Noch kurz bevor die Karrieren von AKTE-X-Ermittler David Duchovny und Hollywood-Beau Brad Pitt zu so richtig Fahr aufnahmen, verschlug es die beiden Schauspieler auf die einsamen Straßen zwischen Kentucky und Los Angeles. KALIFORNIA (1993) ist eine interessante Mischung aus Roadmovie und Thriller, die nun von Capelight Pictures im limitierten Mediabook veröffentlicht wurde. Ob sich der hitzige Trip lohnt, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Originaltitel: Kalifornia

Drehbuch: Tim Metcalfe

Regie: Dominic Sena

Darsteller: David Duchovny, Juliette Lewis, Brad Pitt, Michelle Forbes…

Artikel von Christopher Feldmann

Die endlosen Weiten Amerikas. Einsame Highways vor malerischer Kulisse sind seit jeher gern gesehene Settings für allerlei Filme. Von klassischen Roadmovies wie EASY RIDER (1969) und FLUCHTPUNKT SAN FRANCISCO (1971), bis hin zu düsterer Genre-Kost wie THE HITCHER (1986) oder Komödien wie AUF DEM HIGHWAY IST DIE HÖLLE LOS (1981), die Sehnsucht nach Freiheit und der Ausbruch aus den gegenwärtigen Zwängen wurden bereits auf vielerlei Weisen interpretiert und adaptiert. Bevor Oliver Stone das Genre des klassischen Roadmovies mit seinem artifiziellen Gewaltrausch NATURAL BORN KILLERS (1994) entzauberte, um die Geschichte eines mordenden Pärchens mit sämtlicher Drastik in einer extrem wilden Bildsprache auf den Zuschauer einprasseln zu lassen, lieferte Musikvideo-Regisseur Dominic Sena mit KALIFORNIA (1993) ein Jahr zuvor einen Film ab, der bereits einige Themen des eben erwähnten Streifens vorweg nahm, wenn auch wesentlich konventioneller. Und auch wenn die Story um ein Journalisten-Pärchen, das sich für einen Roadtrip unwissentlich einen Mörder mitsamt Freundin ins Auto holt, wenig Spannung entwickeln kann, sehenswert ist die stylische Bilderflut für 90s-Fans aber allemal.

Handlung:

Um Material für ihr gemeinsames Buch über Serienmörder sammeln zu können, planen der erfolglose Autor Brian Kessler (David Duchovny) und seine Freundin, die Fotografin Carrie Laughlin (Michelle Forbes), einen Trip quer durch die USA zu den berüchtigtsten Mordschauplätzen der Geschichte. Ziel ihrer Reise: Kalifornien. Da die beiden jedoch knapp bei Kasse sind, suchen sie Mitreisende, die sich an den Benzinkosten beteiligen. Early Grayce (Brad Pitt) und dessen naive Freundin Adele Corners (Juliette Lewis) – ein hinterwäldlerisches Proletenpärchen, wie es im Buche steht – sind die Einzigen, die sich auf den Aushang hin melden. Als sie Early in ihr Auto steigen lassen, wissen Carrie und Brian noch nicht, welcher Gefahr sie sich aussetzen: Der unbekannte Mitfahrer ist ein unberechenbarer Psychopath, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt.

In seinen Grundzügen erinnert KALIFORNIA ein wenig an den Thriller-Klassiker THE HITCHER (1986). Nicht, weil dieser Auswurf der frühen 1990er Jahre auch nur in irgendeiner Form mit dem hochspannenden Highway-Duell zwischen Rutger Hauer und C. Thomas Howell konkurrieren könnte, die Grundprämisse wirkt allerdings artverwandt. Auch hier steht ein Roadtrip im Zentrum der Handlung, bei dem es ein unbescholtenes Pärchen mit einem Serienmörder zu tun bekommt. Allerdings scheut sich das Drehbuch davor, so richtig in die Vollen zu gehen. Statt packendem Thrill setzt man hier mehr auf die Beziehung der Charaktere und deren Entwicklung. Dafür lässt man zwei Welten aufeinanderprallen, in dem man einen erfolglosen aber ambitionierten Autor und eine Kunstfotografin mit einem White-Trash-Pärchen aus dem Bilderbuch kollidieren lässt. Early und Adele sind klassisches Trailerpark-Gesindel, noch dazu hat Early bereits zwei Morde auf dem Kerbholz und scheint eine relativ kurze Zündschnur zu haben.

Trotz der verschrobenen, einfachen Art der Beiden entwickelt sich aber auf komische Art und Weise eine gewisse Zuneigung zu den zwei Außenseitern. Zwar weiß man als Zuschauer schon relativ schnell, dass es sich bei Early um einen Psychopathen handelt, dennoch scheinen immer wieder freundschaftliche Gefühle, Humor und auch etwas Führsorge hindurch, weshalb sich ein gewisses ambivalentes Gefühl einstellt, was natürlich irgendwann umgekehrt wird. Leider kommt, trotz dieser interessanten Aspekte, nie so wirklich Spannung auf, da man darauf verzichtet die Situation wirklich zuzuspitzen (zumindest für den größten Teil des Films) und die unausweichliche Eskalation sowieso von Beginn an zu erwarten ist. KALIFORNIA ist mehr ein waschechtes Roadmovie, das versucht, ein klischeehaftes Gesellschaftsportrait zu zeichnen, einen echten Culture-Clash, sich aber letztendlich doch schwelgerisch seinen Locations hingibt. Das ist durchaus nett anzusehen aber für knapp zwei Stunden Laufzeit auch etwas zu wenig.

Für die Regie war Dominic Sena verantwortlich, der hier sein Debüt als Spielfilmregisseur gab. Zuvor verdingte sich US-Amerikaner als Regisseur für Werbespots und Musikvideos, was man KALIFORNIA auch in jeder Sekunde ansieht. So wirkt so ziemlich jede Einstellung auf einen möglichst betörenden optischen Effekt ausgelegt. Gleißendes Sonnenlicht, malerische Landschaftspanoramen, schwelgerische Kameraperspektiven, sogar die Inszenierung der Darsteller, alles wirkt, als hätte Sena Tony Scott persönlich über die Schulter geschaut und sich dessen inszenatorische Spielereien ganz genau eingeprägt. Diesem Stil blieb er treu und drehte noch Streifen wie NUR NOCH 60 SEKUNGDEN (2000) und PASSWORT: SWORDFISH (2001), die von einer ähnlichen Ästhetik leben.

In Sachen Besetzung besticht der Film natürlich durch sein Staraufgebot. David Duchovny sollte noch im gleichen Jahr als FBI-Agent Fox Mulder in der Kult-Serie AKTE X – DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE DES FBI (1993-2002) seinen Durchbruch feiern und auch Brad Pitt stand nach Rollen in kleineren Projekten, u.a. Robert Redfords AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUß (1992), kurz vor davor zu dem Hollywood-Star zu werden, den wir heute kennen. Besonders Pitt gibt sich als psychopathischer Hinterwäldler besonders viel Mühe und besticht durch Hillbillie-Attitüde, stetigem Grunzen und doofem Lachen, was irgendwo zwischen ganz witzig und bedrohlich pendelt. Duchovny hat als unbedarfter Yuppie-Typ weniger Material zur Verfügung, macht seine Sache aber ordentlich. Auch Michelle Forbes weiß als dessen Freunding vollends zu überzeugen. Lediglich Juliette Lewis, die hier quasi noch eine harmlose Vorstufe ihrer Rolle in NATURAL BORN KILLERS präsentiert, beginnt als naives Dummchen ohne jegliche Intelligenz irgendwann gehörig zu nerven, auch wenn ihr Schicksal nicht kalt lässt.

Das Mediabook aus dem Hause Capelight Pictures bietet den Film ab sofort in exzellenter Bild- und Tonqualität, was die Landschaften noch eindrucksvoller erscheinen lässt und wodurch der visuelle Stil des Regisseurs noch besser zur Geltung kommt. Im Bonusmaterial finden sich Trailer, Featurette und ein Interview mit Brad Pitt und Juliette Lewis. Ein 24-seitiges Booklet rundet das Paket ab, lediglich beim Artwork hätte man ein schöneres Motiv wählen können. Die Freigabe ab 18 Jahren ist heutzutage eher ein mäßiger Witz, wirklich brutal ist der Film nicht, ein 16er-Siegel wäre hier auf jeden Fall angebracht.

Fazit:

KALIFORNIA (1993) ist sicher kein Meisterwerk des Roadmovies oder Thrillerkinos, dafür holt das Drehbuch zu wenig aus seinen Möglichkeiten heraus und wird bei knapp zwei Stunden Laufzeit schnell etwas zäh. Wer allerdings die Videoclip-Ästhetik der 1990er Jahre schätzt und große Stars wie eben Duchovny, Pitt und Lewis vor ihren Durchbrüchen in Hollywood erleben möchte, kann hier gerne zugreifen. Einen gewissen Reiz kann man dem Streifen sicher nicht absprechen.

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