Hero war mir so völlig aus der Erinnerung gerutscht. Jet Li hing an Drähten, dass wusste ich noch. Als der Film erschien, hatten mich die Wuxia-Filme nur mäßig interessiert, daran konnten Tsui Hark und Chow Yun-Fat auch nicht viel ändern. Kämpfe an Drähten mögen zwar extrem anstrengend sein, sind aber im Kampf am Ende nur Stückwerk und Leben vom fantastischen Gewusel durch Sprünge und Rollen jenseits der Physik. Ein fantastisches Element eben, welches innere Zustände und legendäre Kämpfer-Mythen umschreibt. Da war mir der hart krachende Stunt im schnörkellosen Faustkampf dann doch lieber als das seidige Schweben durch Zeit und Raum. Doch ein Umstand im Leben ist, dass man älter wird. Und sich damit auch hier und da Geschmäcker und Ansichten ändern können. 24 Jahre nach meiner letzten Sichtung von Hero ist genau das passiert. Meine Meinung zu Wuxia-Filmen änderte sich mit der auffrischenden Sichtung von Hero. Schuld ist die exorbitante Schönheit der Inszenierung, ein Rausch an Farben, der mir gänzlich entfallen war. Hero ist eine träumerische Augenweide, eine Meditation in einer diffusen Dramaturgie, die sich schlicht aus der schwebenden Schönheit von schönen Gewändern speist, getragen von schönen Menschen in schöner Umgebung. TURBINE MEDIEN brachte den Klassiker jetzt als limitiertes Mediabook in Dolby Atmos auf den Markt.

Originaltitel: Ying xiong
Regie: Zhang Yimou
Darsteller: Jet Li, Maggie Cheung, Tony Leung Chiu-wai, Zhang Ziyi, Donnie Yen, Chang Xiao Yang
Artikel von Kai Kinnert
China vor 2000 Jahren: Das Reich ist gespalten, und der ehrgeizige König von Qin verfolgt ein einziges Ziel – die Vereinigung des Landes und seine Krönung zum ersten Kaiser. Doch drei legendäre Attentäter – Weiter Himmel, Zerbrochenes Schwert und Fliegender Schnee – stellen sich ihm entgegen und können trotz strenger Sicherheitsmaßnahmen nicht gefasst werden. Als ein namenloser Krieger vor den König tritt und behauptet, alle drei besiegt zu haben, entfaltet sich eine Geschichte voller Intrigen, Wahrheit und Illusion.

Es dauerte eigentlich nur Sekunden, bis der Film mich hatte. Schuld daran ist definitiv Kameramann Christopher Doyle, der viel für Wong Kar-Wai drehte. Wenn Jet Li zum königlichen Hof kommt und durch das grau-schwarze Setting an Soldaten, Gewändern und Gemäuer zum König geht, fühlt man sich unweigerlich an Akira Kurosawas ähnlich farbgewaltigen Breitwand-Inszenierungen wie Ran oder Kagemusha erinnert. Überhaupt atmet der Film in jeder Sekunde ein spektakuläres Epos an Farben und Bewegungen, dass es glatt das Drehbuch ersetzen könnte. Als Jet Li den König erreicht, beginnt eine meditativ ruhige Erzählung darüber, wie des dem Namenlosen (Jet Li) gelang, drei der gefürchtetsten Attentäter dingfest zu machen. Jet Li beginnt in 100 Schritten Entfernung vor dem König mit seiner Erzählung, die völlig entspannt und scheinbar ohne Spannungsbogen vorgetragen wird. Doch was so ruhig und ohne Anspannung dem König – und somit auch dem Zuschauer – vorgetragen wird, ist nicht ohne Wendung, bleibt nicht ohne Spannung. Nach jeder erzählten Episode darf Jet Li dem König näherkommen, soweit, bis er letztendlich nur noch 10 Schritte von ihm entfernt ist. In dieser völligen Ruhe des Erzählens streut sich nun Misstrauen ein. Kann es denn wahr sein, was Jet Li da erzählt? Dient seine Erzählung nicht nur dem Näherkommen? Ist Jet Li nicht der eigentliche Attentäter? Die drei Attentäter sind legendär in ihrer Kampfkunst, teilweise auch ein unzertrennbares Paar. Wie konnte es Jet Li also gelingen, das Paar zu trennen, einen Kampf auszulösen und sogar die Waffen der drei Attentäter dem König zu präsentieren? Wird der König sterben? So linear wird sich die Sache nämlich nicht entwickeln.
In der Ruhe liegt die Kraft, dachte sich Zhang Yimou, und schrieb ein geschicktes Drehbuch, welches Spannung und Ruhe als filmischen Fluss inszeniert. Farben spielen hier eine wichtige Rolle, beschreiben die innere Welt der Protagonisten und verwischen die erzählerische Grenze zwischen Traum und Realität. Vieles vom Gesehenen könnte auch nur im Geiste stattgefunden haben, der anfängliche Kampf zwischen Jet Li und Donnie Yen umschreibt diese Möglichkeit.

Natürlich gibt es auch hier eine tragische Liebesgeschichte und eine Wendung in der Motivation bei einem der Attentäter, die darauf anspielt, dass die höchste Kunst des Schwertkampfes die ist, das Schwert nicht gezogen zu haben. Ausgangsbasis ist nun die beginnende Sequenz im traumhaften Rot. „Es gibt 19 Möglichkeiten das Wort Schwert zu schreiben. Ich bat ihn, die zwanzigste Möglichkeit zu finden.“ so Jet Li zum König, als es darum ging, dass die Attentäter sich in der rot inszenierten Kalligrafie-Schule versteckten, die vom königlichen Heer mit einem gewaltigen Schwarm an Pfeilen angegriffen wurde. Abertausende Pfeile werden als schwarzer Schwarm auf die Kalligrafie-Schule abgeschossen, was zu minutenlangen Einschlägen führt, in denen der Meister unbeirrt seine Zeichen übt, während um ihn herum im roten Raum die schwarzen Pfeile einschlagen. Absolut jede Sequenz in diesem Film ist ein elegantes Spiel an Farben, so auch hier. Tony Leung Chiu-wai und Maggie Cheung machen sich auf, mit ihrer Kampfkunst die Schule vor den Pfeilen zu schützen.
Ebenso beeindruckend ist der spätere Kampf zwischen Maggie Cheung und Zhang Ziyi, hier in einem mongolischen Wald inszeniert, der in traumhaft schönen Herbstfarben golden und orange die Blätter schneien lässt. Die beiden Kontrahentinnen schweben und kämpfen zwischen den Bäumen hin und her, dass es eine Augenweide ist. Laut Zhang Yimou sah dieser mongolische Wald tatsächlich so wunderschön aus und man war das erste Filmteam, das dort drehte. Getoppt wird das alles allerdings mit der letzten Sequenz im Film, dieser unfassbar schöne See, dieses Tal, nun mit den gedeckten Farben des Herbstes versehen, so surreal schön, dass man glatt an eine Computergrafik denkt. Ist es aber nicht. Jet Li und Tony Leung Chiu-wai tragen einen Kampf aus, der eigentlich gar kein Kampf ist, sondern umschreibt die Trauer zweier Männer, denen die Liebe genommen wurde. „Sie kreisen wie zwei traurige Vögel über den See.“ erzählt Zhang Yimou im Making Of. Minutenlang schweben die beiden umeinander herum, tänzeln federleicht über das spiegelglatte Wasser, benötigen nur einen Tupfer auf der Wasseroberfläche, um erneuten Schwung zu holen. Dazu die Musik von Dun Tan (Tiger and Dragon), einem Schwergewicht unter den chinesischen Komponisten, der hier zusammen mit dem japanischen Taiko-Trommel-Ensemble Kodo eine fantastische Filmmusik besteuerte. Die Bilder am See, untermalt mit dieser durchgängig tollen Filmmusik, sind schlichtweg ein Genuss. Mir ist dieser See nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Auch hier war Zhang Yimou der erste, der dort filmte. Die Farben und das spiegelglatte Wasser, inklusive das klare Farbenspiel im Wasser, sind echt. „Der See war nur von 10 bis 12 Uhr so spiegelglatt und ruhig.“ erzählt Zhang Yimou im Making Of. Vorher und nachher hatte der See durch die Gezeiten einen Anstieg an Wasser und Strömung, so dass es dort überhaupt nicht mehr so idyllisch aussah. „Wir sind jeden Tag um 5.30 Uhr angerückt und haben die Verdrahtungen gemacht. Um kurz nach 10 waren wir dann fertig und konnten knapp zwei Stunden lang unsere Aufnahmen machen. Dann war die Strömung zu stark und der See nicht mehr glatt. 20 Tage habe wir für die Sequenz gebraucht.“ Das ist wirklich heftig. Das erinnert ja fast an Jean-Luc Godard, der beim Dreh von Ausser Atem teilweise auch nur 120minuten lange Drehtage hatte. Wenn überhaupt. Doch bei Godard lag es an der Inspiration, nicht an einer Naturgewalt.

Der Directors Cut von Hero ist ein sehenswerter Farben-Flug und eine schöne Erzählung noch dazu. Die Action in Hero ist träumerisch und verspielt, emotional motiviert und ohne reißerischen Aspekt inszeniert worden. Mehr Bewegung als Kampf. Mehr Ausdruck als Tötungsabsicht. Gerahmt wurde die Inszenierung in einer durchdachten Farbenpracht, die man in dieser Qualität nur selten gesehen hat. Christopher Doyle liefert wunderschöne Bilder ab, findet dabei stets die richtigen Winkel und Bewegungen und wird dabei von einer absolut stimmigen Filmmusik gerahmt. Hero ist ein wunderschöner Film.
Das Bild der gesichteten Blu-ray war satt und klar in der Farbgebung, der Ton war gut. Als Extras gibt es Interviews mit Cast & Crew, Making-of (ca. 24 Minuten), Gespräch mit Quentin Tarantino und Jet Li (ca. 13 Minuten), Hero Special (ca. 13 Minuten), Storyboards und Trailer und ein informativer 32-seitiger Buchteil „Alle unter einem Himmel“ von Martin Beck.
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