Besser spät als nie. Private Umstände sorgten dafür, dass Sichtung als auch Besprechung des hier vorliegenden Films etwas untergingen. Und trotzdem wollen wir euch dieses vor Pathos strotzende Katastrophenfilm-Kleinod aus China, welches derzeit im Verleih von Plaion Pictures in den deutschen Kinos gezeigt wird, nicht vorenthalten. CLOUDY MOUNTAIN (2021) erfindet das Rad sicher nicht neu, wer aber auf klassisches Desaster-Spektakel im Stil von DANTE’S PEAK (1997) und VOLCANO (1997) steht, wird mit Sicherheit Freude an diesem chinesischen Blockbuster haben. Was es hier zu entdecken gibt, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Originaltitel: Feng bao

Drehbuch: Sha Song, Li Jun

Regie: Li Jun

Darsteller: Yilong Zhu, Huang Zhi-zhong, Shu Chen, Junyan Jiao, Taishen Cheng…

Artikel von Christopher Feldmann

Handlung:

Seit vielen Jahren wird bereits an dem Tunnel gearbeitet, durch den ein Hochgeschwindigkeitszug fahren soll. Auch Hong Yizhou (Yilong Zhu) und seine Freundin Lu Xiaojin (Junyan Jiao) sind an dem Prestigeprojekt beteiligt. Er ist ein Experte für Sprengungen, sie für geologische Messungen und Prognosen. Sie sind auch anwesend, als sich eine Katastrophe ankündigt, denn ein gewaltiger Erdrutsch steht bevor. In den oberen Etagen will niemand etwas davon wissen, zu wichtig ist das Projekt für alle Beteiligten. Ding Yajun (Shu Chen), Direktorin der Eisenbahngesellschaft, besteht darauf, dass alles in Ordnung sein muss – bis es zu spät ist. Zu ihrem Glück ist aber auch Yizhous Vater Hong Yunbing (Huang Zhi-zhong) zu Besuch, der als ehemaliger Eisenbahnpionier keine Sekunde zögert und sich in den Abgrund begibt, um die Menschen zu befreien …

Was Hollywood kann, können die Chinesen schon lange. Wer dachte, dass US-Filme von Regisseuren wie Michael Bay oder auch Deutschland-Export Roland Emmerich die Spitze des gerade noch so erträglichen, von schwülstigem Pathos getragenen, Blockbusters bilden, der sollte mal einen Blick nach Fernost wagen, sind es doch Regisseure wie eben Li Jun, die den schmalzigen Patriotismus auf Anschlag drehen. Doch eines haben die Chinesen den Amerikanern voraus, denn selbst wenn das Ganze inhaltlich kaum erträglich erscheint, wird auf der Spektakelebene so richtig abgeliefert. CLOUDY MOUNTAIN ist eine Art Musterbeispiel, das optisch imposantes und krachendes Kino ist aber natürlich auch eine einzige Propagandaveranstaltung, die den westlichen Zuschauer gerne mal zum schmunzeln bringt.

Trotzdem wird keine Zeit vergeudet und bereits nach wenigen Minuten reißt die Erde auf, Felsbrocken fallen herunter, kurz und knapp: Es rumst gewaltig! Während andere Filme erstmal sorgsam Charaktere entwickeln und deren Beziehungsgeflechte erzählen, um sie dann irgendwann mal in die Action zu werfen, setzt CLOUDY MOUNTAIN schon zu Beginn auf Spektakel und große Bilder. Das sorgt durchweg für Spannung, gerade weil Regisseur Li Jun auf Druck und Tempo setzt und der Zuschauer somit kaum zum Durchatmen kommt. Natürlich enthält das Drehbuch so ziemlich jeden Handlungsbaustein, der zu einem amtlichen Katastrophenkracher dazu gehört. Die ehrgeizige Projektleiterin, die kein Scheitern duldet und den Bau des Tunnels unnachgiebig vorantreibt, auch im Hinblick auf ihre Verpflichtung gegenüber Geldgebern und dem Vaterland, die Geologen, die auf genauere Untersuchungen drängen und weil das natürlich noch nicht ausreicht, gibt es als Sahnehäubchen noch den obligatorischen Vater-Sohn-Konflikt zwischen Geologe Hong und seinem Vater Yunbing, einem Eisenbahnpionier. Selbstverständlich muss dieser Konflikt schließlich überwunden werden, immerhin stehen reihenweise Menschenleben auf dem Spiel. Und das ist trotz vertrauter Bausteine ziemlich spannend und ereignisreich geworden, auch wenn die Chose irgendwann mit dem Pathos förmlich um sich wirft.

Die erste Hälfte des Films ist ehrlich gesagt richtig gut, findet eine stimmige Balance zwischen Action, Spannung und Drama und sieht auch ziemlich fein aus. Vieles ist eine Symbiose aus zugegeben richtig guten digitalen Effekten und haptischer Action. Etwa wenn Hong im Auto über Stock und Stein donnert, sieht man als Zuschauer, dass hier nicht vor dem Greenscreen gedreht wurde. Dass unser Protagonist dabei noch geologische Daten auswertet und nach einem Überschlag ohne erkennbare Verletzungen zum nächsten Set-Piece hechtet, ist zwar vollkommener Quatsch, gehört aber bei einem chinesischen Blockbuster eben zum guten Ton wie auch die Liebe zum Vaterland. Generell wurde CLOUDY MOUNTAIN den Eisenbahnpionieren Chinas gewidmet, die sich freiwillig und mit großem Mut dem Fortschritt des Landes verpflichtet haben sollen, während man in der historischen Realität von weitaus wenigen rühmlichen Umständen unter einer repressiven Führung ausgehen muss. Auch abseits dieses Kontexts wird sich mit höchster Bereitschaft der großen Sache gewidmet und die Gemeinschaft steht an höchster Stelle. Im Kern ist das Ganze natürlich ein Propagandafilm wie er im Buche steht, was in einer Szene gipfelt, in der eine Figur in Zeitlupe in den Abgrund stürzt und dabei sogar noch salutiert. Amen!

Ja, wie der Schwulst wird auch in Sachen Action ordentlich aufs Gaspedal getreten und spätestens in der zweiten Hälfte avanciert der Film dann zum Comicspektakel, das mehr und mehr zur Künstlichkeit verkommt und auch hin und wieder durch unfreiwillige Komik wie auch durch übermäßigen CGI-Einsatz auffällt. Hier schafft man es nicht, die gute Balance der ersten Hälfte zu halten, was aber dem Unterhaltungswert keinen Abbruch tut. Wer sich generell an heillos eskapistischen Effektschlachten und überstilisiertem Pathos erfreuen kann, kommt hier definitiv auf seine Kosten, der Durchschnittszuschauer, der schon bei Michael Bays PEARL HABOR (2001) das kalte Kotzen bekommt, wird hier die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Immerhin federt das gute Ensemble einige fragwürdige Entscheidungen ab, denn dieses spielt hier wirklich äußerst stark auf.

Fazit:

Mit CLOUDY MOUNTAIN (2021) hat es ein wirklich sehenswerter Blockbuster in die deutschen Kinos geschafft. Für das, was Regisseur Li Jun hier auftischt, braucht es in Hollywood ganze drei Filme. Spektakuläres Katastrophenkino mit guten Effekten, viel Tempo und starken Darstellern, das aber irgendwann unverhohlen dem patriotischen Kitsch frönt und das gute Niveau der ersten Stunde nicht mehr halten kann. Wer aber diese Art von Film mag und sich mit Freude dem überlebensgroßen Pathos hingibt, der wird hier seine helle Freude haben.

Christophers Filmtagebuch bei Letterboxd – Your Life in Film

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