Das deutsche Genrekino ist tot, es lebe das deutsche Genrekino! Wer hätte gedacht, dass es in diesem Jahr nochmal ein Film aus deutschen Landen in die hiesigen Kinos schafft, der sich auf spritzig kreative Weise vom gängigen Liebeskomödien-Einheitsbrei abhebt und mit reichlich Blut und Fäkalien zu begeistern weiß. ACH DU SCHEISSE! (2022) ist das Langfilmdebüt von Regisseur und Drehbuchautor Lukas Rinker, der mit seinem wilden Kammerspiel einen der vermutlich ambitioniertesten und auch unterhaltsamsten Streifen des Jahres abgeliefert hat. Am kommenden Donnerstag startet der Film hierzulande in den Kinos und warum ihr ihn auf keinen Fall verpassen solltet, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Originaltitel: Ach du Scheisse!

Drehbuch & Regie: Lukas Rinker

Darsteller: Thomas Niehaus, Gedeon Burkhard, Olga von Luckwald, Rodney Charles, Friederike Kempter, Björn Meyer, Uke Bosse, Micaela Schäfer…

Artikel von Christopher Feldmann

Das Jahr 2022 war für den deutschen Film bisher eher als Enttäuschung zu verbuchen. Zwar erwartet uns noch die deutschsprachige Netflix-Produktion IM WESTEN NICHTS NEUES (2022), welche gerade gute bis sehr gute Kritiken bekommt, ansonsten war aber eher Flaute angesagt, wurde der Zuschauer doch auch in diesem Jahr mit Filmen wie LIEBESDINGS (2022) oder WUNDERSCHÖN (2022) beglückt, in denen entweder Elyas M’Barek seine übliche Charming-Nummer abzieht oder Karoline Herfurth die immer gleichen feministischen Themen verhandelt. Wer es gerne primitiver mag, konnte sich komödiantische Ausschussware wie JAGDSAISON (2022) oder JGA: JASMIN. GINA. ANNA (2022) geben aber auch ambitionierte Projekte wie Michael Bully Herbigs Journalismus-Satire TAUSEND ZEILEN (2022) enttäuschte und Til Schweiger landete mit seiner Romanverfilmung LIEBER KURT (2022), die wie jeder Schweigerfilm im bekannten Ikea-Look gedreht wurde, einen echten Flop. So wirklich lockt das niemanden hinter dem Ofen hervor, allerdings schickt sich gerade eine kleine schwarze Komödie an, doch noch als Ehrenrettung für das deutsche Kino, insbesondere des Genrekinos, zu fungieren und zwar mit Hilfe eines mit Blut und Kot gefluteten Dixieklos. ACH DU SCHEISSE! (2022) heißt das Langfilmdebüt von Lukas Rinker und avancierte bereits zum Hit mehrerer Filmfestivals. Nun startet das groteske Kammerspiel auch bundesweit für den Kinos und ich behaupte mal stark, dass ihr in diesem Jahr keinen spaßigeren deutschen Film mehr sehen werdet.

Handlung:

Als der Architekt Frank (Thomas Niehaus) aus der kurzzeitigen Ohnmacht erwacht, findet er sich im Inneren eines umgekippten Dixi-Klos in einer Baugrube wieder, in der in weniger als einer Stunde eine Sprengung für den Bau eines Hotelresorts stattfinden soll. Dummerweise ist der Arm des Eingesperrten zudem von einer Eisenstange durchbohrt worden, weshalb er sich kaum von der Stelle bewegen kann. Während in der Ferne der schmierige Bürgermeister Horst (Gedeon Burkhard) eine feierliche Rede für den Baubeginn hält, schmelzen die Minuten bis zur Sprengung für Frank immer weiter zusammen…

„Ohne Dich schlaf‘ ich heut‘ Nacht nicht ein, ohne Dich fahr‘ ich heut‘ Nacht nicht heim…“, ja, ACH DU SCHEISSE! beginnt gleich stimmungsvoll, nämlich mit dem bekannten Bierzelt-Schmusegassenhauer der Münchener Freiheit und Trash-TV-Sternchen Micaela Schäfer, die lasziv den Blaumann öffnet und ihre nennenswertesten Argumente präsentiert. Bevor man aber überhaupt mit dem Gedanken spielen kann, vielleicht doch den falschen Screener angeklickt zu haben, entpuppt sich die barbusige Überraschung schon als kleiner Opening-Gag in Form einer Halluzination unserer Hauptfigur, die gemäß dem Titel wortwörtlich in der Scheiße sitzt.

High-Concept-Filme, die schlussendlich auf einer einzigen coolen Idee basieren, haben es oft schwer. Meistens ist das ausschlaggebende Konzept wirklich interessant und originell aber es passiert auch sehr oft, dass die daraus entstehenden Filme Mühe und Not haben, ihre Laufzeit zu füllen. Solche Ideen tragen sich häufig nicht für eine Spielfilmlänge von ca. 90 Minuten. Auch ACH DU SCHEISSE! geht gen Ende etwas die Puste aus, denn wenn sich rund 98% der Handlung in einem Dixie-Klo abspielen, ist es schier unmöglich auf den letzten Metern immer noch originelle Ideen erzählerischer oder auch visueller Natur zu liefern. Lukas Rinker möchte ich aber dennoch nicht allzu große Vorwürfe machen, holt der Regisseur doch über die meiste Zeit das absolute Maximum aus seiner Prämisse heraus. Ein Architekt, der mit aufgespießter Hand bewegungsunfähig gemacht wurde, sitzt in einem Dixie-Klo fest, welches droht, in 30 Minuten in die Luft gesprengt zu werden. So simpel, so effektiv. Das größte Plus des Films ist die Tatsache, dass Regisseur Rinker auch tatsächlich in der Szenerie verharrt und diese nicht andauernd durch irgendwelche in die Länge gezogenen Flashbacks unterbrochen wird. So ist man als Zuschauer wirklich kontinuierlich am Geschehen, als Unterbrechungen fungieren lediglich Einsprengsel, die langsam aber sicher den Gesamtzusammenhang erläutern. Die meiste Zeit sehen wir Hauptfigur „Frank“ dabei zu, wie er immer neue Pläne in die Tat umzusetzen versucht, um seinem stinkenden Gefängnis zu entkommen. Das ist skurril, spannend und auch bitterböse komisch zugleich. Und wer jetzt glaubt, das würde nicht in Spielfilmlänge funktionieren, täuscht sich. Lukas Rinker spielt jedes erdenkliche Szenario durch, Niederlagen wechseln sich mit Teilerfolgen ab und im Laufe der Zeit erklärt sich Franks missliche Lage auch für den Zuschauer.

Das ist dann aber auch der einzige größere Schwachpunkt der Geschichte, denn dem Zuschauer wird relativ schnell klar, was in dem beschaulichen Örtchen „Blaßstetten“ vor sich geht. Der Film lässt sich aber selbst viel mehr Zeit, bis diese Enthüllung on Screen vollzogen wird, so dass der „Twist“ eigentlich gar nicht als Überraschung funktioniert. Dazu gesellt sich noch ein stellenweise etwas überkandidelter Humor, der klar macht, dass wir uns nun mal in Deutschland befinden. Gedeon Burkhardt, der den bayrischen Bürgermeisterkandidaten mimt, spielt mit einem derart forcierten Dialekt auf und bedient dabei so ziemlich jedes abgedroschene Bayern-Klischee, das man sich vorstellen kann, inklusive Blasmusik und Prosits am laufenden Band. Das ist dann für meinen Geschmack dann doch etwas zu „Over the Top“ und auf witzig getrimmt, so dass ACH DU SCHEISSE! irgendwann etwas aus seinem schwarzhumorigen Rhythmus gerät und ein wenig zu albern wird.

Doch der Film kämpft sich immer wieder zurück und in all den Momenten, in denen wir uns mit „Frank“ alleine im Dixie-Klo befinden, ist das Ganze verdammt gut geschrieben und hervorragend inszeniert. Lukas Rinker hat definitiv seine Hausaufgaben gemacht und der immense Aufwand ist deutlich zu sehen, denn ich wusste nicht, dass man aus solch einem Setting derart viele Einstellungen herausquetschen kann. Thomas Niehaus hat den wohl schwierigsten Part und muss eine Quasi-One-Man-Show abliefern, meistert dies aber mit Bravour. Seine Darstellung schwankt so wunderbar zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzusehen. Auch die Spannungskurve funktioniert trotz der Albernheiten relativ gut und zum Ende tut es dann auch nochmal richtig weh, wenn Handseife zum Einsatz kommt. Vielleicht ist ACH DU SCHEISSE! nicht wirklich clever und manchmal tonal etwas fehl am Platz, die 90 Minuten Laufzeit machen aber verdammt viel Spaß und ein größeres Kompliment kann man einem Film wie diesem doch gar nicht machen.

Fazit:

Wenn ihr euch im Jahr 2022 nur einen deutschen Film im Kino ansehen wollt, dann investiert das Eintrittsgeld doch bitte in ACH DU SCHEISSE! (2022), der völlig frei von Ballast einfach nur großartig unterhält. Man kann sich an ein paar kreativen Entscheidungen stören und gerade diejenigen, die einen ernsten High-Concept-Genrefilm sehen wollen, werden etwas mit der Nase rümpfen, wer aber kurzweilige, blutige, stellenweise etwas ekelhafte Unterhaltung genießen möchte, sollte den Film auf jeden Fall eine Chance geben. Kommt in Deutschland ja auch nicht jeden Tag vor.

Christophers Filmtagebuch bei Letterboxd – Your Life in Film

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