„Dies ist ein Film der Swinging Sixties“, heißt es gerne bei der Suche nach Begrifflichkeiten zu diesem Film. Da fällt mir allerdings eine Kritik zu „Darling“ ein, die ich einst irgendwo in den Untiefen des Internets las und die dem Film vorhielt, genau das nicht zu sein: Ein Film der Swinging Sixties. Denn während die Swinging Sixties in England losgingen, verpasste John Schlesinger mit seinem Film diesen Trend und drehte ganz konzentriert eine Art Personen- und Gesellschaftsportrait, welches die kulturelle Aufbruchstimmung links liegen ließ. Die Rolling Stones, die Beatles, die aufkommende Jugend- und Hippiebewegung, alles das findet in dem Film nicht statt. Stattdessen ein Drama über die Prinzessin auf der Erbse, unterlegt mit gediegenem Orchestersound, handwerklich in der Oberklasse angesiedelt, stolpert der Film letztendlich in seiner Idee. STUDIOCANAL / ARTHAUS brachte den Klassiker erstmals auf Deutsch auf 4K-UHD und Blu-ray heraus.

Regie: John Schlesinger
Darsteller: Julie Christie, Dirk Bogarde, Laurence Harvey, José Luis de Vilallonga, Helen Lindsay
Artikel von Kai Kinnert
Das britische Drama von John Schlesinger zeichnet den Lebensweg eines ehrgeizigen und skrupellosen Fotomodells in den Swinging Sixties nach. Diana Scott (Julie Christie) setzt auf ihrem Weg nach oben skrupellos auf die Mittel der Verführung. Sie hat verschiedene Beziehungen und genießt ein exzessives Partyleben in London und Paris – bis sie sich plötzlich in einem goldenen Käfig wiederfindet.

Dies ist einer der Filme, der mir irgendwie Schwierigkeiten bereitet hat. Der Film: Preisgekrönt, ein britischer Klassiker, überhaupt einer der 100 besten, jemals in England gedrehten Filme. So steht es irgendwo geschrieben. Auch Sophie Coppola schwärmt in den Extras für diesen Film. Ich hingegen sah eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was Kritiker, der Feulliton und Filminstitute in den Film theoretisierten und dem, was schlussendlich gezeigt wurde. Schlesinger hat einen handwerklich schönen Film gedreht, der für das anspruchsvollere Kino von damals mit einem ungewöhnlichen Kniff aufwartete: Schlesinger drehte viel mit dem Zoom-Objektiv und reduzierte die Handlung, die tatsächlich frei von Gedöns ist, auf das Wesentliche. Die Handlung geht voran. Das Drama bleibt dramaturgisch dicht an Julie Christies stetiger Unzufriedenheit und Dick Bogarde, der das eigentlich Opfer ist. „Der Mann“ (an sich) meint es nur gut und ehrlich, während „die Frau“ einfach nicht weiß was sie will und solange rumnörgelt, bis alles den Bach runtergegangen ist. Tja, so ist das mit den Frauen, man kennt das ja.
Schlesinger und sein Drehbuchautor waren ob eines Zeitungsartikels auf die Idee zu Darling gestoßen. Da hatte eine Frau mehrere Ehemänner als Liebhaber, die ihr dann eine Wohnung anmieteten und abschließend in ihrem Selbstmord endete. Schlesinger fand das interessant. Allerdings interessierte ihn gar nicht, warum sich die Frau umbrachte, sondern die Kernidee war, was das für eine Frau gewesen sein muss, die in einer gestifteten Mietwohnung mit diversen Ehemännern rummachte. Hm. Interessanter Ansatz. Wenn man ein alter weißer Mann ist!

Das war Schlesinger zur der Zeit zwar noch nicht, aber, Sie ahnen es werter Leser, es passt zu der Erkenntnis, dass Schlesinger die Swinging Sixties ignorierte und, anstatt den Aufbruch der „Jugend“ filmisch zu skizzieren (was man mit Julie Christe hätte machen können), sich viel lieber einer Variante von „Die Prinzessin auf der Erbse“ zuwandte. Schlesinger machte also aus der Originalgeschichte eine Opferumkehrung: Nicht die Frau bringt sich um, sondern es sind hier die Männer, die emotional an der Frau verzweifeln. „Der Mann“, das stetige Opfer von 20jährigen Frauen die einfach keine Grenzen kennen – und wenn sie dann bekommt was sie will, dann ist es nicht so wie sie es sich vorgestellt hat – und das Spiel beginnt mit dem nächsten Mann von vorne. Das könnte nun – und das ist wahrlich nur spekulative Spekulation – auch der tatsächliche Grund gewesen sein, warum die „echte“ Frau aus dem Fenster der Mietwohnung sprang: Sie litt unter diesen Treffen. Warum sollte man sonst in eben der Wohnung, in der die Treffen stattfanden, aus dem Fenster springen? Bei Schlesinger ist es anders herum: Die Männer sind Opfer, denn es ist ein Mann, der für das emotionale Finish bei Julie Christie sorgt, zulange hat sie dieses dreiste Spiel der verwöhnten Göre gespielt. Sophie Coppola gefiel vor allem, dass es gelungen sei, die völlig unsympathische Diana Scott so liebenswert darzustellen. Und es stimmt: Julie Christie ist die richtige Besetzung für die Rolle und sie macht ihren Job frisch und gut. Frisch und gut ist auch die Kameraführung in diesem Film. Da gibt es fotografisch gut gesetzte Einstellungen, viel kleine Fahrten, einen guten Schnitt und die Sache mit dem Zoom-Objektiv, ein Stilmittel, welches man eher von den italienischen Genrefilmen her kennt, ist hier bestens untergebracht.
In Sachen Inszenierung muss es irgendwie einen „schwachen Moment“ bei John Schlesinger gegeben haben, in dem er einfach einem Impuls gefolgt ist, der sich wohl erst am Set ergab. Irgendwo in der Mitte des Films gibt es eine Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, die in diesem völlig unpolitischen Film wie ein spontan plazierter Fremdkörper wirkt und weder zuvor, noch danach, irgendeine Rolle spielte. Es gibt eine Wohltätigkeitsgala in der Mitte von Darling, auf der für die hungernden Kinder in Afrika gesammelt wird. Alte Damen im Nerz schlürfen unappetitlich ihre Austern unter den großformatig aufgehangenen Fotos von ausgemergelten Kindern. Dazu seichte Worte zum Elend Afrikas. Man kann sich richtig gut vorstellen, wie diese Kapitalismuskritik überhaupt nicht beabsichtigt war und erst zustande kam, als Schlesinger am Set durch den Sucher der Kamera blickte und das Bild mit dem Kind und der Dame im Nerz sah: „Ein Knaller! Lasst uns das machen!“ könnte er gerufen haben. Danach wird das Thema nie wieder aufgegriffen – und somit wurde die Kritik an Gesellschaft und Kapital als nutzlos ins filmische Klo gespült. So demontiert man gekonnt mit typischer Impuls-Regie seine eigenen Ansätze.

Leider erzählte Darling mir eine Geschichte, die mich bis ins Knochenmark langweilte und die ich John Schlesinger nicht abgenommen habe. Der Film hat einen „Alter weißer Mann“-Ansatz, der beflissentlich von vielen Experten und Filmjournalisten übersehen worden ist, da man bei Schlesinger weder zugehört, noch hingesehen hatte. Er interessierte sich nicht für die Rolle von Julie Christie, sondern er war nur interessiert an ihrem „Opfer“, Dick Bogarde, der dann auch irgendwann für einen moralischen Ausgleich sorgen wird.
Der Film-Regisseur John Schlesinger war bei den Dreharbeiten zu Darling zwar technisch anwesend – dafür aber als Regisseur längst noch nicht da, wo er später landen sollte. Das könnte auch einer der Gründe gewesen sein, warum dieser Film in Deutschland nur einmal im TV lief und dann nie wieder hierzulande ein Publikum erreichte. Der Film war auch in England ein Flop und wurde erst deutlich später zu einem wichtigen Film für die britische Filmindustrie. Mich hätte es nicht gestört, wäre der Film in England geblieben. Was ich allerdings gut fand: Julie Christie, die Kameraführung und die tollen Stadtaufnahmen von London und Paris. Das ist immer eine Augenweide. Ein Film für Fans.
Das Bild der gesichteten Blu-ray war sauber, satt und klar, der Ton ist gut. Als Extras gibt es „Sofia Coppola über Darling“, ein Interview mit Frederic Raphael, eine Featurette „After a Fashion“, eine Bildergalerie, Kinotrailer und ein Booklet.
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