Auch wenn der moderne Horrorfilm des Öfteren zu wünschen übrig lässt, hin und wieder erblickt die ein oder andere Perle das Licht der Welt. Eine dieser Perlen ist just über Koch Films im Heimkino erschienen und dürfte für diejenigen interessant sein, die den etwas anderen Genrefilm schätzen und lieben. Regisseur Peter Strickland zollt mit seiner Schauermär DAS BLUTROTE KLEID (2018) nicht nur dem italienischen Giallo Tribut, sondern komponiert einen tiefgreifenden Bilderrausch. Warum Fans des Arthouse-Horrors hier genau auf ihre Kosten kommen dürften, erfahrt ihr in unserer Kritik!

Originaltitel: In Fabric

Drehbuch & Regie: Peter Strickland

Darsteller: Marianne Jean-Baptiste, Sidse Babett Knudsen, Julian Barrett, Steve Oram, Jaygann Ayeh…

Artikel von Christopher Feldmann

Peter Strickland ist nicht gerade ein Vielfilmer. Der britische Autor und Regisseur hat derzeit vier Spielfilme vorzuweisen, allerdings erfreuen sich diese großer Beliebtheit, zumindest bei der anvisierten Zielgruppe. Befasste sich sein Low-Budget-Debüt KATALIN VARGA (2009) noch mit dem Thema Rache, frönte er in BERBERIAN SOUND STUDIO (2012) bereits seiner Liebe zum italienischen Genrefilm. An diese Liebe knüpft der eigenwillige Filmemacher mit DAS BLUTROTE KLEID (2018) nun an und servierte einen rauschartigen Alptraum, der 2018 auf dem Toronto International Film Festival Premiere feierte. Ganze drei Jahre hat es nun gedauert, bis sich ein deutscher Verleih dem Film angenommen hat, was niemanden wundern dürfte. IN FABRIC, so der Originaltitel, ist kein Material für den Allesgucker, sondern wirklich etwas für Liebhaber des entrückten Horrorkinos.

Handlung:

Ein Blick und schon ist es um Sheila (Marianne Jean-Baptiste) geschehen. Das leuchtend blutrote Kleid, das sie im Luxuskaufhaus beim Schlussverkauf entdeckt, muss sie einfach haben. Sie spürt, dass sich alles in ihrem Leben zum Guten wenden wird, wenn sie es trägt. Sheila kann nicht wissen, dass das Kaufhaus ein finsteres Geheimnis verbirgt und ein uralter Fluch auf dem Kleid lastet …

Über den Plot zu schreiben, gestaltet sich im Falle von IN FABRIC schwierig, denn augenscheinlich liegt der Fokus hier nicht auf einer schlüssigen oder klar strukturierten Geschichte, sondern viel mehr auf den optischen Reizen, die Regisseur Peter Strickland hier klar in den Vordergrund stellt. Im Grunde genommen handelt es sich um eine altmodische Gruselgeschichte, die glatt einer Episode TALES FROM THE CRYPT (1989-1996) entsprungen sein könnte. Ein verfluchtes, rotes Abendkleid, dass das Leben eines jeden, der es trägt, in den Abgrund zieht. Schon zu Beginn hat man als Zuschauer keinen Zweifel daran, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Wir begleiten unsere Protagonistin Sheila, die am Arbeitsplatz nicht gewürdigt, von ihrem Sohn nicht beachtet und von dessen Freundin verachtet wird. Sheila ist ein Niemand, gefangen in einem öden Lebensalltag, ohne wirkliche Freuden, was zusätzlich von der Scheidung von ihrem Ehemann gekrönt wird. Egal ob Reaktionen, Dialoge oder ganze Szenenabläufe, die Atmosphäre wirkt durchgehend surreal, entrückt und seltsam bizarr. Strickland verursacht ein ganz eigenes, fast schon beklemmendes Gefühl in Szenen, in denen eigentlich nichts relevantes passiert. Ein Gimmick, welches sich durch die knapp zwei Stunden Laufzeit zieht.

Allerdings ist das auch das große Problem, an dem sich zumindest die etwas dem Mainstream zugeneigten Filmfreunde stören dürften, denn so richtig viel erzählt das Ganze nicht. Spätestens wenn Sheila das titelgebende Kleid trägt, dass sie zuvor in einem doch eher befremdlichen und gespenstischen Kaufhaus erworben hat, beginnt der Strudel in den Abgrund und der Film haut uns die ein oder andere “What-the-Fuck”-Szene um die Ohren. Was es mit dem Kleid auf sich hat, wird nur wage angedeutet, stattdessen suhlt man sich in ausschweifender Konsumkritik, die einem allerdings mit dem Holzhammer um die Ohren gehauen wird. Luxusgüter als Schlüssel zum persönlichen Glück, der fieberhafte Drang jemand anderes, besseres zu sein und geifernde Menschen, die an den Schaufenstern kleben, ja sogar davor mastrubieren. Strickland hält nicht hinter dem Berg, was sehr auf Kosten eines wirklichen Spannungsbogens geht. Auch die episodische Aufteilung der Handlung reißt den Zuschauer mehr aus dem Geschehen, als das es ihn fesselt. Nach etwas mehr als der Hälfte verabschieden wir uns von Sheila und treffen eine neue Protagonistin, das verbindende Element bleibt weiterhin nur das Kleid und der creepy Fashion-Store.

Die Reize von IN FABRIC ergeben sich ganz klar durch die Inszenierung. Peter Strickland orientiert sich auch hier am italienischen Horrorfilm, vorzugsweise dem Giallo. Wie schon bei den Kollegen aus dem europäischen Süden liegt das Augenmerk hier ganz klar auf “Style over Substance”. Mit knalligen Farben, sinnlichen Bildkompositionen und einer grobkörnigen Optik könnte man die Fetischisierung des Textils fast schon als direkte Hommage an Dario Argentos SUSPIRIA (1977) verstehen, immerhin spielt auch ein okkulter Zirkel eine tragende Rolle. Mit einer fast schon kaleidoskopischen Kamera wird der Zuschauer in einen surrealen Rausch verfrachtet, der den einen ratlos zurücklassen, andere aber wahrlich bezirzen dürfte. Wenn leblose Puppenkörper in strahlend rotem Licht genüsslich abgetastet werden, das viel zu rote Blut fließt und der Schockmoment einsetzt, fühlt man sich wohlig an die alptraumartigen Schocker der 1970er Jahre erinnert, in denen nicht selten die Geschichte dem visuellen Konzept untergeordnet wurde. Strickland hat dies nun fast schon perfektioniert, wenn auch nicht für jedermann.

Darstellerisch hinterlässt vor allem Marianne Jean-Baptiste den größten Eindruck. Die britische Darstellerin, die vor kurzem noch an der Seite von Mel Gibson in FATMAN (2020) zu sehen war, funktioniert trotz der merkwürdigen Dialoge als Sympathieträgerin. Von ihr mal abgesehen, bietet IN FABRIC jedoch keine nennenswerten Leistungen, bekommen die restlichen Darsteller doch weit weniger zu tun, weswegen mich das letzte Drittel etwas verloren hat, da Jean-Baptiste hier gänzlich fehlt. Am ehesten sorgt noch Fatma Mohamed für Gänsehaut, die mit viktorianischer Aufmachung und erratischem Sprachduktus fast schon gespenstisch wirkt. In einer kleinen Rolle ist noch GAME OF THRONES-Star Gwendoline Christie zu sehen.

Koch Films hat uns freundlicherweise einen Screener zur Verfügung gestellt. Bild- und Tonqualität sind exzellent, die im Handel erhältliche Blu-ray verfügt noch über einen Trailer und eine Bildergalerie als Bonus.

Fazit:

DAS BLUTROTE KLEID (2018) ist kein Film für Jedermann. Peter Stricklands filmischer Fiebertraum ist ein surreales Erlebnis, Kunstkino für Fans des etwas anderen Genrefilms, das die Stilistik und die visuelle Kraft ganz klar über die Substanz stellt. Wer empfänglich für intensive Farbenspiele und Anlehnung an das italienische Horrorkino der 1970er Jahre ist und sich mal wieder auf einen Trip begeben möchte, der ist hier gut aufgehoben. Alle anderen sollten besser die Finger davon lassen.

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