Das Fudoh in die Kinos kam, dass überhaupt irgendein Takashi Miike Film ins Kino kam, war einem Zufall zu verdanken. Selber hatte der Meister des Grotesken und des Experimentalfilms das gar nicht vorgehabt, er wollte, wie eh und je nur Videofilme drehen, in denen sich Cast und Crew mit Vergnügen austoben dürften. Er erzählt in den Extras zu Fudoh, dass sein Zielpublikum er selber, die eigene Crew und die Schauspieler sind, für andere Zuschauer arbeitet er eigentlich nicht. Die Leute vor der Leinwand sind ihm egal. Lieber würde er einen beschissenen Film drehen, an dessen Arbeit alle Spaß hätten, als einen erfolgreichen Kinofilm, durch den sich Cast und Crew quälen müssten. Am schlimmsten wird es, wenn man davon dann auch noch eine Fortsetzung drehen müsse. Ihm sind die kleinen, halb-improvisierten Filme lieber, so wie Fudoh, einem Streifen, der mit dem kläglichen Budget einer einzigen japanischen Telenovela auskommen musste und durch einen Zufall Miike bei einem weltweiten Festivalpublikum bekannt machte. Als Miike sich nach der 18-tägigen Drehzeit beim Produzenten des Rohmaterials ansah, war es Herr Chiba von der GAGA Corporation, der ebenfalls einen Blick auf das Material warf und gleich mit der Anweisung zum Telefon griff, den Film in die Kinos zu bringen. Festivals und Kinos hatte Takashi Miike bis zu dem Zeitpunkt nie vorgehabt und war, nach eigener Aussage, selber gänzlich überrascht davon, auf einer Bühne einen Preis für Fudoh entgegennehmen zu müssen. Dementsprechend kurz fiel dann auch seine Dankesrede aus: Nämlich keine. Fudoh – The New Generation ist der Startschuss für Takashi Miikes Weltkarriere und setzte mit seinen wilden Eskapaden in Gewalt und Provokation eine deutliche Duftmarke. Fudoh zeigte der Welt, wohin die Reise bei Miike zukünftig gehen wird. LUCKY 7 brachten den Klassiker des japanischen Kinos als limitierte Scanavo-Box heraus.

Originaltitel: Gokudô sengokushi: Fudô

Regie: Takashi Miike

Darsteller: Shosuke Tanihara, Miho Nomoto, Tamaki Kenmochi, Marie Jinno, Kenji Takano, Gosen Mikami

Artikel von Kai Kinnert

Fudoh erzählt die Geschichte des erfolgreichen Highschool-Schülers Riki Fudoh, der ein Doppelleben im organisierten Verbrechen führt. Mit seiner Bande minderjähriger Attentäter kontrolliert er nicht nur das Geschehen an seiner Schule, sondern strebt danach, die kriminellen Angelegenheiten der gesamten Insel zu übernehmen. Blut fließt in Strömen, als Riki und seine Mitstreiter einen Mordfeldzug gegen die führenden Köpfe der lokalen Yakuza starten, dessen ultimatives Ziel sein Vater ist. Die Unterwelt gerät in Panik und ruft den mysteriösen und mächtigen Problemlöser Nohma herbei. Rikis Vater schickt unterdessen seine eigene Waffe in Gestalt eines ehemaligen Regierungsagenten, der verdeckt als Sportlehrer der High School arbeitet und noch brutalere Methoden anwendet als die Schergen des jungen Fudoh.

Wer sich einst zu VHS und VCD-Zeiten durch die ungeschnitten Untiefen des asiatischen Videomarktes kopierte, wird früher oder später auf irgendeinen Takashi Miike Film gestoßen sein. Bei mir und meinem Kollegen Christian war es der Keller von Venal Virulent Video in Hamburg in der Rappstraße und mein VHS-Tauschpartner M. Spanic, sowie der Versandkatalog von Adrenafilm, der uns auf die wilden Filmergüsse von Takashi Miike stoßen ließ. Fudoh, Dead or Alive und Full Metall waren so die ersten Filme, später gefolgt von Audition, Visitor Q oder – natürlich – Ichi the Killer, den wir später sogar in der vollständigen Fassung aus Österreich, entgegen allen Jugendschutzgesetzen, in der Videothek in den Verleih stellten. Der Jugendschutz wurde damals bei City Video Lübeck sowieso nur sporadisch beachtet, wir hatten eine ganze Wand voll mit ungeschnitten Originalfassungen aus Asien im Verleih. Ich erinnere mich noch, wie ich bei VHS die NTSC-Bänder in PAL umkopierte und danach das PAL-Band in die originale NTSC-Kassette umlegte, die Siegel neu verklebte und die Tapes in den Verleih stellte. Wir hatten alles, wir kopierten alles. Und im Zuge der Uncut-Geschichten aus Asien war Takashi Miike natürlich stets ein „Muss“, wobei allerdings nicht alles von ihm gut war. Stichwort: Spaß am Set. Cast und Crew werden eine tolle Zeit gehabt haben, das Publikum hingegen fragte sich: Was soll das, ist das Kunst?

Fudoh – The New Generation zählt für mich zu den sehenswerten Miike Filmen, hier funktioniert das Experiment des Regisseurs Miike, der gerne einfach mal Laien, schlechte Schauspieler und gute Schauspieler aufs Set wirft und sich darüber amüsiert, wie alle anfangen „zu schwimmen“ und ihren Weg durch die Szene finden müssen (hier empfehle ich die Extras zu Fudoh. Miike amüsierte sich köstlich und erzählt noch einmal im Nachhinein, was er von den eingesetzten Schauspielern hält). Das Ergebnis ist annehmbar und begründete Miikes weltweiten Erfolg. Obwohl für einen „Appel“ und ein „Ei“ gedreht, überzeugt Fudoh in seinem fiebrigen Yakuza-Wahnsinn durch eine geschlossene Atmosphäre, einer straffen Inszenierung und genügend absurden Blut-Momenten. Und geblutet wird ordentlich, wobei die Pussy-Blasrohr-Nummer schlichtweg einen legendären Miike-Moment darstellt, der auch Quentin Tarantino gefallen haben dürfte. Während es auch in anderen japanischen Filmen durchaus blutig zugehen kann, bekommt man so schräge Momente, wie das mit dem Pussy-Blasrohr, nur bei Takashi Miike zu sehen. „Hoppla, ich habe gerade meine Tage“ sagt ein Mädel aus der Fudoh-Bande, das nicht nur einen Pfeil durch vaginale Kontraktion in den Gegner ballert, sondern die Regelblutung gleich mit hinterher. Das ist legendär, eine Idee, die nur Miike liefern kann. Das Portfolio Miikes ist voll mit solchen Provokationen, dafür liebt ihn die große Fangemeinde. Visitor Q oder Ichii the Killer sind ein Quell an verstörenden Szenen, das nur am Rande.

Takashi Miike hat mit ganz wenig Budget einen soliden, schräg-amüsanten Yakuza-Film gedreht, der den Grundstein für seine internationalen Karriere legen sollte. Zurecht, denn in Fudoh zeigt Miike, dass er Kinofilme drehen kann (obwohl er einen Videofilm geplant hatte) und dabei eine völlig neue losgelöste Erzählweise auf Genres und Dinge bietet, die in der Kinolandschaft einmalig ist. Man kann von seinen Filmen halten, was man will, unbestritten ist aber das Alleinstellungsmerkmal seiner Produktionen an Schrägheit und Absurditäten, die nur für die großen Kinoproduktionen etwas aufgeweicht werden. Fudoh liefert einen geschlossenen, gut inszenierten Kosmos an Blut, Gewalt und wahrlich schrägen Einfällen. Der geneigte Miike-Fan wird hier zuschlagen, alle Neugierigen sollten einen Blick wagen.

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber und gut, der Ton ebenso. Als Extras gibt es ein interessantes Interview mit Takashi Miike (untertitelt), ein Interview mit Shosuke Tanihara und einen Audiokommentar, sowie die üblichen Gimmicks wie Poster und Bierdeckel. 

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