Ein Kleinkrimineller knackt in einer Nebenstraße einen nagelneuen SUV. Die Karre steht einladend am Straßenrand und ist eine günstige Gelegenheit für unseren Protagonisten Ciro. Er knackt die Tür mit einem Tennisball und springt hinein. Die Fenster sind verspiegelt und so kann sich Ciro mit dem Plündern des Autos Zeit lassen. Er klaut das Radio und pisst in einem Anfall pubertären Rowdytums auf die Rückbank. Es den Reichen mal so richtig zeigen. Ciro ist ein Honk, eigentlich eine arme Sau, dafür aber nicht unsympathisch. Doch dann gibt es kein Entkommen. Die Karre ist verriegelt, die Fenster kugelsicher und verspiegelt, die Zündung deaktiviert und der Wagen schalldicht. Ciro ist in eine Falle geraten. Was nun? SHOCK ENTERTAINMENT brachte den argentinischen Thriller in zwei streng limitiertem Mediabooks heraus.

Regie: Mariano Cohn

Darsteller: Peter Lanzani, Dady Brieva, Ailén Mazioni

Artikel von Kai Kinnert

Ciro spaziert durch ein gehobenes Viertel in Buenos Aires, als er einen SUV sieht, der sein Interesse weckt. Er bricht ihn auf und baut die Stereo-anlage aus. Doch der Diebstahl geht gründlich schief. Denn Ciro stellt fest, dass sich nun die Türen und Fenster nicht mehr öffnen lassen und es praktisch keinen Ausweg für ihn aus dem Fahrzeug gibt. Nachdem er sich bei dem Versuch, sich den Weg freizuschießen, dummerweise selbst schwer am Bein verletzt hat, erhält Ciro einen Anruf vom Besitzer. Die ruhige Stimme erklärt ihm, dass er Opfer zu vieler Straftaten war, und nun beschlossen hat, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb hat er sich diese Falle ausgedacht und seinen Wagen in eine sich selbst verriegelnde, kugelsichere Festung umgebaut. – Niemand kann Ciro nun sehen oder seine Hilfeschreie hören. Er blutet stark… und er hat weder Wasser noch Essen.

Es dauert nicht lange und Ciro sitzt in der Falle. Der SUV ist verriegelt. In Panik nimmt Ciro den Wagen auseinander, schlägt auf die Scheiben ein, reißt die Verkleidung ab und verletzt sich dabei an der Hand. Er nimmt seine Knarre und schießt auf die Frontscheibe. Doch die Scheiben des Autos sind kugelsicher und so trifft ihn ein Querschläger am Bein. Dies ist ein schlechter Tag für Ciro.

Hilflos richtet er sich in dem Wagen ein und weiß nicht, was er machen soll. Da klingelt die Freisprechanlage des SUV und es meldet sich der Besitzer des Autos, Dr. Enrique Ferrari. Der Kerl ist 28mal ausgeraubt worden und hat nun die Faxen dicke. Ciro bekommt die volle Kante ab. Und weil Dr. Ferrari Spaß am Quälen hat, nutzt er alsbald die Klimaanlage des Fahrzeugs, um mit dem verwundetem Ciro stundenlang seine Spielchen zu spielen.

Angenehm an diesem Film ist, dass er über weite Strecken auf Sprache verzichtet. Ciro kommentiert seine Lage nicht selbst, er schreit zwar mal, aber ansonsten herrscht Ruhe, da kommt nichts aus dem Monolog-Baukasten. Stattdessen gelingt es der Kamera, in Ruhe die Gesten, Pausen und Überlegungen Ciros nachvollziehbar einzufangen. Der Typ ist ein Arschloch und weicht nun in seinem Gefängnis etwas auf, wird sympathischer. Man mag Ciro in den nächsten 60 Minuten gerne folgen, in dem Typ ist ein netter Funke und Peter Lanzani spielt gut. Besonders originell ist das Drehbuch nicht, leistet sich sogar fette Logiklöcher, aber die Kameraarbeit und Peter Lanzani trösten über diesen Umstand hinweg.

4x4 – Welcome Aboard ist gut 60 Minuten lang sparsam in Sachen Text und Drehort. Der Film richtet sich unterhaltsam mit Ciro in einer beengten Umgebung ein und nur wenige Komparsen füllen die Nebenstraße. Und dann betritt Dr. Ferrari die Szene.

Dr. Ferrari – Die männliche Hebamme. Mit Glatze, unfreundlichem Gesicht und einer Körpergröße von 1 Meter 90 ist Dr. Ferrari jemand, den man nicht einmal als Fußpfleger an sich heranlassen würde. Dr. Ferrari näht vielleicht Körperteile von Kleintieren an deformierte Menschen und kocht aus Nieren einen leckeren Brotaufstrich, aber er ist niemals Geburtshelfer. Dennoch, hier ist er es und das Unheil nimmt seinen Lauf. 4x4 – Welcome Aboard dekonstruiert sich selbst.

Statt eines konsequenten Thrills verfolgt der Regisseur einen sozialkritischen Ansatz, den er im letzten Drittel mit der Brechstange aus der Story hebelt. Mag ein menschlicher Ansatz in der filmischen Aussage und der Figurenzeichnung auch richtig sein, niemals sollte man Dr. Ferrari hinzurufen. War 4x4 – Welcome Aboard bis eben noch ein einigermaßen ruhiger Film, wird nun alles nachgeholt, was man in den letzten 60 Minuten nicht inszenieren konnte. Plötzlich steht Ciro als Geisel von Dr. Ferrari mit Knarre am Kopf auf offener Straße und nach einer Überblende ist man umringt von Schaulustigen und Polizisten. Nun wird gequatscht. Ein Verhandlungsführer, Typ netter Beamter, spricht weise Worte und regt zum Nachdenken an – doch Dr. Ferrari mag die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen und will es episch. Das Volk soll entscheiden.

4x4 – Welcome Aboard startet mit einem guten Hauptdarsteller, der es in dem SUV nicht leicht hat. In diesen Szenen ist der Film originell, auch wenn das Drehbuch nicht besonders sorgfältig mit den äußeren Umständen arbeitet. Peter Lanzani ist zwar als Ciro ein Arsch, aber er wächst einem ans Herz. Umso tragischer, das Dady Brieva als Antagonist Dr. Ferrari eine völlige Fehlbesetzung ist. Dazu kommt eine denkwürdig unpassende Synchronregie, die hier den Film ins Deutsche übersetzte.

4x4 – Welcome Aboard behandelt, als Thriller verpackt, die lokale Kriminalität in Argentinien und versucht ihr dabei eine Menschlichkeit zu geben. Das gelingt dem Film bei Ciro dann, wenn sich die Inszenierung einfach nur Zeit lässt. Doch der Film macht nichts aus seinem Spannungsbogen und zerfranst sich unnötig angestrengt in einem theatralischen und fehlbesetzten Finale. Da wollte man zu viel. Schade.

Das Bild ist gut sauber satt und klar, der Ton klingt gut. Als Extras gibt es den Original Trailer, den deutschen Trailer und ein 32-seitiges Booklet mit einem Text von Mike Blankenburg.

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