Man könnte Zhang Yimous Vorgänger Hero glatt als Wuxia-Fingerübung verstehen, bei der der Regisseur etwas verspielt mit Bewegungen und Farben experimentierte, um sich so für den nächsten Film, House of Flying Daggers, vorzubereiten. Gerade wenn man sich beide Filme direkt hintereinander ansieht, entsteht der Eindruck einer filmischen Sortierung. War Hero fast noch verspielt und genügte sich in seiner gigantischen Farb-Inszenierung von Menschen in Bewegung in einer beeindruckenden Landschaft, kommt House of Flying Daggers deutlich strukturierter und damit fast schon konventioneller daher. Auch hier gibt es wieder im Kern eine tragische Liebesgeschichte, auch hier gibt es atemberaubende Natur in prächtigen Farben, doch jetzt gibt es mehr Dialog, mehr Dramaturgie, mehr Blut, mehr Action und damit einer der schönsten Actionsequenzen, die Zhang Yimou zu der Zeit inszenierte. Nun ist Yimou kein Action-Regisseur wie andere seiner Kollegen und meine Behauptung damit weit aus dem Fenster gelehnt (später inszenierte Zhang Yimou mit „The Flowers of War“ Szenen brachialer James-Ryan-Action), aber die Sequenz, die ich hier meine, ist für mich ein vierminütiger Traum an dynamischer Inszenierung, auch hier – wie in Hero – mit einer formidablen Filmmusik unterlegt. War Hero noch ein leuchtendes Schweben, gibt sich House of Flying Daggers nun in gedeckten Farben. Es beginnt bunt, wird dann bräunlich, zelebriert später das Grün und mündet im Weiß. Die Farben beschreiben die innere wie äußere Reise der Protagonisten. TURBINE MEDIEN brachte den Klassiker nun als limitiertes Mediabook in Dolby Atmos heraus.

Originaltitel: Shi mian mai fu
Regie: Zhang Yimou
Darsteller: Andy Lau, Takeshi Kaneshiro, Zhang Ziyi, Dandan Song
Artikel von Kai Kinnert
China im Jahr 859: Die ehemals mächtige Tang-Dynastie steht vor dem Untergang. Um einen Volksaufstand zu verhindern, beauftragt die korrupte Regierung die Polizisten Jin und Leo damit, die Rebellenallianz „Haus der fliegenden Messer“ zu zerschlagen. In nur zehn Tagen sollen sie deren Anführer identifizieren und festnehmen. Ihre einzige Spur: die blinde Tänzerin Mei. Ihre gefährliche Reise durch scheinbar endlose Bambuswälder ist geprägt von erbitterten Kämpfen auf Leben und Tod – und einer Liebe, die alles verändert.

Der Film gehört Hauptdarstellerin Zhang Ziyi. Sie hat mit Takeshi Kaneshiro den richtigen Anspielpartner, beide spielen hier richtig gut und nuanciert, aber Star des Abends ist Zhang Ziyi. Sie beginnt als blinde Tänzerin und muss Polizist Takeshi Kaneshiro, der sich Undercover in einem Teehaus volllaufen lässt, vortanzen. Angeblich ist die Tochter des verstorbenen Rebellenführers blind und Jin (Takeshi Kaneshiro) gibt sich als randalierenden Gast aus, um später von seinem Kollegen Leo (Andy Lau) verhaftet zu werden, um so das Vertrauen von Mei zu gewinnen und ihr zur Flucht zu verhelfen, denn es wird klar, dass sie die gesuchte Tochter des Rebellenanführers ist. Blind, aber eine großartige Kämpferin. Zhang Ziyis Einführung als kämpferisch erfahrene Tänzerin ist eine Augenweide und unterstreicht den musikalischen Hintergrund der von Zhang Yimou inszenierten Actionszenen, was sich später in dieser vierminütigen, grandiosen Actionsequenz (der Kampf im hohen Gras) zum Ende hin in aller Deutlichkeit zeigt: Wenn Mei und Jin später gegen eine Überzahl an Soldaten antritt, taktet sich der Kampf auf die langsamere, treibende Musik und formt den Kampf zu einer sekundenlange Modern-Dance-Einlage, die schlichtweg Bühnenqualität hat. Aber auch die Kameraführung in diesen Szenen (brillant geführt durch Xiading Zhao) ist von hoher Dynamik. Auf der einen Seite der tolle Filmschnitt, wenn die Bohnen an die Trommeln geworfen werden und Zhang Ziyi, blind und nur nach Gehör, mit ihren Seidentüchern den Rhythmus der getroffenen Trommeln nachspielen muss. Und auf der anderen Seite, wenn Kameramann Xiaoding Zhao beim Abschießen der Pfeile im Laufen über die Schulter von Takeshi Kaneshiro filmt: Das ist einfach nur richtig geil und sorgt mit der langsam getakteten Musik für einen Gänsehaut-Moment. Danach geht es im Bambuswald weiter und die Flying Dagger kommen ins Spiel. Das Grün des Waldes bestimmt fortan den Film, auch die Gewänder der Rebellen sind stilistisch formvollendet dem Szenario angepasst. Das gesamte letzte Drittel des Films ist schlichtweg elegant und spielt mit den verschiedenen Nuancen des Grüns. Wenn auch die Polizisten Jin und Leo der Rebellin Mei eine Falle stellen wollten, um so zum Anführer der Flying Dagger gebracht zu werden, konnte man sich der Liebe zu Mei nicht erwehren, was natürlich den Auftrag der Polizisten unterlaufen wird. Nicht nur das, es macht Jin und Leo am Ende zu Gegnern und führt zu einem erbitterten Duell, das sich während des Kampfes von den herbstlichen Farben des hohen Grases in eine schneebedeckte Winterlandschaft verwandelt. Der Auftrag hat Jin und Leo sämtliche Gefühle genommen, in ihnen ist es kalt gestorben. Die Sache endet blutig, was sich im Schnee natürlich gut macht.

House of Flying Daggers ist ein schöner Film, etwas runder als sein Vorgänger Hero, aber ebenso elegant und stilistisch durchdacht inszeniert. Zhang Ziyi spielt großartig, dicht gefolgt von Takeshi Kaneshiro und abgerundet durch Andy Lau, der in diesem Film allerdings eher die Nebenbesetzung darstellt. Die Kameraarbeit durch Xioding Zhao ist anders als die vom Hero-Kameramann Christopher Doyle, aber ebenso passend wie brillant. Gerade diese Actionszene im hohen Gras ist eine Wucht und findet ihre musikalische Entsprechung durch die Filmmusik von Shigeru Umebayashi. House of Flying Daggers hat auch heute noch ein kurzweiliger und sehr sehenswerter Film, mit eine der besten Arbeiten von Zhang Yimou.Das Bild der gesichteten Blu-ray war satt und sauber in den Farben, der Ton ist gut.
Als Extras gibt es Interviews mit Cast & Crew, Making-of (ca. 45 Minuten), Bildergalerien und Storyboards, Musikvideo „Lovers“ mit Kathleen Battle, Hinter den Kulissen (Dreharbeiten), TV-Spots und Trailer und ein informativer 28-seitiger Buchteil „Messer direkt ins Herz“ von Martin Beck.
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