Michael Ciminos Regiedebüt zählt bis heute mit zu einem der schönsten amerikanischen Roadmovies und entsprang einer Zeit, in der das New Hollywood nach einem Aufflackern mit Easy Rider schon wieder am Ende war. Betrachtet man das New Hollywood mit Abstand, könnte man meinen, dass es eine Art konzentrierten Aufbruch junger Filmemacher gegeben hätte, die, dank einiger neuer Ideen, als New Hollywood bezeichnet wurden und erst mit der Entdeckung des Boxoffice-Hits Ende der 1970er wieder begraben wurde. Es gefiel die Vorstellung, dass der Kommerz das junge, unabhängige und originelle New Hollywood wieder zerstörte. „Das ist eine Illusion!“ korrigiert Nick Redman im Audiokommentar zu Die Letzten beißen die Hunde. „Es waren die Drogen. Ab 1974 ist Hollywood in Drogen ersoffen. Das war das Ende von New Hollywood.“ klärt Redman auf. Michael Cimino erwischte es nicht. Er hatte einen Vertrag bei der Malpaso Company und überarbeitete 1973 das Drehbuch zu Magnum Force von John Milius derart, dass Cimino einen Credit als Autor bekam und er sein Drehbuch zu Die Letzten beißen die Hunde, Ciminos Hommage an seinen Lieblingsfilm Wenn die Ketten brechen (1955). der Malpaso Company verkaufen konnte. Eastwood wollte unbedingt ein Roadmovie machen und Ciminos Drehbuch traf genau den Ton, den Clint sich vorstellte. Er war bereit dafür, Cimino den Regiestuhl zu überlassen. Eine weise Entscheidung. Die Malpaso Company gab damals vielen jungen Nachwuchsschauspielern und Kreativen eine Chance und mit Michael Cimino traf es in jedem Falle den richtigen.  CAPELIGHT PICTURES brachten diesen unumstrittenen Klassiker Hollywoods nun erneut als limitiertes Mediabook heraus (damals Blu-ray & DVD / jetzt 4K Ultra HD + Blu-ray).

Mitten im Nirgendwo in Montana wird während einer Predigt plötzlich auf den Pfarrer geschossen. Dem Geistlichen, der eigentlich kein Geringerer als der untergetauchte Ganove John Thunderbolt Doherty (Clint Eastwood) ist, gelingt jedoch die Flucht. Er kann sich in das zufällig vorbeifahrende Auto des Herumtreibers Lightfoot (Jeff Bridges) retten. Als zwei vom gleichen Schlag werden die beiden schnell Partner, doch dem alternden Dieb sitzen noch immer seine Angreifer und ehemaligen Komplizen im Nacken. Sie fordern ihren Anteil der Beute aus einem gemeinsamen Überfall, um den er sie betrogen haben soll. Die halbe Million, die er nach dem Coup in einer alten Schule versteckt hat, ist aber verschwunden. Um wieder an das Geld zu kommen, schließen sich die Gangster widerwillig mit Lightfoot und Thunderbolt zusammen und planen einen neuen Raub: Gemeinsam wollen sie einen als absolut einbruchssicher geltenden Panzerschrank knacken.

Ein besonderes Merkmal der Filme von Michael Cimino ist die Präsenz der Landschaft, das Hinterland, die kleinen Städte, die einfachen Menschen, denen man begegnet und immer und immer wieder diese atemberaubende Landschaft, in der Cimino seine Filme inszenierte. Die Natur als dramaturgisches Element, diese gewaltigen Panoramen, die den Horizont der Einstellungen einfassen, sind in jedem seiner Filme von atemberaubender Schönheit. Und Montana bietet einiges an urgewaltiger Schönheit und damit eine ideale Kulisse für Ciminos Roadmovie, in dem es eigentlich um die zarte und zugleich tragische Männerfreundschaft zwischen Thunderbolt und Lightfoot geht. Damit steht der Film ganz in einer 1970er-Tradition von Filmen, die von Männerfreundschaften handeln: Asphalt-Blüten, Hexenkessel, Papillon, Midnight Cowboy, Paper Moon oder Der Clou, um nur ein paar zu nennen. Über den schwulen Subkontext in diesem Film wurde auch schon einiges geschrieben und man fragte einst Clint Eastwood, ob es ihn nicht störe, dass man dem Film durchaus einen homoerotischen Subkontext unterstellen könnte. „Es gibt einen Subkontext? Das ist doch toll!“ war Clints Reaktion. In seinem Debüt inszeniert Cimino so, als wäre das nicht sein erster Film, sondern sein fünfter. Die Art der Inszenierung und die unaufdringliche Präsenz der atemberaubenden Landschaft Montanas lassen den Film so wirken, als hätte Cimino das alles schon immer so getan. Cimino entwickelte keinen Stil, er hatte von der ersten Minute an den Stil für sich gefunden, den er bis zum Ende seiner Karriere durchziehen sollte. Ein weiterer Aspekt von Michael Ciminos Arbeitsweise griff schon ab seinem ersten Film: die Langsamkeit der Regie und die vielen Takes, die Cimino drehen wollte. „Wer ein oder zwei Takes benötigt, der ist ein Regisseur. Alle anderen raten herum.“ meinte Eastwood trocken und wurde im Laufe der Dreharbeiten zunehmend genervter von Ciminos zäher Arbeit hinter der Kamera. Während Eastwood damals schon nach dem zweiten Take alles im Kasten hatte, friemelte Cimino unverdrossen herum und wiederholte einen Take nach dem anderen. Als es an die Action in dem Film ging, hatte Eastwood große Befürchtungen, dass Cimino wochenlang an den Einstellungen basteln würde und gab ihm die Direktive: „Die 54 Einstellungen hast du an einem Tag abgedreht!

Und Cimino gehorchte. Am Ende des Drehtages kam er grinsend zu Eastwood: „Geschafft! Damit hast du jetzt nicht gerechnet, was?!“. Die Letzten beißen die Hunde ist ein schöner Clint-Eastwood-Film und ein sehr guter Michael-Cimino-Streifen noch dazu. Der milde Witz des Films, die leichte Inszenierung und die atemberaubende Landschaft Montanas machen den Film auch heute noch zu einem zeitlos unterhaltsamen Roadmovie, dass von einem Amerika erzählt, dass es heute so nicht mehr gibt. So stirbt das Kino, wie wir es kennen, nun endgültig. Vom Streaming blutig geschossen, setzt die Politik zum Fangschuss an. Das Label capelight pictures (und auch andere Verlage) veröffentlichen Filmklassiker aus einem Land, dass es nicht mehr gibt. Das alles ging mir irgendwie melancholisch durch den Kopf, als ich diesem sorgsam inszenierten und sympathischen Film erneut sichtete, dieses gänzlich amerikanisch erzählte Roadmovie, in dem am Ende nur der einsame Held in den Sonnenuntergang reiten darf. Ein wunderbar gespielter Film mit einem prächtig verschwitzten, herum fluchenden und ballernden George Kennedy, passend mit kleinem blondem Moustache, der vom schlaksigen Geoffrey Lewis begleitet wird und der in diesem einmaligen Bankraub mündet, für den man sich ein 20-mm-Oerlikon-Kanone mit der Post (!) hat liefern lassen. Ob man die im Katalog bestellen konnte? Fragen, die der Film nicht beantwortet, eben so wenig, woher Clint eigentlich das Wissen zum Knacken von Tresorräumen hat. Der Film bleibt bei den Andeutungen einer kriminellen Vergangenheit und verweilt in der Annäherung zwischen Eastwood/Bridges.

Die Letzten beißen die Hunde ist großes Erzählkino, ganz in der Tradition des US-Roadmovies, garniert mit leichtem Witz, einer atemberaubenden Landschaft und einer Reihe erstklassiger Charakterdarsteller (etliche Gesichter aus dem Peckinpah-Kosmos tummeln sich hier herum), die hier nur für eine Szene auftreten. Jeff Bridges spielt hier jung, frisch und herzlich auf, man spürt das Potential eines guten Schauspielers in ihm und auch Clint Eastwood macht seine Sache prima ist körperlich in bester Form und lässt Jeff Bridges genügend Raum, um als Schauspieler gegen die Präsenz Eastwoods anzukommen. Ein Film, der selbstredend in jede Clint-Eastwood-Sammlung gehört. Ein schöner Film und ein großartiges Debüt von Michael Cimino.

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber, satt und klar, der Ton ist gut. Als Extras gibt es ein 24-seitiges Booklet mit einem Text von Stefan Jung, einen Audiokommentar von Dokumentarfilmregisseur Nick Redman, Drehbuchautor Lem Dobbs und Essayistin Julie Kirgo, Tonspur mit isoliertem Score, den Originalkinotrailer und den deutschen Kinotrailer.

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