Aber…das ist doch Die Axt von Costa-Gavras von 2005? Tatsächlich! Am Ende widmet Park Chan-wook seinen Film dem Regisseur Costa-Garvas, wobei er nicht dessen Film als Ausgangsbasis nimmt, sondern den Roman von Donald E. Westlake The Ax. Geblieben ist die Ausgangssituation des Hauptdarstellers: Der Fachmann für Spezial-Papier in der Papierherstellung (Ausweise, Banknoten usw.) wird wegen Rationalisierungen und Optimierung des Herstellungsprozesses entlassen. Der schöne Status Quo ist nun futsch und die Konkurrenz in diesem spezialisierten Arbeitsmarkt groß. Was macht man also, um bei dem Bewerbungsgespräch die größten Chancen zu haben? Richtig! Man ermordet die Mitbewerber. So bin ich übrigens auch an den Job bei den Medienhuren gekommen, aber das ist eine andere Geschichte, die hier nicht hergehört. Die Koreaner drehen nicht irgendwie ein Remake und kratzen drei Fragmente aus der Vorlage zusammen, so wie es Hollywood seit einiger Zeit vorschlampt, erstrecht nicht, wenn der Oldboy Park Chan-wook das Zepter in der Hand hält, sondern sie bohren die Nummer gleich richtig auf und packen mindestens ein Dutzend neuer Ideen mit hinein. Das Endergebnis ist zwar 140 Minuten lang, langweilt aber nicht eine Sekunde, da Park Chan-wook mit meisterlicher Hand ein traumhaftes Ensemble inszeniert. PLAION PICTURES brachten diesen prachtvollen Film nun im Heimkino heraus.

Regie: Park Chan-wook
Darsteller: Lee Byung-hun, Son Ye-jin, Lee Sung-min, Yeom Hye-ran, Cha Seung-won
Artikel von Kai Kinnert
Man-su hat sich mit viel Fleiß und harter Arbeit ein perfektes Leben geschaffen: Haus mit Garten, harmonische Ehe, talentierte Kinder und genug Zeit für sein Bonsai-Hobby. Doch als KI plötzlich seinen Job ersetzt, müssen er und seine Familie auf allerlei Annehmlichkeiten verzichten: die Tennisstunden der Gattin, das Netflix-Abo und selbst die zwei Golden Retriever können sie sich nicht mehr länger leisten. Und je länger der Familienvater vergeblich Bewerbungen schreibt, desto näher rückt der Verlust des geliebten Hauses. Schließlich begreift er: Nicht der Mangel an Jobs ist das Problem, sondern die Menge an Mitbewerbern. Man-su bleibt keine andere Wahl als sich – auf sehr kreative Art und Weise – seiner Konkurrenten zu entledigen.

Im letzten Drittel dieses feinen Films gibt es eine schlichte Aufnahme von der Straße, in der Man-su lebt. Es ist Herbst und Man-su fährt mit seinem Auto los. Nichts Besonderes, eine schlichte Einstellung als Totale, die von einer so irritierenden Schönheit ist, dass ich erst genau hinschauen musste, um diese herbstliche Farbexplosion einordnen zu können. Ich weiß nicht, welche Bäume dort den Straßenrand zierten, aber das Laub ist derartig gelb, derartig rot, derartig wunderschön, dass man Sekunden braucht, um diese Farben überhaupt als Laub von Bäumen einordnen zu können. No Other Choice ist ein durch und durch elegant inszenierter Film, selbst einfache Einstellungen sind immer wohl komponiert und wohl temperiert. Im Grunde zeigt Korea hier mal wieder Minute um Minute, wie wenig cineastisches Talent im eigenen Land lebt. Deutschland, das Land der Talking Heads TV-Filmer; hier hat niemand den Willen die Leinwand zu bespielen, hier sind Filme fürs Kino eher Zufall. Jeder deutsche Regisseur kann doch eigentlich nur in Tränen darüber ausbrechen, dass ihm nicht einmal für den Bruchteil von Sekunden die Kreativität eines Park Chan-wook gegeben ist, überhaupt die Kreativität eines jeden koreanischen Regisseurs, egal wen. Solche Filme führen mir immer wieder neu vor Augen, dass man in Korea die Ausbildung im Bereich Kinofilm verdammt ernst nimmt und man Talente in Reihe ausbildet, während in Deutschland alles vom TV geprägt ist und am Ende ein jeder beim TV landen muss, da man sonst nicht von dem Job leben kann. Ich warte allerdings noch auf ein deutsches TV-Eventkino-Remake mit Christoph Maria Herbst in der Rolle des Man-su. Das es bislang noch keines gab, halte ich für ein Versagen deutscher Spielfilm-Redakteure. Es ist also gut, dass sich Park Chan-wook dieser Verbeugung vor Costa-Gavras annahm und dabei mit sorgfältiger Hand und viel Liebe zur Eskalation vorging.

Neben einer außerordentlich schönen Inszenierung des Films, gibt es hier noch glänzende Zuspitzungen des schwarzhumorig Absurden und eine großartige Besetzung voller Spielfreude. Lee Byung-hun ist als Man-su einfach eine Wucht. Ein normaler „Besserverdiener“ mit normalen Allerwelts-Problemen, gerät in eine außergewöhnliche Situation, die er nicht im Griff hat und fortan verzweifelt versucht, weiterhin „normal“ zu reagieren, was alles nur noch schlimmer macht. Da alles nur noch schlimmer wird, steuert Man-su absurder gegenan und versucht immer angestrengter mit seinem Mord nicht aufzufliegen. Und überhaupt: man mordet nicht einfach so. Es braucht Planung, Vorbereitung, Ausführung und Entsorgung – alles nicht so einfach für Man-su. Zumal er kein Killer ist. Aber die Not zwingt ihn dazu. Natürlich entwickelt sich kein einziger Plan so, wie es sich Man-su vorgestellt hat. Zu komplex sind Alltag und die Unberechenbarkeit von Menschen, erstrecht, wenn die eigene Ehefrau des Öfteren mal per Videocall anruft, während man gerade eine Leiche verscharren will. Neben dem Stress, die Mitbewerber zu töten, kommt auch irgendwann die Polizei mit auf den Plan und auch die Ehefrau ahnt Finsteres, wenn plötzlich nachts Bäumchen gepflanzt werden sollen oder der Papa mit der Stihl-Kettensäge im Gartenhäuschen den Dexter heraushängen lassen will und der Sohnemann den seltsamen Anblick für einen fiebrigen Alptraum hält, den er da aus dem Augenwinkel heraus aus seinem Zimmerfenster heraus erblicken konnte. Man-su schafft es nicht sein Opfer mit der Kettensäge zu zerlegen, stattdessen nimmt er Draht von den Bonsai-Bäumchen und schnürt die Leiche zu einem…nun ja…Ei zusammen, das nun nackt unter einem kleinen Bäumchen vergraben wird. Und dann ist da noch die Ermordung des „analogen Menschen“ (Lee Sung-min), der Mann mit der 25.000 Euro Stereoanlage mit Plattenspieler und Röhrenverstärker. Man-su dringt eines Abends in das Haus von Lee Sung-min ein und will ihn, während ein koreanischer Schlager läuft, von hinten zu erschießen. Damit niemand den Schuss hört (Man-su ist stolzer Besitzer einer nordkoreanischen Pistole aus dem Korea-Krieg), dreht Man-su die Musik lauter und just in dem Moment, wo er Abdrücken möchte, dreht sich Lee Sung-min um und es entbrennt ein Gespräch, da Lee Sung-min seinen angehenden Mörder für jemand anderes hält. Da das Gespräch bei voller Lautstärke der Musik geführt wird, bekommt der Zuschauer das Genuschelte per Untertitel vermittelt, was urkomisch ist, da irgendwann die Ehefrau des Opfers sich von hinten der Szene nähert und der Moment gänzlich unkontrolliert wird. Die Musik, die Untertitel, die Eskalation und das grandios trockene Schauspiel der Akteure machen diese Szene zu einer der witzigsten Szenen im gesamten Film, der voll von solchen Momenten des komisch Unkontrollierten ist. Das Drehbuch ist ein Quell an Stress und Herausforderungen für den armen Min-su, der doch alles nur wieder in Ordnung bringen will. Parallel dazu gibt es noch die autistische Tochter, ein Genie am Cello, die eher als mysteriöses Wesen inszeniert wird und von der die Eltern nie etwas am Cello vorgespielt bekommen haben. Immer nur mal so Bruchstücke, ab und zu mal eine Note. Und trotzdem, so die Musiklehrerin, ist die Tochter ein Naturtalent von Weltformat. Nur hat sie nie zuhause gespielt. Es ist einfach elegant und kurzweilig, wie Park Chan-wook kleine Nebenplots und Charakterisierungen in diesen Film einweben kann, ohne dass die Nummer irgendwie episodisch und zusammengeschustert wirkt.

No Other Choice ist ein unterhaltsamer, witziger und sehr schwarzhumoriger Film mit vielen Details, einer hervorragenden Kameraarbeit und einer bestens aufspielenden Besetzung. Park Chan-wook zeigt mal wieder, dass echtes und originelles Kino irgendwie nur aus Korea kommt. Ein Film für Liebhaber des schwarzen Humors und des koreanischen Kinos. Qualitäts-Tipp des Monats.
Das Bild der gesichteten Blu-ray war sauber, satt und klar, der Ton ebenso. Als Extras gibt es Featurettes mit Regisseur und Schauspielern und Interviews.
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