In einem Interview auf irgendeiner DVD zu irgendeinem Film sagte Umberto Lenzi einmal, dass er sich beim Dreh einiger Filme deutlich mehr Mühe gegeben hätte, wäre ihm damals bewusst gewesen, welchen Kultstatus seine Filme in Zukunft erlangen würden. Lachend gab er zu, etliches nur abgekurbelt zu haben, da man das schnelle Geld an der Kinokasse machen wollte. Lenzi war ein potenter Routinier, der in vielen Genres unterwegs war und nur selten auf eine wiedererkennbare Handschrift zurückgriff. Während Kollegen wie Lucio Fulci – ähnlich wie Argento – zwar gerne am Budget, nicht aber am eigenen Können scheiterten, schlug sich bei Lenzi mangelndes Budget oft auch auf die filmische Motivation nieder. So schluderte der Meister gerne mal herum, dies jedoch stets mit einer gewissen Straffheit in der Inszenierung, was zwar auch irgendwie eine gewisse Art der Handschrift ist, die sich aber, im Gegensatz zu Fulci und Argento, nur selten optisch ausdrückte. Und angeblich ist der vorliegende Film auch so ein Projekt, das erst von Fulci umgesetzt werden sollte, der dann aber dankend ablehnte und es an Lenzi durchreichte. Lenzi wiederrum fand das Drehbuch scheiße („Der Autor war ein Freund des Produzenten und konnte nicht schreiben!“) und machte sich dennoch an den Dreh. „Dank mir ist der Film erträglich geworden!“ so, oder so ähnlich, konnte man es in den Tiefen der Wahrheitszone, also dem Internet, nachlesen. ASTRO RECORDS brachte den Film schon vor Monden als 2-Disc-Edition (Blu-ray und DVD) auf den Markt. Zeit für eine Sichtung.

Regie: Umberto Lenzi
Darsteller: Robert Hoffmann, Suzy Kendall, Ivan Rassimov, Adolfo Lastretti, Franco Silva, Maria Pia Conte
Artikel von Kai Kinnert
Als Christian gerade mit seiner neuen Freundin Barbara zur Sache kommen will, bricht ein fremder Mann in dessen Badezimmer ein und bedroht ihn. Christian kann den Eindringling überwältigen und erschießt ihn mit dessen eigener Waffe. Später jedoch ist der tote Körper plötzlich verschwunden und weitere seltsame Ereignisse tragen sich zu, die Christian an seinem Verstand zweifeln lassen. Es werden noch weitere Menschen sterben.
Welche Rolle spielen die Puppen, die leblos und leicht bekleidet an den Bäumen hängen. Wer ist Täter und wer Opfer? Welche Rolle spielt die hübsche Barbara? Vielleicht ist sie der Schlüssel zu der ganzen Sache. Christian glaubt langsam den Verstand zu verlieren. Da kommt sein Bruder Fritz ins Spiel.

Nach Orgasmo (1969) folgte Spasmo. Schon allein diese Titel rechtfertigen den Kauf solcher Filme, die, meist gepaart mit reißerischen und sensationellen Plakatmotiven, ein cooles Stück filmischer Zeitgeschichte sind. Die Italiener räumten damals dick an der Kinokasse ab. Sei es in Sandalen, als Cowboy, mal als Zombie, dann wieder als eisenharter Bulle oder Staatsanwalt, flankiert von Söldnern, verfolgt von irgendwelchen Endzeit-Recken oder schizophrenen Mördern, die gerne vom schweren Kindheitstraumata angetrieben werden (Puppen, Spieluhren und Amulette dürfen hier meist nicht fehlen). Dazu schrieb oft Morricone die Musik, aber auch Riz Ortolani, De Angelis, oder Bacalov und wie sie alle heißen. Aus diesem bunten Filmkosmos der 1970er ist Umberto Lenzi nicht wegzudenken. Er drehte, wie so viele seiner damaligen Kollegen auch, quasi jedes Genre und war dabei mal mehr oder weniger motiviert. Und wer sich heute Spasmo ansieht, einen Film, den er nach dem harten und formvollendet frauenverachtenden Film Milano Rovente (1973) drehte, ahnt, warum Umberto Lenzi den Drehbuchautoren für eine untalentierte Flasche hielt. Die erste Stunde des Films ist nämlich ein Härtetest fürs Publikum, denn selten war das Geschehen uninteressanter, dröger gespielt und in schleppender Unübersichtlichkeit inszeniert, als in diesem Film. Was sind das für seltsame Motivationen, die da die Figuren antreiben? Wo sind wir hier eigentlich? Und wann spritzt endlich das Blut?

Ich gehe mal davon aus, dass Umberto Lenzi wusste, was er tat, denn er machte etwas, was nicht so oft in der damaligen Zeit im Kino passierte: er führte alle Enden der Geschichte zusammen und erlöst damit diese bleierne erste Stunde des Films. Insofern hatte Umberto Lenzi recht mit der Behauptung, dass es nur ihm zu verdanken sei, dass der Film am Ende dann doch noch einen spannenden Sinn ergibt.
Spasmo ist kein üblicher Giallo, Drehbuch und Inszenierung nähern sich etwas entrückter dem Thema und lassen den Zuschauer sehr lange im Dunkeln über die Hintergründe der Story. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Denn es fehlen die großen reißerischen Momente, die das italienische Genre-Kino einst so berühmt machten. Dafür gibt es aber eine verschachtelte Story um Wahn und Wahrnehmung, die den Zuschauer erst auf Distanz hält und dann in der letzten halben Stunde in eine Reihe von Plot-Twists mitnimmt, die das Geschehen zu einem geschlossenen Ende führen und den Film so abrunden. Dazu die Musik von Ennio Morricone, flankiert von einer guten Kameraführung. Ein Film für Fans.

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber, satt und klar, der Ton ist gut. Als Extras gibt es Originaler Kinotrailer, isolierter Titeltrack, Werbematerial und Poster, ein Interview mit Umberto Lenzi und einen Audiokommentar.
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