Kurz bevor Christoph Maria Herbst in seiner Kultrolle als Bernd Stromberg in die Kinos zurückkehrte, agierte er in Ganzer halber Bruder ebenfalls als sympathisch-unsympathischer Kotzbrocken. Eine Rolle, die dem Schauspieler auf den Leib geschrieben wurde. Quasi als Warm-Up für seine Fans, die ihn als verschlagenen Kotzbrocken lieben. Hier möchte er seinen, an Trisomie 21 leidenden, Halbbruder aus dem gemeinsamen Haus jagen, wobei ihm jedes Mittel recht ist. Nach solidem Kinoeinsatz bringt LEONINE STUDIOS die Komödie jetzt auch ins Heimkino. Ich verrate Euch, ob hier das bitterböse Potential ausgeschöpft-, oder ob es nur ein halber Spaß wurde.

Regie: Hanno Olderdissen

Darsteller: Christoph Maria Herbst, Nico Randel, Sesede Terziyan, Michael Ostrowski, Tristan Seith

Artikel von Christian Jürs

Thomas (Christoph Maria Herbst) kann sein Glück kaum fassen. Gerade erst wurde der Immobilienbetrüger aus dem Gefängnis entlassen, da offenbart ihm sein schmieriger Bewährungshelfer Giesser (Michael Ostrowski), dass er ein Haus von seiner im Sterben liegenden Mutter, die er als Heimkind niemals kennenlernte, erben wird. Thomas findet dabei schnell heraus, dass das Anwesen einen ganzen Batzen Geld wert ist, weswegen er die Immobilie schnell veräußern möchte. Doch daraus wird nichts, denn sein, ihm bislang unbekannter, Halbbruder Roland (Nico Randel), genannt Sunny, bekam testamentarisch lebenslanges Wohnrecht eingeräumt – und auf dieses pocht der sympathische, an Trisomie 21 leidende, Bodybuilder und Musikfan natürlich. Hier beherrscht er seinen Alltag, den er nun, gelegentlich unterstützt von der Sozialarbeiterin Yesim (Susede Terziyan), allein bewältigen muss.

Doch Thomas gibt sich nicht geschlagen und entwickelt eine perfide List. Unter dem Vorwand, seinem Halbbruder unter die Arme greifen zu wollen, nistet er sich im Haus ein, um für Chaos im Leben von Roland/Sunny zu sorgen. Fortan lässt er nichts unversucht, um Sunnys tägliche Aktivitäten zu torpedieren, in der Hoffnung, ihn damit in eine Pflegeeinrichtung zu bugsieren. Dabei drängt die Zeit, denn Giesser hat bereits einen Käufer in der Hinterhand und mit dem ist nicht gut Kirschen essen. Wird es Thomas gelingen, Sunny aus dem Haus zu ekeln, um es veräußern zu können und nebenbei noch das Herz der sympathischen Yesim zu erobern?

Die Grundprämisse von Ganzer halber Bruder erinnert entfernt an den oscarprämierten Hollywood-Hit Rain Man mit Dustin Hoffman und Tom Cruise, in dem es ebenfalls um ein Erbe zwischen gesundem und erkranktem Bruder geht. Hier aber gibt es deutlich mehr Komödien-Potential, schließlich sucht Thomas immer wieder nach fiesen Möglichkeiten, um Sunny aus dem Haus zu bekommen. Dabei laufen die raffinierten Pläne des durchtriebenen Thomas natürlich schief, was ihn immer mehr in Erklärungsnot bringt. Doch diesen Fokus lässt Ganzer halber Bruder viel zu früh fallen, um einen gefälligen, vorhersehbaren Weg einzuschlagen, der die Komik gegen einen erhobenen Zeigefinger austauscht. Dies wurde mir leider schon klar, als die Credits über den Bildschirm liefen und darauf hinwiesen, dass es sich hier um eine Co-Produktion des ZDF und ORF handelt, unterstützt von einer Handvoll Filmförder-Anstalten.

Nun muss man der Fairness halber feststellen, dass Drehbuchautor Clemente Ferndandez-Gil, der mit Regisseur Hanno Olderdissen bereits an Rock my Heart arbeitete, einen Sohn mit Down-Syndrom hat und dadurch eigene Erfahrungen in den Film einfließen lassen konnte und sein Thema auch ernst nimmt. Doch Ganzer halber Bruder will nicht nur Drama, sondern auch Komödie sein und scheitert an dieser Mischung leider kläglich. Christoph Maria Herbst kann seinen Fiesling leider nur mit deutlich angezogener Handbremse ausspielen, da der Film viel zu früh, also nach nur wenigen Minuten, klarmacht, dass der gemeine Immobilienbetrüger doch das Herz am rechten Fleck hat. Sunny wird im Bus von gemeinen Jugendlichen ausgelacht, woraufhin Thomas für ihn einspringt und einen Schlag ins Gesicht kassiert. Bloß nichts riskieren lautet die Devise dieser Filmproduktion, weswegen auch noch eine halbgare Romanze ins Skript gepresst wurde, die viel zu wenig Raum bekommt, um glaubwürdig zu wirken. Für jeden etwas, aber nie genug. Das Publikum soll sich halt nicht aufregen und kollektiv hinterher sagen: „Ach, was war das doch schön!

Ganzer halber Bruder ist kein schlechter, sondern ein mutloser Film. Das geht schon bei der Tatsache los, dass Rolands Lieblings-Song Sunny von Bobby Hebb aus dem Jahr 1966 ist, den wir während der gesamten Laufzeit immer und immer wieder zu hören bekommen – in jeder erdenklichen Version. Warum muss es denn ein so biederer Song sein, den meine Eltern einst in der Boney M.-Version (ebenfalls enthalten) rauf und runter gehört haben? Hätte es nicht etwas Frecheres, Frischeres sein können? Ozzy? Scooter? Oder gar K-Pop? Nein, Ganzer halber Bruder traut weder Roland, noch dem Publikum ein Wagnis zu. Hier wird alles mundgerecht dem ZDF/ORF-Publikum zurechtgeschnitten und vorgekaut, niemals bissig, sondern stets im zweiten Wohlfühl-Gang. Am Ende ist dann auch wieder heile Welt, damit Oma nach dem Film ruhig schlafen gehen kann.

Leider bleibt meiner Meinung nach die einzige Begründung für den Kauf von Ganzer halber Bruder die Besetzung von Christoph Maria Herbst, der hier auf Autopilot agiert und in seiner Rollenwahl derzeit wenig Abwechslung beweist. Ob Ganzer halber Bruder, Stromberg – Der neue Film oder aktuell in Extrawurst im Kino – die Figuren ähneln einander sehr. Ganzer halber Bruder ist gut gemeint, letztlich aber ideenlos und vorhersehbar geraten. Schade, denn Potential war vorhanden.

Ein wenig lieblos kommt leider auch die Heimkino-Veröffentlichung daher. Im Bonusbereich der mir vorliegenden Blu-ray findet man leider nur Trailer – keine Featurette, kein Audiokommentar und keine Interviews. Hier wurde ebenfalls das Potential nicht annähernd ausgeschöpft. Ich würde empfehlen, hier erstmal auf die kommende Leihversion zurückzugreifen.

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