“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” #21 – Der Bucklige von Soho (1966)

Es werde BUNT! In der neuesten Ausgabe unserer Edgar-Wallace-Retrospektive lassen wir die Schwarz-Weiß-Ära nun endgültig hinter uns und schlagen ein neues Kapitel der beliebten Krimi-Reihe auf. DER BUCKLIGE VON SOHO (1966) war der erste Farbfilm der Serie und schon gleich der bemühte Versuch, die Marke dem damals aktuellen Zeitgeist anzupassen. Ob dieses Vorhaben geglückt ist, erfahrt ihr im Artikel!

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”

Drehbuch: Herbert Reinecker
Regie: Alfred Vohrer

Darsteller: Günther Stoll, Monika Peitsch, Pinkas Braun, Gisela Uhlen, Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Agnes Windeck, Hubert von Meyerinck, Uta Levka, Joachim Teege, Ilse Pagé…

Wir schreiben das Jahr 1966. Die Wallace-Verfilmung DER UNHEIMLICHE MÖNCH (1965) erzielte zuvor überdurchschnittliche Ergebnisse und im Hause Rialto-Film wuchs der Drang, die Reihe weiter fortzuführen. Allerdings lag der primäre Fokus zu dieser Zeit auf den Karl-May-Verfilmungen, die sich ausgesprochener Beliebtheit erfreuten, weswegen man nicht mehr vier bis fünf Wallace-Filme pro Jahr realisieren wollte, sondern maximal zwei bis drei. Ursprünglich sollte im Frühjahr ein dritter HEXER-Film gedreht werden, mit Alfred Vohrer als Regisseur und Joachim Fuchsberger in der Hauptrolle. Dieses Projekt wurde allerdings vorerst auf Eis gelegt und auch bei diversen Karl-May-Filmen kam es zu Verzögerungen und Umdisponierungen, vor allem weil der Film OLD SUREHAND 1. TEIL (1965) mit Stewart Granger in der Titelrolle nicht den erhofften Erfolg erzielte, begann sich die Western-Reihe doch langsam aufgrund von Schwemme selbst abzunutzen. Da man allerdings einen Exklusiv-Vertrag mit Granger hatte und ihm noch einen Film schuldig war, bot man ihm, anstelle von Heinz Drache, die Hauptrolle in dem Wallace-Film DAS GEHEIMNIS DER WEIßEN NONNE (1966) an, den man als deutsch-britische Ko-Produktion an Originalschauplätzen drehen wollte. Da Granger aber zunächst für andere Produktionen verpflichtet war, schob man den Film nach hinten und begann mit den Arbeiten an DER BUCKLIGE VON SOHO (1966), dessen Drehbuch auf einem Skript für den nie realisierten dritten HEXER-Film von Harald G. Petersson basiert, welches von Herbert Reinecker umgearbeitet wurde. Damit entstand nicht nur der erste Film der Reihe, der sowohl in Sachen Titel, als auch Handlung komplett frei nach Edgar Wallace erdacht wurde, sondern auch der erste Farbfilm der langlebigen Krimi-Serie. Herausgekommen ist ein etwas kruder Mix, der sich bemüht, sich dem Zeitgeist anzupassen und damit die Ära einläutete, die mit dem Original-Autor nur noch wenig zu tun hatte.

Handlung:
Eine Serie von “Würger”-Morden hält London und Scotland Yard in Atem. Sir John (Siegfried Schürenberg) setzt seinen besten Mann, Inspektor Hopkins (Günther Stoll), auf den Fall an. Derweil ist Wanda Merville (Monika Peitsch) aus den USA angereist, um das Erbe ihres verstorbenen Vaters Lord Perkins anzutreten. Noch bevor die Erbschaft vollzogen werden kann, wird sie entführt und durch Gladys Gardner (Uta Levka) ersetzt, die als falsche Wanda Merville das Geld in Empfang nehmen soll. Die echte Wanda wird unterdessen in das Heim für straffällige Mädchen auf Schloss Castlewood gebracht, das vom skrupellosen Alan Davies (Pinkas Braun) geführt wird. Dort regieren Angst und Schrecken und wer redet oder zu fliehen versucht, erliegt in der Regel den Händen des “Buckligen” (Richard Haller). Mädchen, die überqualifiziert erscheinen, werden im Bordell von Mrs. Tyndal (Gisela Uhlen) eingesetzt. Doch wie es der Zufall will, rückt das Heim, welches ausgerechnet von Lady Perkins (Agnes Windeck), Wandas Tante, betrieben wird, in den Fokus des Inspektors. Der ahnt zunächst noch nicht, in welches Wespennest er stößt.

Da sind wir nun, in der bunten Welt, nicht mehr so ganz nach Edgar Wallace. DER BUCKLIGE VON SOHO (1966) läutete die umstrittene Ära des Farbfilms ein, jene Ära, die von den Fans oft geringschätzender betrachtet wird. Für nicht wenige Zuschauer wurde die Reihe ab diesem Punkt merklich schlechter, da man sich von den klassischen Zutaten und Stilelementen des Schwarz-Weiß-Krimis nach urdeutscher Machart zunehmend entfernte, um mit dem sich zu diesem Zeitpunkt merklich ändernden Zeitgeistes mitzuhalten. Edgar Wallace sollte moderner werden und auch modernere Geschichten erzählen, um eine neue Zuschauerschaft anzuziehen, die mit den biederen Rätsel-Krimis aus den Anfangstagen nicht mehr viel anfangen konnte. Also begann man, größtenteils gänzlich eigene Geschichten zu erfinden und bediente sich maximal in Sachen “Titel” an klassischem Wallace-Material. Die Autoren hatten einfach zu große Schwierigkeiten, die Romane für ein modernes Publikum zu adaptieren, zudem boten frei erfundene Geschichten auch mehr Freiheiten. Dazu kam nun mal die Sache mit der Farbe, in der die Filme plötzlich auch ganz anders wirkten. Der wohlige Gruselfaktor wich einer poppigeren Atmosphäre, was zwar gut in das langsam auslaufende Jahrzehnt passte aber mit den klassischen Produktionen der vorherigen Jahre nichts mehr gemein hatte. Die Entscheidung, die Filme fortan in Farbe zu drehen, war der Einführung des Farbfernsehens im Jahr 1967 geschuldet, dem Wendlandt vorgreifen wollte. Ursprünglich sollten DER BUCKLIGE VON SOHO, als auch DAS GEHEIMNIS DER WEIßEN NONNE noch in Schwarz-Weiß gedreht werden.

Somit ist DER BUCKLIGE das Farb-Debüt der Rialto-Reihe und liegt qualitativ irgendwo zwischen den Stühlen. Zum einen versuchte man noch klassische Elemente zu verarbeiten, zum anderen wirken diese wesentlich moderner, als noch bei DER UNHEIMLICHE MÖNCH. Hier wird einmal mehr das Thema der Erbschleicherei aufgegriffen, das schon oft als Grundgerüst für einen Krimi nach Edgar Wallace diente, was bedeutet, dass eine unschuldige junge Dame im Stande ist, ein großes Vermögen zu erben, welches sich die Bösewichte aber mit allen möglichen skrupellosen Methoden unter den Nagel reißen wollen. Der einzige Unterschied ist wohl, dass die Erbin dieses Mal von Beginn an über die Verhältnisse aufgeklärt ist. Somit bewegen wir uns auf vertrautem Terrain, welches noch durch die übliche Menge an halbseidenen Figuren ergänzt wird. Die klassische Mordserie rückt dabei gänzlich in den Hintergrund, obwohl es der Film zu Beginn noch als Aufhänger nutzt, ist der Würger eher Nebensache und für den Zuschauer klar erkennbar. So entspinnt sich ein durchaus temporeiches Spiel um allerlei Schurken, die mehr damit beschäftigt sind, sich selbst aus dem Weg zu räumen als etwas sinnvolles zu tun.

Das Drehbuch ist dabei das größte Problem des ansonsten recht ordentlichen Krimis. DER BUCKLIGE VON SOHO fehlt es letzten Endes an Pfiff. Das beschauliche Rätseln um Geheimnisse oder die Identität eines Mörders fehlt hier fast gänzlich, stattdessen sind die Fronten für das Publikum geklärt, weshalb die Spannung zeitweise auf der Strecke bleibt. Auch die Tatsache, dass man damit begann, die Filme konsequent quatschiger werden zu lassen, nimmt dem Ganzen etwas an Seriosität. Klar, in der Vergangenheit setzte man immer wieder auf Humor und pointierte Szenen, um den Thrill und den Grusel abzufedern, mit der Zeit etablierte sich dies aber Stamm-Darsteller wie Eddi Arent und Siegfried Schürenberg wurden immer mehr zu Comic-Reliefs.

Allerdings steht der etwas simplen und wenig spannenden Geschichte ein hohes Tempo gegenüber. Herbert Reinecker ist es gelungen, einen flotten Film zu schreiben, der letztendlich von seinen guten Schurken profitiert, die das bunte Treiben auf Schloss Castlewood wirklich sehenswert machen. Dabei ist der “veränderte Zeitgeist” deutlich zu erkennen. Die Zustände in diesem ominösen Mädchenheim erinnern fast schon an an einschlägige Women-In-Prison-Exploitationfilme, die in den kommenden Jahren noch produziert werden sollten. So gibt es auch hier etwas Folter, Duschszenen und eine herrische Aufseherin, die sogar ab und an die Reitgerte schwingt. Natürlich ist das alles recht handzahm in Szene gesetzt, eben so wie es anno 1966 in Deutschland möglich war. Auch das Thema “Mädchenhandel”, welches bereits in DER UNHEIMLICHE MÖNCH vorkam, war ebenfalls ein noch recht frisches Thema innerhalb der Wallace-Reihe. So verbindet DER BUCKLIGE VON SOHO alte und neue Elemente zu einem, für die damalige Zeit, zeitgemäßen Ganzen. Dass dabei ein Logiklücken auftreten und einzelne Szenen stellenweise etwas albern wirken, gehört dabei zum guten Ton und auch Charme der Wallace-Filme.

Es ist letztendlich wieder einmal Alfred Vohrer zu verdanken, der mit dafür verantwortlich war, dass aus dem etwas uninspirierten und überraschungsfreien Skript, ein noch unterhaltsamer Film geworden ist. Es hat schon seinen Grund, warum der ehemalige Synchronregisseur den Großteil der Farbfilme inszenierte, verstand Vohrer doch wie kein Zweiter die richtige Mix aus Spannung, Witz und Tempo zu finden, und diesen mit seinen ganz eigenen Ideen zu würzen. So kommen auch in DER BUCKLIGE VON SOHO wieder einige kunterbunte Skurrilitäten zum Einsatz wie man sie eben nur in den Vohrer-Filmen findet. Sei es das Bordell mit der Kommandozentrale (welches übrigens genau so benannt wurde wie die Hafenkneipe in DAS GASTHAUS AN DER THEMSE), der Geheimgang hinter dem Spiegel, der Revolver hinter der Wanduhr oder der Folterstuhl mit dem Bunsenbrenner, auch dieser Witz strotzt nur so vor den berühmten Pulp-Gadgets. Das mag ab und zu auf Kosten der Glaubwürdigkeit gehen aber die konsequente Überhöhung und die bewusste Ironie standen den Farbfilmen immer sehr gut. Man könnte es auch als “Trash” bezeichnen aber das waren die Filme schon immer auf eine ganz bestimmte Art und Weise aber immerhin “unser Trash”!

Wie bereits erwähnt, sind es dieses Mal ganz klar die Schurken, die hier den größten Unterhaltungsfaktor ins Spiel bringen, denn auf Seiten des Gesetzes und der allgemein positiven Charaktere sieht es etwas mau aus. Ursprünglich sollten Joachim Fuchsberger als Inspektor Higgins und Uschi Glas, die bereits in DER UNHEIMLICHE MÖNCH debütierte, die Hauptrollen übernehmen. Da Blacky aber verhindert war und Uschi bereits mit WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI (1967) zu tun hatte, kamen Günther Stoll und Monika Peitsch zum Einsatz. Stoll wurde aufgrund seiner Rolle im Durbridge-Straßenfeger MELISSA (1966) besetzt und seine Rolle in Hopkins umbenannt, Peitsch ergatterte die Rolle aufgrund ihres hohen Bekanntheitsgrades durch die Fernsehserie DIE UNVERBESSERLICHEN (1965-1971). Beide gehören allerdings zu den Fehlbesetzungen der Reihe. Stoll ist als Ermittler recht steif und langweilig, kann es auch in Bezug auf Erscheinung und Dynamik nicht mit Fuchsberger oder Drache aufnehmen und Peitsch wirkt äußerst bieder. Dies ist wohl der größte Kritikpunkt an dem Film und für Peitsch war es der einzige Auftitt in einem Wallace-Film. Stoll sollte noch in drei weiteren Produktionen auftreten aber immer in der zweiten Reihe.

Dafür schillern die Bösewichte umso mehr. Pinkas Braun, der bereits als Schurke in DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE (1962) und DIE TÜR MIT DEN 7 SCHLÖSSERN (1962) auftrat, liefert hier eine erstklassige Performance als sinisterer Heim-Chef ab. Seine Figur ist mit allen Wasser gewaschen und derart skrupellos, das es eine wahre Freude ist, ihm zuzusehen. Neben Kinski war Braun der wohl beste Schurken-Darsteller der Reihe, der insgesamt allerdings nur vier Mal in Erscheinung trat. Neben ihm ist noch Gisela Uhlen zu sehen als Bordell-Chefin zu sehen, die ihm in Sachen spleeniger Boshaftigkeit ebenbürtig ist. Für sie war es der dritte und letzte Wallace-Auftritt nach DIE TÜR MIT DEN 7 SCHLÖSSERN und DAS INDISCHE TUCH (1963). Ebenfalls in einer vertrauten Rolle ist Hilde Sessak zu sehen. Als herrische Oberin sah man sie bereits in DER HEXER (1964) und auch in DER GORILLA VON SOHO (1968) sollte sie noch einmal in dieser Rolle auftreten. Die ungewöhnlichste Besetzung ist allerdings Ulknudel Eddi Arent, der als dämonischer Reverend dieses Mal auf der Seite der Bösen agiert. Dies wirkt zuerst etwas befremdlich, allerdings meistert Arent diese Rolle und zeigt dabei, dass er mehr kann, als nur der witzige Sidekick zu sein. In den Nebenrollen setzte man indes auf routiniertes Personal. Agnes Windeck spielt als Schlossherrin quasi die gleiche Rolle wie in DER ZINKER (1963) und auch Albert Bessler ist an ihrer Seite wieder als Butler zu sehen. Uta Levka darf als Femme Fatale ihre Reize einsetzen und Siegfried Schürenberg gibt abermals den Sir John, der hier schon deutlich mehr in Erscheinung treten darf. Witzig ist darüber hinaus die Besetzung von Hubert von Meyerinck, der hier den General Perkins spielt und ein paar Filme später als Sir Arthur den Posten Schürenbergs übernehmen sollte. Einzig Joachim Teege wirkt als kurzsichtiger Anwalt wie eine einzige Karikatur und fast schon wie ein filmisches Pendent zur Comic-Figur “Mr. Magoo“. In einer kleinen Nebenrolle sieht man übrigens Ilse Pagé, die später eine fortlaufende Rolle als Scotland-Yard-Sekretärin Miss Finlay übernehmen sollte.

Musikalisch setzte man wieder auf Komponist Peter Thomas, der dem Film seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte und mit experimentellen und skurrilen Jazz-Sounds, sowie peitschenartigen Lauten den Ton des Films perfekt untermalte. Nichts sein bester Score aber immer noch hörenswert.

DER BUCKLIGE VON SOHO wurden vom 01. Juni bis zum 13. Juli 1966 in Eastmancolor gedreht. Bis auf wenige Aufnahmen in London, die ohne Schauspieler stattfanden, fanden die Dreharbeiten gänzlich in West-Berlin statt. Als Schloss Castlewood diente die Zitadelle Spandau, die restlichen Außen- und Innenaufnahmen wurden auf dem Gelände der CCC-Studios realisiert. Nach einigen Kürzungen (unter anderem musste ein neuer Vorspann eingesetzt werden) wurde der Film von der FSK ab 16 Jahren freigegeben, seit 1991 wurde er auf eine Freigabe ab 12 heruntergestuft. Während die Kritiker den Streifen eher geringschätzend bewerteten, fand er beim Publikum durchaus Anklang. Er startete am 06. September 1966 in den Kinos und lockte 2,2 Millionen Zuschauer in die Lichtspielhäuser. Das war zwar weniger als beim Vorgänger, als Ergebnis jedoch zufriedenstellend.

Fazit:
DER BUCKLIGE VON SOHO (1966) läutete ein neues Kapitel innerhalb der Edgar-Wallace-Reihe ein. Von nun an gab es eigene Geschichten, frei nach dem Original-Autor erzählt, die mehr dem damaligen Zeitgeist entsprachen und von da an in Farbe gedreht wurden. Dieser Auftakt der neuen Ära ist wahrlich kein besonders guter Wallace-Film, wirkt er doch stellenweise etwas albern und vorhersehbar und auf Seiten der Hauptfiguren etwas schwach besetzt. Allerdings sind die Schurken großartig, die Musik eingängig, das Tempo hoch und die Vohrer-typischen Scharmützel machen Laune. Mit den großen Titeln kann er nicht mithalten, als “Guilty Pleasure” macht er allerdings viel Freude.

3 von 5 falschen Buckeln!

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