Mit RUN – DU KANNST IHR NICHT ENTKOMMEN (2020) ist seit Donnerstag ein weiteres Opfer der Corona-Pandemie im hiesigen Heimkino erhältlich. Ursprünglich für die große Leinwand produziert, wanderte der Psychothriller von SEARCHING-Regisseur Aneesh Chaganty direkt zum Streamingdienst HULU und auch in Deutschland war nur eine Veröffentlichung auf Scheibe drin. Ob der Nägelkauer mit Golden-Globe- und Emmy-Preisträgerin Sarah Paulson dabei unter Wert verkauft wird oder ob es sich tatsächlich nur um Genre-Ware von der Stange handelt, erfahrt ihr in unserer Kritik!

Originaltitel: Run

Drehbuch: Sev Ohanian, Aneesh Chaganty
Regie: Aneesh Chaganty

Darsteller: Sarah Paulson, Kiera Allen, Pat Healy, Sara Sohn, Sharon Bajer…

Artikel von Christopher Feldmann

Gefühlt erscheint jede Woche ein neuer Thriller, egal ob im Heimkino oder exklusiv als Video on Demand. Das Problem ist nur, die wenigsten davon sind wirklich sehenswert. Auch RUN – DU KANNST IHR NICHT ENTKOMMEN (2020) wirkt auf den ersten Blick wie bereits mehrfach gesehenes Allerlei aus dem Baukasten für Spannungsfilme. Allerdings ließen Besetzung und Regisseur Hoffnung aufkeimen. Hauptdarstellerin Sarah Paulson ist nämlich seit ihrem festen Engagement bei AMERICAN HORROR STORY (seit 2011) die Paradebesetzung für unheimliche Frauenfiguren und Regisseur und Autor Aneesh Chaganty gilt seit seinem gefeierten Debüt SEARCHING (2018) als neuer Hoffnungsträger. Die gestiegenen Erwartungen wurden allerdings erstaunlich schnell wieder zunichte gemacht, denn RUN ist zwar kein schlechter Film aber ein erstaunlich vorhersehbares Potpourri aus Zutaten, die man alle schon zu Genüge gesehen hat.

Handlung:
17 Jahre nachdem Diane Sherman (Sarah Paulson) ihre Tochter viel zu früh zur Welt gebracht hat und das Baby kaum Überlebenschancen hatte, lebt die alleinerziehende Mutter mit der inzwischen fast erwachsenen Chloe (Kiera Allen) in einem Haus etwas außerhalb von Seattle. Chloe ist seit jeher auf einen Rollstuhl angewiesen und leidet zudem unter anderem unter Diabetes, Asthma und Herzbeschwerden. Aus diesen Gründen besucht Chloe keine reguläre Schule, sondern wird von ihrer Mutter in den eigenen vier Wänden unterrichtet. Sie ist auch der einzige soziale Kontakt der Teenagerin, die sehnsüchtig auf eine Zulassung für das College wartet. Doch langsam aber sicher keimt in ihr der Verdacht, von ihrer Mutter absichtlich isoliert zu werden und auch die Medikamente, die sie schlucken muss, sind ihr nicht ganz geheuer.

Eine Person mit Handicap, die langsam aber sicher mit einer Bedrohung in Form ihrer vermeintlichen Bezugsperson konfrontiert wird. RUN erinnert sofort an die großartige Stephen-King-Verfilmung MISERY (1990), in der damals Kathy Bates als manische Krankenschwester Zuschauer das Fürchten und James Caan Schmerzen lehrte. Ein Film der damals Eindruck so sehr Eindruck hinterließ, dass Regisseur Chaganty und sein Co-Autor Sev Ohanian die Apothekerin in ihrem Thriller gleich direkt nach der Oscar-Preisträgerin benennen. Der ganze Film ist eine direkte Hommage an den Klassiker, erreicht aber zu keiner Zeit dessen Klasse.

Das liegt vor allem an der Tatsache, dass das Drehbuch etwas zu sehr mit offenen Karten spielt. So kommt man als Zuschauer mit einer ansatzweise filmischen Sozialisation sehr schnell darauf, wohin die Reise geht und welchem Twist der Film versuchen wird, uns kurz vor Schluss zu überraschen. Tatsächlich könnte man meinen, die Macher halten ihr Publikum für besonders dämlich und würden ihm keine Schlussfolgerungen zutrauen. Weit gefehlt, denn nahezu jeder dürfte den “Überraschungsmoment” kommen sehen. Aber das ist nicht das einzige Problem des schmalen Skripts. Tatsächlich vernichtet es seine Spannung zu Beginn einfach selbst, da es dem Zuschauer direkt aufzeigt, dass irgendetwas im Hause Sherman nicht mit rechten Dingen zugeht und das Mutter Diane augenscheinlich nicht ganz auf der Höhe ist. Statt langsam aber sicher ein Bedrohungsszenario aufzubauen, dass konsequent an der Spannungsschraube dreht, wartet man nur auf den Knall, da man schon von Beginn an den Braten riecht. So entsteht die Spannung punktuell wie zum Beispiel in einer wirklich guten Szene, in der Chloe versucht, aus ihrem Zimmer zu entkommen oder der ganze Part in der Apotheke. Diese Szenen leben von gutem Schauspiel und einer guten Inszenierung, weniger von einem intelligenten Skript.

Letztendlich sind es auch die Hauptdarstellerinnen, die RUN überhaupt sehenswert machen, obwohl man sagen muss, dass es dem Film vermutlich besser getan hätte, wenn man nicht Sarah Paulson besetzt hätte. Keine Frage, die preisträchtige Schauspielerin verkörpert ihre Rolle mit Bravour, allerdings wäre das Ganze mit einer unbedarften Schauspielerin spannender gewesen. Sarah Paulson als unheimliche Frau zu casten, ist mittlerweile in etwa so originell wie Christoph Waltz den eloquenten und süffisanten Schurken mimen zu lassen. Das große Highlight ist hingegen Newcomerin Kiera Allen, die als gelähmte Tochter die eindrucksvollste Performance abliefert, was vermutlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Schauspielerin im echten Leben ebenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen ist und den Part daher besonders authentisch verkörpert. Sie trägt den Film, der ohne sie wesentlich schlechter wäre.

Inszenatorisch ist RUN zwar gute Gebrauchsware aber meilenweit von einem Highlight entfernt. Dabei hat Chaganty mit SEARCHING eindrucksvoll bewiesen, wie man aus wenig das Maximum herausholen kann. Hier wirkt seine Arbeit wesentlich generischer und setzt nur in einzelnen Momenten wirklich Akzente.

Fazit:
RUN – DU KANNST IHR NICHT ENTKOMMEN (2020) ist ein maximal durchschnittlicher Psychothriller, der sich als sklavische Hommage an MISERY (1990) versteht, ohne jemals dessen Klasse oder Intensität zu erreichen. Aneesh Chagantys zweiter Spielfilm ist sehr vorhersehbar und leider nur stellenweise spannend, um wirklich zu fesseln. Am Ende retten es schließlich die beiden Hauptdarstellerinnen, die Glanzleistungen vollbringen. Was übrig bleibt, ist noch solide Füll-Ware für das abendliche Programm und wer seine Erwartungen nicht allzu weit oben ansiedelt, dürfte in RUN solide Unterhaltung finden.

Christopher auf Letterboxd – Your Life in Film folgen

Zurück zur Startseite