Die erste DVD-Veröffentlichung von Klaus Lemkes Kultfilm Rocker (1972) ist schon 20 Jahre her. Eigentlich kann sich die Qualität heute noch sehen lassen, doch auf Extras musste man bisher leider verzichten. Die DVD war damals noch ungeprüft und trägt daher kein FSK-Logo. Erst die inhaltsgleiche DVD-Neuauflage von Zweitausendeins Edition bekam 2011 eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Im Juli 2026 hat SHOCK ENTERTAINMENT den Film erstmalig auf Blu-ray veröffentlicht und noch zwei Extras dazu gepackt. Das Ganze kommt im Scanavo-Blu-ray-Case. Für mich eine willkommene Gelegenheit, den Film noch mal anzuschauen. Da Hamburg nicht allzu weit entfernt von meinem Wohnort ist, habe ich natürlich noch einen ganz besonderen Bezug zu dem Film. Davon abgesehen, bekommt man hier ein Ausnahme-Beispiel präsentiert, was den deutschen Film anbelangt. Deutscher Film kann richtig cool und bissig sein, wenn man ihn denn lässt. Das zeigten in den 70er-Jahren auch TV-Produktionen, wie Tom Toelles Das Millionenspiel (1970) oder Heinz Schirks Der Springteufel (1974), beide mit Dieter Hallervorden in eher untypischen Rollen. Auch Rocker ist eine TV-Produktion und hatte seine Premiere im Februar 1972 im ZDF.

Drehbuch & Regie: Klaus Lembke
Darsteller: Hans-Jürgen Modschiedler, Gerd Kruskopf, Michael-Thomas Krannich, Marianne Mim
Artikel von Holger Braasch
Meine erste Begegnung mit Rocker liegt knapp 20 Jahre zurück. Diese zählt aber nicht wirklich, da ich mir den Film damals in einer heiteren Runde mit guten Bekannten angesehen hatte. Da stand natürlich eher Party im Vordergrund, während der Film quasi so nebenbei lief. Am selben Abend gab es auch Paul (1973) und 3 Minuten Heroes (2005). Diese drei Filme von Lemke waren damals erstmalig auf DVD erschienen. Ungefähr zur selben Zeit liefen auch einige Werke von Klaus Lemke im TV – auf VOX und den Öffentlich-Rechtlichen. Heute bin ich froh, meine Aufnahme von 48 Stunden bis Acapulco (1967) behalten zu haben. Zu jener Zeit wusste ich die Filme von Lemke noch nicht so zu schätzen, wie ich es heute tue. Aber sie hatten schon damals mein Interesse geweckt. Es sollte aber noch ein paar Jahre dauern, bis mich Rocker und andere Filme von Klaus Lemke richtig geflasht haben. Ähnlich ging es mir mit Roland Klicks Milieustudie Supermarkt (1974), die ebenfalls nicht gerade die Schokoladenseite von Hamburg zeigt – ein Film, den ich heute ebenfalls sehr schätze. In den letzten Jahren bin ich wieder verstärkt aufmerksam geworden auf außergewöhnliche deutsche Filmemacher, die vor allem in den 60er-bis-80er-Jahren ihre große Zeit hatten und den deutschen Film auf ihre ganz besondere Weise geprägt haben. Neben Klaus Lemke zählen unter anderem für mich dazu: Rainer Erler, Roland Klick und natürlich Rainer Werner Fassbinder.

Klaus Lemke zählte zu den absoluten Ausnahme-Regisseuren in Deutschland. Er begann seine Karriere Mitte der 60er-Jahre und pflegte von Anfang an einen rauen und authentischen Stil. Er drehte lieber ohne Drehbuch und fand beim Deutschen Fernsehen einen festen Sponsor – auch wenn Lemkes Filme mitunter für Kulturschocks beim jeweiligen Sender sorgten. Damals konnte man offensichtlich noch richtig »Bambule« machen im Deutschen Fernsehen. Gleich zu Anfang ruft auch in Rocker einer der Protagonisten des Films laut »Bambule!« aus. Protest! Revolution! Yeah!!! Es stellt sich natürlich schnell heraus, dass die scheinbar so freie Welt der Rocker hauptsächlich aus Saufen, Kiffen, Raufen besteht – und Leute abzuziehen. Letzteres meist ziemlich dilettantisch und grobmotorisch, aber immer mit vollem Herzen dabei. Da die Darsteller überwiegend selbst aus dem Milieu kommen, verschwimmt nicht selten die Grenze zwischen fiktiver Filmhandlung und dem echten Leben auf der Straße.
Die erste Figur, die uns vorgestellt wird, ist Gerd (Gerd Kruskopf), der gerade aus dem Knast entlassen wird. Seine Freundin hat sich inzwischen mit Uli Modschiedler (Paul Lys) eingelassen, der ebenfalls aus dem kriminellen Milieu kommt. Nach einem missglückten Auto-Deal – natürlich war das Auto geklaut – steht er auf der Abschuss-Liste von zwei Zuhältern, die ihn brutal auf offener Straße totschlagen. Sein 15-jähriger Bruder Mark (Hans-Jürgen Modschiedler) wird Zeuge dieses Verbrechens und findet in der scheinbar heilen bürgerlichen Welt keinen Platz mehr. Er lässt sich durch die Gosse treiben und trifft auf Gerd, der den Jungen unter seine Fittiche nimmt. Natürlich muss Mark erst mal einige Bewährungsproben bestehen. Dazu gehört natürlich auch ein krummes Geschäft – welches auch noch direkt unter den Augen der Polizei stattfindet. Mark schlägt sich gut, und am Ende knöpft sich Gerd noch die brutalen Zuhälter vor, die Marks Bruder auf dem Gewissen haben.

Rocker zählt bis heute zu den bekanntesten Werken von Klaus Lemke, der nicht wenige Filme vorzuweisen hat. Der Film ist ein einzigartiges Zeitdokument, das unverfälscht den Zeitgeist und die Gepflogenheiten des damaligen Rocker-Milieus einfängt. Bemerkenswert ist auch der Soundtrack, der mit Titeln von Santana, Rolling Stones und Led Zeppelin auftrumpfen kann. In einer Szene hängt ein Porträt von Marlon Brando aus dem Film Der Wilde (1953) an der Wand. Dieser Film gilt als großes Vorbild für alle späteren Rocker-Filme, zu denen auch Easy Rider (1969) gehört. Rocker kommt allerdings weniger glamourös daher und die schnodderigen Sprüche der Protagonisten werden mit norddeutscher Gelassenheit serviert – so richtig furztrocken und direkt auf die Zwölf: „Mach dich gerade, Klappstuhl!“
Ob im tiefsten Bayern oder auf dem Hamburger Kietz – Klaus Lemke drehte meistens mit Laiendarstellern und legte großen Wert auf Authentizität. Er dürfte so ziemlich der Letzte gewesen sein, der sich um Politische Korrektheit geschert hat. Das macht seine Filme im Rückblick zu wertvollen Zeitdokumenten, die das Lebensgefühl einer längst vergangenen Ära konservieren und für zukünftige Generationen bewahren – ungeschminkt, ungeschönt und mit allen Ecken und Kanten. Es sollte einige Zeit dauern, bis der Filmemacher die Anerkennung bekam, die ihm gebürte. Die meisten seiner Werke gibt es offenbar nicht auf DVD, geschweige denn auf Blu-ray, was schade ist. Wenn also mal wieder ein Film von Klaus Lemke im TV läuft, sollte man einschalten und am besten gleich mitschneiden. Der umtriebige Regisseur drehte bis an sein Lebensende Filme und starb nach kurzer schwerer Krankheit am 7. Juli 2022 im Alter von 81 Jahren. Das 50-jährige Jubiläum seines Kultfilms Rocker konnte er noch miterleben.

Die Blu-ray von Shock Entertainment präsentiert den Film in einer neuen Abtastung, die gegenüber der alten DVD deutlich farbenfroher und klarer daherkommt – da wäre schon bei einer neu gemasterten DVD eine deutliche Steigerung zu sehen gewesen. Die Neuveröffentlichung des Films beinhaltet aber nur die Blu-ray. Auch ist an allen Bildrändern etwas mehr zu sehen als bei der DVD. Das Bildformat 1,33:1 (Originalformat) ist allerdings gleichgeblieben. Im Bonusmaterial gibt es noch eine 13-minütige Drehort-Tour mit Regieassistent Martin Müller und Kameramann Bernd Fiedler. Außerdem ist noch ein deutscher Trailer zum Hauptfilm enthalten, der sowohl auf dem Cover als auch im Blu-ray-Menü seltsamerweise als Drehort-Tour-Teaser bezeichnet wurde. Alles in allem eine lohnenswerte Anschaffung, auch wenn man die DVD schon hat. Mit dieser Blu-ray hat man das 16mm-Filmmaterial sicherlich voll ausgereizt.

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