Wenn man sich das Portfolio von Regisseur Michele Massimo Tarantini ansieht, ahnt man, dass der Mann nicht zur Speerspitze italienischer Regiekunst zählt. Neben Die letzten Heuler der Marine, Helm auf – Hose runter und Flotte Teens und heiße Jeans ragt nur Blutiger Schweiß einigermaßen qualitativ aus der Liste schlüpfriger Low-Budget-Arbeitsgelegenheiten heraus. Er scheint eher der Auftragsfilmer gewesen zu sein und so jubelte man Tarantini wohl auch A Man called Magnum unter, einen Poliziotteschi, der passenderweise in Neapel gedreht wurde, wobei irgendwie alle Poliziotteschis italienische Großstädte als Handlungsrahmen einsetzen. Ob Palermo, Mailand, Rom oder Neapel – die pulsierende Großstadtkriminalität hat immer toughe Bullen zum Aufräumen auf den Plan gerufen und in diesem Falle reist Luc Merenda aus Mailand zum Durchwischen in Neapel an. Regisseur Tarantini könnte also loslegen. EXPLOSIVE MEDIA, im Vertrieb von PLAION PICTURES, brachten den Kracher nun restauriert auf Disc heraus.

Originaltitel: Napoli si ribella
Regie: Michele Massimo Tarantini
Darsteller: Luc Merenda, Enzo Cannavale, Adolofo Lastretti, Marianne Comtell, Claudio Gora
Artikel von Kai Kinnert
Die Handlung versetzt uns in das pulsierende, von Kriminalität durchzogene Neapel, wo Commissario Mauri (Luc Merenda) aus Mailand ankommt, um dem organisierten Verbrechen den Kampf anzusagen. Ein gestohlener Drogenvorrat im Wert von zwei Millionen Dollar löst eine Kette von Ereignissen aus, die Mauri und seinen Partner, den charismatischen Maresciallo Nicola Capece (Enzo Cannavale), auf eine gefährliche Mission führen.

Es dauert ein paar Minuten, aber dann setzt sich die Erkenntnis durch, dass dies ein Film der Mangelwirtschaft und der Spirituosen-Werbung ist. Gerade in der ersten Hälfte des Films sieht man überall die bunten Werbeschilder entsprechender Hersteller an den Wänden hängen, womit wir dann auch schon beim stilistischen Höhepunkt des Films angekommen wären. Neapel, überhaupt der Süden Italiens, ist von Armut geprägt, gerade hier gibt es Straßenzüge, die aussehen, als hätte man irgendwo in der Dritten Welt gedreht. Das passt dann auch gut zum Budget des Films, der, ähnlich wie Neapel, einfach keines hatte und fehlendes Budget durch Einfallsreichtum hätte ersetzten können. Aber im Gegensatz zu Neapel entwickelt Regisseur Tarantini keinen Einfallsreichtum, um aus dem Mangel das Beste zu machen, nein, er ergibt sich einfach dem fehlenden Geld und kurbelt seinen Film ohne Verve, Druck und Originalität runter. Das die Straßen Neapels ärmlich aussehen ist normal, dass allerdings die Innenaufnahmen noch ärmlicher als die Außenaufnahmen aussehen, ist eine Kunst. Räume kann man mit ein paar Handgriffen aufwerten und ausstatten, bei Straßenzügen ist das schon was anderes. Aber auch hier greift Tarantini nicht ein und präsentiert uns die Abwesenheit eines Ausstatters und Requisiteurs in Form von grottenhässlichen Räumen und Innenausstattungen, die auf keine Kuhhaut mehr gehen. Dazu passt die Kameraarbeit von Sergio Rubini, der scheinbar keine Lust hatte, den Film zumindest optisch zu retten und begnügt sich so mit dem einfachen Abfilmen von Dialogen, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an Bildgestaltung zu verschwenden. Ähnliches auch mit der Action. Standesgemäß gibt es hier natürlich auch eine Autoverfolgungsjagd und diverse Schießereien zu sehen, wobei man allerdings zu 97% auf den Einsatz von Effekten verzichtete (bis auf einen Schuss ins Bein) und die mangelnden Spezialeffekte durch Filmschnitt und Close-Ups ersetzte. So ist die Autoverfolgungsjagd dann auch eine kraftlos runtergekurbelte Fahrt durch den Berufsverkehr, lau geschnitten und ohne Mut inszeniert. Während andere Produktionen sich als Alfa-Romeo-Kamikaze mit einer Handvoll Stuntmen in den echten Straßenverkehr schmeißen, dödelt Tarantini in seinem käsigen Drei-Schnitte-Event schlapp zum rumpeligen Soundtrack von Franco Campanio durch die Straßen Neapels: zweimal rechts, einmal links, Bremse, Stoßstange, Kurve, fertig. Überhaupt: Die Filmmusik. Was war da los? Campanio komponierte eher laut als rhythmisch, dazu drängelt sich an einer Stelle eine „querlaufende“ Disharmonie in eine Szene, dass man sich fragen muss, ob Campanio vielleicht nicht immer ganz nüchtern zur Arbeit gekommen ist (was die vielen Spirituosen in dem Film erklären würde).

Es nützt einfach nichts die Elemente eines Poliziotteschi abzurufen, dass ergibt noch keinen Film. Gangster werden erschossen, Frauen werden verprügelt, Autos verfolgen sich, die Fäuste fliegen und ein Sprüchlein auf den Lippen darf auch nicht fehlen. Das alles zitiert A Man called Magnum zwar, aber Tarantini bringt es nicht in Form, er filmt einfach nur ab, es gibt keinen Schwung. Dieser Film wirkt wie eine To-Do-Liste italienischen Genre-Kinos und Tarantini schien froh darüber gewesen zu sein, sich nicht länger als nötig mit den Dreharbeiten auseinandergesetzt zu haben. Den gleichen Eindruck macht auch Luc Merenda, der hier mit dem lächelnden Charme eines Karpfens den Clint Eastwood gibt. Einzig im Zusammenspiel zwischen dem dödeligen Sergeant Capece (Enzo Cannavale) und Luc Merenda ergibt sich so etwas wie Witz in diesem Film. Cannavale hat eindeutig komisches Talent und ist mit Abstand der beste Schauspieler in dieser neapolitanischen Wundertüte der verpassten Chancen. Da nützt es dann auch nichts mehr, zum Ende hin in zwei Szenen recht uninspiriert neapolitanische Folklore einzubauen, um so auch die Stadt als tödlichen Gegenspieler in Erinnerung zu rufen.
Der größte Vorteil von A Man called Magnum ist, dass er in die Poliziotteschi-Sammlung passt und so als weiterer Film von den Höhen und Tiefen des Genres zu berichten weiß. Es ist wie mit den Italo-Western: Wer sie sammelt, sammelt auch die schlechten Filme, das ist eine Frage der Vollständigkeit des Verfügbaren. Genau in diese Lücke drängt sich der Film.

Das Bild der gesichteten Blu-ray war gut und sauber, der Ton ebenso. Als Extras gibt es Trailer und ein Wendecover.
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