Dieser Spionagethriller der 1970er ist mir in den letzten 40 Jahren kaum untergekommen, wo hatte er sich nur versteckt? Ich hatte ihn damals einmal auf VHS gesehen, danach dann aber auch nie wieder. Lief der Film je im TV? Was mich allerdings gefühlt 40 Jahre begleitete, war Robert Frost und sein berühmtes Zitat „Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich stehn und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann, und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann“, welches ein Freund von mir bei sich jeder anbietenden Gelegenheit zitierte. Kein Wunder, er hatte ja auch die VHS-Kassette in der Erstauflage im Regal stehen, damals schon fast eine Trophäe. In meiner eigenen Sammlung fehlte der Film bislang, umso erfreuter war ich, das PLAION PICTURES den Bronson/Siegel Klassiker nun in einem Mediabook mit einem 2K – Scan vom Interpositiv (Blu-ray und DVD) veröffentlichte.

Regie: Don Siegel

Darsteller: Charles Bronson, Lee Remick, Donald Pleasence, Lee Remick, Tyne Daly, Patrick Magee

Artikel von Kai Kinnert

Im Kalten Krieg wurden feindliche, in die USA eingeschleuste Agenten, darauf konditioniert, beim Hören eines Gedichts von Robert Frost, Terrorakte zu begehen. Spion Dalchimsky (Donald Pleasence) kann sich mit dem nahenden Ende des Kalten Krieges nur schwer abfinden und aktiviert einige der Schläfer per Telefonanruf. Nun ist es die Aufgabe von KGB-Major Girori Borjow (Charles Bronson) die nahende Katastrophe zu verhindern. Wenn das Telefon schrillt, sind Feuer und Zerstörung nicht weit.

Ach ja, stimmt! Nachdem ich den Film nun endlich einmal erneut sehen durfte, fiel es mir wieder ein, warum mir der Streifen damals als Charles Bronson-Film so fluffig-gut gefiel, obwohl – oder eben gerade deshalb – der Streifen eigentlich nur ein dramaturgischer gerader Strich ist, ohne dabei originelle Wendungen einzubauen. Dem KGB-Spion, gespielt von Donald Pleasence, passt die aktuelle Politik seiner Regierung nicht und so aktiviert er nun Schläfer-Zellen per Telefonanruf, damit die dann zu selbstmörderischen Sabotageakten auf militärische Infrastruktur in den USA aufbrechen, was dann hoffentlich, so der aberwitzige Kalte Krieg-Plan, als Angriff Russlands bewertet werden würde und die Amerikaner zum Gegenschlag motivieren soll. Ach, das waren noch Zeiten, als man solche Dinge noch linear und am Münzfernsprecher verüben musste und die Welt nicht aufgrund irgendeiner TikTok-Challenge oder irgendwelcher Chatgruppen in der X-Akademie für politische Bildung in den Abgrund gerissen wird. Damals musste man noch Zettel fotokopieren, Leute am Schnur-Telefon erreichen und konnte Dinge nur dann übergeben, wenn man auch wahrlich irgendwo hingefahren ist. Die analoge Welt verhinderte Verschwörungen, macht sie zumindest komplizierter zu organisieren und zugleich zentralisierter, während die digitale Welt die Verschwörung dezentral fördert und somit eine direkte Konfrontation nicht erforderlich macht. Die digitale Welt wäre aber auch nichts für Charles Bronson und so bekommt er den schlichten Auftrag, in die USA zu reisen und Donald Pleasence zu erledigen, bevor der alle 50 Schläfer-Zellen aktiviert hat. Dafür bekommt er in den USA Lee Remick, eine Doppelagentin, als Tarn-Ehefrau zur Seite gestellt, die hier ganz eindeutig die Rolle von Jill Ireland einnimmt, mit der Bronson dann in seinem nächsten Film Ein Mann räumt auf (1979) wieder spielen sollte. Mit Lee Remick macht er sich dann auf, Donald Pleasence aufzuspüren, nicht ohne dabei selbst in Gefahr zu geraten, denn die Geheimdienste beider Seiten würden Bronson/Remick am Ende auch lieber tot sehen.

Das Drehbuch von Telefon ist schlicht und vorhersehbar, aber dennoch straff und kurzweilig, zumal das Finale, trotz aller Vorhersehbarkeit, recht spannend geraten ist. Woran das liegt? In erster Linie natürlich an Don Siegel, der zu der Zeit eine ganze Reihe guter Filme hintereinander weg inszenierte und auch bei Telefon einen guten Erzählfluss hatte. Siegel inszeniert flott und ohne Schnörkel, gespickt mit leiser Ironie, zwei blutigen Kopfschüssen und einem entspannt agierenden Charles Bronson, der wie die Faust aufs Auge in diese Rolle passt. Als russischer Agent hat er da durchaus ein glaubwürdiges Heimspiel. Ansonsten ist der Rest der Besetzung zwar gut, aber nur Staffage für die simple Search & Destroy Story im Agentenmilieu. Drehbuchautor Peter Hymes ist ein routinierter Autor und Regisseur, der für die Story hier schlicht das Lineal anlegte und mit einem einzigen Strich eine „von A nach B“-Dramaturgie niederschrieb, die von Don Siegel in einer einzigen Handbewegung actionreich inszeniert wurde. Man sieht dem dynamischen Treiben dank der gelungenen Kombination aus Regie, Besetzung, Drehbuch und Filmmusik (Lalo Schifrin) gerne zu, hier bleibt alles, dank Siegels Effektivität, ökonomisch fokussiert. Und das Finale, wenn Bronson/Remick auf Donald Pleasence stoßen, der gerade den nächsten Schläfer aktivieren möchte, ist wirklich spannend geraten. Da zeigt Siegel, wie man auf gelungene Art und Weise aus der Vorhersehbarkeit eines durchdacht reduzierten Drehbuchs ein Maximum an Spannung kondensieren kann.

Telefon ist ein flotter Agententhriller, der zwar nicht besonders realistisch ist, dafür aber auch heute noch enorm unterhält, denn… Moment, mein Telefon klingelt! …Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich stehn und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann, und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann…

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist streckenweise etwas milchig, so als hätte man hier und da einen Weichzeichner genommen, was Don Siegel aber nicht gemacht hat. Der Ton ist gut. Angeblich ist es ein neuer 2K – Scan vom Interpositiv. Als Extras gibt es einen Trailer und eine Bildergalerie. Im Innenteil des Mediabooks (lag nicht vor!) soll sich ein Booklet, verfasst von Christoph N. Kellerbach, befinden.

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