“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” #14 – Das indische Tuch (1963)

“Sechs schottische Nächte, sechs Erben zuviel!”. In der mittlerweile vierzehnten Ausgabe unserer umfangreichen Retrospektive wandelt die Edgar-Wallace-Reihe auf den Spuren Agatha Christies und lässt habgierige Familienmitglieder wie die Fliegen sterben. Ein schwer unterhaltsames Kammerspiel, welches auch heute noch zu meinen absoluten Lieblingen zählt. Warum? Das erfahrt ihr im Artikel!

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”

Drehbuch: Harald G. Petersson, George Hurdalek
Regie: Alfred Vohrer

Darsteller: Heinz Drache, Corny Collins, Elisabeth Flickenschildt, Klaus Kinski, Hans Clarin, Siegfried Schürenberg, Gisela Uhlen, Hans Nielsen, Eddi Arent, Richard Häussler, Ady Berber, Alexander Engel

Artikel von Christopher Feldmann

Noch bevor DER SCHWARZE ABT (1963) im Sommer 63′ in die Kinos kam, liefen die Vorbereitungen für den nächsten Eintrag in der Edgar-Wallace-Reihe auf Hochtouren. Bei Rialto-Film reichte die Produktionsplanung in Sachen Wallace bereits bis Ende 1964, weshalb es nicht verwunderte, dass Wendlandt und Co. sofort DAS INDISCHE TUCH (1963) in Produktion schickten. Vorab gab es aber einige Probleme mit dem Drehbuch und die Suche nach einem geeigneten Autor, der aus dem zu Grunde liegenden Bühnenstück THE CASE OF THE FRIGHTENED LADY (1931) von Edgar Wallace ein passendes Filmskript machen würde, so dass sich die Wahl eines Schreiberlings zum Spießrutenlauf entwickelte. Während Harald G. Petersson in dieser Zeit schwer mit den Drehbüchern zu den Karl-May-Verfilmungen beschäftigt war, standen erprobte Autoren wie Wolfgang Schnitzler oder Wolfgang Menge nicht zur Verfügung. Auch Egon Eis, Drehbuchschreiber der ersten Stunde, kehrte der Krimi-Fabrik Rialto-Film den Rücken. Zuvor hatte er noch den Auftrag bekommen eine erste Fassung zu DAS INDISCHE TUCH zu schreiben, welche aber bei Wendlandt nicht auf Wohlwollen stieß. Da man damit begonnen hatte, mehr und mehr eigene Geschichten nach Motiven von Wallace zu erzählen, sah Eis, der seit jeher Wert darauf legte, möglichst nah an den Originalstoffen zu bleiben, seine Aktivität bei Edgar Wallace beendet. Auch Hanns Wiedmann (Johannes Kai) stand nicht mehr zur Verfügung und Robert Stemmle, der bereits erfolgreich DIE SELTSAME GRÄFIN (1961) schrieb, bekam den Zuschlag für den Wallace-Film DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS (1964). Letztendlich fiel die Wahl auf George Hurdalek, der bereits einige erfolgreiche Drehbücher geschrieben hatte, um DAS INDISCHE TUCH endlich zu Papier zu bringen. Allerdings erwies sich seine Arbeit als nicht sonderlich filmreif, weshalb kurzerhand Harald G. Petersson einspringen musste, um das Ganze gewaltig aufzupolieren. Erst jetzt war Wendlandt zufrieden und der Film konnte gedreht werden. Und auch wenn das Endergebnis wohl der erste Beitrag der Reihe war, der mit den gewohnten Elementen brechen sollte, genießt der kammerspielartige Erbschafts-Krimi heute noch unter Fans einen ausgezeichneten Ruf, berechtigter Weise!

Handlung:
Nachdem der alte Lord Lebanon (Wilhelm Vorweg) eines Abends in seinem Arbeitszimmer ermordet wurde, findet sich die zerstrittene Verwandschaft des Verblichenen auf dem Familiensitz Schloss “Marks Priory” ein. Allerdings erweist sich die Eröffnung des Testaments durch Anwalt Frank Tanner (Heinz Drache) als Überraschung. Bevor das eigentliche Testament verlesen wird, müssen die Erben, laut dem vorletzten Willen des Lords, sechs Tage und sechs Nächte auf “Marks Priory” ausharren. Gar nicht so einfach, ist sich die habgierige Sippschaft doch alles andere als grün. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass sich unter den Schlossgästen ein Mörder befindet, der mit einem ominösen indischen Tuch seine Opfer erwürgt. Schnell richten sich erste Verdächtigungen gegen den angeheirateten Amerikaner Tilling (Hans Nielsen) und den unehelichen Sohn des Lords, Peter Ross (Klaus Kinski). Aber auch der Hausarzt Dr. Amersham (Richard Häussler) und Lady Lebanon (Elisabeth Flickenschildt) scheinen nicht mit offenen Karten zu spielen, geben sie immerhin an, der Verstorbene sei einem Herzinfarkt erlegen. Als das Schloss durch ein starkes Unwetter auch noch von der Außenwelt abgeschnitten wird, muss Tanner die Ermittlungen selbst in die Hand nehmen, denn der unbekannte Mörder denkt nicht ans Aufhören!

DAS INDISCHE TUCH (1963) gehört zu meinen absoluten Wallace-Favoriten, was vermutlich auch daran liegen mag, dass er einer der ersten Schwarz-Weiß-Krimis war, die ich als junger, noch unbescholtener Bub im heimischen Fernsehn genießen durfte. Es war einer dieser wohligen Abende bei meinen Großeltern, an dem ich auf Kabel Eins hängen blieb und bis zum Schluss mitfieberte, um natürlich herauszufinden wer denn nun der Mörder ist. Ich wage mit Fug und Recht zu behaupten, dass meine Faszination für den klassischen Kriminalfilm auf diesem Seherlebnis fußt, immerhin verbindet Vohrers fünfter Beitrag zur Serie mit am besten spannende Thriller-Elemente mit morbider Komik und der typisch deutschen Schrulligkeit.

Den größten Reiz machte aber das omnipräsente Whodunit-Element aus, denn so zügig wurde in keinem der Filme gemordet, was die Spannung für einen gerade einmal 10-jährigen Zuschauer ins Unermessliche trieb. Dabei bedient sich der Erbschaftskrimi nur rudimentär bei dem Autoren, der prominent über den Filmtiteln der Reihe prangt. Da Anfang der 1960er Jahre die ersten Verfilmungen von Agatha-Christie-Geschichten große Erfolge feierten und Horst Wendlandt immer ein waches Auge hinsichtlich der Konkurrenz hatte, wies man Harald G. Petersson bei der Überarbeitung von Hurdaleks Drehbuch dazu an, sich an der bekanntesten Christie-Story überhaupt zu orientieren. So wurde aus DAS INDISCHE TUCH weniger eine Wallace-Verfilmung, sondern mehr ein deutsches Rip-Off von AND THEN THERE WERE NONE, besser bekannt unter dem, heutzutage politisch unkorrekten, Titel ZEHN KLEINE NEGERLEIN. Ein Kniff, der der Reihe sichtlich gut zu Gesicht steht, ließ man hier erstmals neue Impulse zu, um die etwas biederen Geschichten dramaturgisch aufzumotzen. Petersson gelang es mit Bravour, den Christieschen Mörderreigen in das erprobte Wallace-Konstrukt aus Spannung, Humor und gewollter Britishness einzuarbeiten.

Der Plot verläuft dabei äußerst geradlinig und spart sich die stellenweise üblichen Nebenschauplätze. Im Zentrum stehen die eingepferchten Erben und die Frage, wer der unbekannte Mörder ist, der im Akkord seine Opfer sucht. Um dem Ganzen trotzdem den nötigen Drive zu verpassen, sind interessante Charaktere unerlässlich. Dies hat man gut gelöst und einige wirklich unterhaltsame Figuren kreiert, die um ihr Leben fürchten müssen. Sei es der trinkfreudige Reverend, der bullig cholerische angeheiratete Amerikaner Tilling und seine ihn verachtende Gattin, der zwielichtige Peter Ross, der halbseiden gelassene Hausarzt Amersham oder die über den Dingen zu stehen scheinende Schlossherrin. Dazwischen findet sich der Anwalt Tanner wieder, der aus der Not heraus die Funktion des Ermittlers übernehmen muss. So hangelt sich das spitzzüngige Treiben von Leiche zu Leiche und gönnt dem Zuschauer kaum eine Atempause, die, wenn sie denn mal eintreten, von humorvollen Pointen unterfüttert werden. Für mich ist DAS INDISCHE TUCH ein in Gänze schnörkelloser Film, der zwar ab der Hälfte etwas berechenbar wird, dies aber durch seine spielfreudigen Darsteller und den morbiden Wallace-Charme mehr als wett macht. Wer am Ende der Mörder ist, dürften Zuschauer relativ fix erraten aber es stört in keinster Weise, denn der Weg ist hier das Ziel.

Großen Anteil an diesem spaßigen Krimi-Cocktail trägt wieder einmal Regie-Ass Alfred Vohrer, der es wie kein zweiter Verstand, solche Stoffe temporeich und unterhaltsam in Szene zu setzen. Auch die Tatsache, dass sich die Handlung gänzlich im Schloss abspielt, stellt ein Novum innerhalb der Reihe dar, gibt dem Ganzen aber das nötige Flair. Hier kommt auch seine Vorliebe für eine leicht übertriebene Schauspielführung perfekt zur Geltung, lässt der versierte Filmemacher seine Akteure des Öfteren aufdrehen, was der natürlich arg konstruierten Geschichte die nötige Ironie gibt. Ich meine ganz ehrlich, wer erlegt seinen Verwandten sechs Tage und Nächte Vollpension in einem alten Schloss auf? Und die Tatsache, dass ausgerechnet kurz nach der ersten Zusammenkunft ein Jahrhundertsturm die schottische Halbinsel vom Festland trennt, ist durchaus etwas hanebüchen. Dies gehört aber zu einem Wallace-Film, wie der Senf zur Bratwurst, weshalb man tiefer gehende Analysen vermeiden sollte. Dafür erfreut uns Vohrer mit cleveren Regie-Einfällen, wie POV-Shots des Mörders, nicht wirklich preisverdächtigem Matte-Painting, einem selbstständig fahrenden Servierwagen, schönen Kameraeinstellungen und einem scharfzünnig schlagfertigen Butler, der mit die besten Zeilen des gesamten Films zu Besten geben darf.

Essenziell ist natürlich auch das spielfreudige Ensemble, welches gestandene Veteranen der deutschen Krimi-Kultur vereint. Nachdem Joachim Fuchsberger im letzten Film die Hauptrolle bekleiden durfte, war es wieder an der Zeit, dass Heinz Drache die Ermittlungen übernimmt. Egal ob Inspektor von Scotland Yard oder Anwalt, Drache gibt auch hier wieder den raubeinigen Protagonisten, dessen aufkeimende Romanze mit der, von Corny Collins gespielten, Erbin Leila der größte Schwachpunkt des Films ist. Fuchsberger bleibt einfach der Ladys Man, während diese Eigenschaft Drache nie sonderlich gut zu Gesicht stand. Entsprechend blass bleibt auch Collins, die lediglich vorhanden ist, um die Frau in Nöten geben zu können. Es war ihr einziger Auftritt bei Edgar Wallace. Dafür protzt aber die restliche Besetzung umso mehr. Mit Richard Häussler und Alexander Engel hat man zwei profilierte Schauspieler in der Besetzung, während Gisela Uhlen ihren zweiten Auftritt als kühle Lady mit Bravour absolvieren darf. Seinen ersten von zwei Wallace-Einsätzen bestreitet der junge Hans Clarin, dessen unverwechselbare Stimme uns allen noch in der Rolle des Pumuckl präsent sein dürfte. Natürlich darf auch hier das Stammpersonal bestehend aus Klaus Kinski (wieder einmal herrlich fies), Eddi Arent als Butler und Siegfried Schürenberg nicht fehlen. Letzterer übernahm die Rolle des Sir Hockbridge, da Scotland Yard keine Rolle im Film spielt und somit auch Sir John nicht auftaucht. Ihren Abschied aus der Reihe feierten dabei Ady Berber (nach drei Filmen), Hans Nielsen (nach zwei Filmen und der hier einen bedeutend besseren Job macht als noch in DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN) und die große Elisabeth Flickenschildt, die in ihrem dritten und letzten Wallace-Film noch einmal alle überstrahlen darf. Kleiner Fun-Fact am Rand: Ganz zum Schluss meldet sich über das Telefon ein gewisser Inspektor Fuchsberger (schon mal der erste Meta-Gag). Dieser wird von Synchron-Koryphäe Rainer Brandt gesprochen. Also volle Star-Power!

Die Dreharbeiten begannen am 08. Juli 1963 (drei Tage nachdem DER SCHWARZE ABT in den Kinos startete) und dauerten bis zum 13. August. Als einziger Film der Reihe entstand DAS INDISCHE TUCH komplett in den CCC-Studios in Berlin-Spandau, selbst die einzige wirkliche Außenaufnahme wurde auf dem Studiogelände gedreht. Für die Musik war wieder einmal Peter Thomas mit einer eingängigen Komposition zuständig, welche auch heute noch zu meinen liebsten Wallace-Stücken gehört. Zudem wird der Score noch durch bekannte Klavierstücke solcher Künstler wie Beethoven, Tschaikowski und Liszt unterstützt, was dem Film eine besondere Note verleiht. Der vierzehnte Wallace-Krimi der Rialto-Film startete am 13. September 1963 in den deutschen Kinos, von der FSK gab es eine Freigabe ab 16 Jahren, welche bis heute Bestand hat. Mit 1,9 Millionen Zuschauern war das Ergebnis zwar zufriedenstellend aber gemessen an den Zahlen der letzten vier Produktionen eher ein Rückschritt.

Fazit:
DAS INDISCHE TUCH (1963) stellt für mich einen Höhepunkt innerhalb der Reihe dar, was nicht zuletzt an der Mischung aus erprobten Stilmitteln, einer cleveren Regie und den dramaturgischen Kniffen liegt, die man sich bei Agatha Christie abgeguckt hat. Lieber gut geklaut, als schlecht ausgedacht. Zwar gibt es in Sachen Plausibilität, weiblicher Hauptrolle und funktionierende Mystery ein paar kleine Abzüge in der B-Note, ein immer wieder willkommener Gast im heimischen Player bleibt dieser unterhaltsame Streifen aber trotzdem.

4 von 5 verdammten Tüchern!

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