In den Neunzigern war Luc Besson als Regisseur eine ganz große Nummer. Mit Nikita (1990), Léon – Der Profi (1994) und Das fünfte Element (1997) inszenierte er gleich drei Spielfilme in Folge, die Kritiker und Publikum gleichermaßen begeisterten. Doch das ist lange her und seitdem ging es qualitativ bei ihm deutlich bergab. Dies könnte sich mit seinem neuesten Streich, einer sehr eigenen Adaption der Geschichte um den legendären Vampirfürsten Graf Dracula, möglicherweise geändert haben, zumal Oscargewinner Christoph Waltz als Vampirjäger zugegen ist. LEONINE STUDIOS hat den opulenten Gruselfilm jetzt im Heimkino veröffentlicht. Wir verraten Euch, was der Film kann – und was nicht!

Originaltitel: Dracula: A Love Tale
Regie: Luc Besson
Darsteller: Caleb Landry Jones, Zoë Bleu, Christoph Waltz, Guillaume de Tonquédec, Matilda De Angelis
Artikel von Christian Jürs
Dracula-Verfilmungen sind beinahe so alt wie das Kino selbst. So ziemlich jeder Filmfan hat in seinem Leben mindestens eine der Verfilmungen, die auf Bram Stokers Kultroman basieren, gesehen. Ob Bela Lugosi, Christopher Lee, Frank Langella, Jack Palance, Gary Oldman oder gar Trash-Papst Paul Naschy – jeder von Euch wird vermutlich seinen eigenen Favoriten haben. Dabei weicht die Geschichte mal mehr, mal weniger, vom Original-Roman ab. Luc Besson, soviel sei verraten, pfeift auf die literarische Vorlage und liefert seine ganz eigene Geschichte ab.

Dracula – Die Auferstehung beginnt seltsam bekannt. Im 15. Jahrhundert zieht Prinz Vladimir II. (Caleb Landry Jones) für sein Volk in den Krieg, ist siegreich und kehrt in seine Heimat zurück. Doch, oh Schreck, seine über alles geliebte Elisabeta (Zoë Bleu Sidel) hat sich das Leben genommen, nachdem ihr die Falschnachricht über das Ableben ihres Liebsten zugetragen wurde. Das macht Vlad natürlich sauer, er entsagt Gott und muss fortan als verfluchtes, untotes, blutgeiles Wesen auf Erden wandeln. Klingelt es da bei Euch? Natürlich, denn hier hat sich der gute Luc Besson ziemlich dreist bei Francis Ford Coppolas opulentem Werk aus dem Jahr 1992 bedient, der, nicht ganz richtig, den Titel Bram Stokers Dracula trägt, obwohl er sich nicht wirklich an die, größtenteils aus Reisebriefen bestehende, Romanvorlage hält. Von daher muss sich Luc Besson gefallen lassen, dass er direkt verglichen wird und dabei gehörig abkackt. Denn auch wenn Besson hier und da ein paar optisch schöne Kameraeinstellungen findet, an die genialen Bilder eines Michael Ballhaus kann er nicht im Ansatz anreichen.
Dann macht der Film den obligatorischen Zeitsprung ins 19. Jahrhundert, in dem der junge Notar Jonathan Harker (Ewens Abid) sich aufmacht in die Karpaten, um Graf Dracula einen Geschäftsbesuch abzustatten. Daheim wartet seine Verlobte Mina, die Elisabeta wie aus dem Gesicht geschnitten ausschaut und natürlich ebenfalls von Zoë Bleu Sidel verkörpert wird. So weit, so bekannt. Anders ist diesmal allerdings, dass wir bereits in dieser frühen Phase des Films Bekanntschaft mit Draculas Gegenspieler, quasi dem Vampirjäger Dr. Abraham van Helsing, machen. Der ist hier aber kein Doktor und tritt als namenloser Priester auf – dargestellt von Christoph Waltz. Wer jetzt Hoffnung hegt, eine weitere Oscar-Performance des sympathischen Schauspielers zu erleben, für den habe ich eine schlechte Nachricht: Waltz gibt seiner Figur keinerlei neue Facetten, er zieht stattdessen sein „Christoph Waltz„-Ding ab und spielt genau wie eh und je in seinen Auftritten bei Tarantino und Co. Eine Darstellung für den Paycheck – ohne neue Attribute zu setzen.

Wenn Jonathan Harker dann beim Blutgrafen eintrifft, gibt´s ein weiteres Déjà-vu für Fans der Coppola-Verfilmung. Denn wenn man nun den alten, schneeweißen Grafen erblickt, schaut dieser aus wie eine gewollte Cosplay-Variante von Gary Oldman, der Keanu Reeves in seinem Schloss willkommen heißt. Ein wenig peinlich ist das schon. Dann aber beschreitet Luc Besson endlich eigene, neue Wege. Denn im Angesicht des Todes gewährt Dracula seinem Opfer einen letzten Wunsch, da Harker ihn auf die Spur von Elisabeta gebracht hat, nachdem er an dessen Hals eine Kette mit ihrem Foto darin erblickte. Dieser letzte Wunsch verändert alles und lenkt dabei Gott-sei-dank von den kleinen, fiesen Helfern des Grafen ab. Bei denen handelt es sich nämlich um kleine Gargoyles, die an mies computeranimierte Gremlins oder gar Ghoulies erinnern, nur halt in noch billiger. Der letzte Wunsch des totgeweihten Jonathan ist, dass Graf Dracula ihm seine Geschichte erzählen möge. Ob er wohl Zeit schinden möchte?
Was folgt, ist durchaus originell, jedoch weitestgehend leider unfreiwillig komisch (oder doch freiwillig und einfach nur zum Fremdschämen???). Denn fortan sehen wir die Geschichte des Jahrhunderte auf Erden wandernden Dracula, der verzweifelt nach der Wiedergeburt von Elisabeta sucht. Ich will hier nicht zu viel spoilern, aber mit Horror hat das alles jetzt nix mehr zu tun. Hier greift der Originaltitel: Dracula: A Love Tale, gefüllt mit Dramatik und eben Komik, aber auch vielen Ideen und Momenten, bei denen ich mir nur an den Kopf fassen musste, wie plötzlich einsetzende, choreographierte Tanzszenen, bei denen man nur drauf wartet, dass Dracula gleich zu singen beginnt. Wer Bock auf merkwürdigen Trash hat, der dürfte bei Luc Bessons neuer Idee, warum Graf Dracula so unwiderstehlich auf Frauen wirkt, in schallendem Lachen von der Couch fallen. Anderen wird vermutlich eher der letzte Kartoffel-Chip wieder hochkommen. Denn Caleb Landry Jones verfügt nicht über den Hypnose-Blick, er… Nein, ich verrate es nicht. Das muss man gesehen haben, um es zu glauben.

Trashig, mit teils merkwürdigen Tanzeinlagen, einem gelangweilten Christoph Waltz und einem immerhin ambitionierten Dracula-Darsteller, der gegen den Irrsinn eines Drehbuchs anspielen muss. Dracula – Die Auferstehung ist wild, aber leider nicht gut oder gar wild genug. Mit Sicherheit nicht so trashig wie Dario Argentos Dracula, aber auch weit, weit entfernt von all den guten Verfilmungen, die es seit Jahrzehnten gibt. Luc Besson hat meiner Meinung nach sein Mojo verloren. Schade eigentlich.
Mir lag die Blu-ray in Rohling-Form vor. Im Bonusbereich findet man dort drei kleine Featurettes, ein 26-minütiges Interview mit Luc Besson, eine B-Roll und Trailer.
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