Bis Halloween ist es noch ein paar Monate hin, doch wer sich jetzt schon überlegt, welche Filme er im Horroktober schauen möchte, für den habe ich einen ganz besonderen Filmtipp: The Boogey Man aus dem Jahre 1980. Inzwischen gibt es schon eine ganze Palette von Blu-ray- und DVD-Veröffentlichungen in Mediabooks, Hartboxen und Digipaks. Kürzlich kam aus dem Hause ASTRO RECORDS mit der 2-Disc-Edition im Scanavo-Case (sowie einer Einzel-DVD) eine weitere Variante dazu. Seit 2019 darf The Boogey Man auch ab 16 Jahren ungekürzt sein Unwesen treiben, nachdem er lange Zeit auf dem Index stand. Ob der Film heute noch so furchterregend ist und ob sich die Anschaffung lohnt, lässt sich hoffentlich aus der folgenden Besprechung ableiten. Darin gehe ich auch auf die Fortsetzung Boogey Man II – Die Rückkehr (1983) ein, die allgemein keinen guten Ruf genießt – und die sogar der Regisseur selbst hasste.

Regie: Ulli Lommel

Darsteller: Suzanna Love, John Carradine, Ron James, Nicholas Love, Jane Pratt

Artikel von Holger Braasch

Im Alter von vier Jahren musste die kleine Lacey mit ansehen, wie ihr ein Jahr älterer Bruder Willy den Liebhaber der Mutter bei einem SM-Spielchen mit einem Küchenmesser ersticht. Zuvor hatte sich der Mann einen schwarzen Strumpf über das Gesicht gezogen und den aufmüpfigen Willy gewaltsam an sein Bett gefesselt. Er war buchstäblich der »Boogey Man«, den die Mutter immer vorschob, wenn die Kinder unartig waren. 20 Jahre später sind Lacey (Suzanna Love) und Willy (Nicholas Love) immer noch traumatisiert von dieser Nacht. Lacey leidet unter Albträumen und Willy ist seit dem Vorfall stumm. Der Psychiater Dr. Warren (John Carradine) will die beiden Geschwister von ihrem Trauma erlösen. Er glaubt, dass die beiden noch einmal zu ihrem früheren Elternhaus zurückkehren sollten, um ihre Ängste zu überwinden. Als Lacey den Spiegel im Schlafzimmer entdeckt, in dem sie damals die Bluttat mitverfolgen konnte, zerschlägt sie ihn reflexartig und befreit so ungeahnt den Geist des Verstorbenen. Von nun an häufen sich im Umfeld der Geschwister mysteriöse Todesfälle, die alle in Zusammenhang mit dem zerbrochenen Spiegel zu stehen scheinen. Eine einzelne Scherbe, die unbemerkt am Schuh von Laceys Sohn kleben bleibt, löst eine Kettenreaktion unheimlicher und blutiger Ereignisse aus. Auch Dr. Warren dämmert langsam, dass er mit Psychotherapie nicht mehr weiterkommt. Hier sind übersinnliche Mächte im Spiel. Jetzt ist es an Pater Reilly (Llewelyn Thomas), die dunkle Bedrohung abzuwenden.

Inspiriert von der weltweit verbreiteten Legende, lässt Ulli Lommel den »Boogeyman« Gestalt annehmen. Hierzulande würde man vom »schwarzen Mann«, dem »Butzemann« oder dem »Buschemann« sprechen. Kennt überhaupt noch jemand den »Buschemann«? Als Kind habe ich den Begriff »Buschemann« noch kennengelernt, doch er dürfte heute nicht mehr geläufig sein. Die amerikanisierte Version hat sich mittlerweile durchgesetzt. The Boogey Man beginnt wie ein typischer Slasher aus jener Zeit – nämlich mit einem traumatischen Erlebnis in der Kindheit. Wie beispielsweise in Romano Scavolinis berüchtigtem Slasher Nightmare In A Damaged Brain (1981) spielt dabei die Verquickung von Sex und Tod eine wichtige Rolle – blutig, schmutzig, aber auch mit einer gewissen Unschuld verbunden, was das Ganze nur noch verstörender macht. In heutigen Genrefilmen findet man solch eine sleazige Machart nicht mehr. Ulli Lommel kreiert von der ersten Sekunde an eine Atmosphäre des Anrüchigen und Übersinnlichen. Das schwierige Verhältnis der beiden Geschwister zu ihrer Mutter wird zwar nicht weiter thematisiert, dennoch schwingt es stets im Hintergrund mit, in Form von Gefühlen der Schuld und der Ablehnung. Suzanna Love und Nicholas Love sind auch im echten Leben Geschwister und bringen die Gefühle ihrer Filmfiguren nahezu nonverbal rüber, glaubhaft und ohne viel Dialog. Die meist düsteren, mitunter auch schrillen Synthie-Klänge von Tim Krog untermalen die bedrückende Atmosphäre perfekt und sorgen dafür, dass man schon von der ersten Minute an in herbstlicher Stimmung ist, selbst wenn draußen die Sommer-Sonne scheint.

Obwohl das Szenario mehr oder weniger offensichtlich an andere Genrefilme dieser Zeit angelehnt ist, wie z. B. Amityville Horror (1979), Der Exorzist (1973) und natürlich Halloween – Die Nacht des Grauens (1978), kreiert Ulli Lommel hier etwas ganz Eigenes. Sein Film ist nicht nur atmosphärisch dicht und fesselnd inszeniert, sondern überrascht auch immer wieder mit skurrilen und originellen Einfällen. Unterschwellig mischt sich auch ein tiefschwarzer Humor in die Szenerie, wobei die Stimmung weiterhin bedrohlich und mysteriös bleibt. Die Präsenz des Bösen ist immer spürbar, auch wenn gerade alles gut scheint. Sehr schön ist auch die Kameraarbeit von Jochen Breitenstein, mit dem Ulli Lommel später wieder zusammenarbeitete. Mit einem Budget von etwa 300.000 Dollar musste sich Ulli Lommel sehr genau überlegen, wie er seine Ideen umsetzt und was für den Film wichtig ist. Eine der spektakulärsten Horrorszenen (die Szene mit dem Spieß, der sich durch den Kopf bohrt) wurde z. B. vor Ort improvisiert. Auch der Schnitt gestaltete sich als abenteuerlich. So schnitt Ulli Lommel die genannte Horrorszene in einem Hotelzimmer. Zufällig war gleich nebenan ein gewisser William S. Burrows am Arbeiten, der den Filmemacher sogar beim Schnitt der Szene unterstützte.

In Sachen Gore und Splatter hat The Boogey Man zwar durchaus ein paar garstige Momente zu bieten, doch nach heutigen Sehgewohnheiten, wo anscheinend alles etwas brachialer und krasser wirken muss, erscheinen diese längst nicht mehr so heftig wie zur damaligen Zeit. Hauptsächlich lebt der Film von seiner Atmosphäre und kommt vergleichsweise zurückhaltend daher. Auch wenn sich Lommel stark am amerikanischen Genrekino orientierte, legte er den Fokus vor allem auf die Hauptcharaktere und inszenierte den Film fast schon eher als Familien-Psycho-Drama mit Horrorelementen. Hier zeigt sich wieder ein wenig der Einfluss von Fassbinder und des europäischen Kinos, was Ulli Lommels Film eine ganz besondere Note verleiht. The Boogey Man ist nicht nur ein kommerzieller Erfolg, sondern auch ein künstlerisch ambitioniertes Werk geworden.

Hauptdarstellerin Suzanna Love war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits mit Ulli Lommel verheiratet und brachte ihren Bruder Nicholas Love mit ins Team, der in The Boogey Man zum ersten Mal vor der Kamera stand. Während sich Suzanna Love Anfang der 90er-Jahre von der Schauspielerei zurückzog, blieb Nicholas Love dabei und drehte u.a. mit David Lynch. Ende der 90er-Jahre hat aber auch er seine Schauspielkarriere an den Nagel gehängt. Dass Suzanna Love die Erbin des Ölmagnaten Charles Pratt war, erfuhr Ulli Lommel übrigens erst nach der Heirat. An seiner Einstellung, seine Filmprojekte selbst zu finanzieren, änderte das allerdings nichts. Auch weiterhin blieb sich Ulli Lommel als Low-Budget-Filmemacher treu und verzichtete auf eine Karriere im Studiosystem, die sicherlich lukrativer gewesen wäre. Er machte auch keinen Hehl daraus, dass er sich große Hollywood-Filme als Vorbild für seine B-Produktionen nahm. Lommel lernte schnell, wie der Markt funktionierte und musste so seine Nische als Filmemacher finden.

Ulli Lommels Werdegang als Filmemacher und allgemein als Lebenskünstler gestaltete sich abenteuerlich. Seine eigenen Vorstellungen waren zu speziell und nicht eben massentauglich. Sein unkonventioneller Weg führte ihn mit vielen prominenten Personen aus dem Showbusiness zusammen: Von Rainer Werner Fassbinder über Andy Warhol bis hin zu Daniel Küblböck. Das ist schon ein beeindruckender Lebenslauf, der genug Stoff für einen eigenen Film bieten würde. Wieder in Deutschland angekommen, lernte Ulli Lommel auch den umstrittenen Filmemacher Marian Dora kennen, mit dem er 2005 den Film Cannibal – Aus dem Tagebuch des Kannibalen produzierte. Doch das fertige Werk, das Dora ihm schließlich vorlegte, erschien Lommel zu extrem, um es zu veröffentlichen. Stattdessen drehte Lommel mit Diary Of A Cannibal (2006) eine weniger heftige Version des Stoffes, bei der Marian Dora als Second-Unit-Regisseur beteiligt war. Als Ulli Lommel im Jahr 2017 überraschend verstarb, war es Marian Dora, der ihm auf der Splatting Image-Website einen würdevollen Nachruf schrieb – aufgeteilt in drei Kapitel. Zu finden ist der Nachruf unter dem Titel The Stranger is in Paradise auf splatting-image.com.

Doch kommen wir wieder zurück zu The Boogey Man – nachdem sich Ulli Lommel Mitte-Ende der 70er-Jahre von seinem Mentor Rainer Werner Fassbinder losgelöst hatte und in den USA eine Karriere als Arthouse-Filmer starten wollte, wurde ihm schnell klar, dass Hollywood nicht unbedingt auf einen kunstaffinen Filmemacher wie ihn gewartet hat. Einerseits angezogen von den kreativen Vibes in Amerikas Stadt der Engel, andererseits abgestoßen von dem Kommerz der Filmindustrie, galt es nun einen Mittelweg zu finden, um wenigstens ab und an mal einen Film nach eigenen Vorstellungen zu drehen. Das Horrorgenre boomte gerade und so lag es nah, mit einem Low-Budget-Film auf dieser Welle zu reiten. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war das eine gute Entscheidung – aber zugleich auch ein Fluch. Der Fluch des Boogey Man lastete fortan auf Ulli Lommels Karriere als Filmemacher. Der Film wurde ein kommerzieller Erfolg und Lommel hoffte nun, etwas drehen zu können, das ihm mehr lag, als den Formeln eines Genres zu folgen. Doch das Horrorgenre erwies sich letztendlich als das, was am meisten Geld brachte.

Das gehasste Sequel:

Nach wiederholter Anfrage der Produzenten ließ sich Ulli Lommel schließlich doch noch überreden, einen zweiten Teil von The Boogey Man zu drehen – doch er lieferte nicht einfach eine typische Fortsetzung ab, sondern er nutzte das Projekt, um einen Film über einen Filmemacher zu drehen, der von seinen Produzenten genötigt wird, die Fortsetzung eines Horrorfilms zu machen, worauf er überhaupt keinen Bock hat. Dabei wird der Geist der fiktiven Horrorfigur real und terrorisiert das Dreh-Team – das hat schon was von Freddy’s New Nightmare (1994), aber auch von Norman J. Warrens leider etwas in Vergessenheit geratenen Killing House (1977). Den Filmemacher spielte Lommel gleich selber, während sein Regieassistent die Regie übernehmen durfte. Der findige Künstler hatte wieder triumphiert, während die Produzenten kaum glauben konnten, was Ulli Lommel ihnen da vorlegte. Begeistert waren sie jedenfalls nicht – und das Publikum ebenso wenig. Zur Ehrenrettung von Boogey Man II – Die Rückkehr (1983) muss ich allerdings sagen, dass der Film keineswegs so übel ist, wie ihm allgemein nachgesagt wird. Okay, er ist billig und relativ lieblos heruntergekurbelt, doch man merkt auch, dass der Filmemacher sich nicht mit einer 08/15-Fortsetzung zufriedengeben wollte, sondern der Filmindustrie gewissermaßen den Spiegel vorhält. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint mir der Film durchaus originell und künstlerisch interessant. Ansonsten könnte er vor allem durch seine trashige Machart gefallen, denn die extra für Teil 2 gedrehten Gore- und Splatter-Sequenzen sind derart unbeholfen getrickst, dass es schon ein Brüller ist. Dass man für Rückblenden einen beträchtlichen Teil aus dem ersten Film wiederverwendet, damit Teil 2 überhaupt auf Spielfilmlänge kommt, ist natürlich schon recht dreist, aber hier ergibt es sogar einen gewissen Sinn. Ulli Lommel jedenfalls hasste die Fortsetzung und veröffentlichte im Jahr 2009 die sogenannte Redux-Version, die allerdings keine neue Schnittfassung von Boogey Man II darstellt, sondern einen ganz anderen Film präsentiert, der lediglich kurze Ausschnitte aus Boogey Man II enthält und ansonsten hauptsächlich Material aus Teil 1 wiederverwendet. Dazwischen sind immer wieder Ausschnitte eines Fake-Interviews mit Ulli Lommel zu sehen, der versucht, so etwas wie eine Meta-Ebene in die verworrene Recycling-Produktion reinzubringen. Das ist schon irgendwie eine interessante Idee, aber ich würde empfehlen, zuerst die ursprüngliche Version von Boogey Man II anzusehen. Die Redux-Version betrachte ich eher als Bonusmaterial.

Zu den deutschen Veröffentlichungen:

Die VHS von Mike Hunter zeigt noch das unmaskierte Bildformat (inklusive Mikrofone, etc.) und zumindest die älteren Auflagen bieten als besonderes Extra eine Trailershow, die u. a. den Kinotrailer zu Im Blutrausch des Satans (1971) enthält. The Boogey Man erschien auf Video ungeprüft und ungeschnitten – und landete recht zügig auf dem Index, wo er die nächsten 36 Jahre schmoren durfte. Erst 2019 wurde die Indizierung aufgehoben und die FSK erteilte ihren Segen mit einer Freigabe ab 16 Jahren.

Die allererste deutsche DVD von cmv-Laservision (Super Jewel Case) präsentiert noch eine milchige NTSC-Wandlung und ist zudem nicht anamorph. Die später erschienene DVD von Marketing nutzt dasselbe Ausgangsmaterial, allerdings hochskaliert auf anamorphes 16:9 und mit Farbfiltern bearbeitet, wodurch das Bild nur matschiger wurde. Auch die zensierten DVDs von Best Entertainment basieren auf der ersten DVD-Veröffentlichung von cmv-Laservision und sind wirklich nur Label-Komplettisten zu empfehlen.


2012 brachte cmv-Laservision aber endlich eine Neuabtastung in echtem PAL auf DVD heraus, und mit dieser DVD kann man im Grunde schon zufrieden sein. Auch das Bonusmaterial ist interessant. Allein der Audiokommentar mit Ulli Lommel und Andreas Strassmann ist schon sehr zu empfehlen. Hier erfährt man einige spannende Details zur Entstehung des Films, wobei Lommel es sich nicht nehmen lässt, auch mal systemkritisch abzuschweifen. Ulli Lommel wusste übrigens vorher gar nicht, dass seine Fortsetzung Boogeyman II in Deutschland beschlagnahmt wurde. Nachdem ihn Andreas Strassmann erst einmal über §131 aufgeklärt hat, kommt ein erstauntes „Gibt’s ja nicht!“ (dann erst mal Pause), dann ein amüsiertes „Fantastisch!“ (wieder Pause) und „Boogeyman II beschlagnahmt? Ist ja völlig wahnsinnig!“ (Gelächter). Als Bonus liegt sogar noch der gesuchte Soundtrack auf CD vor – zwar handelt es sich hier noch um einen Abzug von der Schallplatte, aber man hatte endlich die Filmmusik auf CD und mit der Qualität kann man durchaus leben, wie ich finde. Der Soundtrack erschien übrigens im Jahr 2014 vom US-Label Howlin‘ Wolf Records neu auf CD – diesmal remastered und in Top Qualität. Für ca. 30 Euro kriegt man das gute Stück noch bei Chris Soundtrack Corner.

Nach der DVD-Neuveröffentlichung kam im Jahr 2012 auch eine Blu-ray von cmv-Laservision heraus, die in mehreren Auflagen von verschiedenen Labels ausgewertet wurde – bei einigen war auch die Soundtrack-CD wieder dabei. Nachdem der Film im Jahr 2019 von der FSK ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben wurde, folgten selbstredend noch weitere Auflagen auf Blu-ray und DVD, die allesamt auf den Veröffentlichungen von 2012 basieren. Seit 2023 gibt es auch eine 4k-UHD von Vinegar Syndrome und es dauert sicherlich nicht mehr lange, bis The Boogey Man auch hierzulande als UHD ausgewertet wird. Bis dahin kann man sich aber an der schon sehr guten Blu-ray-Veröffentlichung erfreuen, die von Astro Records/DigiDreams neu aufgelegt wurde und die ihr Geld meines Erachtens wirklich wert ist. Und es ist noch die DVD dabei, was ich sehr lobenswert finde (oder eben schlicht als Einzel-DVD). So liegt das Ganze auch noch mal als hochwertiges Backup vor – für alle Fälle.

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