Regisseur und Autor Brandon Cronenberg muss große Fußstapfen ausfüllen, immerhin ist er der Sohn von niemand geringerem als David Cronenberg, der den Begriff „Bodyhorror“ wie kein zweiter geprägt hat. Mit seiner zweiten Regiearbeit POSSESSOR (2020) versucht sich der Filius erneut im Metier seines Erzeugers und landete damit gerade in Fachkreisen einen echten Achtungserfolg. Turbine Medien hat den Indie-Horrorhit in der ungeschnittenen Fassung kürzlich in einer schicken Mediabook-Edition veröffentlicht und ob es sich dabei tatsächlich um einen Volltreffer oder doch nur um heiße Luft handelt, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Originaltitel: Possessor

Drehbuch & Regie: Brandon Cronenberg

Darsteller: Andrea Riseborough, Christopher Abbott, Tuppence Middleton, Jennifer Jason Leigh, Sean Bean…

Artikel von Christopher Feldmann

Beschäftigt man sich mit dem Subgenre „Bodyhorror“, kommt man an David Cronenberg nicht vorbei. Der kanadische Filmemacher begeisterte mit seinen effektvollen Horror-Parabeln, die sich der alptraumhaften Transformation des Körpers widmen. Werke wie RABID (1977), VIDEODROME (1983) und natürlich das gefeierte Remake DIE FLIEGE (1986) zementierten seinen Ruf als Meister der blutrünstigen und verstörenden Bilder. Trotz dieser Attribute drehte Cronenberg nie nur handelsübliche Schocker, sondern war immer um eine weitere Ebene bemüht und ließ gesellschaftskritische Themen in seine Filme einfließen. Sein Sohn Brandon Cronenberg scheint es ebenfalls in diese Richtung verschlagen zu haben, ließ sich schon dessen Regiedebüt ANTIVIRAL (2012) als eine Art Hommage an die Arbeiten seines Vaters betrachten, allerdings ohne den nachhallenden Effekt. Mit POSSESSOR (2020) schien der Sohnemann allerdings einen Volltreffer gelandet zu haben, immerhin wurde der Science-Fiction-Horrorfilm mit Lorbeeren überschüttet, was ihm sogar einen hiesigen Kinostart einbrachte. Nun kommen auch die Heimkinofans in den Genuss dieses Streifens, der trotz seiner sperrigen Erzählweise und kleiner Längen beweist, dass von Cronenberg jr. in Zukunft noch einiges zu erwarten ist.

Handlung:

Tasya Vos (Andrea Riseborough) ist eine geniale Auftragskillerin. Für eine geheimnisvolle Organisation dringt sie über Gehirnimplantate in das Bewusstsein anderer Menschen ein. Sie ergreift Besitz über deren Körper, um Attentate zu begehen. So gut sie in ihrem Job auch ist, hinterlässt dieser seine Spuren und das Privatleben ist ihr bereits völlig entglitten. Trotz ihrer angeschlagenen Psyche nimmt sie den nächsten Auftrag an: Im Körper von Colin (Christopher Abbott) soll sie seine Verlobte Ava (Tuppence Middleton) sowie deren Vater, Technologie-Unternehmer John Parse (Sean Bean), umbringen. Doch was zunächst wie ein Routineauftrag klingt, droht schon bald Tasyas eigene Identität auszulöschen …

Wer von POSSESSOR reinen Effekthorror mit ausufernden Gewaltausbrüchen erwartet, dürfte sehr wahrscheinlich enttäuscht werden. Natürlich wurden Fans harter Genrekost hellhörig, als angekündigt wurde, dass Brandon Cronenbergs zweite Regiearbeit hierzulande ungeschnitten erscheinen würde und nicht wie in den US-Kinos in einer gekürzten R-Rated-Fassung. Von einem neunen Skandalfilm war die Rede, doch diese Bezeichnung ist natürlich totaler Unfug. Ja, POSSESSOR hat sich seine 18er-Freigabe redlich verdient, die vermutete Grenzerfahrung in Sachen Gewaltdarstellung ist er aber beileibe nicht. Dafür hat Cronenberg viel zu wenig Interesse an schnöder Exploitation und konzentriert sich viel mehr auf eine atmosphärische Inszenierung seines psychologisch interessanten Science-Fiction-Horrors.

Die Geschichte um eine Auftragskillerin, die das Bewusstsein anderer Menschen übernimmt und sie als Marionette für ihre Zwecke missbraucht stellt dabei eine Weiterentwicklung des herkömmlichen Body-Horror-Prinzips dar. Dieses Mal sind es nicht die außerirdischen Parasiten oder andere wissenschaftliche Experimente, die den Körper deformieren und zerstören, sondern die Menschen selbst, die auf psychische Art und Weise miteinander verschmelzen, was in diesem Fall auch unschöne Züge annimmt. Der Horror spielt sich eben irgendwo im eigenen Bewusstsein ab. Abseits dieser Komponente ist Cronenbergs finsterer, fast schon klinisch anmutender Trip beißende Gesellschaftskritik. POSSESSOR zeigt den Alltag zweier unterschiedlicher Figuren, die sich gar nicht mal so unähnlich sind. Während Tasya für eine geheimnisvolle Organisation Menschenleben auf perfide Art und Weise auslöscht, arbeitet Colin für ein Unternehmen, das Verbraucherinformationen sammelt, in dem sie Menschen sogar beim Sex beobachten. Beide dringen in andere Leben ein, um sie für ihre Zwecke zu missbrauchen, der eine durch Implantate, der andere mittels Laptopkamera und beide arbeiten für Unternehmen bzw. Organisationen, die vollkommene Effizienz verlangen, ohne Rücksicht auf private Befindlichkeiten. Am Ende geht es bei allen nämlich nur um die Gewinnmaximierung.

Das Ganze inszeniert Cronenberg als schonungslosen, atmosphärisch dichten Trip, der mit kühlen Bildern und berauschendem Sound-Design eine geradezu hypnotische Sogwirkung entwickelt. Was als relativ reduzierter aber auch radikaler Kommentar auf aktuellen Kapitalismus beginnt, entwickelt sich gerade in der zweiten Hälfte zu einem waschechten Rausch für Fans anspruchsvoller Horrorkost. Spätestens wenn Tasya und Colin „aufeinandertreffen“ und der Kampf um das Bewusstsein und die eigene Identität beginnt, geht der Regisseur in die Vollen und zelebriert wahres Alptraumkino vor einer brodelnden Klangkulisse. Zwar unterwirft er sich nie dem simplen Schockeffekt, wenn Cronenberg allerdings das Kunstblut einsetzt, dann macht auch POSSESSOR keine Gefangenen und hält voll drauf, wenn beispielsweise Augen entfernt oder Kiefer zertrümmert werden. Das Ganze gipfelt in einer wirklich verstörenden Sequenz, die den Kampf um das Bewusstsein illustriert. Dazu kommen erfreulicherweise praktische Effekte, die dafür sorgen, dass entsprechende Momente auch hochwertig aussehen.

Am Ende muss man sich dessen Bewusst sein, dass der Film definitiv nicht für Jedermann geeignet ist und durch sein entschleunigtes Erzähltempo etwas Konzentration erfordert. POSSESSOR gehört zweifelsohne zur Welle des „Elevated Horror“ und dürfte sich in dieser Sparte auf den vorderen Plätzen einreihen. Das subtile Spiel der Darsteller, allen voran natürlich Andrea Riseborough und Christopher Abbott, passt perfekt zur Grundstimmung des Films und sorgt für ein homogenes Ganzes. Etwas schade ist nur, dass Riseborough rein physisch relativ teilnahmslos bleibt und somit rein schauspielerisch wenig zu tun hat, während Abbott den Löwenanteil leisten muss, dies aber wirklich meistert. In Nebenrollen sind übrigens noch Jennifer Jason Leigh und Sean Bean zu bewundern.

Wie üblich hat sich Turbine Medien die Mühe gemacht, eine Rundumsorglos-VÖ auf den Markt zu bringen. POSSESSOR erschien nicht nur im schicken Mediabook (Blu-ray+DVD), sondern auch als Steelbook-Edition, die wahlweise auch in 4K erschienen ist. Die Bildqualität der Blu-ray ist hervorragend, der Ton liegt sowohl in Dolby Atmos als auch schlicht in DTS 2.0 vor. Um den vollen audiovisuellen Genuss zu erfahren, sollte man den Film auf Leinwand mit gutem Soundsystem sehen, es wird sich lohnen. Die Extras bieten drei Featurettes, Deleted Scenes und den Trailer, sowie einen 68-seitigen, sehr lesenswerten Buchteil von Stefan Jung.

Fazit:

Mit POSSESSOR (2020) ist Brandon Cronenberg einer der interessantesten Horrorfilme der letzten Jahre gelungen, der sich besonders durch seine audiovisuellen Stärken, als auch durch seinen Subtext auszeichnet. Ein eindringlicher, atmosphärischer Science-Fiction-Horrorfilm mit einigen Härten, der in seiner Kompromisslosigkeit und seiner künstlerischen Finesse Papa Cronenberg stolz gemacht haben dürfte.

Amazon-Links:

Mediabook

Mediabook 4K

Christophers Filmtagebuch bei Letterboxd – Your Life in Film

Zurück zur Startseite