Wahrscheinlich darf man keine Heiligen Kühe kritisieren, aber mit dem vorliegenden Film von Martin Scorsese habe ich mich immer sehr schwergetan. Ich weiß, wahrscheinlich – oder sogar ganz sicher – habe ich keinen Filmgeschmack und kenne mich generell sehr wenig aus (egal zu welchem Thema) und muss nun gestehen, dass mich dieser Klassiker Scorseses immer gelangweilt hatte. Damals zumindest. Ich machte einst den Fehler, diesen Streifen im Zuge von Rocky aus der Videothek auszuleihen und war enttäuscht. Jake LaMotta war für mich immer nur so eine persönliche, lokal beschränkte Erinnerung Scorseses an seine eigene Jugend in New York, von der er irrtümlich annahm, dass ein hyper-aggressiver Boxer, der den jungen Scorsese einst so beeindruckte, gleich die ganze Welt interessieren müsste. Der nächste Kritikpunkt, der mir damals aufstieß, war, dass hier Schauspieler Boxer spielen und der Kampf meistens auch so aussieht, während es in Rocky teilweise wirklich auf die Mütze gab – und man es auch sieht. Der eine oder andere Punch in Wie ein wilder Stier geht vorbei oder ist offensichtlich gebremst worden, während sich Stallone bewusst war, dass es der Dynamik hinderlich ist, wenn Schauspieler wie Schauspieler boxen. Was Robert De Niro aber hingegen kann, ist die Pose. Diese Momente des inneren Dampfkessels, wenn LaMotta den Gegner zu Boden schlug und voller Adrenalin und in typischer Robert De Niro-Anspannung wie ein Tier in seiner Ecke lauert, das ist fiebrig-aggressives Kino. Für mich liegen die Qualitäten dieses Films in den Zwischentönen, dann, wenn LaMottas simple Stringenz aufgebrochen wird und LaMotta plötzlich Zärtlichkeiten ausgesetzt ist – oder dann, wenn Scorsese die Biografie verlässt und sich der italienischen Community zuwendet. Momente, in denen Joe Pesci seinen großen Auftritt hat und Scorsese die Sprache seiner zukünftigen Mafia-Filme spricht. CAPELIGHT PICTURES brachten diesen großen Klassiker Martin Scorseses jetzt restauriert u.a. im limitierten Mediabook in zwei Cover-Varianten heraus.

Originaltitel: Raging Bull

Regie: Martin Scorsese

Darsteller: Robert De Niro, Joe Pesci, Cathy Moriarty, Frank Vincent, Nicholas Colasanto

Artikel von Kai Kinnert

Der aus Little Italy in der Bronx stammende und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Boxer Jake LaMotta (Robert De Niro) gewinnt die Weltmeisterschaft im Mittelgewicht. Doch der exzentrische Sportler verkraftet den plötzlichen Ruhm nicht. Schon bald droht die Aggressivität, die ihm im Ring zum Sieg verholfen hat, sein Leben außerhalb der Boxarena zu zerstören.

Es ist mindestens 30 Jahre her, dass ich mir Wie ein wilder Stier ansah. Und auch jetzt, heute noch, brauchte ich gut eine Stunde, bis ich mit dem Film warm wurde. Das darf man jetzt bitte nicht falsch verstehen. Robert De Niro ist hier in bester Top-Form und hat sich mit Haut und Haaren in diese Rolle geworfen. Aber dennoch interessiert mich dieser Jake LaMotta in den ersten 60 Minuten überhaupt nicht. Was für ein Unsympath, was für ein uninteressantes Thema für einen Film. Ist doch egal, ob Jake LaMotta der Champ ist – oder nicht. Ob er nun Gefühle ausdrücken kann – oder nicht. Was soll´s. Nächster Film bitte. Und gerade, als ich endgültig vor dem TV weg dösen möchte, schaltet der Film um und gibt Cathy Moriarty mehr Raum. Plötzlich bricht was auf, plötzlich verändert sich die Kameraführung, plötzlich entsteht Nähe. Plötzlich geht es um Menschen. Das ist der Augenblick, die großartige Kameraarbeit von Michael Chapman zu erwähnen, ohne die der Film kein Klassiker geworden wäre. Was Chapman hier für eine Fotografie abliefert, rettet Scorsese den Popo. Meine Güte, ist der Film hervorragend gefilmt worden, was für eine brillante Schwarz-Weiß-Fotografie. Zwar ist der Film von der ersten Minute an eine Augenweide, aber erst mit Cathy Moriarty bekommt der Film Tiefe und die nötige Nähe. Wenn De Niro und Moriarty eng beisammen liegen und die Kamera dicht am Hinterkopf klebt und in das Geflüster und Streicheln der Liebenden eintaucht, bekommt der Film plötzlich genau das Detail, dass der Anfang vermissen lässt. Ab diesem Moment werden auch die Boxkämpfe interessanter. Viel an den Kämpfen wird durch eine geschickte Kameraführung gelöst, weniger durch ungebremste Stunts, mehr durch Schwenks und Schnitte. Aber die sind schlichtweg großartig. Wenn LaMotta nach einer Stunde erneut in den hitzigen Ring steigt, übertrifft sich Chapman mit einer grandiosen Inszenierung von Hitze, Schweiß und Bewegung einfach selbst. Dazu dieses Unterlaufen mit grobkörnigen, plötzlichen Standbildern im Kampf, das ist ganz großer Filmschnitt. Es ist, als wäre Scorsese nach 60 Minuten plötzlich im eigenen Film angekommen und beginnt mit dem Dreh eines Klassikers, der nicht nur von Rotwein beschwipsten Filmwissenschaftlern als solcher erkannt wird. Ab diesem Augenblick bekommen die Kämpfe mehr Schmiss und Robert De Niro öffnet sein Schauspiel. Sein Jake LaMotta hat mehr Dampf im Kessel als Travis Bickle. Was liefert De Niro für Blicke und Körperhaltungen ab, diese Anspannung, diese Wut – und dann die Zärtlichkeit. Die auch in ihm steckt, nur leider nicht so richtig kanalisiert werden kann. Daraus einsteht ein Brodeln aus Unsicherheiten, Wut und dem Wunsch geliebt zu werden, kombiniert mit diesem Blick De Niros, wenn er im Ring auf und ab tigert. Das ist fantastisches Schauspiel. Hier spürt man Jake LaMotta, hier wohnt der Film. Das ist der Moment.

Große Momente hat auch Joe Pesci. Wenn Pesci später im Nachtclub völlig frei dreht und auf einen Bekannten losgeht, fühlt man sich pre-kognitiv an GoodFellas erinnert und Scorsese taucht kurz in die Mafia-Vibes ein, die später sein Filmschaffen prägen werden. Da passt dann Schauspieldebütantin Cathy Moriarty bestens hinein, die real von Joe Pesci entdeckt wurde, da ihr Foto in einer New Yorker Kneipe an der Wand hing. Cathy Moriarty spielt frisch und verdammt sinnlich, sie ist genau der Deckel für den Topf Jake La Motta. Ihre sinnliche Art ist der passende Gegenpol zum Brecheisen Robert De Niro, den der Film gebraucht hat.

Der Aufstieg, Fall und das Comeback des Boxers Jake LaMotta ist und bleibt für mich eine uninteressante Geschichte. Solche Boxgeschichten gibt es wie Sand am Meer, da habe ich kein Mitleid. Es ist wie mit diesen schrecklichen Serien und Filmen, in denen es um irgendeine Familie geht, die mit Drogenhandel ihr Geld verdient und nun mit Zwietracht und Missgunst hadert. Wie wahnsinnig interessant. Dann sollen sie sich doch einen neuen Beruf suchen. Interessant wird es erst, wenn diese konventionelle Struktur plötzlich unterlaufen wird. Wenn der Film etwas Überraschendes liefert. Das Wie ein wilder Stier einen großartigen Robert De Niro präsentiert, das war zu erwarten. Und gerade, als man sich damit abfinden möchte, dass Scorsese keine universelle Schnittstelle zum Rest der Welt finden wird, kommt die Zärtlichkeit ins Spiel und die Schnittstelle ist da. Plötzlich ist es ein Film. Plötzlich hat Martin Scorsese was zu erzählen. War Michael Chapman bis dahin ein toller Kameramann, ist er ab diesem Moment ein fotografisches Genie, ganz ohne Aufdringlichkeit oder Selbstzweck. Nun ist Wie ein wilder Stier endlich mehr als nur eine Biografie oder ein Box-Film. Nun ist es ein Klassiker geworden, zeitlos schön gefilmt, zeitlos gut gespielt. Und endlich beim Zuschauer angekommen. Dieser Film darf in keiner De Niro/Scorsese-Sammlung fehlen.

Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber und satt, ein prächtiges Schwarz-Weiß. Der Ton ist gut.

Als Extras gibt es einen Audiokommentar von Regisseur Martin Scorsese und Filmeditorin Thelma Schoonmaker, Audiokommentar von Kameramann Michael Chapman, den Produzenten Irwin Winkler und Robert Chartoff, Soundtrack-Produzent Robbie Robertson, Schauspieler John Turturro, Schauspielerin Theresa Saldana, Castingdirektorin Cis Corman und Sound-Effects-Editor Frank E. Warner, Audiokommentar von den Drehbuchautoren Mardik Martin und Paul Schrader, Boxer und Buchautor Jake LaMotta sowie dessen Neffe Jason Lustig, Originalkinotrailer, Deutscher Kinotrailer. Weiter auf einer Bonus-Blu-ray: Vor dem Kampf, Im Ring, Außerhalb des Rings, Nach dem Kampf, Der Bulle aus der Bronx – Eine Einführung in „Wie ein wilder Stier“, De Niro vs. LaMotta – Ein Bild-für-Bild-Vergleich, Marty and Bobby – Über die Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Robert De Niro, Raging Bull: Reflections on a Classic – Die Regisseure Richard Kelly, Scott Cooper, Neil LaBute und Regisseurin Kimberly Peirce erinnern sich an „Wie ein wilder Stier“, Remembering Jake – In Erinnerung an Boxlegende Jake LaMotta, Marty on Film – Martin Scorsese über das Kino, Cathy Moriarty zu Gast bei „The Tonight Show Starring Johnny Carson“ am 27. März 1981, LaMotta verteidigt den Titel – Nachrichtenbeitrag aus dem Jahr 1950 und Jakes Witze – Interview mit Jake LaMotta.

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