Gary Cooper war nicht nur jahrzehntelang ein Sexsymbol in den USA, er war auch noch die klassische Verkörperung eines amerikanischen Helden schlechthin. In der Stummfilmzeit beginnend, erarbeitete sich das Naturtalent, Cooper besuchte nie eine Schauspielschule, mit schauspielerischem Minimalismus seinen legendären Status, in dem er eine Emotion glaubwürdig spielen konnte, ohne im Schauspiel selber darauf hinweisen zu müssen. Cooper hatte das Talent, seine emotionale Mitte abrufen zu können, ohne es mit äußerem Spiel einleiten zu müssen. War seine Figur wütend, musste er nicht die Stirn runzeln oder mit den Füssen stapfen, er musste nur „schauen“. „Schauspiel muss über den Blick funktionieren, nicht über die Geste“ meinte Gary Cooper einst irgendwo, der von Lee Strasberg als „der größte Method Actor aller Zeiten“ bezeichnet wurde, ohne je Method Action gelernt zu haben. Oder um es mit den Worten mit den von Simon Williams (Yahya Abdul Maeteen II) aus der Serie „Wonder Man“ zu sagen, der mit Trevor Slattery (Ben Kingsley) gerade ein Hollywood-Casting durchlebt: „Verdammt der Typ ist ein Naturtalent, da kannst du machen, was du willst, da hast du verloren. Du strengst dich an und er macht – nichts.“ Und so reitet Gary Cooper, schon unter den Schmerzen seines Prostatakrebs leidend, in einer der wenigen Gary Cooper-Reit-Szenen, schwarz gekleidet und mit ganz übler Laune in das kleine Goldgräberkaff ein, in dem gerade ein kleiner Gold-Dieb vom Lynchmob an den Galgenbaum gebracht werden soll. Es beginnt ein hervorragend inszenierter und erstklassig gespielter Western, dem man nicht anmerkt, dass die Dreharbeiten am Ende drei Regisseure benötigten. PLAION PICTURES brachte den Klassiker nun in der Edition Western Legenden als Nummer 68 heraus.

Originaltitel: The Hanging Tree

Regie: Delmer Daves, Karl Malden, Vincent Sherman

Darsteller: Gary Cooper, Maria Schell, Karl Malden, Geroge C. Scott, Karl Swenson, Ben Piazza

Artikel von Kai Kinnert

Nahe einem Goldgräberdorf bezieht der Arzt Joseph Frail (Gary Cooper) sein neues Heim. Er sucht die Distanz zu seiner schmerzvollen Vergangenheit und hofft, sich hier ein neues Leben aufbauen zu können. Doch das Schicksal sieht etwas anderes für ihn vor: Nachdem Elizabeth (Maria Schell) Opfer eines Postkutschenraubs wird, kümmert sich Frail um die Wunden der Schwedin. Aus Zurückhaltung entsteht bald Zuneigung, aber das Paar wird schon bald von Unheil in Form des Goldgräbers Frenchy Plante (Karl Malden) heimgesucht.

Delmer Daves drehte einige erfolgreiche Western (u.a. Zähle bis drei und bete, Der letzte Wagen), doch dies sollte sein letzter Beitrag zum Genre sein. Ein Herzinfarkt zwang Daves dazu, den Dreh abzubrechen und an Karl Malden zu übergeben, der die noch offenen Szenen übernahm. Vincent Sherman half nur für einen Drehtag aus. Delmer Daves muss mit so viel Einsatz in seine Western hineingegangen sein, dass ihm der Arzt riet, fortan das Genre zu wechseln, wenn er überleben will. Gesagt getan, Karl Malden übernahm den Regiestuhl und Daves drehte stattdessen lieber die leichte Romanze Die Sommerinsel. Karl Maldens Arbeit fügt sich qualitativ nahtlos in die gute Inszenierung Daves ein, was zeigt, welch guter Regisseur Karl Malden eigentlich war, hätte er denn mehr als nur das Korea-Kriegsdrama Wenn Männer zerbrechen inszeniert – und eben für ein paar Wochen diesen Film.

Gary Cooper spielt düster. Er spielt es nicht, er ist es. Auf seiner Figur lastet etwas, ein Geheimnis, eine Wut, eine Trauer, eine Härte, eine Gefahr, eine Unberechenbarkeit. Die Kamera filmt ihn gerne aus leichter Untersicht heraus. Er wirkt wenig sympathisch und wird seine Härte auch bald beweisen. Der junge Gold-Dieb Rune (Ben Piazza) flüchtet gerade vor dem Mob der Goldsucher, allen voran vor Frenchy Plate (Karl Malden), der ihn an den Galgenbaum bringen will und wird dabei angeschossen. Er stolpert Doc Frail mehr oder weniger in die Arme, der Rune vor dem Mob versteckt und versorgt seine Schusswunde. Dafür verlangt der Arzt, dass Rune jetzt sein Eigentum ist und er machen muss, was Cooper ihm aufträgt – und das so lange, wie der Doc es für richtig hält. Gary Cooper präsentiert sich hier als Arsch und zieht die Nummer eiskalt durch. Rune hat nichts zu lachen und auch sonst bekommt das Umfeld die wenig sympathische Seite von Doc Frail zu spüren. Er zieht schnell den Colt, er schlägt schnell zu und man fragt sich, ob der Doc nicht in irgendeiner Stadt schon Leute erschossen hat. Da weht dieses gefährliche, etwas gebrochene bei Cooper mit, ganz so, als käme er aus einem Anthony-Mann-Western geritten, was ja auch tatsächlich der Fall war. Unmittelbar vor Der Galgenbaum spielte Cooper den Soziopathen Link Jones in Der Mann aus dem Westen (1958) und er scheint Gefallen an der Rolle gebrochener Typen mit soziopathischen Anwandlungen zu haben.

Doc Frail wird ganz umgänglich und empathisch als Elizabeth durch einen Postkutschenüberfall ins Spiel kommt, bei dem sie schwer verletzt wird. Als er ihre Wunden versorgt, wird aus seiner Zurückhaltung und eisigen Art plötzlich eine zarte Zuwendung. Plötzlich leuchtet das Gesicht Coopers auf, ein Umstand, den Cooper einfach so spielen kann. In seinem Spiel wechselt es wehend organisch und authentisch zwischen diesen emotionalen Zuständen hin und her, man spürt die Wut, die Trauer und die Zuwendung als Wahrhaftig bei Gary Cooper, und das, ohne mit extrovertiertem Spiel darauf hinweisen zu müssen. Elizabeth verliebt sich in Doc Frail, doch der erwidert diese Liebe nicht, obwohl er eigentlich das Gleiche für sie empfindet. Da kommt Frenchy (Karl Malden) ins Spiel, der selber Interesse an Elizabeth hat, was die aber zurückweist und später zu einer versuchten Vergewaltigung durch Frenchy führen wird. Es kommt zum finalen Konflikt. Am Ende soll auch Doc Frail an den Galgenbaum und es obliegt dem gegängelten Rune und Elizabeth, das Leben des Docs zu retten.

Doch gutes Schauspiel gibt es in diesem Film nicht nur von Gary Cooper, auch Maria Schell bekommt ihre großen Szenen. Wenn ihre Genesung abgeschlossen ist und Doc Frail sich von ihr abwendet, tut sie sich mit Frenchy zusammen und kauft eine Mine. Diese Szenen sind Maria Schells großer Moment, hier spielt sie mitreißend und höchst attraktiv. Aber auch Karl Malden macht als fiebriges Schlitzohr eine gute Figur. Seine Rolle schwankt zwischen gefährlich-krimineller Energie und einer gewissen, bodenständigen Sympathie.

Der Galgenbaum ist ein spannender und flotter Western, der in schön-schroffer Landschaft und mit allerlei Aufwand sorgfältig inszeniert wurde. Gary Cooper ist hier der düstere Mittelpunkt des Geschehens, der mit einer rätselhaften Vergangenheit in einen wilden Ort reitet und selber nicht frei von Gewalt ist. Dabei stört es nicht, dass die Psychologie im Film recht gradlinig und damit wenig überraschend ist, denn Inszenierung und Besetzung machen aus der Story einen spannenden und sehenswerten Western.

Das Bild der Blu-ray ist sauber und satt, der Ton ist gut. Als Extras gibt es ein Booklet, Trailer und eine Bildergalerie.

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