Dies ist ein weiterer Titel, der mir als einer der Eckpunkt-Filme vergangener Videotheken-Tage in Erinnerung blieb. Da gibt’s so Filme, die sich mir, ob nun gut oder nicht gut, szenisch-prägnant eingeprägt haben, wie zum Beispiel die Visionen in Der Höllentrip, das rote Pulver in Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All, das Tresor-Knacken mit Feuerlanze in The Thief – oder eben die Kamerafahrten durch die South Bronx in Wolfen. Kino, das Teil meiner filmischen Sozialisierung war und als Qualitätskino der 1970er/80er begriffen wurde. Gerade bei Wolfen sind mir die Kamerafahrten in Erinnerung geblieben und das eiskalte Winter-Wetter New Yorks. Wolfen ist einer der wenigen Filme, in dem man die Kälte, diese eisige Luft bei glasklarem Himmel, regelrecht spüren kann. Und tatsächlich waren die Dreharbeiten, so erzählt es der Kameramann in den Extras des Mediabooks, kälter als ein Dreh am Nordpol, da zur Zeit der Dreharbeiten ein konstant feucht-kalter Windstrom von Minus 10 Grad durch New York wehte und die Crew stets damit befasst war, das Einfrieren der empfindlichen Kameramechaniken zu verhindern und die Schauspieler, gerade in der Eröffnungssequenz, vorm Erfrieren zu retten. Doch neben diesen rein technischen Erinnerungen an den Film ist mir von der Story nicht viel hängen geblieben. Klar, es ging um Morde und Wölfe, aber wirkt der Film auch heute noch über seine einmalige Atmosphäre hinaus? PLAION PICTURES brachten den Klassiker des Spannungskinos nun im Mediabook heraus.

Regie: Michael Wadleigh

Darsteller: Albert Finney, Edward James Olmos, Gregory Hines, Tom Nooan, Diane Venora, James Tolkan

Artikel von Kai Kinnert

New York wird von einer mysteriösen Mordserie heimgesucht: Bereits drei Menschen wurden auf bestialische Weise hingerichtet, eine Verbindung zwischen den Fällen scheint es nicht zu geben. Ein erfahrener Detective des NYPD schöpft Verdacht: Der Killer ist kein Mensch, sondern ein uraltes, übernatürliches Wesen, das sein Revier gegen fremde Eindringlinge verteidigt.

Leider wird der wahre Directors Cut mit einer Spielzeit von vier Stunden niemals erscheinen, Michael Wadleigh hatte mit seinem Film so viel Stress mit dem Studio, dass er nach Wolfen nie wieder einen Spielfilm drehte. Stattdessen übernahm das Studio die abschließende Produktion, setzte Wadleigh gleich nach den Dreharbeiten vor die Tür und übernahm selber den Filmschnitt. Doch ganz so schlimm wurde es dann ja doch nicht, denn alle Welt kennt mit der vorliegenden Fassung von Wolfen nur den durchs Studio gestrafften Vier-Stunden-Directors Cut, eine andere Fassung hat und wird es nie geben. Und im Gegensatz zu den Filmen von Francis Ford Coppola oder Sergio Leone hat man nicht 40 Jahre später noch in irgendeinem Mülleimer 31 Frames und 180 Sekunden Filmrolle aufgefunden, die man dann für 300.000 Dollar in 8K restaurierte und als die X-te Mastermind-UHD Special-True-Directors-Cut-Edition in den Geldkreislauf des finanzkräftigen Sammlermarktes warf. Selber schuld, könnte man auch sagen, man sollte immer alles aufbewahren.

Wie dem auch sei, ich habe mich über die restaurierte Fassung von Wolfen sehr gefreut und war sehr gespannt, ob der Film auch heute noch für mich so gut funktioniert wie damals. Meine Antwort dazu ist nach der aktuellen Sichtung ein klares Jain. Man merkt dem Film an, dass Michael Wadleigh mehr Techniker als Regisseur war, denn inhaltlich ist Wolfen eher schleppend inszeniert worden, dass Drehbuch zerfranst sich recht kraftlos zwischen Mordermittlung und indigener Mystik und findet eigentlich nur dank der Technik seine Spannung wieder. Anders gesagt: Es ist den einmaligen Aufnahmen von New York, seiner authentischen Drehorte, dem eisigen Wetter, einem wunderschönen Wolfsrudel und der Steadycam Gerry Fishers (Steadycam-Operator in The Shining) zu verdanken, dass Wolfen seinen Status als Filmklassiker behalten kann. Die Ruinen der South Bronx bleiben ebenso in Erinnerung, genau wie die Filmset-Kirche, die man dort aufbaute, oder die echte Leichenhalle, in der man drehte, inklusive der Aufnahmen von echten Leichen, die man mit in den Film schnitt. Beeindruckend auch der Blick von der Manhattan-Bridge auf New York und das World Trade Center. Dieser hellblau-eiskalte Himmel, diese speziellen Winterlicht-Farben, wenn der junge Edward James Olmos auf der Manhattan-Bridge steht und zum World Trade Center blickt, das hat alles das großformatige Potential einer Fototapete.

Auch die Szene, in der sich Gregory Hines im eisig-klaren Morgenlicht in der South Bronx mit seinem Jagdgewehr auf die Lauer legt, zählt mit zu den prägenden Momenten des Films – und natürlich die Kamerafahrten. Kameramann Gerry Fisher war damals fit und geübt durch seine Arbeit für Stanley Kubriks The Shining, der jede Steadycam-Fahrt 40mal aufnehmen lies und so bei Fisher für die richtige Fitness sorgte, das schwere Steadycam-System wie in der Bewegung eines Wolfes zu führen. Und zu guter Letzt natürlich das Wolfsrudel selbst, dass aus dem Süden der USA eingeflogen und an den ungewöhnlichen Drehorten in der South Bronx inszeniert wurde. Bei den Wölfen wurde nichts getrickst, alles Knurren und Traben war echt, inklusive dem Knurren im Finale: Wenn der Wolf ins Auto springt und den Fahrer anknurrt, war das echt. Der Schauspieler wusste nichts vom Knurren und brauchte seine Angst nicht zu spielen – sehr praktisch.

Wolfen ist und bleibt ein technischer Film, der auch heute noch sehenswert ist. Inhaltlich ist Wolfen zwar nichts der spannendste Film aller Zeiten, macht dies aber durch ein unglaublich gut funktionierendes Zusammenspiel an äußeren Umständen wieder wett. Hier hält die Form den Inhalt zusammen und bescherte dem Zuschauer somit einige unvergessene Aufnahmen New Yorks und Szenen von hoher Atmosphäre, flankiert von diesen schönen Steadycam-Fahrten in farblicher Verfremdung aus Sicht der Wölfe. Das hat Format, das hat Stil, das hält den Film zusammen und macht Wolfen zu einem außergewöhnlichen Film, den sich anzuschauen auch heute noch lohnt. Nie hat man New York kälter als in Wolfen gesehen.

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber, satt und klar, der Ton ist gut. Als Extras gibt es die interessante Featurette Tales from the City – Making Wolfen, in der Gerry Fisher knapp 40 Minuten lang von der Entstehung des Films erzählt, den Tom Noonan Uncut Dialog, Trailer, Teaser, Bildergalerie und ein Booklet mit einem Text von Stefan Jung & Marcus Stiglegger.

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