Mit diesem Film verbinde ich eine Erinnerung aus meiner frühen Jugend, die sich einfach fest ins Gedächtnis eingebrannt hat. Warum, weiß ich nicht, aber meine Mutter wollte 1982, da lief der Film in Lübeck, unbedingt mit mir in diesen Film. Sie hatte so heftige Geschichten über den Film gehört und beschlossen, dass sie unbedingt mit mir da rein wollte. Da war ich 14. Wir standen also im Capitol Kinocenter an der Kasse, die Werbung lief schon, als die Kassiererin eine Warnung aussprach: „Sind sie sicher, dass sie sich den Film wirklich ansehen wollen? Schon gar nicht mit einem Kind!“ hieß es. „Warum denn nicht?“ frage meine Mutter. „Weil wir in der letzten Vorstellung den Notarzt rufen mussten! Die Leute werden ohnmächtig während der Vorstellung, der Film ist echt heftig!“ Ich werde das nie vergessen. Meine Neugier war nun enorm gestiegen, doch bei meiner Mutter kehrte der pädagogische Schutzmechanismus zurück und wir verließen das Kino. Jahre später habe ich den Film dann auf VHS gesehen und war stets fasziniert von diesem Film, der mit so wenig Story so viel Atmosphäre und Spannung aufbauen konnte. „Der Höllentrip“ ist einer der Eckpunkte an filmischen Jugend-Erinnerungen, ein Film, der mich mit seinem Thema der Bewusstseinserforschung und der visuellen Umsetzung seither fesselt. PLAION PICTURES bringt den Film nun im Mediabook (Blu-ray und DVD) heraus.

Originaltitel: Altered States
Regie: Ken Russell
Darsteller: William Hurt, Blair Brown, Bob Balaban, Charles Haid, Thaao Penghlis, Drew Barrymore
Artikel von Kai Kinnert
Gibt es Welten, die unsere menschliche Wahrnehmung übersteigen? Der Harvard-Wissenschaftler Edward Jessup ist besessen von der Idee, dass veränderte Formen des Bewusstseins neue Realitäten für uns eröffnen können. Er beginnt, mit Reizentzug und halluzinogenen Drogen zu experimentieren, um der Antwort auf seine Fragen näher zu kommen. Doch aus wissenschaftlicher Neugier entwickelt sich bald tödlicher Wahnsinn.

Ich liebe einfach diese Eröffnungssequenz. William Hurt dümpelt mit Tauchglockenhelm und EKG-Verkablung im Isolationstank, die Kamera fährt langsam zurück und der Titel Altered States schiebt sich riesig und scherenschnittartig über das Bild. Für mich ist das cooles Understatement, super-stylish durchdacht und mit einer zeitlos guten Titel-Typografie versehen. Danach folgt die kurze Erklärung zwischen Hurt und seinem Kollegen Charles Haid, in der der wissenschaftlichen Stand der Spät-1970er über die (Unter-)Bewusstseinsforschung zusammengefasst wird und sogar Russell Targ erwähnt wird, von dem ich 2004 ein paar Bücher erwerben sollte (auch von Puthoff, Swann und McMoneagle). Doch damals sagten mir die Namen noch nichts. Mit großen Schritten geht es nach der Eröffnung dann im Privatleben von Eddie Jessup weiter, der auf Emily trifft, die von ihm fasziniert ist. Beide werden alsbald heiraten – und schon gehen die Probleme los. Jessup ist nämlich besessen von seinem Selbstexperiment und will mit einer mexikanischen Megadroge zur geistigen Urform des Menschen abtauchen, er möchte die Erfahrungen des ersten Menschen machen. Im Grunde wird der Missing-Link gesucht, die direkte und beweisbare Verbindung zwischen Mensch und Tier. Der Drogentrip in der Höhle der mexikanischen Schamanen ist dann auch der erste große visuelle Höllenritt auf der Leinwand, der damals wirklich wie ein Tritt in die Weichteile des Publikums gewirkt haben musste. Kein Wunder, dass der Notarzt zartbesaitete Kinogänger heraustragen musste. Man war das damals nicht gewöhnt. Heute wäre der Film mit einer Epilepsiewarnung versehen worden, damals war man da nicht so zimperlich. Schnitt, Farben, die Trickmontagen und gerade die phänomenale Filmmusik von John Coriglaino sind dann auch die visuelle Abrissbirne fürs Rotwein-beschwipste Kinopublikum, dass von Ken Russells Einfallsreichtum in der Montage schlichtweg überrollt, tranchiert und flambiert wurde.

Überrollt wird auch die Beziehung des Ehepaars Jessup, die inzwischen geheiratet und ein Kind bekommen haben (Drew Barrymore), denn William Hurt bringt die Nebenwirkungen der Droge mit nach Hause. Plötzlich mutiert der Kerl in der Nacht, der Körper verändert sich, ihm wächst Fell und schon rennt eines Nachts ein affenähnliches Wesen durch die Labore der Universität, reißt eine Ziege im Zoo und erschlägt Wachmänner mit einem massiven Stock. Obwohl nun die Experimente eingestellt werden, verwandelt sich Eddie in einer späteren Nacht wieder. Auch Emily tritt ihre Reise an. In einem großen finalen visuellen Trip, einer dramatischen Montage aus packenden Bildern, Licht, Farben und Musik treten die Jessups die minutenlange Rundreise durch ihren existenziellen Unterbewusstseins-Trip an, der nur durch ihre Liebe zueinander geerdet werden kann.
Die Spielzeit des Films vergeht auch heute noch wie im Fluge. Ken Russells Film hat für mich bis heute nichts an seiner Faszination und Wirkung verloren. Der Höllentrip kondensiert die Romanvorlage zu einer brillanten visuellen Idee um, die sich nur durch ein paar prägnant zugespitzte Eckpunkte in der Dramaturgie erzählt und den Rest aus der grandiosen Stimmung bezieht, die sich aus Thema, Schnitt, Farben und Musik ergibt. Der Höllentrip ist einer der ganz großen (und unterschätzten) Klassiker des Horrorthriller-Genres, irgendwo zwischen Mad Scientist und Powaqqatsi angesiedelt ist. Wer sich noch gute Filme der frühen 1980er ins Regal stellen möchte: Hier ist er! Tipp!

Das Bild der vorliegenden Blu-ray ist sauber, satt und klar, der Ton ebenso. Als Extras gibt es Trailer, eine Bildergalerie und ein Booklet.
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