Ohne ihn wäre die Rock- und Pop-Musikgeschichte nicht nur um einiges ärmer, sondern vermutlich auch um einiges langsamer in ihrer Entwicklung gewesen. Die Rede ist von Brian Samuel Epstein. Kennt Ihr nicht? Nun, er stand auch nicht selbst am Mikrofon, der Gitarre oder saß hinter dem Schlagzeug, er war der Mann fürs Geschäftliche und hat die legendären The Beatles aus einem deutschen Plattenvertrag befreit und auf die Weltbühne katapultiert. CAPELIGHT PICTURES veröffentlichte die bewegende Lebensgeschichte des Mannes, der einen großen Fußabdruck in der Musik-Szene hinterließ, leider nur digital. Ich habe trotzdem einen Blick riskiert.

Originaltitel: Midas Man

Regie: Joe Stephenson, Jonas Åkerlund, Sara Sugarman

Darsteller: Jacob Fortune-Lloyd, Emily Watson, Eddie Marsan, Jonah Lees, Jay Leno

Artikel von Christian Jürs

Obwohl sie sich bereits im Jahr 1970 trennten, sind die vier Pilzköpfe aus Liverpool, wie sie während ihrer ersten, erfolgreichen Jahre aufgrund ihrer Frisur genannt wurden, heute noch so aktuell wie damals. So erschien im Jahr 2021 der gut siebenstündige Dokumentarfilm The Beatles: Get Back von Peter Jackson und zwei Jahre später schließlich die späte, letzte Single Now and Then. Doch damit nicht genug, arbeitet Regisseur Sam Mendez gerade an einem riesigen Biopic-Quartett über die Beatles, bei dem jeder Film angeblich im selben Monat, dem April 2028, in den Kinos starten soll. Jeder der vier Filme soll die Geschichte dabei aus der Perspektive eines jeweils anderen Hauptmitglieds der Band erzählen. Hoffentlich kommen deutsche Produzenten nicht auf die Idee, eine Trilogie über Tic Tac Toe (kennt die noch jemand?) zu präsentieren.

Kleinere Brötchen als Peter Jackson und Sam Mendez backte hingegen Regisseur Joe Stephenson, der uns mit Midas Man – Sound of Liverpool die Lebensgeschichte von Brian Epstein präsentiert, dem Mann, der die vier Jungs berühmt machen sollte. Dabei nutzt er bekannte Tropes, wie das Durchbrechen der vierten Wand, denn Brian (Jacob Fortune-Lloyd) erzählt uns seine Geschichte höchst selbst und steigt im Jahr 1959 ein, dem Jahr, in dem er die Idee hatte, im Familienbetrieb seiner Eltern Harry (Eddie Marsan) und Queenie Epstein (Emily Watson), einem Geschäft für Radiogeräte und Waschmaschinen in Liverpool, zeitgemäße Rock´n Roll-Schallplatten anzubieten. Zuvor konzentrierte sich das jüdische Familienunternehmen eher auf anspruchsvolle Klassik-Musik.

Seine Idee sollte sich als richtig erweisen und so konnte der Laden expandieren. Als er im Jahr 1961 vom Erfolg der Gruppe Tony Sheridan and the Beat Brothers in Hamburg erfährt und erste Exemplare sich bei ihm gut verkaufen, reist er kurzerhand in die Hansestadt, um die Beat Brothers, die, wie ihm zugetragen, aus Liverpool stammten, aus ihrem Vertrag bei Polydor Records zu lösen und selbst unter Vertrag zu nehmen. Aus ihnen formte er die heute populären The Beatles. Zu dieser Zeit bestand die Band noch aus John Lennon (Jonah Lees), Paul McCartney (Blake Richardson), George Harrison (Leo Harvey-Elledge) und Pete Best (Adam Lawrence). Letzterer wurde bekanntermaßen vor dem großen Durchbruch durch den talentierteren Ringo Starr (Campbell Wallace) ersetzt.

Midas Man – The Sound of Liverpool konzentriert sich auf eben diese Anfangszeit, den Ausbruch der Beatlemania und die Probleme, die Epstein mit den vier Jungs immer wieder hatte. Dabei kommt der Film zunächst reichlich humorvoll daher, was vor allem daraus resultiert, dass Jacob Fortune-Lloyd immer wieder süffisant in die Kamera spricht oder aus dem Off kommentiert. Hier greift der britische Humor bestens. Doch auch die anderen Schauspieler sind hervorragend besetzt, insbesondere Jonah Lees füllt seine Darstellung von John Lennon, dem er unfassbar ähnlichsieht, mit Leben. Doch auch auf der tragischen Seite weiß Midas Man – The Sound of Liverpool zu überzeugen, denn Brian Epstein hatte mit allerlei inneren Dämonen zu kämpfen, da er homosexuell war, zu einer Zeit, als dies in England unter Strafe stand. Seine Neigungen geheim zu halten und auch der berufliche Stress, wobei letzterer im Film deutlich zu kurz kommt, führten schließlich zu ausuferndem Alkohol und Drogenkonsum, der schließlich zu seinem viel zu frühen Ableben am 27. August 1967 führte. Er war damals erst 32 Jahre jung.

Auch wenn vieles nur angerissen wird, wie zum Beispiel der Einfluss von Musikproduzent George Martin (Charley Palmer Rothwell) auf die Karriere der Fab-Four, bringt Midas Man – The Sound of Liverpool seine Laufzeit von 112 Minuten äußerst kurzweilig über die Bühne. Dies ist äußerst erstaunlich, denn hinter den Kulissen gab es immer wieder Probleme. Ursprünglich übernahm Jonas Åkerlund (Lords of Chaos) das Regiezepter, der aber das Handtuch warf und durch Sara Sugarman (Sid & Nancy) ersetzt wurde. Doch auch die schmiss hin und schließlich vollendete Joe Stephenson das Biopic. Ein Manko sind die fehlenden Rechte zu den Songs der Pilzköpfe. Zwar ertönt einmal kurz ein Cover von Please, Mr. Postman, doch den coverten die Beatles damals lediglich. Ansonsten spielen die Jungs, was das Public Domain hergibt, nur halt keine Origin-Songs.

Midas Man – The Sound of Liverpool fehlen die Ecken und Kanten und hier und da bemerkt man das geringe Budget. Dafür suhlt er sich nicht, wie ein Großteil anderer Biopics, in den Zeiten des Absturzes, sondern kommt recht locker-flockig daher. Als Snack zwischendurch oder zur Überbrückung der Wartezeit auf Sam Mendez Mammut-Projekt aber durchaus die digitale Leihgebühr wert.

Amazon Partner Links:

Prime Video

Zurück zur Startseite