Nach ganzen zehn Jahren Abstinenz vom Regiestuhl meldet sich Italiens Horror-Maestro Dario Argento nun mit einem neuen Film zurück. DARK GLASSES – BLINDE ANGST (2022) ist dabei nicht nur die Rückkehr einer lebenden Legende, sondern auch eine Hommage an dessen eigene Vita, ist der Thriller doch ganz klar im „Giallo“ verortet, ein Genre, das Argento selbst wie kein zweiter prägte. Pierrot le Fou veröffentlicht das neueste Werk des 82-jährigen nicht nur standesgemäß in einer limitierten Mediabook-Edition, sondern gönnt ihm auch einen Kinostart. Ob dem Grandseigneur des italienischen Genrekinos das Comeback geglückt ist oder es sich am Ende doch nur um ein müdes Abarbeiten bekannter Elemente handelt, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Originaltitel: Occhiali Neri

Drehbuch: Dario Argento, Franco Ferrini

Regie: Dario Argento

Darsteller: Ilenia Pastorelli, Andrea Zhang, Asia Argento, Andrea Gherpelli, Mario Pirrello

Artikel von Christopher Feldmann

Dario Argento hat das europäische Horrorkino entscheidend mitgeprägt. Schon mit seinem Debüt DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970), der hierzulande noch unter dem Banner Bryan Edgar Wallace vertickt wurde, verstand es der Regisseur mit ästhetischen Arrangements und intensiven Spannungsszenen dem klassischen Murder-Mystery-Prinzip neue Impulse zu verleihen, was in seinem Meisterwerk PROFONDO ROSSO (1975) gipfelte. Spätestens mit seinem virtuosen Hexenhorror SUSPIRIA (1977) und seiner persönlichen Schnittfassung von George A. Romeros Klassiker DAWN OF THE DEAD (1978) hatte Argento bei Genre-Fans ein ewiges Stein im Brett. Als auch das italienische Genrekino mit dem Ende der 1980er Jahre niederging, mussten auch seine Werke federn lassen und viele Fans sind sich einig, dass OPERA (1987) sein letzter wirklich guter Film sei. Doch Argento drehte fleißig weiter, jedoch ließ die Qualität immer weiter nach und gipfelte im filmischen Sondermüll GIALLO (2009) und DRACULA 3D (2012). Gerade letzteren kann man rückblickend eigentlich nur als schlechten Witz bewerten, was wahrscheinlich auch der Grund war, warum Argento ganze zehn Jahre Abstand vom Filmemachen nahm. Nun ist der Meister aber zurück und zwar in seiner Paradedisziplin, dem Giallo. DARK GLASSES – BLINDE ANGST (2022) wurde von Fans heiß erwartet und auch wenn der Thriller eine deutliche Steigerung zu seinen letzten Werken darstellt, ein wirklich guter Film ist die blutige Hatz aber leider auch nicht geworden.

Handlung:

Schrecken macht sich breit, als eine brutale Mordserie das sommerliche Rom in Atem hält: Ein bestialischer Killer hat es auf Edelprostituierte abgesehen, die er mit einer Cellosaite stranguliert. Als die Sexarbeiterin Diana (Ilenia Pastorelli) in sein Visier gerät, überschlagen sich die Ereignisse. Bei dem verzweifelten Versuch dem Mörder zu entkommen, gerät sie in einen schweren Verkehrsunfall, bei dem sie ihr Augenlicht verliert. Außer ihr überlebt lediglich der junge Chin (Andrea Zhang), dessen Eltern bei dem Unfall sterben. Während Diana sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt, stellt ihr der Killer weiter nach. Gemeinsam mit Chin und ihrem Blindenhund nimmt Diana den ungleichen Kampf mit dem brutalen Psychopathen auf.

Als angekündigt wurde, dass DARK GLASSES im Rahmen der 72. Berlinale seine Premiere feiern wird, waren viele Filmfans ganz aus dem Häuschen. Auch die Tatsache, dass der Thriller gleich zu den Fantasy Film Fest Nights weitergereicht wurde, sorgte für einen kleinen Hype, zumindest unter Argento-Fans und Liebhabern des europäischen Horrorkinos. Findet Argento hier zu alter Stärke zurück? Ist der Film ein neuer Meilenstein eines virtuosen Regisseurs? Die Antwort ist schlicht und ergreifend: Nein!

Das soll nicht heißen, dass DARK GLASSES schlecht wäre, sondern viel mehr darauf hinweisen, dass man als potenzieller Zuschauer nicht allzu hohe Erwartungen an das Werk haben sollte. Bereits im Vorfeld berichteten einige Kritiken von einem triumphalen Comeback. Ein wirklicher Triumph ist Argento nicht gelungen, im besten Fall ein passabler Thriller, bei dem hier und da einige Trademarks des Visionärs aufblitzen. Man sollte bei einem Filmemacher wie Dario Argento aber auch immer erwähnen, dass er noch nie ein sonderlich guter Erzähler packender Geschichten war. Zwar ruht er sich gerne auf der von ihm oft erwähnten „Alptraumlogik“ aus, im Grunde genommen strotzen seine Filme vor Ungereimtheiten, Logiklöchern oder unausgearbeiteten Figuren. Das wird ihm auch hier zum Verhängnis, denn die Geschichte um eine Prostituierte, die von einem Killer verfolgt wird, bleibt in vielen Belangen reizlos und wirkt schlussendlich halbgar. Nicht nur, dass der Murder-Mystery-Aspekt flöten geht (die Identität des Killers spielt eigentlich keine Rolle), auch die daraus resultierende Hatz durch das nächtliche Rom will nicht wirklich in die Puschen kommen.

Das liegt vor allem an den doch eher uninteressanten Figuren, allen voran Ilenia Pastorelli, die hier die weibliche Hauptrolle spielt. Die bringt zwar die physischen Voraussetzungen mit, um ihrer Rolle die nötige Authentizität zu verleihen, ihr Spiel ist allerdings weniger gelungen und besonders im Zusammenspiel mit Andrea Zhang entsteht nie wirklich eine Chemie. Die wirklich guten Aspekte, etwa Darios Tochter Asia Argento und der ganze Sub-Plot um das Erblinden und die damit verbundene Hilflosigkeit, wirken etwas verschenkt, da Argento viel mehr damit beschäftigt ist, seine persönlichen Tropes zu integrieren. Immerhin handelt es sich hier um einen Giallo, ein Genre, dass der gute Mann entscheidend geprägt und auch irgendwie definiert hat. Nur leider wirken die Genre-Mechanismen in Zeiten von Elevated Horror auch irgendwie abgedroschen und wenig attraktiv. Hätte Argento sich einem ganz anderen Metier gewidmet, etwa dem übernatürlichen Fach, hätte auch ich dies spannender gefunden.

Früher konnte der Meister seine dramaturgischen Unzulänglichkeiten zumindest mit seiner effektiven Inszenierung, seinem Farbenspiel und seiner ganz eigenen Ästhetik wett machen. Heute fehlen ihm sichtlich die finanziellen Mittel, um wie beispielsweise in TENEBRAE (1982) einen langen One-Take zu inszenieren, in dem die Kamera an einem Haus empor, darüber hinweg und auf der anderen Seite in ein Fenster klettert. Anno 2022 sieht ein Dario-Argento-Film wie ein handelsüblicher TV-Film aus, selbstverständlich digital gedreht und optisch viel zu glatt, um irgendein Unbehagen auszulösen. Zwar existieren die Momente, in denen es blutig wird und in denen die Farben zur Geltung kommen, diese sind aber nur punktuell. In Gänze ist DARK GLASSES ein normaler Standard-Slasher, dem es an Höhepunkten, sowohl auf inhaltlicher wie auch visueller Ebene, mangelt. Zwar ist das hier um längen besser als Graupen wie DRACULA 3D (2012) aber auch nicht viel spektakulärer als beispielsweise THE CARD PLAYER (2004). Wahrscheinlich ist Argentos persönliches Haltbarkeitsdatum abgelaufen und der mittlerweile 82-jährige sollte sich vielleicht eher auf Aufgaben als Produzent fokussieren und neue Talente fördern als lediglich alte Glanzzeiten in maximal mittelprächtiger Form nochmal aufzuwärmen.

Noch eine kleine Anmerkung zum Score. Im Vorfeld stand zeitweise die Möglichkeit im Raum, dass das französische Electro-Duo Daft Punk die Musik zum Film komponieren könnte, was sogar in einschlägigen News behauptet wurde. Schnell wurde klar, dass dies nicht der Fall sein würde, vor allem weil die beiden Ausnahmemusiker sich bereits im vergangenen Jahr trennten. Nun hat Arnaud Rebotini die Musik beigesteuert, wabernder Synthie-Sound mit Bassdrums, die klingen, als hätte er sie sich aus Library geborgt. Klingt ein wenig wie John Carpenter bei Wish bestellt.

Da die Mediabook-Edition erst im Juli veröffentlicht wird, können wir keine Angaben zur Ausstattung machen. Zur Sichtung stand uns ein Screener zur Verfügung, in der Originalversion mit deutschen Untertiteln. Einen Eindruck von der Synchro könnt ihr im neu erschienenen deutschen Trailer gewinnen, der unten zur Ansicht eingefügt ist.

Fazit:

DARK GLASSES – BLINDE ANGST (2022) versucht noch einmal alte Giallo-Tugenden aufleben zu lassen. Allerdings gelingt Dario Argento auch hier kein neuer Meilenstein, sondern eine maximal passable Fingerübung, der es vermutlich auch einfach an Finesse im Drehbuch und Production Value mangelt. Als Argento-Fan stehe ich dem Ganzen noch irgendwie wohlwollend gegenüber, objektiv betrachtet allerdings nicht sonderlich sehenswert.

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