“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” #17 – Der Hexer (1964)

Nach insgesamt sechzehn Wallace-Verfilmungen kommen wir im neuesten Teil unserer Retrospektive zum wohl unbestrittenen Klassiker der Krimi-Reihe, den eigentlich jeder kennt oder von dem zumindest jeder schon einmal gehört hat. DER HEXER (1964) stellt quasi den “Avengers” des Edgar-Wallace-Universums aber ist dieser Ruf auch wirklich gerechtfertigt? Das klären wir im Artikel!

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”

Drehbuch: Herbert Reinecker
Regie: Alfred Vohrer

Darsteller: Joachim Fuchsberger, Heinz Drache, Siegfried Lowitz, Sophie Hardy, Margot Trooger, Jochen Brockmann, Carl Lange, Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Ann Savo…

Artikel von Christopher Feldmann

Für den Kinosommer 1964 benötigten Horst Wendlandt und sein Team dringend einen Hit, denn sowohl die Einspielergebnisse von ZIMMER 13 (1964), als auch von DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS (1964) waren wenig zufriedenstellend. Aus diesem Grund wollte man für den nächsten Edgar-Wallace-Krimi kein Risiko eingehen und da man, aufgrund noch fehlender Genehmigungen, noch nicht mit den Dreharbeiten zu DAS VERRÄTERTOR (1964), bei denen Originalschauplätze unerlässlich waren, beginnen konnte, beschloss man den wohl berühmtesten Roman des britischen Schriftstellers für das Kino zu adaptieren; DER HEXER. Harald G. Petersson hatte bereits ein fertiges Drehbuch parat, welches eine grundlegende Überarbeitung des Entwurfs vom ehemaligen Stamm-Autor Egon Eis darstellte. Allerdings waren weder Wendlandt, noch Regisseur Alfred Vohrer mit dem Skript zufrieden, weswegen man den bekannten Film- und Fernsehautor Herbert Reinecker beauftragte dem Stoff mehr Tempo, Finesse und vor allem ein neues Ende zu verleihen. Eine Rechnung, die bekanntermaßen aufgehen sollte, avancierte DER HEXER nicht nur zum trächtigen Publikumserfolg, sondern auch zu einem der besten und stimmungsvollsten Beiträge der Krimi-Reihe.

Handlung:
Als die Rechtsanwaltssekretärin Gwenda Milton (Petra von der Linde) ermordet und schließlich von Scotland Yard tot aus der Themse gefischt wird, überschlagen sich die Ereignisse. Die unscheinbare Sekretärin war nämlich die Schwester von Arthur Milton, der in London nur als “Der Hexer” bekannt ist. Milton hatte einige Verbrecher dazu gezwungen, Suizid zu begehen und flüchtete daraufhin nach Australien. Nun muss Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) nicht nur den Mord an Gwenda Milton aufklären und einer Bande von Mädchenhändlern das Handwerk legen, denen das Opfer auf die Spur gekommen ist, sondern auch Arthur Milton schnappen, der ein Meister der Maskerade ist und damit beginnt, die Londoner Unterwelt in Angst und Schrecken zu versetzen. Zum Glück bekommt Higgins Unterstützung vom pensionierten Inspektor Warren (Siegfried Lowitz), der als einziger das Gesicht des gesuchten Rächers kennt. Die Beiden nehmen sofort die Ermittlungen auf und fühlen Miltons Ehefrau Cora (Margot Trooger) auf den Plan, die den Beamten aber immer genauso einen Schritt voraus zu sein scheint wie der ominöse Wesby (Heinz Drache), der ebenfalls aus Australien angereist ist.

Auf eine erneute Sichtung von DER HEXER habe ich mich wirklich gefreut, habe ich diesen flotten Streifen doch bei jeder Gelegenheit im Fernsehen verschlungen. Zum einen weil er, zumindest meinem Empfinden nach, immer einer der spannendsten und temporeichsten Wallace-Krimis war. Allein der prägnante Vorspann löste in mir immer einen wohligen Grusel aus und als Kind klebte ich förmlich vor dem Gerät, da ich die Auflösung gar nicht abwarten konnte. In den Jahren danach habe ich den Film immer wieder gesehen und ihn jedes Mal erneut genossen. DER HEXER hat im Gegensatz zu anderen Wallace-Filmen nichts an Charme und Cleverness eingebüßt und ist heute noch ein wahrer Meilenstein des Pulp-Kinos der 1960er Jahre.

Die große Stärke des Krimis liegt im guten Drehbuch. Mit Herbert Reinecker hatte man den richtigen Autor zur richtigen Zeit an der Hand. Peterssons Fassung biederte sich sehr an der Vorlage an, die ursprünglich von Edgar Wallace als Theatervorlage konzipiert wurde. Zu statisch, zu eintönig, schlichtweg zu langweilig war die Auffassung Wendlandts, der sicherstellen wollte, das diese Produktion ein echter Knüller wird. Reinecker schrieb das Skript komplett um und hielt sich dabei lediglich an die Grundgeschichte, in der “Der Hexer” den Mord an seiner Schwester rächen will. Ein weiteres Paradebeispiel für diese Phase der Edgar-Wallace-Filme, in der man zunehmend nur noch Motive oder einzelne Handlungselemente der Vorlagen übernahm, den Rest aber frei erfand. Dies war im Falle dieses Films auch notwendig, immerhin wurde der Roman zuvor schon zweimal für das deutsche Fernsehen verfilmt, die zweite Adaption erschien gerade einmal ein Jahr zuvor und wurde vom ZDF ausgestrahlt. Da der Roman auch damals schon einer der bekanntesten Wallace-Krimis war, musste auch eine neue Auflösung her, war die Identität des Hexers bei den Zuschauern zu diesem Zeitpunkt schon weitestgehend bekannt.

Natürlich veranlasste dieser Umstand Horst Wendlandt, kräftig die Promo-Maschinerie anzuwerfen. So wurde groß über die letzten Seiten des Drehbuchs berichtet, die der Produzent in einem Safe aufbewahren würde, damit niemand die Auflösung erhaschen könne. Auch wurden den Darstellern und der Crew Geldstrafen angedroht, sollten sie Informationen durchsickern lassen. Wendlandt machte das Publikum neugierig, eine Neugier die belohnt wurde. DER HEXER ist auch heute noch ein unwahrscheinlich flotter Film, der stets in Bewegung bleibt und keine Langeweile bietet. Und das, obwohl der siebzehnte Wallace-Film mit den üblichen Mustern bricht, sind die wahren Schurken, die Mädchenhändler, die Mörder Gwenda Miltons doch eigentlich von Beginn an bekannt. Arthur Milton fungiert quasi als Antiheld, der zwar gegen das Gesetz verstößt aber die Verbrecher ihrer vermeintlich gerechten Strafe zuführt. Anno 1964 ein cleverer Schachzug, der einen frischen Wind in die Reihe brachte. Auch abseits dieses Ansatzes geizt der Film nicht mit Highlights und atmosphärischen Momenten, sowie dem wunderbar aufspielenden Ensemble. DER HEXER bietet alles, was das Fan-Herz begehrt und ist wahrscheinlich der perfekte Krimi-Cocktail, der Spannung, Humor und die Verschrobenheit der Reihe perfekt auf den Punkt bringt.

Bei der Wahl des Regisseurs setzte man abermals auf Alfred Vohrer, der genau der richtige Mann für den Stoff war. Vohrers comichafter Stil, der Sinn für Schauwerte und eine pointierte Schauspielführung zahlten sich hier wieder aus. Egal ob es eine Nahaufnahme von schwarzen Schuhen ist, das Spionieren durch ein Loch in der Zeitung, das Spiel mit Licht und Schatten, der trockene Humor oder die actionbetonten Momente mit all ihren Twists und Turns und falschen Fährten, Vohrer verwandelte das gute Skript in einen tollen Film, der mit 85 Minuten auch extrem kurzweilig ist. Vohrer inszenierte nun mal die optisch stimmigsten Filme der Reihe und wer zuvor DAS INDISCHE TUCH (1963), DAS GASTHAUS AN DER THEMSE (1962) oder DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (1961) gesehen hat, weiß wo der Frosch die Locken hat.

Für die Besetzung konnte man Joachim Fuchsberger und Heinz Drache zeitgleich gewinnen. Es ist der erste und einzige Wallace-Film, in denen die beiden Stars gemeinsam vor der Kamera stehen. Mit Siegfried Lowitz steht ihnen sogar der Inspektor der ersten Stunde zur Seite, der mit seiner charmant verschmitzten Art das Geschehen noch einmal aufwertet. Ihnen zur Seite steht hier eine hochkarätige Besetzung. Sei es Jochen Brockmann, der ebenfalls schon in DER FROSCH MIT DER MASKE (1959) zu sehen war,  als verschlagener Anwalt oder Carl Lange als hinterhältiger Priester. Die Schurken sind erstklassig aber auch auf der anderen Seite, kann sich der Film natürlich sehen zu lassen. Für die weibliche Hauptrolle konnte man die Französin Sophie Hardy gewinnen, die charmant zwischen dem blonden Dummchen und einer ernstzunehmenden modernen Frau chargiert. Margot Trooger ist als Cora-Anne Milton ein wahres Highlight, scheint ihre Figur doch stets über den Dingen zu stehen und dabei eine selbstsichere Coolness auszustrahlen. Siegfried Schürenberg darf einmal mehr als Sir John für den ein oder anderen Lacher sorgen, während Eddi Arent als kleptomanischer Butler ganz in seinem Element ist. Das Schirmchen im Cocktailglas ist sicher die Besetzung von René Deltgen, der am Ende als Arthur Milton auftritt und mit seiner Präsenz und seiner Ausstrahlung wie geschaffen für die Rolle ist.

Gedreht wurde DER HEXER vom 03. Juni bis zum 11. Juli 1964. Als Locations dienten die Katakomben der Zitadelle Spandau, das Hotel Esplanade, sowie der Flughafen Hamburg, der als Londoner Pendent herhalten musste. Die Innenaufnahmen wurden einmal mehr in den CCC-Studios von Arthur Brauner gemacht, während die London-Aufnahmen wie gewohnt aus der Konserve kamen. Hierfür würden wurden Shots aus DER ZINKER (1963) und WARTEZIMMER ZUM JENSEITS (1964) verwendet, sogar eine ganze Szene (Eddi Arent und der Zeitungsverkäufer) wurde aus DER ZINKER kopiert und einfach neu vertont. Die Musik stammt auch hier wieder von Peter Thomas, der einen seiner besten Scores ablieferte. Der treibende Rhythmus des Main-Themes in Verbindung mit den Schreien, Pistolenschüssen und den Stimmen gehört heute noch zu den großen Momenten der Reihe. Auch wurde hier erstmals das klassische “Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”-Opening verwendet, inklusive MG-Salve, welches fortan in jedem weiteren Film verwendet wurde.

Die Uhraufführung fand am 21. August 1964 statt, in Hannover und in Düsseldorf, in je zwei Kinos. Die FSK vergab eine Freigabe ab 16 Jahren, nachdem man ein im Film zu sehendes Nacktfoto der Darstellerin Ann Savo durch ein Foto mit Kleidung ersetzt hatte. Seit 1991 ist der Film in der ungekürzten Fassung ab 12 Jahren freigegeben. Insgesamt 2,6 Millionen Zuschauer konnte DER HEXER in die Kinos locken. Ein voller Erfolg, weswegen schon ein Jahr später eine Fortsetzung folgen sollte, die erste und einzige der Reihe.

Fazit:
DER HEXER (1964) ist nicht nur einer der besten Wallace-Krimis, sondern auch einer der stimmigsten, sowohl was Story und Inszenierung, als auch Schauspieler und Tempo angeht. Ob er wirklich der Beste ist, muss jeder für sich selbst entscheiden, für mich ist er auf jeden Fall das klare Highlight!

5 von 5 Giftschlangen in der Manteltasche!

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