Jean-Luc Godard macht sich mit Ende 20 Sorgen darüber, dass er als Einziger in seinem Freundeskreis noch keinen Spielfilm gedreht hat. Sogar ich hatte mit 25 schon einige Filme gedreht, nur leider ohne die kulturelle Relevanz eines Godards und schon gar nicht als Welterfolg. Independent-Filmer Richard Linklater (Regisseur der BEFORE-Trilogie) schnappte sich das Kameramodell, mit dem Godard damals Ausser Atem drehte, und rekonstruierte die aberwitzigen und improvisierten Dreharbeiten zu einer Liebeserklärung an das Kino an sich. Ob die Dreharbeiten wirklich so zerfahren und lässig hingeschmissen waren, wie es hier Linklater mit einem charmant konfusen Godard zeigt, der den gesamten Film über, innen wie außen, seine Sonnenbrille nicht abnimmt und Kette raucht, ist mir nicht überliefert. Unrealistisch ist es gewiss nicht. Wie echt ist der Realismus in einem Film, der einen Film über Dreharbeiten zu einem anderen Film dreht, der für sich in Anspruch nahm, den Realismus eingefangen zu haben? Nouvelle Vague spielt mit dieser Idee voller Esprit und Witz, voller Schwung und Nähe und zeigt uns Dreharbeiten, die zwar die meisten ikonischen Szenen des Originals zitieren, es aber zugleich auch unnötig macht zu wissen, ob es wirklich so war – oder nicht. Die Kamera in Nouvelle Vague schafft zwar nicht das, was Raoul Coutard für Godard schaffte, glänzt jedoch trotzdem – oder gerade deshalb – mit einer autark-famosen Schwarzweiß-Fotografie (gespickt mit analoge Körnung, Überbelichtung, Fusselchen, Rissen, Markierungen) die den Film wie ein immersives Making-Of wirken lassen, in dessen Anschluss man sich gleich Ausser Atem ansehen möchte. PLAION PICTURES brachte diesen schwungvollen Film, diese Verneigung vor der Nouvelle Vague, vor dem Kino an sich und vor Paris, nun im Heimkino heraus.

Regie: Richard Linklater
Darsteller: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, Matthieu Penchinat, Adrien Rouyard, Bruno Dreyfürst
Artikel von Kai Kinnert
Paris, Ende der 1950er-Jahre: Der 28-jährige Jean-Luc Godard hat als Einziger in seinem Freundeskreis noch keinen eigenen Film gemacht. Mit einem verrückten Team, einem amerikanischen Filmstar und wenig Geld gelingt ihm schließlich unter abenteuerlichen Umständen mit AUSSER ATEM ein Meisterwerk, das das Kino auf den Kopf stellt.

Die Kamera in Nouvelle Vague ist großartig, auch die Ausstattung, ohne Frage. Der ganz große Wurf sind allerdings die Schauspieler, allen voran Guillaume Marbeck als Jean-Luc Godard. An Marbeck hängt der gesamte Film, er ist mit seiner Sonnenbrille und den Kippen die Goldene Schraube, die eine Schraube, die alles zusammenhält. Wie beim Hubschrauber am Rotor. Geht die Goldene Schraube flöten, ist der Film versenkt. Ein Risiko der Regie. Aber auch die Dreharbeiten von Ausser Atem waren ja ein Risiko – und die Rechnung ging auf. Genau wie hier. Guillaume Marbeck stemmt seine Rolle mit der gleichen Leichtigkeit, mit der Godard seinen Film drehte. Überhaupt ist das gesamte Ensemble des Films eine Wohltat. Marbeck hatte ein Händchen für die Besetzung und holte sich junge Schauspieler mit frappierenden Ähnlichkeiten zum Original. Zoey Deutch (Juror #2, 2024) als Jean Seberg ist in dem Ensemble, wie einst im Original, die erfahrenste Schauspielerin, der Rest ist französischer Nachwuchs. Aubry Dullin als Jean-Paul Belmondo ist famos, der Typ sieht fast aus wie das Original, erst recht wenn er später lässig mit Hut und Krawatte mit Jean Seberg durch Paris schlendert, an Autos lehnt, herum geht und Zigaretten raucht. Belmondo ist es dann auch in Nouvelle Vague, der Jean Seberg in diesen völlig unkonventionellen Dreharbeiten ankommen lässt, denn Seberg drehte zuvor mit Otto Premminger und war verunsichert von dieser planlosen Anti-Hollywood-Arbeitsweise. Godard achtete auf nichts, außer auf seine Inspiration und ignorierte bewusst Achsensprünge und Anschlussfehler, bewegte sich für seinen Dreh jenseits von Zeit und Raum. So kam es oft genug vor, dass Godard nach zwei Stunden den Drehtag für beendet erklärte, oder gar nicht erst damit anfing, nur um gleich im Café sitzen zu bleiben. Bevor er ohne Inspiration dreht, dreht er lieber gar nicht. Das bringt seinen Produzenten oft genug auf die Palme, zumal Godard von seinen mageren 20 Drehtagen noch nicht einmal alle nutzt. Hat Godard überhaupt einen Plan? Weiß er was er tut? Godard drehte, wie einst mein Freund Manuel, seinen Film aus einem kleinen zerfledderten Notizbuch heraus, denn das Drehbuch von Truffaut warf Godard schon am ersten Drehtag über Bord. Und so entsteht, langsam und nebenher, echte Filmgeschichte, ohne das es jemand ahnt. Niemand hält Ausser Atem für einen guten Film, selbst die Beteiligten finden die Aufnahmen schrecklich.

Ein weiteres Highlight dieses Films, wobei man eigentlich alles an diesem Film als Highlight bezeichnen kann, ist Matthieu Pencinat als Kameramann Raoul Coutard. Dieser große Typ ist eine Wucht, völlig lässig und in sich ruhend empfiehlt er sich als Kameramann für Godard. Da Godard sich Sorgen macht, ob Coutard auch einen schnellen Dreh unter improvisierten Bedingungen, ohne Licht und mit Handkamera stemmen könnte, meinte der nur ganz ruhig heruntergebrochen, dass er ja vorher Kriegsreporter in Vietnam war und die meisten seiner Aufnahmen im Rennen aus der Hand „scharf“ zog – vor ganz anderen Kulissen, als Godard sich das vorstellen kann. Coutard bekommt den Job und ist seitdem der ruhende Pol in einem aufgeregten, französischen Dreh.
Sie lieben das Kino? Sie mögen alte Filme und haben womöglich Ausser Atem gesehen? Dann kommen Sie an diesem Film nicht vorbei. Bei euphorischen Kritiken sollte man vorsichtig sein, mir hingegen können Sie vertrauen, denn dieser Film ist wirklich eine liebevolle, detaillierte, schwungvolle, bestens gefilmte und besetzte Veranstaltung erster Güte. Ein Ensemble-Film voller Schwung und Leichtigkeit, gespickt mit einer Ausstattung, als hätte man wirklich 1959 gedreht. Ob Marbeck wirklich die ganze Zeit filterlose Zigaretten rauchte? Leider gibt es auf der mir vorliegenden Blu-ray keine Extras, die darüber Aufschluss geben könnten.

Nouvelle Vague ist ein Genuss, ein Genuss für jeden, der sich für Film interessiert, für jeden, der sich dem analogen Kino noch irgendwie verbunden fühlt. Kompatibel, flott, witzig und voller guter Einfälle nimmt uns Regisseur Richard Linklater in seinem besten Film mit ans Set von Ausser Atem und taucht mit uns, völlig nahbar, in diese wilde Zeit des kreativen Aufbruchs ein. Was für ein schöner Film! Tipp!
Das Bild der gesichteten Blu-ray ist gut und sattr und entspricht dem damaligen Filmbild von Ausser Atem, der Ton ist gut. Als Extras gibt es Trailer.
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