Schade ist nur, dass die E Street Band nicht so richtig zum Zuge kommt, denn immerhin spielt Steve Van Zandt seit Ewigkeiten bei Springsteen Gitarre und ist leider nur ganz kurz im Film zu sehen. Fans von Die Sopranos werden ihn als Silvio – „Immer, wenn du meinst, du bist raus, kommen sie und ziehen dich wieder rein“ – Dante kennen. Ich freue mich immer in den Springsteen-Konzerten über sein lebendiges Spiel am Instrument, aber das Springsteen-Biopic ist eben kein Musikfilm im eigentlichen Sinne, es ist ein Drama um die Einsamkeit und Depression eines Mannes, der am Scheideweg seiner Karriere steht und seine Herkunft nicht vergessen kann. Springsteen ist ein Mann der Arbeiterklasse und ringt an diesem Punkt seines Erfolges mit den Geistern seiner Vergangenheit, kann seine Wurzeln und seine Suche nach sich und seinem Vater nicht einfach so hinter sich lassen. Das Plattenlabel will Hits und man plant das Einspielen des Born In The USA-Albums, doch Springsteen besteht auf ein raues und ungeschliffenes Akustik-Album, ganz ohne Hits, ganz ohne Konzert und gänzlich ohne Werbung. Springsteen: Deliver Me from Nowhere ist nicht nur ein Biopic über Bruce Springsteen, es ist das Portrait eines Menschen, der um seine Identität im Menschlichen, als auch im Künstlerischen sucht. DISNEY HOME ENTERTAINMENT, im Vertrieb von LEONINE STUDIOS, brachten den Film von Scott Cooper nun im Heimkino heraus.

Regie: Scott Cooper

Darsteller: Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Stephen Graham, Paul Walter Hauser, Gaby Hoffmann

Artikel von Kai Kinnert

Jeremy Allen White spielt die Hauptrolle in diesem intimen Film über die Entstehung von Bruce Springsteens Akustikalbum „Nebraska“. An der Schwelle zum weltweiten Durchbruch kämpft der junge Musiker darum, den Druck des Erfolgs mit den Geistern seiner Vergangenheit in Einklang zu bringen. „Nebraska“ markierte einen Wendepunkt im Leben des Bosses und gilt als eines seiner kraftvollsten Werke.

Jeremy Allen White trifft den Ton. Er imitiert mich nicht, er imitiert auch nicht die Musik, er findet diesen Ton und spielt es so, wie ich es fühlte. Er hat diese Bewegung und er sieht aus, wie ich 1981 aussah.“ erzählt Bruce Springsteen in den Extras der mir vorliegenden Blu-ray, der nicht nur bei jeder Szene der Dreharbeiten dabei war, sondern den (On Location gedrehten) Film auch mit vielen privaten Sachen ausstattete. White trägt größtenteils die Original-Klamotten von Springsteen und spielt Nebraska auf der gleichen Gitarre ein, die Springsteen einst benutzte. Und obwohl dem Film große Konzert- und Musikszenen fehlen, musste der Nicht-Musiker Jeremy Allen White zuvor monatelang in den Gesangs- und Gitarrenunterricht, damit er vor den Dreharbeiten schon mindestens zwei Alben von Springsteen einspielen konnte. Alle Springsteen-Songs in diesem Film wurden von White gesungen – und er macht es richtig gut. Man hört schon ein bisschen, dass es nicht Springsteen selber ist, aber es ist so dicht dran und so gut interpretiert worden, dass man ganz baff ob der musikalischen Qualität von Jeremy Allen White ist, der Mann, der vorher seinen größten Erfolg als The Bear hatte.

So beginnt der Film dann auch gleich mit seinem musikalischen Höhepunkt: Dem Finale der The River-Tournee, die kommerziell ein großer Erfolg war. Wir sehen den letzten Song des Konzerts mit Springsteen und seiner E Street Band auf der Bühne, der Boss schwitzt und spielt voller Kraft und körperlichem Einsatz, die Adern treten am Hals angestrengt hervor, die Stimme rau, das Publikum begeistert, es gibt großen Applaus – danach hängt der Boss in seiner Garderobe schwitzend vorgebeugt auf dem Stuhl und fühlt die Stille in sich. Das Plattenlabel hätte gerne mehr von dem Erfolg, von den Hits, doch der Boss fühlt etwas anderes in sich, etwas, dass aus seiner Vergangenheit kommt und von ihm nicht verdrängt werden kann. Nebraska drängt an die Oberfläche. Sein Manager Jon Landau (Jeremy Strong), der bis heute enger Freund und Manager von Bruce Springsteen ist, ist ihm dabei eine Stütze dieses Projekt auch umzusetzen und vermittelt dabei zwischen dem Unausdrückbaren in Springsteens Seele und dem Plattenlabel, das natürlich Panik ob dieses düsteren Akustik-Albums schiebt.

Musikalisch erleben wir Springsteen in diesem Film noch in kurzen Szenen, in denen er Born In The USA einspielt oder er bei kurzen Gigs im Stone Pony spielt, einer sehr wichtigen Station in Springsteens musikalischer Karriere. Und natürlich wie er mit seinem Techniker und einer 4-Spur Amateur-TEAC-Aufnahmeeinheit in seinem Wohnzimmer das Nebraska-Album auf einer Maxell C-90 Kassette aufnimmt. Die Dinger hatte ich auch massenweise. Dabei werden weniger die technischen, als die künstlerischen Ansätze filmisch aufgenommen, wobei ich es sehr spannend fand, wie es Jon Landau später gelungen ist, die Verzerrungen der TEAC-Aufnahme über viele Vinyl-Pressungen aus der Rille zu entfernen. Was im Film nur eine Minute dauert, benötigte in der Realität monatelange Handarbeit eines Experten für Vinyl. Der Boss wollte das Album nämlich nicht neu einspielen, das Demo, welches er in seinem Wohnzimmer aufnahm, sollte so auf die Platte gepresst werden. Genauso sollte der Sound von Nebraska klingen: einfach und ehrlich. Nur ohne die Verzerrungen.

Privat ringt Springsteen mit seiner Vergangenheit und der Sehnsucht nach seinem Vater, hier wunderbar gespielt von Stephen Graham. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war nicht leicht, der Vater hat viel getrunken, war ein einfacher Arbeiter und öfter lieber in der Kneipe als zuhause. Auch wenn die Tracht Prügel durchaus im Raum schwebte, kam es nie zu großen Übergriffen innerhalb der Familie, denn dem Vater wohnte mehr eine Sprachlosigkeit, Angst und Scham inne, als die Gewalt. Mir haben die Szenen mit dem Vater sehr gefallen, da es hier nicht um dreckige Sozialromantik aus prekären Verhältnissen geht, sondern um den Versuch irgendwie eine Annäherung zu finden, irgendwie zu hören, dass man trotzdem geliebt wird, trotz aller geplatzter Lebensträume, trotz aller Armut, trotz Alkohol. Und Stephen Graham kann dies als großartiger Charakterdarsteller in Sekunden nur durch seinen Blick und seine Körperhaltung vermitteln. Der Film muss nicht groß die Vergangenheit der Familie beleuchten, es ist einfach sofort in Grahams Blick zu sehen. Die schönste Szene war dann für mich auch eine sehr unspektakuläre Szene, ganz am Schluss des Films. Als Bruce nach Nebraska mit Anfang 30 wieder auf Tournee ist, fängt ihn nach dem Konzert seine Mutter hinter der Bühne ab. Sein Vater würde in der Garderobe auf ihn warten und er möchte ihm etwas sagen, ob er nicht mal zu ihm gehen könnte. Das macht Bruce dann auch. Diese Szene ist einfach rührend, ganz klein und einfach, aber schön. Diese kleinen Szenen sind es, die diesen Film so groß und irgendwie auch feinfühlig machen. Jeremy Allen White trifft tatsächlich diesen Ton, glaubwürdig Bruce Springsteen zu interpretieren und zugleich auch universell ein Mensch auf der Suche nach sich selber zu sein.

Springsteen: Deliver Me from Nowhere ist nicht nur ein leiser Musikfilm, sondern auch ein Drama um einen Menschen auf der Suche nach sich selber. Der Film schafft es dabei, sehr dicht an den Menschen Bruce Springsteen heranzukommen. Dabei ist die Musik kein Selbstzweck, die Musikszenen werden nicht um ihrer selbst willen inszeniert, sondern spiegeln diese innere Lücke wider, die Springsteen mit seiner Gitarre im Wohnzimmer einkreisen und definieren wollte. Dabei ist ein ruhiges und angenehm zurückgenommenes Biopic entstanden, dass nicht nur für Fans von Bruce Springsteen unterhaltsam ist. Ein kleiner, feiner Film, der sein beinahe universelles, menschliches Thema, die Suche nach sich und seiner Herkunft, nachfühlbar ernst nimmt. 

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber, satt und klar, der Ton ebenso. Als Extras gibt es die Featuretten Die Liner Notes: Das Making-of – 1. Akt: Vom Buch zum Film / 2. Akt: Über die Musik hinaus / 3. Akt: Bruce Springsteen verkörpern / 4. Akt: Tiefe Authentizität.

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