Den Streifen hatte ich so gar nicht auf der Uhr. Erst hinterher fiel mir ein, dass ich irgendwo ein Foto gesehen hatte, auf dem Ron Howard beim Dreh von Eden hinter der Kamera sitzt. Doch bis es bei mir „Klick“ machte, vergingen etliche Minuten und so lange habe ich den Film für ein verschlurftes Filmförderprojekt verkopfter Berliner Nachwuchsfilmer gehalten, die irgendeinen Selbstfindungs-Roadmovie-Scheiß für Chai Matche Latte schlürfende Feuilleton-Redakteure drehten. Warum kam das bei mir so an? Keine Ahnung, vielleicht weil Daniel Brühl die ersten Szenen hat und er mit Sack und Pack in einem Ruderboot an irgendeinen Stand plätschert. Sofort kam Panik auf, dass hier überambitionierte und proportional untertalentierte Filmhochschüler auf den Spuren von Volker Schlöndorf wandeln und das Publikum mit viel Dialog und wenig Bildern langweilen wollen. Aber es kam ganz anders, denn im Laufe der Minuten wurde deutlich, dass dies kein Film eines deutschen Filmförder-Regisseurs sein kann, denn der Erzählfluss war zu dicht und zu fokussiert, zu gut sind Kamera und Schnitt, zu gut die Regie in Sachen Schauspielführung und Timing. Spätestens als Jude Law und Vanessa Kirby als Paar eingeführt werden, wurde mir klar: Dies ist ein Film internationalen Formats. Nach 15 Minuten war ich im Bann von Eden und musste unbedingt wissen, wie diese Geschichte, die tatsächlich wahr ist, ausgeht. LEONINE STUDIOS brachte diesen kleinen, aber feinen Survival-Thriller nun im Heimkino heraus.

Regie: Ron Howard
Darsteller: Jude Law, Ana de Armas, Vanessa Kirby, Daniel Brühl, Sydney Sweeney, Felix Kammerer
Artikel von Kai Kinnert
In einer Zeit des Umbruchs zwischen zwei Weltkriegen begeben sich einige sehr unterschiedliche Menschen auf die abgelegene und bis dahin unbesiedelte Galápagos-Insel Floreana, auf der Suche nach einem neuen Leben jenseits zivilisatorischer Konventionen. Die Ersten sind der deutsche Arzt und Philosoph Dr. Friedrich Ritter (Jude Law) und seine Geliebte Den Dore Strauch (Vanessa Kirby). Ritter schreibt an einem philosophischen Manifest und will außerdem Dore von ihrer Multiplen Sklerose heilen. Nach einiger Zeit erfährt die Presse von dem eigenwilligen Paar und inspiriert den Weltkriegsveteranen Heinz Wittmer (Daniel Brühl), gemeinsam mit seinem Sohn Harry und seiner jungen Frau Margret (Sydney Sweeney), nachzuziehen. Anfangs noch unerfahren im Umgang mit den Naturgewalten, schlagen sie sich nach und nach immer besser.

Die harsche Ablehnung durch Ritter und Dore weicht einer langsamen Annäherung. Bis eines Tages die kapriziöse Eloise Wehrborn de Wagner-Bosquet (Ana de Armas) auf der Insel erscheint, eine mysteriöse selbsternannte Baronin. Im Gefolge hat sie zwei Männer, die ihre Liebhaber sind. Die Baronin hat große Pläne, ein Luxushotel auf der Insel zu errichten, und versucht mit allen Mitteln, die anderen gegeneinander auszuspielen und zum Verlassen der Insel zu zwingen. Eitelkeiten, Manipulation und menschliche Habgier spitzen das poröse Miteinander gefährlich zu, bis sich die Ereignisse überschlagen.
Wenn man sich bei IMDb mal die Liste der Filme liest, die Ron Howard zuletzt gemacht hatte fällt auf, dass es ihn verstärkt in die realen Stoffe zieht. Ob Dokumentationen über Ereignisse oder der Film über die Jugend-Fußball-Mannschaft, die mit ihrem Trainer in einer Höhle verschüttet gingen. Nun also Eden, der eine Story erzählt, die sich so – oder so ähnlich – einst auf den Galápagos-Inseln zugetragen hatte. Ron Howard war bei einer Reise auf die Inseln auf diese Geschichte gestoßen. Wussten Sie, werter Leser, dass auf den Galápagos-Inseln so um 1930 herum ein deutsches Auswanderpärchen lebte, dass dann noch von weiteren Auswanderern Besuch bekam, was am Ende zu Mord und Totschlag führte? Ich habe die Galápagos-Inseln bis letzte Woche noch als ausschließlich von Waranen bevölkert empfunden, die einen im Ganzen auffressen, sollte man bei der Flucht über eine seltene Krabbe stürzen und sich am Vulkangestein die Pulsadern aufschlitzen. Ron „In einem fernen Land“ Howard tat auf jeden Fall gut daran, diesen Film gedreht zu haben, denn für mich ist es einer der besten Ron-Howard-Filme der letzten Jahre. Das klingt dramatisch, zumal ich seit Im Herz der See (2015) keinen Ron-Howard-Film mehr gesehen hatte (den ich auch schon recht gut fand). Außer die Eröffnung seiner Fake-Produktion in der Serie This is us war da eigentlich nichts mehr.

Doch dank Ron Howard weiß ich jetzt Bescheid. Mit Eden hat Ron Howard wahrlich eine abgefahrene, fiese kleine Story aufgegriffen, die mich bis zur letzten Minute packte. Jude Law hat es sich nämlich in der Einsamkeit dieser wunderschönen Inselgruppe mit seiner Geliebten recht bequem gemacht. Dr. Ritter konnte so Tag und Nacht seinen philosophischen Theorien nachhängen und sich dabei von Dore bewundern lassen, die psychisch in einer Art gewisse Abhängigkeit zu ihm lebte. Sie hat ein kaputtes Bein, aus dem Dr. Ritter schon mal Würmer zieht, entzündete Zähne, die er später mit einer Rohrzange entfernt und MS, die er mit viel gesunder Luft und Meditation heilen möchte. Als es später an das Ziehen ihres entzündeten Zahns geht, fragte man sich unweigerlich, ob Dr. Ritter das mit ihren Zähnen nicht absichtlich so macht. Als eine Art sadistisches Spiel zwischen den beiden, in der ihr körperlicher Zerfall forciert wird.
Passen würde es, denn dieser Film trieft vor manipulativen Charakteren. Einzig Daniel Brühl und seine Frau stolpern naiv in diese psychotische Machtgefüge des Dr. Ritter, der mit dem späteren Erscheinen der Baroness und ihrer Entourage an die Grenze seines manipulativen Charakters geführt werden wird. Denn mit der Baroness kommt der eigentliche Psychopath auf die Insel und das Gruppengefüge gerät so richtig ins Rutschen. Und so entwickelt sich Eden nach 20 Minuten zu einem fiesen, schön schwarz-humorigen und auf den Punkt gebrachten Survival-Thriller, ein Black-Comedy-Psycho-Kammerspiel, deren Protagonisten man gerne dabei zusieht, wie die Kette aus Manipulation und Gegen-Manipulation die ganze Gruppe in den Abgrund reißt. Im Grunde zelebriert der Film die Demontage des philosophischen Theorems von Dr. Ritter, der sich als den großen Pazifisten wähnt und am Ende zur Waffe greift: „Dies ist die wahre Natur des Menschen! Ich bin ein Tier!“. So oder so ähnlich. Und das alles nur, weil man eigentlich ungestört leben wollte. Gut, die Baroness wollte keine Einsamkeit, sie wollte dort ein Hotel bauen und hat sich dafür in den Kopf gesetzt, Daniel Brühl und Jude Law nicht nur gegeneinander auszuspielen, sondern sie auch noch von der Insel zu vertreiben.

Als die Baroness nach den Wittmers ebenfalls auf der Insel landet, beginnt ein sichtlich genervter Dr. Ritter mit dem Verdrängungsspiel und schickt die extrovertierte und selbsternannte Baroness mit ihren Lovern zum Baden in das Trinkwasser der Wittmers. Die wiederum staunen nicht schlecht, als plötzlich Planschen und Gelächter aus dem Trinkwasserbecken ertönt und sich drei Fremde dort vergnügt waschen. Dazu muss man wissen, dass es kein Trinkwasser auf der Insel gibt und Herr Wittmer in monatelanger Geduld die Tau- und Regentropfen über ein improvisiertes Rohrsystem in einem Becken sammelte. Doch Wittmer, ehemaliger WK 1 Veteran der in den Gräben von Verdun das Kämpfen erlernte, bleibt bemüht höflich, zumal seine Frau schwanger ist und sich nicht aufregen soll. Dem höflichen Wittmer platzt allerdings später in der Eskalation der Kragen und er zeigt, wie der antrainierte Nahkampfreflex aus den Gräben von Verdun bei Wittmer ausgelöst werden kann. Das Macht- und Psychospielchen beginnt durch Dr. Ritter und fortan darf man der Gruppe dabei zusehen, wie sich die Sache untereinander immer weiter aufschaukelt, solange, bis man zum Gewehr greift und Sätze sagt wie: „Es ist Zeit sich für eine Seite zu entscheiden!“. Richtig fies wird es, als bei Frau Wittmer die Wehen einsetzen und sie selbst entbinden muss, während die Baroness und ihre Lover die Nahrungsmittel rauben und dabei hoffen, dass die Frau während der Geburt stirbt.
Mit Eden ist Ron Howard ein amüsant-fieses Kammerspiel in rauer Umgebung gelungen, welches durch ein straffes Drehbuch und einer bestens aufgelegten Besetzung überzeugen kann. Jude Law hatte sichtlich Spaß daran, das philosophische Arschloch zu geben und charakterlich demontiert zu werden, während Daniel Brühl höflich das eigene Gewaltpotential der Rolle umspielt. Dazu Ana de Armas als fiese Schlange, die sich selbst als Mittelpunkt des Universums betrachtet, sowie Vanessa Kirby als gebeutelte Dore Strauch und Sydney Sweeney als Frau Wittmer, die beide zum Ende hin ihre devote Passivität in eine alles entscheidende Aktivität umschlagen lassen. Im Abspann bekommt man dann die Originalaufnahmen zu sehen, die damals auf der Insel gedreht wurden. Für mich war das ein kurzweiliger und treffend unterhaltsamer Film ohne nennenswerte Schwächen. Tipp!
Das Bild der gesichteten DVD ist sauber, satt und klar, der Ton ist gut.
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