Buch-Kritik: Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films (2020) – ab sofort im Handel erhätlich!

Es wird Zeit mal wieder etwas über Literatur zu sprechen, natürlich im filmischen Sinne. Creepy Images und Wicked Vision Media haben kürzlich einen ganz besonderen Leckerbissen für eingefleischte Genre-Fans und Exploitation-Liebhaber auf den Markt gebracht, die schon immer ein Faible für schmal produziertes Videothekenfutter hatten, welches sich vor tropisch exotischer Kulisse abspielt. In den meisten Fällen war dafür dieser eine Regisseur zuständig: Cirio H. Santiago. Dem philippinischen Tausendsassa hat Autor David Renske mit CIRIO H. SANTIAGO – UNBEKANNTER MEISTER DES B-FILMS (2020) nun ein ganzes Buch gewidmet, das wir uns dankenswerterweise einmal vornehmen durften!

Autor: David Renske

Format: Taschenbuch
Seiten: 178
Druck: Farbe
Verlag: Creepy Images/Wicked Vision Media

Artikel von Christopher Feldmann

Die 1970er Jahre waren die Zeit des Exploitationkinos, günstig hergestellte Filme, die sich vor allem auf Schauwerte und möglichst reißerische Themen konzentrierten. Die Devise war denkbar einfach, denn solange man genug Action, Nacktheit, Gewalt und abstruse Ideen hatte, brauchte man auch keine großen Stars oder aufwendige Sets. So entstanden die verschiedensten und auch wahnwitzigsten Sub-Genres, die vor allem in Autokinos und Grindhouse-Theatern und später dann in den Videotheken ihre Heimat fanden. Damals war es auch besonders en Vogue, auf den Philippinen zu drehen. Die Drehbedingungen waren zwar nicht immer optimal, oft sogar chaotisch aber das Production-Value, gemessen an den niedrigen Kosten, denkbar hoch. Eine exotische Kulisse, die so manchen Hinterhof-Klopper aufwertete, gab es schließlich noch oben drauf. Ganz vorne mit dabei war selbstredend B-Movie-König Roger Corman, der allerlei Produktionen dorthin auslagerte und wie am Fließband allerhand Actionfilme, Creature-Feature, Frauenknaststreifen, Kung-Fu-Klopper und Horrorschmonz auf den Markt kegelte. Wer sich etwas weiterführend für das philippinische Exploitationkino interessiert, dem sei die Dokumentation MACHETE MAIDENS UNLEASCHED (2010) wärmstens empfohlen, in der auf unterhaltsame Art und Weise der immense Erfolg aber auch die abstrusesten Anekdoten rekapituliert werden. Das vorliegende Buch von David Renske ist da etwas spezifischer, beschäftigt es sich doch gezielt mit einer der Gallionsfiguren dieser Art von Film. Die Rede ist natürlich von Cirio H. Santiago, der im Akkord drehte und so etwas wie der Jess Franco Südostasiens gewesen ist. Das Buch CIRIO H. SANTIAGO – UNBEKANNTER MEISTER DES B-FILMS (2020) beleuchtet die Karriere des verlässlichen Handwerkers, insbesondere seine 43 Regie-Arbeiten, die er für westliche Produktionsfirmen absolvierte. Ein wahrer Genuss für Video-Kids, die hier noch einmal in die hintersten Winkel des Bahnhofskinos abtauchen können.

 

 

 

 

 

 

Schon das Cover dieser 178-seitigen Lektüre macht definitiv Lust auf mehr. Auf dem drollig gezeichneten Artwork lächelt uns der südostasiatische Grindhouse-Handwerker entgegen. Es ist schon fast sinnbildlich für das Schaffen Santiagos, drollig eben. Und das ist Autor David Renske anscheinend auch bewusst, denn das biografisch angehauchte Manifest kommt wunderbar leichtfüßig daher. Substanzielle Analysen und Deutungen sucht man hier vergebens, denn die Abhandlung über das filmische Schaffen ist mehr ein kunterbunter Ritt des schlechten Geschmacks, als eine fundierte Doktorarbeit.

Das Buch ist in mehrere Kapitel aufgeteilt. Im ersten Abschnitt “Filmverrückt auf den Philippinen – Das Leben des Herrn S.” geht es um den Werdegang Santiagos, dazu schielt man immer wieder auf die Entwicklung der philippinischen Filmindustrie. Santiagos Weg zum Regisseur und schließlich das Aufeinandertreffen mit Roger Corman sind die großen Aufhänger dieses Kapitels, was den Leser schon mal in die richtige Grundstimmung bringt. Besonders gelungen ist aber das zweite Kapitel “Verdammt lang’ her – Gespräche über Herrn S.“, in dem Renske Interviews mit einigen Weggefährten Santiagos führt. Darunter sind Schauspieler wie Melissa Moore, Linda Carol, Jerry Trimble und auch Stuntman Ronald Sisperez Asinas, sowie Cutter Jospeh Zucchero. Die wohl bekanntesten Namen dürften Videotheken-Sternchen Richard Norton und Filmmogul Roger Corman himself sein, die zahlreiche Anekdoten zu den damaligen Produktionen und zur Arbeit mit Santiago erzählen. So bekommt man nicht nur einen Eindruck von dem Regisseur, sondern auch von der privaten Person. Ein Interview aus dem Jahr 2006 mit Santiago persönlich bildet das dritte Kapitel “Worte des Meisters – Im Gespräch mit Herrn S.“. Dies ist nochmal eine nette Ergänzung, um sich als Leser einen interessanten Überblick zu verschaffen, bevor Renske ans Eingemachte geht.

Das vierte Kapitel “Fließband-Filme – Die Regie-Arbeiten des Herrn S.” beschäftigt sich nun mit jedem einzelnen Film, den Santiago für westliche Produktionspartner gedreht hat, was daraus resultiert, dass die rein philippinischen Produktionen wohl kaum aufzutreiben sind. In einzelnen Kritiken geht Renske auf illustre Streifen SAVAGE (1973), DEATH FORCE (1974), TNT JACKSON (1974), VAMPIRE HOOKERS (1978), FIRECRACKER (1981) oder EQUALIZER 2000 (1986) ein, die der Autor dem Anschein nach auch alle gesichtet hat, was ich mir als sehr spaßig aber auch als ziemlich anstrengend vorstelle. Die Kritiken sind gut geschrieben und vermitteln ein gutes Bild über den Inhalt und die Umsetzung der einzelnen Streifen. Auch Trivia-Informationen haben ihren Platz gefunden, wobei die Recherche doch sehr aufwendig gewesen sein muss. Auch löblich ist eine Auflistung von Veröffentlichungen jedes einzelnen Films, was somit die Suche nach den einzelnen Titeln erleichtert, denn viele der besprochenen Werke wurden, wenn überhaupt, hierzulande auf VHS veröffentlicht, weshalb man um Import-DVDs größtenteils kaum herumkommt. Zu jedem Film gibt es noch Poster und einzelne Bilder, was ein sehr gelungenes Rundumpaket bildet, durch das man sich mit Freude wühlen kann. Das fünfte Kapitel “Filmographie – Die Werke des Herrn S.” ist dann nochmal eine Auflistung sämtlicher Regie-Arbeiten.

Das Buch ist insgesamt gut geschrieben und trotz der Fülle an Informationen und Besprechungen von insgesamt 43 Filmen überraschend kurzweilig. Man sollte aber schon ein gewisses Interesse für das abseitige Kino hegen, um hier Spaß zu haben. Wenn man etwas mit der Arbeitsweise in dieser Preisklasse zur damaligen Zeit vertraut ist, lässt sich das Gelesene besser greifen aber wer ein Buch über Cirio H. Santiago liest, dürfte in diesem Metier bereits kundig sein und mit einem Preis von 17,50€, ist das Ganze nicht mal sonderlich teuer.

Fazit:
CIRIO H. SANTIAGO – UNBEKANNTER MEISTER DES B-FILMS (2020) ist die perfekte Lektüre für Exploitationfilm-Fans, Trash-Gourmets und Videotheken-Nerds. Eine prall gefüllte Abhandlung über das philippinische B-Kino mit all seinen Höhen und Tiefen und eine kleine Fundgrube für Titel, die auf die Watchlist kommen. Eine klare Empfehlung!

Hier ein paar Trailer aus dem Schaffen Santiagos:

Christopher auf Letterboxd – Your Life in Film folgen

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