Das nenne ich doch mal einen Einstand nach Maß! Das Regiedebüt Sidney Lumets (Mord im Orientexpress) ist dank der sorgfältigen Vorbereitung, einer formidablen Kameraführung, der großartigen Besetzung und einem engagierten Henry Fonda als Produzent zu einem der ganz großen Klassiker der Filmgeschichte geworden. Ein filmsprachliches Lehrstück in Sachen Inszenierung, Kameraführung und Schauspiel von allerhöchster Güte. Einen Kinofilm (!) zu drehen, der ausschließlich in einem Raum an einem Tisch spielt und als einzige Dramatik den Dialog hat, verlangt von Regie und Kamera mehr als nur das Abfilmen der Begebenheiten. Viele Filme, gerade TV-Filme, sind schlichtes Talking-Heads-Kino, das Kino des ewigen Quatschens also, wo der Dialog non-verbale Handlung ersetzt und wir alles erzählt bekommen, also keine Bildsprache mehr lesen können müssen da der Regisseur seinem Publikum nicht vertraut. Der letzte Mission Impossible-Teil ist so ein Beispiel für verquatschtes Multimillionen-Dollar-Kino in dem eigentlich gar nichts passiert – außer die Erklärung darüber, was man bald machen wird und wie epochal wichtig das alles ist. Wir „hören“ also und „sehen“ nicht. Im Kino ist das schon mal schlecht. Sidney Lumets Meisterwerk zeigt, wie man es richtig macht, davon hätte sich Mission Impossible-Erfüllungsgehilfe Christopher McQuarrie mal eine Scheibe abschneiden sollen. In „Die 12 Geschworenen“ ist auf 90 Minuten mehr los als in dem Tom Cruise-Film in mit 167 Minuten. CAPELIGHT PICTURES brachte den Allzeit-Klassiker nun als Einzel-DVD (die Einzel-Blu-ray folgt) und als limitiertes Mediabook (4K Ultra HD + Blu-ray + Bonus-Blu-ray) heraus. Und was befindet sich auf der Bonus-Blu-ray? Das Remake von William Friedkin!

Originaltitel: 12 Angry Men

Regie: Sidney Lumet

Darsteller: Martin Balsam, John Fiedler, Lee J. Cobb, E. G. Marshall, Jack Klugman, Edward Binns, Jack Warden, Henry Fonda, Joseph Sweeney, Ed Begley, George Voskovec, Robert Webber

plus Bonusfilm: Die 12 Geschworenen (1997)

Regie: William Friedkin

Darsteller: Courtney B. Vance, Ossie Davis, George C. Scott, Armin Müller-Stahl, Dorian Harewood, James Gandolfini, Tony Danza, Jack Lemmon, Hume Cronyn, Mykelti Williamson, Edward James Olmos, William Petersen

Artikel von Kai Kinnert

Im Anschluss an einen Mordprozess ziehen sich zwölf Geschworene in ein Hinterzimmer des Gerichts zurück, um über einen jungen Mann zu urteilen, der seinen Vater getötet haben soll. Die Sachlage scheint eindeutig gegen den Angeklagten zu sprechen, für den ein Schuldspruch die Todesstrafe bedeuten würde. Einzig der Geschworene Nummer 8 (Henry Fonda) hat begründete Zweifel und plädiert auf nicht schuldig. Mit seiner Stimme, die genügt, um den Beschuldigten vorerst vor dem Schlimmsten zu bewahren, entfacht er unter den Jurymitgliedern eine hitzige Diskussion über Schuld, Unschuld und die Tragweite eines möglichen Fehlurteils. Doch auch ein Freispruch kann nur einstimmig erzielt werden.

In Die 12 Geschworenen geht es um das Zuhören!“ schreibt Sidney Lumet in seinem Buch „Filme machen: Vom Drehbuch zum fertigen Film“ über sein Regiedebüt, das ein Herzensprojekt von Henry Fonda war und nur dank des Namens von Fonda beim Studio durchgedrückt werden konnte. Dabei ist der Film eine völlig Low-Budget-Produktion, selbst für die damalige Zeit, und hatte nur knapp 400.000 Dollar Budget zur Verfügung. Damit der Film überhaupt für so wenig Geld gedreht werden konnte, musste man sich gut vorbereiten. Sidney Lumet probte den Film mit seinem Ensemble wochenlang so gründlich wie für ein Theateraufführung (das Originaldrehbuch wurde ja auch für die Bühne geschrieben), bis jeder den gesamten Film durchspielen konnte, ohne dabei ins Drehbuch sehen zu müssen. Und da hier ganz nach alter Theaterschule geprobt wurde, konnte auch noch jeder Schauspieler den Text des anderen. Henry Fonda hätte sich also in die Studiokantine stellen und den gesamten Film mit allen Dialogen vortragen können. Diese gründliche Vorbereitung machten die Dreharbeiten zum Kinderspiel, die in 19 Tagen abgeschlossen werden konnten. Doch alle Vorbereitung wäre vergebens gewesen, hätte man nicht einen talentierten und engagierten Kameramann am Set gehabt. Die große Herausforderung bestand nämlich darin, einen 90minütigen Dialog, der nur in einem Raum an einem Tisch spielt, so kinotauglich für die Leinwand zu inszenieren, dass das Publikum in das Gespräch hineingezogen wird und nicht nur ein Beobachter von außen ist. Mit dem Kameramann Boris Kaufmann traf Lumet die richtige Wahl. Der Film nähert sich während der hitzigen Diskussion langsam den Gesichtern seiner Protagonisten und findet so einen Weg von einer erhöhten, äußeren Position des Beobachters zu einer intimen Teilnahme als Zuhörer auf Augenhöhe. Der Zuschauer beginnt regelrecht in der klassischen Rolle des Betrachters und wird dann durch Lumet/Kaufmann ins Geschehen hineingezogen. Diese Art der Inszenierung ist ein kleiner Geniestreich und begründete so die spätere Karriere Lumets, der daraufhin noch sieben weitere Filme mit Boris Kaufmann drehen sollte.

Neben dem technischen Aspekt beeindruckt der Film vor allem durch seine innere Haltung. Das Drehbuch verfolgt eine Grundidee, die zeitlos ist und gänzlich ohne den damaligen Zeitgeist in der Inszenierung auskommt. An dem Film wirkt nichts alt oder verstaubt. Selbst die Dialoge sind kein Kind der 1950er, sondern zeitlose Texte, die die richtigen Fragen stellen und zu einer Diskussion führen, die man heute genauso – ohne auch nur einen Satz im Dialog zu verändern – sprechen könnte. Die Logik, die Moral, aber auch die rassistischen Vorurteile, sind ein zeitloser Spiegel unserer Gesellschaft. Und während man sich diesen Film ansieht, merkt man, dass wir heute, im Jahre 2025, gesellschaftlich zurück in die 1950er gekehrt sind, denn die faschistoide Logik von Juror Nr. 3 (Lee J. Cobb) klingt in der heutigen Gesellschaft nicht fremd und würde aktuell von allen Trump-Wählern & Friends so unterschrieben werden. Stärker wird dies noch im Remake von 1997 in der finalen Hetztriade von Juror Nr. 3 (George C. Scott) spürbar, in der minutenlang über die mexikanischen Einwanderer hergefallen wird, die – in der Logik der Hetze – für allerlei Tod und Verderben in der US-amerikanischen Gesellschaft verantwortlich sind. Im Remake von 1997 ist die Hass-Tirade durchaus ein Kind der 1990er Jahre, eine Zeit, in der man sich gesellschaftlich weit weg vom Faschismus wähnte und das Beleidigen von Mexikanern als die größte Gefahr für die US-Gesellschaft empfand. Damals sah man noch nicht, dass der Faschismus weltweit seine Renaissance erleben würde und es tatsächlich immer der schwache Teil einer Gesellschaft ist, der sich eine Entwicklung zurück zum Faschismus wünscht, denn Faschismus bedient stets Schwäche und Minderwertigkeitskomplexe der Menschen. Nur hier vermutet der gesellschaftliche Verlierer endlich mal die Sonnenseite des Lebens.

All dies macht Die 12 Geschworenen deutlich, erstrecht im Remake von William Friedkin, der übrigens einen anderen Weg wählt, um den Zuschauer ins Geschehen hinzuziehen. Friedkin inszenierte das Remake fürs Kabelfernsehen und engagierte einen großartigen Cast, an dem damals niemand vorbeikam und der ebenso gut spielt, wie die Originalbesetzung von 1957. Friedkin vertraut bei seiner Inszenierung auf die Handkamera und lässt seinen Kameramann regelrecht in den Raum und um den Tisch herum marschieren. Das ist bei Sidney Lumet kompetenter gelöst worden als bei Friedkin, der sich bei seiner Inszenierung sehr auf die Steadycam verlässt und sich erst dann zur originellen Stärke aufschwingt, wenn es um die Spannung geht. Da die Geschworenen ja noch einmal den gesamten Tatverlauf und die Zeugenaussagen durchleuchten, generieren sich beide Filme auch wie ein Whodunit-Movie, in dem auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung plötzlich der Mord nachgestellt wird und man sich fragt, ob es gleich Verletzte unter den Geschworenen geben wird. Hier findet Friedkin dann auch einen gänzlich anderen Ansatz als Lumet und plötzlich weht etwas Thrill durch die Szenerie.

Die 12 Geschworenen ist großes Kino mit großer Aussage, ohne dabei jedoch belehrend oder gar aufdringlich zu wirken. Die 12 Geschworenen ist weltweit einer der ganz wenigen Filme, die auch wirklich etwas zu sagen haben. Man hatte ein Anliegen. Man stellt eine zeitlose Frage, die im Grunde den Kern des gesellschaftlichen Zusammenlebens berührt und damit über alle Zeiten und Kulturen hinweg eine grundlegende Bedeutung hat. Die 12 Geschworenen mag zwar äußerlich ein US-Film über das System der Geschworenen-Beratung sein, trägt im Inneren aber eine tiefe und berechtigte Frage vor, die dank der famosen Inszenierung und einem großartigen Ensemble das Publikum packt. Der Streifen zählt zurecht mit zu den besten und wichtigsten Filmen in der Filmgeschichte. Ich habe mir beide Filme direkt hintereinander angesehen und war überrascht, wie gut das ging. Obwohl man ja um den Schluss des Films schon weiß und weite Strecken der Dialoge identisch sind, packt auch das Remake von William Friedkin so gründlich, dass man sich nicht eine Sekunde langweilt. Ein Zeichen von höchster Qualität, wie ich finde. Das Mediabook ist ein unbedingter Filmtipp.

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber, satt und gut, der Ton ist gut. Gleiches gilt für das Remake von 1997.

Als Extras gibt es ein 24-seitigen Booklet mit einem Text von Kathrin Horster, einen Audiokommentar von Filmhistoriker Drew Casper, Die Entstehung des Films, Im Geschworenenzimmer, Originalkinotrailer und das sehenswerte Remake von William Friedkin (hier sind in der finalen Auseinandersetzung durch Juror Nr. 3 übrigens des Öfteren mal die befestigten Filmleuchten mit den Farbfolien an der Decke zu sehen. …Ich mag das!).

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