Nur noch wenige Wochen, dann ist es so weit und Christoph Maria Herbst kehrt mit seiner Kultrolle Stromberg in die Kinos zurück. Der sympathisch-unsympathische Kotzbrocken ist dem Schauspieler auf den Leib geschrieben und dürfte erneut für gute Boxoffice-Zahlen sorgen. Wer nicht so lange warten möchte, der kann sich als Warm-Up seine neueste Komödie anschauen, in der sein Charakter ebenfalls als verschlagener Kotzbrocken daherkommt, der seinen, an Trisomie 21 leidenden, Halbbruder aus dem gemeinsamen Haus jagen möchte, wobei ihm jedes Mittel recht ist. Ihr könnt Euch den im Verleih von WILD BUNCH GERMANY GMBH startenden Streifen bereits am Wochenende vorab anschauen, da ihn viele Kinos anlässlich des stattfindenden Kinofestes bereits ins Programm aufgenommen haben. Ob sich der Besuch lohnt, verrate ich Euch in meiner Rezension.

Regie: Hanno Olderdissen

Darsteller: Christoph Maria Herbst, Nico Randel, Sesede Terziyan, Michael Ostrowski, Tristan Seith

Artikel von Christian Jürs

Aufgrund meines Fulltime-Jobs ist es mir leider nur sehr, sehr selten möglich, die meist vormittags stattfindenden Pressevorführungen aktueller Kinofilme zu besuchen. Die Tatsache, dass diese Vorstellungen im ca. 60 Kilometer entfernten Hamburg stattfinden, macht die Sache nicht leichter. Umso erfreuter war ich, dass während meines diesjährigen Sommerurlaubs gleich mehrere dieser Vorstellungen stattfanden, auch wenn es sich dabei um eher kleinere Produktionen handelte. Ganze drei Filme habe ich vorab besucht. Der Erste war die Endzeit-Gurke Afterburn. Mit Ganzer halber Bruder gab es dann immerhin eine qualitative Steigerung, auch wenn hier deutlich Luft nach oben vorhanden ist. Der dritte Film war mein Highlight und wird in Kürze besprochen. Zurück zu Ganzer halber Bruder:

Thomas (Christoph Maria Herbst) kann sein Glück kaum fassen. Gerade erst wurde der Immobilienbetrüger aus dem Gefängnis entlassen, da offenbart ihm sein schmieriger Bewährungshelfer Giesser (Michael Ostrowski), dass er ein Haus von seiner im Sterben liegenden Mutter, die er als Heimkind niemals kennenlernte, erben wird. Thomas findet dabei schnell heraus, dass das Anwesen einen ganzen Batzen Geld wert ist, weswegen er die Immobilie schnell veräußern möchte. Doch daraus wird nichts, denn sein, ihm bislang unbekannter, Halbbruder Roland (Nico Randel), genannt Sunny, bekam testamentarisch lebenslanges Wohnrecht eingeräumt – und auf dieses pocht der sympathische, an Trisomie 21 leidende, Bodybuilder und Musikfan natürlich. Hier beherrscht er seinen Alltag, den er nun, gelegentlich unterstützt von der Sozialarbeiterin Yesim (Susede Terziyan), alleine bewältigen muss.

Doch Thomas gibt sich nicht geschlagen und entwickelt eine perfide List. Unter dem Vorwand, seinem Halbbruder unter die Arme greifen zu wollen, nistet er sich im Haus ein, um für Chaos im Leben von Roland/Sunny zu sorgen. Fortan lässt er nichts unversucht, um Sunnys tägliche Aktivitäten zu torpedieren, in der Hoffnung, ihn damit in eine Pflegeeinrichtung zu bugsieren. Dabei drängt die Zeit, denn Giesser hat bereits einen Käufer in der Hinterhand und mit dem ist nicht gut Kirschen essen. Wird es Thomas gelingen, Sunny aus dem Haus zu ekeln, um es veräußern zu können und nebenbei noch das Herz der sympathischen Yesim zu erobern?

Die Grundprämisse von Ganzer halber Bruder erinnert entfernt an den oscarprämierten Hollywood-Hit Rain Man mit Dustin Hoffman und Tom Cruise, in dem es ebenfalls um ein Erbe zwischen gesundem und erkranktem Bruder geht. Hier aber gibt es deutlich mehr Komödien-Potential, schließlich sucht Thomas immer wieder nach fiesen Möglichkeiten, um Sunny aus dem Haus zu bekommen. Dabei laufen die raffinierten Pläne des durchtriebenen Thomas natürlich schief, was ihn immer mehr in Erklärungsnot bringt. Doch diesen Fokus lässt Ganzer halber Bruder viel zu früh fallen, um einen gefälligen, vorhersehbaren Weg einzuschlagen, der die Komik gegen einen erhobenen Zeigefinger austauscht. Dies wurde mir leider schon klar, als die Credits über die Leinwand liefen und darauf hinwiesen, dass es sich hier um eine Co-Produktion des ZDF und ORF handelt, unterstützt von fünf Filmförder-Anstalten.

Nun muss man der Fairness halber feststellen, dass Drehbuchautor Clemente Ferndandez-Gil, der mit Regisseur Hanno Olderdissen bereits an Rock my Heart arbeitete, einen Sohn mit Down-Syndrom hat und dadurch eigene Erfahrungen in den Film einfließen lassen konnte und sein Thema auch ernst nimmt. Doch Ganzer halber Bruder will nicht nur Drama, sondern auch Komödie sein und scheitert an dieser Mischung leider kläglich. Christoph Maria Herbst kann seinen Fiesling leider nur mit deutlich angezogener Handbremse ausspielen, da der Film viel zu früh, also nach nur wenigen Minuten, klarmacht, dass der gemeine Immobilienbetrüger doch das Herz am rechten Fleck hat. Sunny wird nach wenigen Filmminuten im Bus von gemeinen Jugendlichen ausgelacht, woraufhin Thomas für ihn einspringt und einen Schlag ins Gesicht kassiert. Bloß nichts riskieren lautet die Devise dieser Filmproduktion, weswegen auch noch eine halbgare Romanze ins Skript gepresst wurde, die viel zu wenig Raum bekommt, um glaubwürdig zu wirken. Für jeden etwas, aber nie genug. Das Publikum soll sich halt nicht aufregen und kollektiv hinterher sagen: “Ach, was war das doch schön!” – doch so funktioniert Kino nunmal nicht.

Ganzer halber Bruder ist kein schlechter, sondern ein mutloser Film. Das geht schon bei der Tatsache los, dass Rolands Lieblings-Song Sunny von Bobby Hebb aus dem Jahr 1966 ist, den wir während der gesamten Laufzeit immer und immer wieder zu hören bekommen – in jeder erdenklichen Version. Warum muss es denn ein so biederer Song sein, den meine Eltern einst in der Boney M.-Version (ebenfalls enthalten) rauf und runter gehört haben? Hätte es nicht etwas Frecheres, Frischeres sein können? Ozzy? Scooter? Oder gar K-Pop? Nein, Ganzer halber Bruder traut weder Roland, noch dem Publikum ein Wagnus zu. Hier wird alles mundgerecht dem ZDF/ORF-Publikum zurechtgeschnitten und vorgekaut, niemals bissig, sondern stets im zweiten Wohlfühl-Gang. Am Ende ist dann auch wieder heile Welt, damit Oma nach dem Film ruhig schlafen gehen kann.

Leider bleibt die einzige Begründung für den Kinoeinsatz von Ganzer halber Bruder die Besetzung von Christoph Maria Herbst, der zuletzt in Filmen wie Der Spitzname oder Der Buchspazierer zu sehen war und in Kürze dann in Stromberg – Der neue Film zu seiner Kultrolle zurückkehrt. Ganzer halber Bruder hingegen ist gut gemeint, letztlich aber ideenlos und vorhersehbar geraten. Schade, denn Potential war vorhanden.

Zurück zur Startseite