfern an und gerät mit an die vorderste Front, in der stetigen Hoffnung, seinen Bruder befreien zu können. Lilly bleibt derweil allein in Hamburg zurück und versucht, als die Verbindung zu Karim abbricht, zusammen mit Max über das Internet Informationen über dessen Verbleib herauszufinden. Doch die Zeit verstreicht und so schwindet immer mehr die Hoffnung, dass Karim und auch Jassir unbeschadet zurückkehren…

Ein brisantes Thema, dem sich Drehbuchautorin und Regisseurin Randa Chahoud hier widmet. Die eigentlich im TV beheimatete Filmemacherin schrieb hier eine Story, die ihr, als Tochter eines syrischen Vaters, durchaus am Herzen liegen dürfte. Die Grundvorraussetzung für die Verfilmung war schonmal gut, denn mit Mehdi Meskar (Marianne), Emily Cox (The Last Kingdom) und Jonas Nay (Wir sind jung. Wir sind stark.) wurden drei wirklich talentierte Jungdarsteller verpflichtet. Hinzu kommt, dass die brisante Thematik um Kriegsgreuel und die Hilflosigkeit der Daheimgebliebenen ein spannendes und anspruchsvolles Kino verspricht. Doch leider ist Randa Chahoud nicht Kathryn Bigelow und Nur ein Augenblick halt kein The Hurt Locker. Auf der Habenseite kann der Film zwar verbuchen, dass sich bemüht wird, ein realistisches Bild der Schreckensszenarien des Syrienkonfliktes zu zeigen, doch geschieht dies mit angezogener Handbremse. So übersteigt die dargestellte Gewalt niemals den Level eines Jan Josef Liefers Tatorts. Zwar gibt es Momente, in denen der Verräter in den eigenen Reihen hingerichtet werden muss, doch hat man solche Szenen schon in hunderten von Kriegsfilmen gesehen und dort, wo es rau, dreckig und brutal werden könnte, bleibt der Film leider viel zu handzahm.

Auch bürdet sich Randa Chahoud mit ihrem Drehbuch zuviel auf. Der Film möchte erzählen vom jungen, unschuldigen Studenten, der ungewollt mit den Rebellen in den Krieg zieht. Aber auch, von der daheim gebliebenen Freundin, die verzweifelt auf ein Lebenszeichen hofft und sich dabei an den besten Freund ihres Partners wendet, wobei zarte Bande zwischen den beiden geknüpft wird. Dann gibt es noch die sorgenvollen Eltern, die aus Syrien nach Hamburg reisen, wo sie ebenfalls auf eine Nachricht ihres Sohnes hoffen und der angehenden Schwiegertochter in ihrer schwersten Zeit zur Seite stehen. Doch damit nicht genug, denn im letzten Drittel behandelt der Film auch noch die Zeit danach und wie die Figuren mit der Situation umgehen. Einfach zuviel für gerade einmal 108 Minuten und vor allem zuviel, um jedes Thema gebührend zu behandeln. Dass ein brisantes Handyvideo, in dem die Folter an Jassir verwackelt festgehalten wird, dramaturgisch mit Schnitt und Perspektivwechsel innerhalb des Clips gezeigt wird, unterstützt den Realismus dabei leider auch nicht, ist aber ein gern gemachter Filmfehler.

Dass der Film trotzdem sehenswert ist, verdankt er seinen drei wirklich gut agierenden Hauptdarstellern, die das Ruder dann doch noch ein wenig herumreißen können. Insgesamt ein brauchbarer, jedoch für mich hinter seinen Erwartungen gebliebener Streifen.

Trailer:

Zurück zur Startseite

 

 

Diesen Artikel auf Facebook teilen