Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr – Diese Alltagsweisheit muss der von Stellan Skarsgård verkörperte Charakter im oscarprämierten Familiendrama von Regisseur Joachim Trier (Thelma) schmerzlich feststellen, als er Jahre, nachdem er seine Familie im Stich gelassen hat, um Karriere zu machen, bei seinen Töchtern auf Ablehnung trifft. PLAION PICTURES veröffentlichte das Werk, in dem es um Kunst, Verantwortung und Liebe geht, jetzt im Heimkino. Ob der Film seine Preise verdient eingeheimst hat oder ob es sich doch nur um selbstverliebtes Arthaus-Kino handelt, erfahrt Ihr in meiner Kritik.

Originaltitel: Affeksjonsverdi
Regie: Joachim Trier
Darsteller: Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning, Jesper Christensen
Artikel von Christian Jürs
Stolze neun Oscar-Nominierungen gab es für Sentimental Value, darunter für die weiblichen und männlichen Haupt- und Nebenrollen, die Regie und den Film an sich. Letztlich gab es nur die Auszeichnung für den besten internationalen Film – ein Gewinner auf ganzer Linie ist Sentimental Value trotzdem. Denn mit seinem Siegeszug durch die Preisverleihungen entwickelte sich das Drama von Joachim Trier, der zuvor, ebenfalls mit Renate Reinsve, den hervorragenden Der schlimmste Mensch der Welt inszenierte, vom Geheim-Tipp zum Publikumserfolg.

Als die Schwestern Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) und Nora Borg (Renate Reinsve) noch Kinder waren, ließ ihr Vater Gustav (Stellan Skarsgård) sich von seiner Frau scheiden und kehrte seiner Familie den Rücken zu, um als Regisseur in der großen, weiten Welt Karriere zu machen. Fortan lebten sie Mädchen mit ihrer Mutter Sissel allein im Familienhaus in Oslo. An den Mädchen ging die vaterlose Kindheit nicht spurlos vorbei. Zwar schafften es Nora und Agnes, beruflich erfolgreich zu werden, eine glückliche Beziehung samt Kind führt jedoch nur Agnes. Nora, mittlerweile eine gefeierte Theater-Schauspielerin, leidet derweil an extremem Lampenfieber und lebt in einer unglücklichen Affäre mit ihrem verheirateten Kollegen Jakob (Anders Danielsen Lie). Als ihre Mutter stirbt und Gustav plötzlich wieder auf der Matte steht, ist Nora empört.
Doch die Befürchtung, der Vater wolle das Familienhaus verkaufen, um an Geld zu kommen, bewahrheitet sich nicht. Stattdessen versucht er, Nora zu überzeugen, in seinem neuesten Film die Hauptrolle zu übernehmen. Die aber lehnt dieses Angebot ab und ist auch nicht gewillt, trotz der Bitte ihres Vaters, einen Blick in das von ihm verfasste Skript zu werfen – zu groß in ihr ist die Verbitterung über seine damalige Entscheidung, die Familie im Stich zu lassen. Auch Agnes ist nicht gewillt, ihrem Vater zu verzeihen, während er ein recht gutes Verhältnis zu ihrem Sohn Erik (Øyvind Hesjedal Loven), seinem Enkel, aufbauen kann. Allerdings fußt auch diese Beziehung rein auf gemeinsamer Filmliebe, die der Opa mit seinem Enkel auf teils bizarre Weise teilen möchte.

Da die Geschichte, auf Gustavs Drehbuch basiert, angelehnt an seine Mutter, einer Widerstandskämpferin, ist, plant er, den Film im Familienhaus zu inszenieren. Aus der Verzweiflung heraus, dass Nora die Hauptrolle nicht spielen möchte, verpflichtet er die junge, amerikanische Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning), die er auf einem Festival kennenlernen durfte. Die aber hadert mit der Rolle und versteht schnell, wieviel Persönliches Gustav in diese Geschichte eingebaut hat.
Sentimental Value beweist, dass Arthaus-Kino über Schuld, Sühne und Familie keineswegs langweilig sein muss. Im Gegenteil, entgegen meiner Erwartung, fesselte mich die dargebotene Geschichte, auch, weil hier wirklich jede Rolle ausgezeichnet besetzt wurde. Ebenso die beigefügten Zutaten über die heutigen Schwierigkeiten des Filmemachens (z.B., wenn Netflix sich einschaltet und die Produktion übernehmen möchte), dienen dem Filmfan bestens zur kritischen Unterhaltung. Sentimental Value zeigt dabei deutlich, wie wichtig Kommunikation ist, die den Hauptfiguren allerdings nicht möglich ist, aufgrund persönlicher Hemmschwellen. So versucht Gustav, seine Gefühle per Drehbuch zu offenbaren, während seine Tochter sich dagegen sperrt. Ein klärendes Gespräch hätte Wunder bewirken können – doch menschliche Konfliktunfähigkeit stellt sich dagegen. Da steckt leider viel Wahres drin. Lediglich der Aspekt, dass der Film ein wenig zu sehr der künstlerischen Sicht auf die Entscheidung, ob es gerechtfertigt, die Familie für Kunst und Karriere zu verlassen, recht geben mag, stieß mir etwas sauer auf. Im Grunde kann ich Nora nämlich sehr gut verstehen, während der Film eher in Richtung von Gustavs Entschluss tendiert. Aber hier muss letztlich jeder selbst für sich entscheiden, wie er zu dieser Prämisse steht. Sehenswert ist Sentimental Value aber auf jeden Fall – nicht nur für Vollblut-Cineasten.

Wer zur physischen Veröffentlichung greift, bekommt Bonusmaterial in Form von Interviews, eine Pressekonferenz von den Filmfestspielen in Cannes, eine Featurette zu Stellan Skarsård beim Filmfest München und Trailer.
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