Es gibt Bücher, die liest man, und es gibt Bücher, die fühlen sich an wie ein mehrtägiger Convention-Besuch in Schriftform. „Geschichten aus Geektown“ von Peter Osteried ist genau so ein Ding – ein literarischer „Nerdgasmus“. Der zweite Roman der Reihe, diesmal bestehend aus mehreren Kurzgeschichten, ist jetzt ebenfalls im VERLAG IN FARBE UND BUNT erschienen. Ob Herr Osteried den Qualitätslevel halten konnte? Lest selbst.

Autor: Peter Osteried
280 Seiten – schwarzweiss
Artikel von Max Stascheit
Die Grundidee ist so herrlich wie originell: eine Stadt, die im Prinzip eine riesige Convention ist – dauerhaft, 24/7. Mit Einwohnern, die Popkultur nicht nur konsumieren, sondern vollständig leben. Die ihre Häuser nach Filmkulissen gestalten, nachts als vermeintlich dunkle Ritter umherstreifen und in journalistischen Interviews mehr popkulturelle Zitate droppen als andere bei Pantoffelkino.
Nach dem Roman-Auftakt Mord in Geektown legt Osteried nun mit 25 Kurzgeschichten nach. Kein klassisches Sequel, sondern eher ein Spin-off. Mal lustig, mal melancholisch, herrlich überdreht und auch überraschend nachdenklich. Genau das macht den Reiz aus: Geektown ist eben nicht nur Referenz-Feuerwerk, sondern geht tief in die Materie, die der Autor ersponnen hat.
Peter Osteried weiß, wovon er schreibt: Der Mann ist ein wandelndes Popkultur-Lexikon. Seit Jahrzehnten journalistisch unterwegs, Autor diverser Sachbücher – mein Liebling sind die Amicus Chronicles, unter anderem zu Babylon 5 oder Battlestar Galactica. Zudem wirkt er als Verleger bei mehreren Magazinen mit. Wer so tief im Nerdtum verwurzelt ist, schreibt keine oberflächlichen Anspielungen. Hier kommt Fan-Service mit geballtem Wissen daher. Und trotzdem: Das Buch macht sich nicht über die sogenannten Geeks lustig. Manchmal sind es eher die „Norms“, die von außen in dieses Biotop einfallen – wie Touristen – und ebenso schnell wieder abgewatscht werden (mit schweren Fragebögen zur Einzugs-Eignung). Osteried dreht den Spieß charmant um: Vielleicht sind die sogenannten Spinner ja einfach nur Träumer mit Leidenschaft.
Die Geschichten drehen sich unter anderem um einen Möchtegern-Dark-Knight mit gepresster Stimme, ein kritisches Interview mit dem exzentrischen Milliardär und Gründer von Geektown und die Frage aller Fragen: Wer gewinnt – Doc Browns DeLorean oder Hasselhoffs KITT? Außerdem die Aufnahmeprüfung als offiziell potenzieller Einwohner der Stadt und Porno-Produzenten, die das Potenzial einer gewissen Duschszene aus einem Hitchcock-Klassiker für ganz eigene Interpretationen entdecken (großartig!). Das sind allerdings nur einige der absurden Stories, die so vielseitig daherkommen wie die nerdigen Interessen der Bewohner.
Was die Geschichten besonders macht, ist der Ton: locker, flott, schnell konsumierbar. Aber darunter liegt mehr. Vor allem die Frage, wie viel Popkultur Identität stiften darf, wie man Geek mit Leib und Seele ist, ohne die echte Welt auszublenden, und wie man Pandemie-Lockdowns übersteht, und mit seiner eigenen Identität umgeht, wenn man mit all dem nichts zu tun haben will. Zwischendrin blitzen Dialoge auf, die so pointiert sind, dass man sie am liebsten einrahmen möchte. Wenn etwa diskutiert wird, ob man eher ein Martin Scorsese oder doch ein Paul W. S. Anderson sein will – inklusive sehr schönem Seitenhieb auf dessen Filmografie und Hauptdarstellerin –, dann weiß man: Hier schreibt jemand, der Popkultur liebt. Für Hardcore-Geeks ist das Buch ein Heimspiel. Wer jede Anspielung erkennt, fühlt sich wie beim Insider-Stammtisch. Für komplette Neueinsteiger könnte es anfangs aber wie eine Party wirken, auf der alle schon seit Stunden feiern und einen im Tee haben, während man selbst noch beim ersten Bier ist. Aber dennoch will man bleiben, es verstehen und Teil davon werden.
Geschichten aus Geektown ist Fan-Fiction und eine wahre Liebeserklärung ohne Kitsch. Es ist schnell gelesen, wie eine durchgebingte Serie. Osteried beweist einmal mehr, dass „Geeksein“ keine Phase ist, sondern eine Haltung. Allerdings fehlt mir als Kurzgeschichten-Connaisseur oft eine Pointe in den Stories. Es sind eher Fragmente aus der Stadt als Geschichten mit Plot-Twist. Manchmal kommen diese, wenn man sie doch mal so nennen will, „Pointen“ sehr verknappt und unspektakulär. Das würde ich als einzigen Minuspunkt werten.
Ich wüsste, wie mein Haus in Geektown aussehen würde: ganz im Twin Peaks-Stil. Da bin ich als mit einer großen Twin Peaks-Collage in die Haut tätowierter Über-Fan direkt Feuer (walk with me…) und Flamme. Ich kann Osterieds Charaktere also vollkommen verstehen und würde mir wünschen, dass es so eine Stadt tatsächlich gäbe. Immerhin können wir sie immer wieder in der Kurzgeschichtensammlung in all ihren Facetten besuchen – auch ein kleiner Trost.
Fun Fact: Es gibt sogar Pläne für eine Fortsetzung von Mord in Geektown, die laut Osteried vor allem von den Verkaufserfolgen der ersten beiden Bücher abhängen. Der Autor hat bereits einen Titel für den zweiten Teil, Story-Ideen für die Teile 2 bis 5 und sogar den Titel für Teil 5. Es wird also weiterhin geekig bleiben.
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