Franzosen sind komisch. Ich darf das schreiben, denn mein – wirklich sympathischer – Schwager ist Vollblut-Franzose. Im Grunde ist er ganz normal – bis er Dich zum Grillen einlädt. Dann ist Vorsicht geboten. Ich bin reingefallen und biss voller Vorfreude in die aufgetischte Bratwurst, die sich als Andouille entpuppte – eine Innereienwurst! Der Moment, wenn sich der saure Saft der Verdauungsorgane im Mundraum verteilt ist… speziell. Apropos speziell: Damit kommen wir zum hier vorliegenden, jüngst von TURBINE MEDIEN veröffentlichten, surrealen Fantasy-Märchenstreifen, entworfen vom französischen Regieduo Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro, die vier Jahre zuvor bereits mit der völlig durchgeknallten Krimikomödie Delicatessen ihr Publikum sowohl begeisterten, wie auch spalteten. Für die Einen ist es beeindruckende Kunst, andere wenden sich mit Grauen ab. So auch in unserer Redaktion. Als ich herumfragte, wer denn Die Stadt der verlorenen Kinder gerne besprechen möchte, schallte mir einstimmig ein „Natürlich Du!“ entgegen. Na gut, dann mach ich es halt.

Originaltitel: La cité des enfants perdus

Regie: Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet

Darsteller: Ron Perlman, Daniel Emilfork, Judith Vittet, Dominique Pinon

Artikel von Christian Jürs

Aus einer surrealen, düsteren Hafenstadt werden reihenweise Kinder von einem hässlichen Zyklopenkult entführt. Anschließend verkaufen die Mutanten ihre Entführungsopfer an den verrückten Dr. Krank (Daniel Emilfork), der ihnen im Gegenzug künstliche, zweite Augen verpasst, die die Kultmitglieder nicht von ungefähr an die Nemesis von Captain Picard erinnern lassen.

Die Kinder fristen ihr Dasein fortan als unfreillige „Gäste“ auf dem als Bohrinsel getarnten Anwesen und Labor von Dr. Krank. Neben ihm hausen dort noch die kleinwüchsige Mademoiselle Bismuth (Mireille Mossé), sechs recht kindische Klone (alle Dominique Pinon) und ein ebenfalls von ihm ins Leben gerufenes Gehirn in einem Wassertank. Dieses hört auf den Namen Irvin (Stimme im Original: Jean-Louis Trintignant) und ist die einzige wirklich kluge und sympathische Person vor Ort – die entführten Kinder einmal nicht einbezogen. Größter Unterschied zwischen Irvin und Dr. Krank ist, dass Irvin über eine Seele, jedoch keinen Körper verfügt, während es bei seinem Schöpfer genau gegenteilig zu sein scheint. Der vermutet, dass seine Unfähigkeit, menschliche Gefühle und Träume zu erleben, Schuld daran ist, dass er in Windeseile gealtert ist. Mit Hilfe von ihm erschaffener Apparate versucht Krank nun, in die Träume der entführten Kinder zu gelangen. Doch die haben, aus verständlichen Gründen, nur noch Alb- statt schöner Träume, zum völligen Unverständnis ihres Entführers.

Eines Tages kidnappen die Zyklopen jedoch das falsche Kind. Denrée (Joseph Lucien) ist der jüngere Bruder des auf dem Jahrmarkt arbeitenden Kraftmenschen One (Ron Perlman). Der will seinen herzallerliebsten Verwandten zurück haben und macht sich sofort auf die Suche. Hilfe erfährt er von dem Waisenmädchen Miette (Judith Vittet), dass sich an seine Fersen heftet wie eine Klette…

Was relativ geradlinig klingt, entpuppt sich als bizarr gefilmte und erzählte Märchengeschichte für Freunde des Morbiden. Mörderische siamesische Zwillinge, ein Flohdompteur, dümmliche Klone, die sich von einem Gehirn einreden lassen, jeder von ihnen sei „das Original„, ein Bösewicht, der Kindern Spaß mit erschreckenden Weihnachtsaufführungen machen möchte (inklusive gruseliger Musicaleinlage), ein naiver aber gutmütiger Kraftmensch, ein toughes und kluges Mädchen, ein Zyklopenkult – die Ideen und grotesken Gestalten, die der Die fabelhafte Welt der Amélie Regisseur Jean-Pierre Jeunet hier zusammen mit seinem Kollegen Marc Caro entspinnt, würden einem Tim Burton für mindestens zwei Filme genügen.

Absolut fantastisch auch das grandiose Setdesign und die gekonnt eingesetzte, schräge Kamera, die, zusammen mit der grünlichen Ausleuchtung, eine ganz besondere Atmosphäre hervorrufen. Ja, Die Stadt der verlorenen Kinder ist ein düsteres, schräg-morbides Märchenkunstwerk voll von schwarzem Humor. Es ist aber eben auch ein Film, wie er nur aus Frankreich kommen konnte und der nicht den Massengeschmack trifft. Meine Frau beispielsweise, verließ nach einer halben Stunde das Wohnzimmer um lieber ins Bett zu gehen. Als pflichtbewusster Rezensent blieb ich hingegen standhaft und schaute weiter. Mein Fazit: Eindeutig beeindruckend, was die beiden Regiemaestros da auf die Leinwand gebannt haben – wenn auch nicht für jedermann geeignet. Ich selbst bin mir nicht sicher, ob ich den Film nun wunderbar-genial oder sonderbar-anstrengend finden soll. Entscheidet selbst.

Über jeden Zweifel erhaben – und das ist keine Überraschung – ist natürlich mal wieder die Veröffentlichung von Turbine Medien. Das hochwertige Mediabook ist, egal in welcher der beiden Covervarianten, ein Blickfang und wie immer gut verarbeitet worden. Im Inneren befindet sich der Film auf DVD und erstmals auch Blu-ray in fantastischer Bild- (1,85:1) und Tonqualität (Deutsch und Französich wahlweise in (DVD) DD 2.0 oder 5.1 / (Blu-ray) DTS-HD Audio Master 2.0 oder 5.1). Deutsche Untertitel sind vorhanden. Als Bonus gibt es eine Begrüßung von Ron Perlman, einen Audiokommentar von Jean-Pierre Jeunet, ein über 40 Minuten langes Interview mit Hauptdarsteller Ron Perlman, eine Dokumentation und zwei Featurettes, Teaser und Trailer. Im Innenteil befindet sich ein Booklet mit Texten von Christoph N. Kellerbach.

Fans der skurillen Filmwelten von Jeunet und Caro müssen einfach zugreifen. Eine schönere Veröffentlichung von Die Stadt der verlorenen Kinder wird es wohl so schnell nicht geben. Eile ist aber geboten, da die Mediabookvarianten auf je 750 Stück limitiert sind.

Turbine-Shop:

Mediabook Cover A

Mediabook Cover B

Zurück zur Startseite