Crazies war der erste Film von George A. Romero, den ich gesehen habe. Von seiner Zombie-Trilogie hatte ich zwar schon viel gehört, doch es ergab sich erst kurze Zeit später, dass ich diese Filme sah. Zuvor hatte jedoch schon Crazies einen starken Eindruck bei mir hinterlassen. Anfang der 90er-Jahre waren die Privatsender eine gute Quelle, um sich mit einigen Werken von Kultregisseuren, wie John Carpenter, David Cronenberg oder auch George A. Romero vertraut zu machen. Trotz Indizierung liefen nicht wenige dieser Filme ungekürzt im Nachtprogramm von RTL plus, SAT 1 und PRO 7. Letzterer strahlte Anfang der 90er-Jahre Crazies aus. Soweit ich mich erinnere, war er damals noch ungekürzt, allerdings gab es später auch eine gekürzte Ausstrahlung auf dem gleichen Sender. Inzwischen sind die meisten dieser Filme längst vom Index und Crazies ist seit 2005 ungekürzt mit einer FSK 16 im Handel erhältlich. Nun bringt CAPELIGHT PICTURES den Film als 4K-Abtastung auf Blu-ray in einer 3-Disc Collector’s Edition heraus. Das Mediabook enthält außerdem noch zwei Frühwerke von Romero, die bislang nicht in Deutschland veröffentlicht wurden: There’s always Vanilla (1971) und Hungry Wives (1972). Letzterer ist auch bekannt unter dem Titel Season of the Witch. Somit ist die neue Veröffentlichung nicht nur ein HD-Update zu den (schon sehr guten) DVD-Ausgaben, sondern bietet auch die Gelegenheit, sich mit zwei nahezu völlig vergessenen Frühwerken von George A. Romero vertraut zu machen, dessen künstlerisches Schaffen sich keineswegs nur auf Horror beschränkte.

Originaltitel: The Crazies

Drehbuch und Regie: George A. Romero

Darsteller: Lane Carroll, Will MacMillan, Harold Wayne Jones, Lloyd Hollar, Lynn Lowry

Artikel von Holger Braasch

Crazies entstand 1973 und war der vierte Spielfilm von George A. Romero.In Deutschland kam er erst 1979 in die Kinos, nachdem Zombie (1978), George A. Romeros mittlerweile sechster Film, die Leinwände eroberte. Bernd Eichinger (NEUE CONSTANTIN FILM GMBH) rührte damals ordentlich die Werbetrommel für Zombie und machte George A. Romero in Deutschland populär. Man produzierte sogar ein TV-Special für das ZDF, in dem auch Crazies vorgestellt wurde. Der kleine Verleih PROKINO besorgte sich daraufhin die Rechte an Crazies und spendierte dem Film eine würdige Veröffentlichung. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, lief auch dieser Film nicht schlecht in den Kinos, aber im Schatten des Megaerfolges von Zombie ging Crazies doch ziemlich unter. George A. Romeros fünfter Spielfilm Martin (1976) bekam zwar keine deutsche Kinoauswertung, wurde aber von UFA auf Video nachgereicht. Richtig Pech hatte allerdings Knightriders – Ritter auf heißen Öfen (1981), den George A. Romero nach Zombie drehte. Diese moderne Version von Die Ritter der Tafelrunde war nun gar nicht das, was man von dem neuen Horrorkönig George A. Romero erwartet hatte. Dass er wesentlich mehr zu erzählen hatte, als Untoten-Apokalypsen und Horror-Pandemien, wollte zu diesem Zeitpunkt so gut wie keiner wissen. UNITED ARTISTS verschaffte dem Film zwar auch in Deutschland einen Kinostart, doch Knightriders legte überall eine gnadenlose Bruchladung hin und erwies sich als Kassengift. Ein Flop, an dem George A. Romero sehr lange zu knabbern hatte. Die bittere Ironie dabei ist, dass Knightriders genau von jenen unbeirrbaren Individualisten erzählt, die im System keinen Platz gefunden und sich abseits des Mainstreams ihr eigenes kleines Reich geschaffen haben – zusammen mit Freunden und Gleichgesinnten. So, wie ein gewisser Filmemacher namens George A. Romero in Pittsburgh, der im überschaubaren Rahmen seine kleinen Filme machen wollte und es stets ablehnte, sich den Regeln der Filmbranche anzupassen. „Fuck the Mainstream!“ war gewissermaßen seine Devise und dieser ist er auch treu geblieben. Mit Creepshow – Die unheimlich verrückte Geisterstunde (1982) konnte George A. Romero wieder einen Erfolg landen, aber die Erwartungen, die man seit Zombie hatte, lasteten schwer auf den Schultern des bescheidenen und bodenständigen Vollblut-Künstlers. Wie soll man einem solchen Erfolgsdruck gerecht werden? Doch kommen wir erst einmal zum Inhalt von Crazies.

In der kleinen Stadt Evans City häufen sich Fälle von unerklärlichen Amoktaten. Crazies beginnt mit einer Szene, wo sich zwei Kinder auf einer Ranch vor ihrem Vater verstecken müssen, der völlig durchgedreht ist und alles kurz und klein schlägt. Bald darauf rückt das Militär an, denn vor kurzem ist in der Gegend ein Flugzeug abgestürzt, welches Proben von „Trixie“ an Bord hatte. „Trixie“ ist ein biologischer Kampfstoff. Wer damit infiziert wird, stirbt entweder innerhalb weniger Tage, oder verliert in dieser Zeit zumindest komplett den Verstand. Ein Gegenmittel gibt es bislang nicht. Das Militär stellt die ganze Stadt unter Quarantäne, zerrt die Einwohner aus ihren Wohnungen, um sie in provisorisch eingerichteten Lagern unterzubringen. Wer sich weigert mitzukommen, wird mit Gewalt gezwungen. Eine kleine Gruppe schafft es, dem Militär zu entkommen, doch sie müssen bald feststellen, dass die Bedrohung nicht nur von den Soldaten ausgeht. Sie treffen auf Artie (Richard Liberty) und seine Tochter Kathie (Lynn Lowry), die schon erste Anzeichen einer Infektion zeigt. Andererseits – bei dem ganzen Trubel, der über die kleine Stadt hineinbricht, ist es kein Wunder, wenn den Leuten die Nerven durchgehen. David (Will MacMillan), seine Frau Judy (Lane Carrol) und Clank (Harold Wayne Jones) nehmen Artie und Kathie mit, um aus der Stadt zu fliehen. Diese ist längst von Einheiten umzingelt, die niemanden herein- oder herauslassen. Und überall muss man damit rechnen, von durchgedrehten Leuten attackiert zu werden, die von „Trixie“ infiziert sind. David und Clank haben zusammen in Vietnam gedient und daher schon einiges durchgemacht. Das schweißt zusammen und es scheint so, als hätten sie die Situation gut unter Kontrolle. Doch die Bedrohung kommt nicht nur von außen, sondern vor allem auch von innen. Wie der Erreger übertragen wird und wo er überhaupt in die Umwelt gelangt ist, bleibt zunächst unklar. Dass der Erreger bereits ins Trinkwasser gelangt ist, erfahren die Flüchtigen ganz beiläufig aus dem Radio, während sie gerade Leitungswasser in Flaschen abfüllen. Spätestens jetzt wird ihnen klar, dass die Kacke so richtig am dampfen ist. Nun gilt es aufeinander aufzupassen, denn jeder könnte bereits infiziert sein.

Mit scharfem Blick auf psychologische Feinheiten, zeigt George A. Romero sehr anschaulich, wie Angst, blinder Aktionismus und schlechter Informationsfluss zur Verschärfung einer Notlage beitragen und sie schließlich eskalieren lassen. Statt der oft bemühten Schwarz-Weiß-Malerei, werden hier die Emotionen auf beiden Seiten eingefangen und verdeutlicht. Die Beweggründe fürs Handeln der einzelnen Parteien (Überlebende, Ärzte, Soldaten, Politiker) werden so gut nachvollziehbar – auch dann, wenn sich die daraus folgenden Handlungen als falsch und fatal erweisen. Verunsicherung, Angst und Misstrauen beherrschen die Situation. Sowohl vor der unsichtbaren Bedrohung durch das Virus, als auch vor der sichtbaren Bedrohung durch bewaffnete Milizen. Letztere Bedrohung ist greifbar und so werden die Soldaten schnell zur Zielscheibe verzweifelter Bürger, die sich nicht anders zu helfen wissen, als sich mit roher Gewalt zu verteidigen. Verunsicherung herrscht auch unter den Soldaten, welche die Situation selbst nicht richtig überblicken und von denen viele aus Angst ums eigene Leben lieber erst schießen und dann fragen. Es kommt zu Kurzschluss-Reaktionen auf beiden Seiten, was die Fronten verhärtet und eine gemeinsame Lösung des Problems unmöglich macht. Selbst dann, als das Virus seine grauenvolle Wirkung zeigt und harmlose Bürger zu mordenden Irren macht, traut man dem Militär nicht. Schließlich sind es jene, die den ganzen Schlamassel angerichtet haben. Und in der Hitze des Gefechts, vergisst der eine oder andere Armee-Arzt schon mal seine Sicherheitskleidung anzulegen. George A. Romero zeigt, wie kleine Fehler und Unachtsamkeiten, aber auch Ignoranz und mangelnde Kommunikation zu fatalen Situationen führen können. Selbst der abgeklärte Dr. Watts (Richard France), der bereits an einem Gegenmittel arbeitet, muss diese Erfahrung machen. Wie mein Fahrlehrer immer zu sagen pflegte: „Man muss immer mit der Dummheit der Anderen rechnen!“

Dies alles wird sehr glaubhaft und nachvollziehbar vermittelt. Zu keinem Zeitpunkt lässt George A. Romero das Gefühl aufkommen, etwas auf den bloßen Effekt hin zu inszenieren und die Thematik für vordergründige Schocks auszubeuten. Stattdessen liefert er eine richtige Sozialstudie ab und setzt auf subtilen Suspense. Die Schocks und verstörenden Momente entstehen vielmehr aus Situationen, die zunächst banal erscheinen und kommen überwiegend ohne Musik aus. Ein besonders eindringliches Beispiel hierfür ist die Szene, wo Soldaten die Leichen von verseuchten Bewohnern verbrennen und sich plötzlich herausstellt, dass einer davon noch lebt, als er ins Feuer geworfen wird. Gleich darauf sehen wir Kathie, die schon deutliche Symptome zeigt und das Ganze superlustig findet. Die flotte und suggestive Montage (Schnitt: George A. Romero) lässt schon sehr deutlich die Handschrift des Zombie-Schöpfers erkennen. In kurzen Schnittfolgen hebt George A. Romero Gegensätze hervor und vermittelt dem Zuschauer innerhalb weniger Sekunden ein breites Spektrum von Eindrücken und Emotionen. Dabei verwendet er oft auch ungewöhnliche Blickwinkel, um das Paradoxe hervorzuheben – und den Horror zu verdeutlichen. Dafür brauchte man keine ausgeklügelten Kamerafahrten und aufwendige Beleuchtung, keine Profis und ein großes Studio, sondern nur eine kleine Gruppe von experimentierfreudigen Filmbegeisterten, die ihr Handwerk verstehen. Wenn man bedenkt, unter welchen Produktionsbedingungen der Film entstanden ist, ist das Ergebnis noch viel bemerkenswerter. Man kann hier in der Tat von einem kleinen Meisterwerk sprechen, welches einen Vergleich mit George A. Romeros klassischer Untoten-Trilogie nicht zu scheuen braucht. Weil er auch thematisch sehr ähnlich ist, bin ich fast geneigt, von einer Quadrologie zu sprechen, aber Crazies ist eben kein Zombiefilm und muss für sich alleine stehen. (George A. Romeros spätere Zombiefilme nach 2000 klammere ich hier aus – das ist ein anderes Kapitel.)

Das ursprüngliche Drehbuch von Paul McCollough hatte den Titel The Mad People und verfolgte noch einen anderen Ansatz, den George A. Romero aber verwarf, da sich die Umsetzung als zu aufwendig herausstellte. Dabei ging es darum, dass durch ein Bakterium die gesamte Weltbevölkerung langsam dem Wahnsinn verfällt. Nun stellte sich die Frage, woran man überhaupt erkennt, wenn jemand verrückt wird – und was ist überhaupt unter „normal“ zu verstehen? Eine sehr interessante Frage und auf jeden Fall ein passender Stoff für George A. Romero. Doch die Mittel waren begrenzt und so legte man den Fokus auf eine Kleinstadt und machte daraus einen Belagerungsthriller. Im Nachhinein erschien George A. Romero der Film als „zu vordergründig“. Vor allem auch, weil er sich viel mit den Hintergründen und dem Militär beschäftigt. In seinen Zombiefilmen spielten die politischen Hintergründe hingegen kaum eine Rolle. Das war auch gar nicht nötig, denn die politischen Bezüge wurden auch so deutlich. Crazies dagegen gerät bisweilen zu einem Politthriller, was ihn deutlich von den Zombiefilmen abhebt, die zwar ebenfalls einen sehr „realistischen“ Ansatz haben, aber doch eindeutig dem phantastischen Film zuzuordnen sind. In der Filmografie von George A. Romero ist Crazies gewissermaßen ein Bindeglied zwischen seinen sozialkritischen Milieustudien und seinen Horrorfilmen. Das Ende von Crazies entlässt den Zuschauer mit einer bitteren Mischung aus Desillusion und Hoffnung. Wenn dazu der wunderschöne Titelsong Heaven Help Us von Beverly Bremers läuft (der sehr an The Carpenters erinnert), sorgt das auch beim x-ten Ansehen bei mir für Gänsehaut.

Wie man aus solch einer Thematik ein Maximum an Spannung und Paranoia herauskitzelt, zeigte kurz zuvor schon Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All (1971), von Altmeister Robert Wise. Und wie Leute aufgrund einer Kranheit ausrasten und blutig mordend durch die Gegend laufen, brachte schon Die Tollwütigen (1971) recht beunruhigend und krass rüber. In Crazies führt George A. Romero beide Ansätze sehr überzeugend zusammen und schuf einen mustergültigen Epidemie-Schocker. Kurz darauf legte David Cronenberg mit Parasiten-Mörder (1975) und Rabid – Der brüllende Tod (1977) zwei ähnlich gelagerte Schocker vor, die das Thema auf originelle und eindringliche Weise variieren. Sehr gelungen und dazu noch schön atmosphärisch ist auch Jean Rollins Foltermühle der gefangenen Frauen (1978), dessen deutschen Verleihtitel man keinesfalls ernst nehmen sollte. Der Film ist wesentlich besser, als dieser Titel vermuten lässt und dazu sogar durchaus poetisch. In den 80er-Jahren griffen Horror-Thriller, wie Graham Bakers Impulse (1984) und Hal Barwoods Warnzeichen Gen-Killer (1985) die Thematik von Crazies wieder auf. Meiner Meinung nach zwei sehr gelungene Neuinterpretationen von George A. Romeros Film, die es hierzulande leider noch nicht auf DVD und BD gibt. Ebenfalls sehr sehenswert, wenn auch etwas trashig sind die B-Film-Exploiter Mutant II (1984), Alien Predators (1986) und Maniac City (1987), die ebenfalls deutlich von George A. Romeros Seuchen-Schocker beeinflusst sind. Vor allem letzterer ist Exploitation pur (also genau das, was George A. Romero NICHT machen wollte), macht aber auch verdammt viel Spaß. Leider gibt es Maniac City hier auch noch nicht auf DVD und BD.

Der britische Kultregisseur Danny Boyle transportierte George A. Romeros apokalyptische Horrorvisionen mit dem stilbildenden Pandemie-Schocker 28 Tage später (2002), der Crazies und George A. Romeros Zombiefilme gleichermaßen vereint, in die Neuzeit. Und da es sich hier wohlgemerkt NICHT um Untote, sondern um Menschen handelt, die mit einer besonders aggressiven Art von Tollwut infiziert sind, ist es auch glaubhaft, dass diese Infizierten wutschnaubend herumrennen wie die Berserker. Von nun an sollten jedoch auch die Untoten ziemlich schnell zu Fuß sein, was so manchem Filmfan (mich eingeschlossen) überhaupt nicht gefällt. Wild herumrennende Zombies sind meiner Meinung nach einfach nicht glaubwürdig (außer vielleicht bei Bruno Mattei und Claudio Fragasso) – ganz im Gegensatz zu wild herumrennenden Infizierten, deren Gehirn allmählich zu Marmelade wird. In den letzten Jahren haben mich nur sehr wenige Genrefilme überzeugt, von denen gleich drei die Grundidee von Crazies auf originelle Weise variieren: M. Night Shyamalans The Happening (2008), Bruce McDonalds Pontypool (2008) und The Signal (2007), bei dem sich David Brucker, Dan Bush und Jacob Gentry die Regie teilten. Drei beeindruckende Genre-Filme, die übrigens den Ansatz von Paul McColloughs ursprünglicher Geschichte The Mad People wieder aufgreifen, die als Vorlage für Crazies diente. Und wie viele von George A. Romeros Filmen, bekamen auch diese drei Filme meiner Meinung nach nicht die Anerkennung, die sie eigentlich verdient hätten. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich nicht so einfach in genretypische Schubladen pressen lassen. Vor allem The Happening kassierte überwiegend Verrisse und kam auch beim Publikum nicht gerade gut an.

Und damit sind wir wieder bei Crazies, der auch nicht unbedingt genretypisch ist und über das Horrorgenre hinausgeht. Ein pessimistischer Low Budget-Film aus den 70er-Jahren. Mehr ein Katastrophen-Thriller, als ein Horrorfilm. Doch in den 70er-Jahren spielten Schubladen noch keine so große Rolle, wie es in der heutigen Zeit der Fall ist. Die Filmemacher machten sich kaum Gedanken darüber, in welchem Genre sie ihre Werke ansiedelten. Man folgte keinen festgelegten Regeln, sondern beschritt eigene Wege und rebellierte gegen konservative Werte. Wie sich herausstellte, war das Horrorgenre ein geeignetes Spielfeld für sozialkritische und subversive Stoffe. Außerdem gab es einem viel Raum zum experimentieren. Das 2009 erschienene Remake folgt dagegen ganz den etablierten Formeln des Genres. Breck Eisner bemüht gerne den „Zufall“, um bestimmte Situationen schnell herbeizuführen und setzt fast ausschließlich auf den Schockeffekt. Dass dabei Glaubwürdigkeit und Tiefe auf der Strecke bleiben, wird zugunsten einer effekthascherischen Horrorshow in Kauf genommen, die lange nicht so nachhaltig verstört und zum Nachdenken anregt, wie die Vorlage von George A. Romero. Immerhin gelingt es den Machern des Remakes, ihren Protagonisten etwas mehr Profil zu verleihen, als es heutzutage im Genre üblich ist. Im Großen und Ganzen ist es aber vor allem ein Beispiel dafür, dass sich das Genre inzwischen überlebt hat. Es hat seinen Biss verloren – und kreative Köpfe, wie George A. Romero. Filmemacher, die wirklich etwas zu sagen haben, sich einen Dreck um Konventionen scheren und ihren eigenen Stil kreieren, anstatt etablierten Stilismen zu folgen. Doch ich will den Teufel auch nicht an die Wand malen. Es gibt immer noch Filme, die mich überraschen. Es sind wenige, aber es gibt sie.

Im Remake von Crazies hat auch Lynn Lowry einen kurzen Auftritt als Radfahrerin, die ganz offensichtlich schon vom Wahnsinns-Virus befallen ist. Über den Dreh berichtet sie, dass bei diesem Film um die hundert Crewmitglieder beim Dreh anwesend waren, die aber nur einen Job machten. „Der Film war ihnen mehr oder weniger egal.“ Lynn Lowry begann als Theaterschauspielerin und ist dem Milieu stets treu geblieben. Bald arbeitete sie auch als Dramaturgin und Produzentin für Theaterstücke. 1970 bekam sie (im Alter von 23 Jahren) ihre erste Filmrolle in David E. Durstons bereits erwähntem Low Budget-Schocker Die Tollwütigen. Hier kam sie (nach eigenen Aussagen) auch zum ersten Mal mit Drogen in Berührung, insbesondere mit LSD. An die Dreharbeiten erinnert sie sich gerne zurück, allerdings hätte sie damals nicht gedacht, dass dieser Streifen mal zum Kultfilm werden würde. Auch die folgenden Filmrollen hielt sie nicht für geeignet, um sich damit irgendwo zu bewerben, wie sie im Interview augenzwinkernd erzählt. Das waren Filme, wie Lloyd Kaufmans The Battle of Love’s Return (1971), Theodore Gershunys Sugar Cookies (1973), Radley Metzgers Score (1973) und David Cronenbergs Parasiten-Mörder (1974). Ihre Erfahrungen in diesen unterschiedlichen Low Budget-Produktionen beschreibt sie aber als durchaus angenehm, auch wenn die Drehbedingungen alles andere als einfach und außerdem gewerkschaftlich nicht abgesichert waren. Die Zahl der Beteiligten war überschaubar, man musste mit wenig Mitteln auskommen und daraus das beste machen. Vor allem waren die Beteiligten sehr engagiert und das Drehteam glich einer großen Familie (auch wenn es hin und wieder Reibereien mit Schauspielkollegen gab). Da es zunächst nicht so aussah, dass sie sich als Schauspielerin ihren Lebensunterhalt verdienen konnte, betätigte sich Lynn Lowry auch als Model für den PLAYBOY. Ihre Erfahrungen in späteren Großproduktionen, wie Paul Schraders Katzenmenschen (1982), die unter ungleich professionelleren Arbeitsbedingungen entstanden, beschreibt sie hingegen als weniger angenehm – und vor allem auch weniger interessant. Lynn Lowry spielte u. A. in den US-Serien Unter der Sonne Kaliforniens (1985 – 89) und Generations (1990) mit. Außerdem tourte sie in den 80er-Jahren als Sängerin durch Jazz Clubs. Im Jahr 2000 eröffnete sie in Los Angeles eine Physiotherapie- und Massagepraxis, wo sie auch gelegentlich selbst als Physiotherapeutin und Masseurin arbeitet. Die US-Indie-Band Moustage of Insanity widmete Lynn Lowry auf dem Album Album of Death (2011) übrigens einen Song. Dass Lynn Lowry innerhalb weniger Jahre in drei Filmen mitgespielt hat, in denen Epidemien das zentrale Thema sind, ist schon ein bemerkenswerter Zufall. So kann man Die Tollwütigen, Crazies und Parasiten-Mörder durchaus als Trilogie betrachten. Nur mal so als Anregung für einen Horror-Themenabend.

Richard France war nur in wenigen Filmen zu sehen und die meisten davon waren von George A. Romero. Erstmals trat er als Untoter in Die Nacht der lebenden Toten auf, wird aber in den Credits nicht erwähnt. In There’s always Vanilla ist er in einer kurzen Rolle als Fernsehproduzent zu sehen. In Crazies besetzte ihn George A. Romero für die Rolle des Dr. Watts, was sich als echter Glücksgriff erwies. Richard France entwickelt in seiner Rolle eine beeindruckende Präsenz. Den etwas zynischen aber nicht unsympatischen Wissenschaftler kaufe ich ihm glatt ab. (Seine hervorragende deutsche Synchronstimme Niels Clausnitzer darf hier jedoch nicht unerwähnt bleiben.) In Zombie ist er als Dr. Millard Rausch zu sehen, der im Fernsehen die aussichtslose Lage zu erklären versucht. Diese Figur knüpft direkt an Dr. Watts an und zeigt einmal mehr die beachtliche Präsenz des charismatischen Schauspielers. (Auch hier fand man mit Martin Hirthe die passende deutsche Synchronstimme.) Richard France hatte leider nur wenige Auftritte als Schauspieler, aber die beiden Charaktere, die er in Crazies und Zombie  verkörpert, prägen sich ein und bleiben in Erinnerung. Seine resonante und ausdrucksstarke Stimme brachte Richard France bereits in den 50er-Jahren Jobs als Moderator und Erzähler bei NBC. Er studierte an der Universität von Pittsburgh Dramatik und wurde ein gefragter Autor von Theaterstücken.

Der gebürtige New Yorker George A. Romero begann bereits im Alter von 14 Jahren mit einer Schmalfilmkamera zu experimentieren. Er zog nach Pittsburgh und machte sein Studium in den Fächern Kunst, Design und Theaterwissenschaft an der Carnegie Mellon University. Zusammen mit ein paar Freunden gründete er 1961 die Produktionsgesellschaft THE LATENT IMAGE, die sich auf Werbespots und Lehrfilme spezialisierte. So wurde George A. Romero in Pittsburgh zu einem gefragten Mann für Werbe- und Industriefilme. Doch sein Herzenswunsch war es immer, einen selbst produzierten Spielfilm zu machen. Mit einem Budget um die 110000 Dollar erfüllte er sich schließlich diesen Traum. Doch sein erster Spielfilm Die Nacht der lebenden Toten (1968) hatte noch eine wichtige Hürde zu nehmen. Man brauchte einen Verleih, um den Streifen in die Kinos zu bringen und da war die eigene Produktionsfirma ein paar Nummern zu klein. Schließlich fand man mit Walter Reade einen Verleiher, der sich des Films annahm. Vorher musste jedoch der ursprüngliche Filmtitel The Flesh Eaters geändert werden, denn so hieß bereits ein Film aus dem Jahr 1964. Um Rechteprobleme zu vermeiden, titelte man den Film in Night of the Living Dead um. Beim Austauschen des Filmtitels vergaß Walter Reade allerdings einen Copyright-Hinweis mit einzublenden. Nur ein kleiner Fauxpas könnte man sagen, aber nach US-amerikanischem Urheberrecht war dieser Hinweis notwendig, um das Urheberrecht auf ein Werk zu erhalten. Durch den fehlenden Hinweis wurde der Film schließlich gemeinfrei, wodurch den Machern das „Eigentum“ am eigenen Werk entzogen wurde. Ironischerweise war in der ursprünglichen Titelsequenz noch ein solcher Hinweis enthalten. Dumm gelaufen, so mussten George A. Romero und seine Mitstreiter mit ansehen, wie sich der Film zu einer echten Sensation entwickelte, ohne finanziell etwas davon zu haben. Doch das kam erst später. Als George A. Romero 1971 an seinem zweiten Spielfilm There’s always Vanilla arbeitete, ahnte er noch nichts von dem bahnbrechenden Erfolg, den sein Erstlingswerk bald feiern würde. Also verdingte er sich weiterhin als Werbefilmer, um seine Filmprojekte finanzieren zu können. Auf die Filmindustrie in Hollywood hatte er jedenfalls keinen Bock. Und mit seinen unkonventionellen Vorstellungen dürfte der eigenwillige Filmemacher im gewinnorientierten Studiosystem auch so ziemlich der Letzte gewesen sein, auf den man dort gewartet hat.

Bonusfilme

There’s always Vanilla erzählt von Chris Bradley (Raymond Laine), einem ehemaligen Soldaten der US-Armee, der sich als Lebenskünstler durchschlägt und mit verschiedenen Mitteln Geld verdient. Nachdem er mit einer Band in New York City gearbeitet hat, kehrt Chris in seine Heimatstadt Pittsburgh zurück und besucht seinen Vater, der eine Fabrik für Babynahrung besitzt. Der rät seinem Sohn, den wilden Lebensstil aufzugeben und zum Familienunternehmen zurückzukehren. Doch Chris lehnt ab. Am Bahnhof trifft Chris auf Lynn (Judith Ridley – als Judith Streiner), eine schöne junge Frau, die als Model und Schauspielerin in lokalen Fernsehwerbespots arbeitet. Chris bietet ihr seine Hilfe an und so ziehen beide in eine kleine gemeinsame Wohnung. Anfangs ist ihre Beziehung eine angenehme Flucht aus dem täglichen Leben – doch sie bietet keine Sicherheit, was Lynn recht bald Sorgen macht. Sie drängt Chris dazu einen festen Job anzunehmen. Als sie erfährt, dass sie schwanger ist, zieht sie eine Abtreibung in Erwägung. Da sie weiß, wie verantwortungslos Chris ist, erzählt sie ihm jedoch nichts davon. Chris bekommt einen Job bei einer kleinen Werbefirma und findet sich recht gut ein. Doch als er den Auftrag erhält, um für die US-Armee zu werben, erinnert er sich mit Groll an seine militärische Vergangenheit und schmeißt den Job hin. Währenddessen kann Lynn sich nicht zu einer Abtreibung durchringen. Sie verlässt Chris und zieht zu einem Highschool-Freund, der sich bereit erklärt, sie zu heiraten und das Baby als sein eigenes aufzuziehen. Chris bewahrt sich seinen Stolz und zieht wieder zu seinem Vater. Er kann sich immer noch nicht entscheiden, was er mit seinem Leben anfangen soll, doch er realisiert, dass er sich letztendlich mit den alten Werten seines Vaters auseinandersetzen muss.

There’s always Vanilla spiegelt im Grunde das Dilemma wider, in dem sich George A. Romero damals befand. Einerseits eine unverhohlen kritische Auseinandersetzung mit der Werbebranche, andererseits bedeutete diese aber auch Existenzsicherung und machte die Produktion dieses Films überhaupt erst möglich. Eine paradoxe Situation. Es steckt viel Herzblut in diesem Film, die Charaktere wirken authentisch und obwohl die rebellische Haltung des Filmemachers deutlich zum Ausdruck kommt, merkt man auch, dass George A. Romero seine Ideale durchaus selbstkritisch hinterfragt. Auch hier wird deutlich, dass eben nicht alles Schwarz oder Weiß ist. Ein sanfter Abgesang auf die 68er und ein schönes Zeitdokument.

Hungry Wives aka Season of the Witch

Joan Mitchell (Jan White) ist um die 40 Jahre alt und hat sich von ihrem Ehemann Jack (Bill Thunhurst) entfremdet. Sexuelle Erfüllung findet sie nur noch in ihren Träumen, in denen sie sich ihres lieblosen und dominanten Ehemanns bewusst ist. Als Joan dem Uni-Professor Gregg (Raymond Laine) begegnet, der auch ihre Tochter Nikki (Joedda McClain) trifft, ist sie provoziert und zugleich angezogen von dem charismatischen Freidenker. Als die praktizierende Hexe Sylvia (Esther Lapidus) in ihre Nachbarschaft einzieht, ist Joan zunehmend fasziniert von den geheimnisvollen okkulten Ritualen bei der mysteriösen Dame. Zunächst ist es für Joan nicht mehr als eine Abwechslung von ihrem frustrierenden Alltag. Als die jedoch den Teufel beschwört, um ihr ein Date mit Gregg zu ermöglichen und dieser tatsächlich kurz darauf bei ihr auf der Matte steht, mag Joan nicht mehr an Zufall glauben. Gregg ist hingegen nicht sehr angetan von Joans neuem Hobby und möchte sie mit rationalen Argumenten auf den Teppich zurückholen. Für ihn ist es nur eine kleine Affäre und binden möchte er sich nicht. Doch für Joan ist es mehr. Sie steigert sich immer mehr in den Okkultismus und ist schließlich davon überzeugt, selber eine Hexe zu sein.

Während George A. Romero mit Die Nacht der lebenden Toten den Grundstein für ein ganzes Subgenre legte (oder es zumindest völlig neu definierte), entstanden mit Rosemary’s Baby (1968) und Die Reifeprüfung (1968) zwei weitere wegweisende Filme, die auch einen starken Einfluss auf George A. Romeros dritten Spielfilm hatten, der ursprünglich unter dem Titel Jack’s Wife veröffentlicht werden sollte. Der Verleiher Jack(!) H. Harris änderte den Titel in Hungry Wives und kürzte den Film um über eine halbe Stunde. Den Film als Softsex-Streifen zu bewerben, erwies sich allerdings als keine gute Idee und so verschwand Hungry Wives (genauso wie There’s always Vanilla) schnell in der Versenkung. Über die Jahre entwickelte sich der Film zu einem kleinen Geheimtipp, allerdings waren die wenigen Veröffentlichungen auf VHS (unter dem Titel Season of the Witch) nicht gerade leicht zu bekommen. Die ursprüngliche Schnittfassung von George A. Romero gilt als verschollen, doch Teile der Extended Version konnten gerettet werden. 2005 veröffentlichte das US-Label ANCHOR BAY die rekonstruierte Extended Version des Films auf DVD. Diese Version gibt zwar nicht die ursprüngliche Version wieder, läuft aber immerhin eine gute Viertelstunde länger als die Kinoversion. Das Mediabook von CAPELIGHT PICTURES enthält sogar beide Versionen des Films.

Die surreale Anfangssequenz von Hungry Wives saugt den Zuschauer unmittelbar in die Gedankenwelt von Joan. Man fragt sich, was da eigentlich gerade abgeht. Wenn George A. Romero dann schlagartig (und sehr elegant) in die „Realität“ wechselt, ist man über den psychischen Zustand der Protagonistin schon ein gutes Stück weit im Bilde. George A. Romero blickt hinter die Fassade des gutbürgerlichen Lebens und analysiert dessen scheinbar banalen Alltag. Ein weiteres Mal überzeugt Raymond Laine in der Rolle des Uni-Professors Gregg als unangepasster junger Freidenker, der den Spießbürger mit seinen Ängsten und Unsicherheiten konfrontiert. Hinter der Fassade der „Normalität“ bröckelt es heftig und manchmal bedarf es nur eines kleinen Rucks, um sie vollends zum Einsturz zu bringen. Gregg entgeht nicht, dass sich Joan bereits in einer kritischen Phase befindet, doch er unterschätzt den Frust, der sich in der unbescholtenen Hausfrau über die Jahre angestaut hat. Joan flüchtet sich in eine Art Traumwelt, die zunehmend ihr gutbürgerliches Leben ersetzt, welches ihr bisher Halt gegeben hatte. In Martin greift George A. Romero diese Thematik wieder auf und führt sie weiter – bis zum tragischen und blutigen Ende. Gerade in Hungry Wives und Martin zeigt sich meiner Meinung nach deutlich, dass George A. Romero auch ein großer Bewunderer von Ingmar Bergman war.

Waren schon die DVD-Veröffentlichungen von ANOLIS sehr gut, lässt die neue 4K-Abtastung den Film in schön natürlicher Farbgebung neu erstrahlen. Dagegen wirken die DVDs etwas trübe (wenn auch keineswegs schlecht). Das Metalpak von ANOLIS bleibt für mich aber weiterhin unverzichtbar, da nur ein Teil der Extras von CAPELIGHT übernommen wurden. Das selbstironische DVD-Vorwort von Lynn Lowry ist aber enthalten und Fans der Schauspielerin werden mit zusätzlichen Specials verwöhnt, die wiederum im Metalpak von ANOLIS nicht enthalten sind. Hauptfilm, Bonusfilme, Audiokommentare und Interviews liegen mit optionalen deutschen Untertiteln vor.

In den Extras sind enthalten: Audiokommentar von Lynn Lowry und Thomas Kerpen, Audiokommentar von Travis Crawford, „Romero Was Here – Die Locations“ (Eine Tour an die Originaldrehorte), „Crazy for Lynn Lowry“ (Interview mit Lynn Lowry), „The Mute Hippie Girl on Acid with Rabies“ (Interview mit Lynn Lowry), „Hinter den Kulissen“ (Featurette mit Kommentar von Romero-Experte Lawrence DeVincentz), Q & A mit Lynn Lowry beim Abertoir Horror Festival 2016, Alternative Titelsequenz, Deutscher Trailer, US-Trailer, TV-Spots. Außerdem gibt es noch vier Filmtipps (deutsche Kinotrailer): „Rollerball“, „Leben und sterben in L. A.“, „Quigley, der Australier“, „Running Man“.

Frühere Veröffentlichungen von CRAZIES in bester Gesellschaft mit MARTIN auf DVD von CAPELIGHT PICTURES

Extras zu There’s always Vanilla: „Affair of the Heart“ (Making of), „Digging up the Dead“ (Interview mit George A. Romero zu seinen Frühwerken „There’s always Vanilla“ und „Season of the Witch“), Audiokommentar von Travis Crawford, Location-Bildergalerie mit Kommentar von Lawrence DeVincentz, US-Trailer.

Extras zu Season of the Witch: Extended Cut (104 Minuten), „When Romero Met del Toro“ (Ein Gespräch zwischen Guillermo del Toro und George A. Romero), „The Secret Life of Jacks Wife“ (Interview mit Darstellerin Jan White), Alternative Titelsequenzen, Audiokommentar von Travis Crawford, Location-Bildergalerie mit Kommentar von Lawrence DeVincentz, Memorabilia-Bildergalerie, US-Trailer.

Außerdem enthält das Mediabook noch ein 24seitiges Booklet mit einem Text von Dr. Marcus Stiglegger, der auch auf die Bezüge zum Vietnamkrieg eingeht.

Trailer:

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