Mit Sam Peckinpah ist es so ein Ding. Der Mann konnte Filme so weit zum Stillstand bringen, dass nur noch der vom Rotwein beschwipste Feuilleton darin Dynamik erkennen konnte, schaffte es aber auch auf der anderen Seite, mit seinem Stil eine wiedererkennbare Handschrift in die Filme zu bringen. Auch wenn man immer wieder darauf hinweist, dass Peckinpah seine besten Filme ohne die Darstellung von Gewalt inszenierte (wie in den aktuellen Extras), ist und bleibt die Parallelmontage einer Schießerei mit Zeitlupen und blutigen Einschusslöchern DAS wesentliche Element einer Inszenierung durch Sam Peckinpah. Nur das hat ihn, ehrlicherweise, zum Regisseur von Weltformat gemacht: diese absolute Innovation im Filmschnitt und in der Darstellung von Gewalt. Ansonsten finde ich (zum Beispiel) The Wild Bunch geradezu unerträglich langweilig, ähnlich ist es mit Straw Dogs – Wer Gewalt sät, wobei beide Filme nur durch ihr Finale dann so weit die Kurve kriegen, dass man sie zu den Klassikern Hollywoods rechnen kann. Nur das Finale sorgte für ein Alleinstellungsmerkmal, außer man zählt Langeweile mit dazu. Dass Peckinpah auch anders konnte, bewies er mit The Getaway, einer wahrlich komplizierten Liebesgeschichte, in der ein Paar einen Banküberfall und die brutalen Verfolger braucht, um über das blutige Chaos endlich zueinander zu finden. The Getaway ist Sam Peckinpahs bester Film, hervorragend besetzt und straff inszeniert. PLAION PICTURES brachte den Streifen jetzt restauriert im Mediabook heraus.

Originaltitel: The Getaway

Deutsche Alternativtitel: Getaway – Eine knallharte Gangster-Story / The Getaway – Ihre Chance ist gleich Null / Ein Mann explodiert

Regie: Sam Peckinpah

Darsteller: Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Sally Struthers, Bo Hopkins, Al Lettieri, Jack Dodson

Artikel von Kai Kinnert

Um ihren Mann Doc McCoy aus dem Gefängnis zu holen, geht Carol eine verhängnisvolle Vereinbarung mit einem korrupten Politiker ein. Doch die Sache hat einen Haken: Im Gegenzug für seine Entlassung soll der Meisterdieb einen Bankraub durchführen. Was zunächst wie ein einfacher Auftrag wirkt, entpuppt sich als tückischer Hinterhalt – und schon bald sitzen Carol und Doc sämtliche Cops des Bundesstaats im Nacken.

Steve McQueen macht auch im Knast eine gute Figur (siehe auch Gesprengte Ketten). Doc McCoy sitzt ein und träumt von seiner Ehefrau Carol. Neben der eintönigen Arbeit am Webstuhl oder beim Zurückschneiden von Bäumen am Straßenrand blitzen stumme Bilder von Carol in Doc McCoys Geist ein. Eine Berührung. Ein Lächeln, ein Blick. Der Mann hat Sehnsucht nach seiner Frau. Und sie hat Sehnsucht nach ihrem Mann. Sie hassen und sie lieben sich, die alte Geschichte von Anziehung und sich umkreisenden Pole. Doc McCoy ist einfach ihr Typ, sie ist fasziniert von ihm, er ist ein böser Junge und es macht sie an, dass er so ist wie er ist und dazu auch noch Banken überfällt. Schon kommt sie nicht mehr los von ihm, selbst wenn er ihr eine knallt oder sonst ruppig behandelt. Die Chemie zwischen Steve McQueen und Ali MacGraw stimmt am Set, und nicht nur dort: die beiden wurden nach den Dreharbeiten für fünf Jahre ein Paar. Und das, obwohl sie damals mit dem Paramount-Chef Robert Evans zusammen war, was mich gleich auf die wunderbare Serie The Offer bringt, in der es um die Produktion von Coppolas Der Pate geht und Robert Evans daran verzweifelt, dass sich seine Freundin Ali MacGraw bei den Dreharbeiten zu The Getaway in Steve McQueen verknallt hatte. Auch Quentin Tarantino spielt in Once Upon A Time… In Hollywood kurz auf den Charme von Steve McQueen an, der ein echter Super-Macho war.

In den neuen Extras zu The Getaway wird von den Dreharbeiten im Knast erzählt, in dem man die Eröffnung drehte. Macho McQueen fühlte sich ganz wohl unter den Knast-Brüdern, in den Szenen ist alles echt und umgestellt. Hunde, Wächter, Gefangene, alles echt. So echt, dass man der Produktion sagte: „Ihr könnt im Knast drehen, eure Sache. Aber wenn es zu einer Geiselnahme kommt, werden wir nicht eingreifen. Uns sind Geiselnahmen egal. Auch wenn Mr. McQueen als Geisel genommen würde. Wir greifen nicht ein. Müsst ihr wissen.“  Und sie machten es und kamen mit den Knastbrüdern super klar. Steve McQueen machte ganz normal den Alltag der Gefangenen mit, wurde dabei genauso angeschnauzt wie alle anderen auch, nur das McQueen dabei gefilmt wurde. Alles lief gut. Bis auf die Sache mit den Wachhunden und Steve McQueen, der sich nur mal einen Kaffee holen wollte. Aber das kann sich der geneigte Fan in den Extras selber ansehen, ebenso die Anekdote zur Szene in der Gefängnisdusche. Da hatte sich die Gefängnisleitung wohl einen Scherz mit Steve McQueen erlaubt, den er gar nicht so gut verkraftet hatte.

In The Getaway funktioniert alles. Sam Peckinpah war in bester Form, ebenso die Kamera, die Musik von Quincy Jones und der aufwändige Filmschnitt. Das Drehbuch stammt von Walter Hill, der mit Carol eine starke Frauenrolle schrieb, die er seinem Idol Raquel Welch widmete, während sich Steve McQueen im Schauspiel an seinem Idol orientierte: Humphrey Bogart. „Ich nehme sonst nie andere Schauspieler zum Vorbild, doch hier wollte ich mich ganz an Humphrey Bogart halten“, erzählt McQueen in den Extras aus dem OFF. Steve McQueen und Ali MacGraw ergeben ein Paar, von dem man seinen Blick nicht mehr abwenden mag. Sie kleben aneinander und es braucht einige Tote, bis sie dann, obwohl schon verheiratet, endlich zueinander finden. Dabei macht Doc McCoy eine ultra-coole Figur. Der schwarze Anzug, der Blick und die Schrotflinte: das ist Steve McQueen-Ikonografie pur, das hat Stil, das hat Präsenz, das ist Filmgeschichte. Ihm gegenüber passt Carol, die einfach alles mit durchsteht. Beide müssen nur nach dem schiefgelaufenen Banküberfall die Konfrontation mit dem Widerling Rudy und einer Stetson tragenden Mafia-Bande überleben, die allesamt im Finale in einem kleinen Hotel aufeinandertreffen werden, was dann durch Sam Peckinpah zu einem legendären Finale wurde. Zeitlupen, blutige Einschüsse, splitterndes Holz und spannende Parallelmontagen runden das Finale dieses straffen und in sich geschlossenen Films perfekt ab, der in seiner Dynamik der Zeit voraus war.

The Getaway ist cooles Heist-Kino der 1970er und im Kern eine geschickt verschachtelte Liebesgeschichte um Doc McCoy und Carol, die nicht voneinander loslassen können und durch die blutigen Ereignisse eine Annäherung finden. Selten inszenierte Sam Peckinpah so gut wie bei diesem Film.

Als Extras gibt es die neue Doku PASSION & POETRY – The Getaway, Audiokommentar, Featurettes (u.a. über Jerry Fielding), Radio-Spots, TV-Spots, Alternative Filmmusik, Originaltrailer, Bildergalerie und ein Booklet.

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