Die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm sind und bleiben vermutlich zeitlos, gehören doch einige auch heute noch fest in der Popkultur verankert. Einen besonderen Reiz besitzen die in ihrer Urfassung gar nicht mal so kinderfreundlichen Erzählungen durch ihren Interpretationsspielraum, wurden einige doch in der Vergangenheit immer wieder neu adaptiert und eben auch interpretiert. Während Disney ihre einstigen Verfilmung lediglich in Hochglanz-Optik nochmal neu drehen, poppen abseits der großen Studiofilme immer mal wieder sehenswerte Genre-Beiträge auf, die einen völlig neuen Ansatz haben. Einer dieser Beiträge ist der norwegische THE UGLY STEPSISTER (2025), der auf Motiven des bekannten Märchens ASCHENPUTTEL basiert und diese mit Kritik am Schönheitswahn und Elementen des Body-Horrors kombiniert. Capelight Pictures brachte den Film Anfang Juni in die deutschen Kinos und veröffentlicht ihn nun auch auf Scheibe, u.a. im schicken 4K-Mediabook.

Originaltitel: Den stygge stesøsteren
Drehbuch & Regie: Emilie Blichfeldt
Darsteller: Lea Myren, Ane Dahl Torp, Thea Sofie Loch Naess, Flo Fagerli, Isac Calmroth, Malte Gardinger…
Artikel von Christopher Feldmann
Wenn man mal ehrlich ist, eignen sich Märchen perfekt für das Horrorkino, geht es doch auch in diesen nicht gerade zimperlich zu. Zwar haben diese fast schon mythischen Geschichten immer auch eine Art Lerneffekt, eine moralische Aussage, mit Mord, Totschlag, Folter oder gar Verstümmelung wird aber dennoch nicht gegeizt. Das ist immer wieder überraschend, hat man als einfacher Konsument doch stets die klassischen Disney-Verfilmungen vor Augen, in denen das Ausgangsmaterial durch eine kindgerechte Interpretation sehr romantisiert, gar verkitscht wurde. Und während der Mäusekonzern seit vielen Jahren lediglich die alten Klassiker mit Mammut-Budget nochmal neu abfilmt, zeigten andere Studios in der Vergangenheit wesentlich mehr Mut wenn es darum ging, Märchen einen ganz anderen Anstrich zu verpassen. Beispielsweise SCHNEEWITCHEN wurde fast zeitgleich als mit SPIEGLEIN SPIEGLEIN (2012) als Meta-Comedy und mit SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN (2012) als düsterer Fantasy-Blockbuster verfilmt. Zumindest im Kopf des Autors hat sich zudem die Horrorversion von 1997, mit u.a. Sigourney Weaver in einer tragenden Rolle, fest verankert. Aber es muss ja nicht immer das Mädchen mit dem Gesicht so weiß wie Schnee, den Lippen so rot wie Blut und dem Haar so schwarz wie Ebenholz sein, auch andere Märchen bieten viel Raum für neue Ideen, wie zum Beispiel ASCHENPUTTEL, welches 1950 unter Disney als CINDERELLA ebenfalls zum Zeichentrickklassiker avancierte. Die norwegische Regisseurin Emilie Blichfeldt nahm sich dem Stoff an und verwandelte das Ausgangsmaterial in einen bitterbösen Kommentar zu aktuellen Themen mit ziemlich drastischen Bildern.
Handlung:
Elvira (Lea Myren) hat genug vom Dasein im Schatten ihrer bildhübschen Stiefschwester Agnes (Thea Sofie Loch Næss). Um die Blicke von Prinz Julian (Isac Calmroth), dem begehrtesten Junggesellen des gesamten Königreichs, auf sich zu ziehen, ist ihr jedes Mittel recht. Unter Einsatz von Blut, Schweiß und Tränen schreckt Elvira vor nichts zurück, um den Prinzen für sich zu gewinnen.

THE UGLY STEPSISTER orientiert sich im Grunde überdeutlich an ASCHENPUTTEL, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass hier nicht die gedemütigte “Cinderella” im Zentrum der Handlung steht, sondern ihre in der Urfassung und auch in der klassischen Zeichentrickverfilmung böse und auch nicht unbedingt hübsche Stiefschwester. Ein Move, den beispielsweise Disney bereits in Filmen wie MALEFICENT (2014) und CRUELLA (2021) wagte, indem sie die Geschichten aus der Sicht der ursprünglichen Antagonisten erzählten. Hier liegt der Fall ein wenig anders, ist “Elvira” in der hier vorliegenden Version nicht die böse, karikierte Stiefschwester, sondern das missverstandene, hässliche Entlein, welches mit allen Mitteln versucht in die zu jener Zeit herrschenden Strukturen vorzudringen.
Regisseurin und Drehbuchautorin Blichfeldt erzählt nämlich in erster Linie eine Geschichte über Klassenkämpfe, Sexismus, festgelegte Rollenbilder und krankhafte Schönheitsideale, also eigentlich Themen, die auch heute noch allgegenwärtig sind. Im Film ist das größte Ziel einer Frau finanziell abgesichert zu sein, was in den meisten Fällen lediglich durch eine Heirat in ein gut betuchtes Haus möglich ist. Zudem wird Schönheit wird hier als Teil des Kapitals betont, um einen Aufstieg zu schaffen, den das Königsschloss oben auf dem Hügel symbolträchtig verspricht. Um finanzielle Absicherung zu erlangen, bleiben nur die Unterwerfung mit Haut und Haar unter den Sexismus und die Rollenmuster der Gesellschaft. So versucht auch “Elvira” (hervorragend gespielt von Lea Myren) in die besseren Kreise aufzusteigen und sich dem schönen Prinzen anzubiedern, der allerdings selbst ziemlich verachtenswert ist. Dafür ist sie bereit, zahlreiche Torturen über sich ergehen zu lassen, um dem Sinnbild einer Prinzessin zu entsprechen. Dies rührt daher, dass die ehrgeizige Mutter, die den Sexismus und die Diskriminierung selbst so verinnerlicht hat, ihrer Tochter nichts anderes als Selbsthass und Drill vererbt hat.

Aus dieser Geschichte entwickelt sich schließlich eine schmerzhafte Reise für Elvira, die sich mittels Schönheitsoperationen eine entscheidende Aufwertung ihres Äußeren erhofft. Und wenn dann jene Operationen gezeigt werden, bei denen die Nase mit Hammer und Meisel “korrigiert” wird, falsche Wimpern mit Nadel und Faden an Augenlider genäht werden und der Chirurg sich mit dem Schnupfen von Kokain selbst beruhigen muss, weiß man als Zuschauer, dass das hier nichts für Kinder ist. Es ist nur der Anfang einer brutalen Spirale, die ihren schmerzhaften Höhepunkt in einer Szene findet, die bereits in dem Originalmärchen zu finden ist. Dort verstümmeln sich die Schwestern die eigenen Füße, um in den berühmten gläsernen Schuh zu passen. Dies wird in THE UGLY STEPSISTER in aller Drastik gezeigt. Und für Freunde des dezenten Ekels hält der Film auch noch einen Bandwurm bereit, der für so manche sehr einprägsame Momente sorgt.
Generell können sich die von Lichfeldt gewählten Bilder mehr als sehen zu lassen. Von den Sets bis hin zu den Kostümen sieht das Ganze sehr wertig aus, ohne wie ein oller Kostümschinken zu wirken. Man fühlt vom Look und Feel ein wenig an die osteuropäischen Märchenverfilmungen vergangener Tage erinnert, mit einer guten Portion Düsternis. Dabei entwickelt der Film zwar nie dieses besondere Rauschgefühl wie beispielsweise der artverwandte THE SUBSTANCE (2024), dafür ist THE UGLY STEPSISTER auch weniger zynisch.
Capelight Pictures brachte den nach seiner Premiere bei den internationalen Filmfestspielen in Berlin hochgelobten Film Anfang Juni für kurze Zeit in die deutschen Kinos. Nun erscheint das Werk auch für den Heimgebrauch, u.a. digital aber auch in 4K, HD und als schlichte DVD. Besonders das UHD-Mediabook ist wie üblich für das Label qualitativ erste Sahne. Das Bild der 4K-Scheibe sieht hervorragend aus, der Dolby Vision-Sound sorgt dafür, dass der Film auch auf der Tonspur punkten kann. Als Bonus gibt es den Trailer und ein informatives, 24-seitiges Booklet.

Fazit:
THE UGLY STEPSISTER (2025) dürfte zum Ende des Jahres auf zahlreichen Genre-Bestenlisten auftauchen, denn mit seinen an osteuropäische Märchenklassiker erinnernde Bilder, den geschickt eingesetzten Body-Horror-Elementen und den anklagenden Spitzen gegen Schönheitsideale und veraltete Rollenbilder ist Emilie Lichfeldt ein origineller aber auch unterhaltsamer Film gelungen, dessen Entdeckung sich auf jeden Fall lohnt.
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