“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” #2: Der rote Kreis (1960)

Einmal mehr begeben wir uns in das vernebelte London, auf den Spuren von Krimi-Ikone Edgar Wallace. In unserem zweiten Teil, beschäftigen wir uns auch folgerichtig mit dem zweiten Film der langlebigen Krimi-Reihe. In DER ROTE KREIS (1960) bekommt es Scotland Yard einmal mehr mit einem gefährlichen Verbrecher zu tun. Wie sich der Krimi mit, unter anderem, SCHWARZWALDKLINIK-Star Klausjürgen Wussow heute schlägt, erfahrt ihr in unserem Artikel!

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”

Drehbuch: Trygve Larsen, Wolfgang Menge
Regie: Jürgen Roland

Darsteller: Klausjürgen Wussow, Renate Ewert, Karl-Georg Saebisch, Thomas Alder, Ernst Fritz Fürbringer, Erica Beer, Fritz Rasp, Ulrich Beiger, Eddi Arent…

Artikel von Christopher Feldmann

Als DER FROSCH MIT DER MASKE (1959) in die Kinos kam, avancierte der günstig produzierte Kriminalfilm zum großen Publikumserfolg. Mehr als drei Millionen Besucher waren im Wallace-Fieber, was die Produzenten veranlasste, bereits zwei Monate nach Kinostart mit den Arbeiten an einem weiteren Teil zu beginnen. Bereits zuvor hatte man sich bei Penelope Wallace die Rechte an zwei Geschichten gesichert, nämlich DER FROSCH MIT DER MASKE und DER ROTE KREIS. Laut Aussagen der Beteiligten, hätte man auch im Falle eines nicht ganz so großen Erfolgs mit dem ersten Film einen zweiten Versuch gewagt. Da das Unternehmen allerdings extrem profitabel war, konnte man gar nicht schnell genug einen weiteren Film drehen. So kam es dazu, dass bereits im November 1959 in Dänemark die Kameras für den zweiten “Edgar Wallace“-Film rollten, diesmal mit neuem Regisseur und neuer Hauptbesetzung.

Handlung:
Im Gefängnis von Toulouse, soll der Verbrecher Henry Charles Lightman wegen zahlreicher Vergehen, unter anderem Raub und Mord, hingerichtet werden. Durch einen, vom betrunkenen Henker eingeschlagenen, Nagel wird das Fallbeil der Guillotine allerdings aufgehalten und Lightman entgeht seiner Strafe. Acht Jahre später versetzt der “rote Kreis” London in Angst und Schrecken. Der maskierte Chef einer gefährlichen Verbrecherbande erpresst wohlhabende Bürger, die sterben müssen, sollten sie den Zahlungsaufforderungen nicht nachkommen oder sich an die Polizei wenden. Um dem Verbrecher endlich das Handwerk zu legen, wird dem ermittelnden Chefinspektor Parr (Klaus Georg Saebisch) der verlässliche Privatdetektiv Derrick Yale (Klausjürgen Wussow) zur Seite gestellt. Gemeinsam können sie jedoch nicht verhindern, dass einige wohlhabende Persönlichkeiten dem “roten Kreis” zum Opfer fallen. Schnell geraten die geheimnisumwobene Sekretärin Thalia Drummond (Renate Ewert), der Neffe eines Opfers, Jack (Thomas Alder), sowie der mysteriöse Anwalt Osborne (Ulrich Beiger) in den Kreis der Verdächtigen. Doch der “rote Kreis” ist Scotland Yard immer einen Schritt voraus.

Für den zweiten abendfüllenden “Edgar Wallace“-Film wählte man bewusst eine Geschichte, die in ihren Grundzügen dem Vorgänger relativ ähnlich ist. In beiden Fällen geht es um einen maskierten Verbrecher, der eine gut organisierte Bande befehligt und damit besonders die Oberschicht von London in Aufruhr versetzt. Während der “Frosch” im ersten Film allerdings in großen Teilen einen persönlichen Antrieb besaß, agiert der “rote Kreis” ausschließlich aus reiner Habgier. Das Drehbuch wurde abermals von Egon Eis unter dem Pseudonym Trygve Larsen geschrieben, der auch schon das Skript für den Vorgängerfilm lieferte. Später wurde das Buch noch einmal von Wolfgang Menge überarbeitet und gerade in Bezug auf die Schlusspointe verändert. Ansonsten hält sich die Geschichte sehr eng an ihre Romanvorlage aus dem Jahr 1922, nimmt sich jedoch bei den Charakteren einige Freiheiten. So existiert zum Beispiel, wie bei so vielen Wallace-Verfilmungen, die Figur von Eddi Arent nicht im Roman.

Auch wenn die Story recht ähnlich im Vergleich zu DER FROSCH MIT DER MASKE funktioniert, gelang es den Machern jedoch, einen Film auf die Beine zu stellen, der sowohl von der Spannung, als auch von der Atmosphäre her besser funktioniert. DER ROTE KREIS kommt wesentlich temporeicher daher und besitzt kaum erzählerische Längen, was sich besonders beim Stil bemerkbar macht. Mit dem Vorgänger hatte ich, trotz vieler schöner Momente, einige Probleme, was besonders an der teils behäbigen Erzählweise lag. Bei dem hier vorliegenden Film fühlt sich alles, obwohl er direkt im Anschluss gedreht wurde, recht frisch und auch moderner an, was wohl dem Regisseur geschuldet ist. So wartet der Krimi mit einigen guten düsteren Momenten auf, lockt den Zuschauer gekonnt auf falsche Fährten, um mit einem guten Twist zu überraschen. Schon hier spielt man mit typischen Grusel-Elementen, von dunklen Räumen über kleine Schreckmomente, bis hin zum maskierten, ruchlosen Bösewicht. Man verzichtete größtenteils auf blanke Effekthascherei, was dem Film ziemlich gut zu Gesicht steht. Das Drehbuch schafft es sowohl, seine Geschichte stringent zu erzählen, als auch gute Einzelmomente zu schaffen, in denen die Figuren Profil bekommen. Diese Figuren funktionieren hier auch wesentlich besser, da sie ambivalenter geschrieben sind, als noch beim “Frosch”.

Eine erfrischend gute Wahl, ist die Besetzung von Klaus Georg Saebisch als Chefinspektor Parr. Die Figur ist im Vergleich zu seinem, von Siegried Lowitz verkörperten, Pendent aus dem Vorgänger wesentlich kerniger und einprägsamer, zumal er nicht verlegen ist, richtig zuzupacken. Der Ermittler kommt wesentlich raubeiniger daher, ein schöne Alternativen zu den sonst eher glatteren Helden der Reihe. Leider sollte es Saebischs einziger Auftritt im Rahmen der Wallace-Serie bleiben. Ihm zur Seite steht Klausjürgen Wussow, der später als Professor Brinkmann in DIE SCHWARZWALDKLINIK (1985-1988) nationalen Ruhm erlangte. Als Derrick Yale verkörpert er den feschen Kontrapart zum knautschigen Ermittler. Auch in Sachen Frauenfiguren kann DER ROTE KREIS auftrumpfen, denn Renate Ewert verkörpert als Thalia Drummond eine starke weibliche Figur, die sowohl faszinierend als auch undurchsichtig ist. Neben Karin Dor, ist Ewert wohl die beste Darstellerin einer Hauptrolle in der Krimi-Reihe, denn ich kann mich beim besten Willen an keine Frau erinnern, die eine derartige Leistung abgeliefert hat. Leider war es auch in ihrem Fall der einzige Auftritt bei “Edgar Wallace”, wahrscheinlich der einzige mit einer gewissen Femme Fatale-Attitüde, der bei Wallace zu finden ist. Einen Großteil der übrigen Besetzung übernahm man aus DER FROSCH MIT DER MASKE. So traten Eddi Arent, Ulrich Beiger, Fritz Rasp und Ernst Fritz Fürbringer ein weiteres Mal auf, Letzterer wieder in der Rolle des Scotland Yard-Chef Sir Archibald. Arent ist hier ein weiteres Mal als Sidekick zu sehen, wenn auch nicht ganz so albern wie in den späteren Filmen, während Beiger wieder als halbseidene Figur auftritt.

In Sachen Regie war man bei Rialto-Film durchaus auf Abwechslung bedacht. Nachdem Harald Reinl den ersten Film der Reihe inszenierte, wählte man für diesen Teil Jürgen Roland, der hier sein Spielfilmdebüt gab. Roland hatte Krimi-Erfahrung, war er doch gleichzeitig der Regisseur der beliebten Fernsehreihe STAHLNETZ (1958-1968), die vom NDR produziert wurde. Das versierte Handwerk Rolands ist hier jederzeit spürbar, spielt sich das Geschehen doch eher in den Reihen der Polizei und der geerdeten Nebenfiguren ab, als auf mondänen Schlössern oder Herrenhäusern. Gerade die Aufnahmen in den kleinen Gassen und Lagerhäusern haben ziemlich atmosphärische Momente zu bieten. Roland selbst hat zudem einen kleinen Cameo-Auftritt als Polizist.

Für die Musik war zum zweiten, und auch letzten Mal, der Komponist Willy Mattes zuständig, der hier einen noch wesentlich einprägsameren Score abgeliefert hat, als noch bei DER FROSCH MIT DER MASKE (1959). Zeitweise hat man bei der Symbiose aus Drehbuch, Figuren, Regie und Musik ein gewisses Noir-Feeling, das sich wunderbar in den Film einfügt.

Gedreht wurde der Streifen einmal mehr in Dänemark. Außenaufnahmen fanden in Kopenhagen statt, während die Innenaufnahmen wieder in den Palladium-Studios in Hellerup gemacht wurden. Ursprünglich sollten die Dreharbeiten in Göttingen und Hamburg stattfinden, letztendlich entschied man sich aber für die dänischen Locations. DER ROTE KREIS war der letzte Film, der in dem skandinavischen Land entstand. Bereits nach der Veröffentlichung gründete die Rialto-Film ein Tochterunternehmen in Frankfurt am Main, von wo aus zunächst die Wallace-Filme geleitet wurden. Für die London-Aufnahmen reiste man dieses Mal nicht in die britische Metropole, man verwendete einfach das Material, welches man für DER FROSCH MIT DER MASKE gedreht hatte und schnitt es in den Film hinein. Copy & Paste, was ein Markenzeichen der Wallace-Filme wurde. Der Vorspann, welcher ursprünglich auch Aufnahmen von nächtlichen London beinhalten sollte, ist eine auffällige Hommage an Rolands Serie STAHLNETZ, dient ein solches doch als Hintergrund für die Credits.

DER ROTE KREIS wurde am 2. März 1960 in Stuttgart uraufgeführt und nach leichten Kürzungen in einer Mordszene ab 16 Jahren freigegeben. Seit dem Jahr 2004 ist die ungekürzte Fassung frei ab 12 Jahren. Bei Produktionskosten von rund 600.000 DM, konnte der Film ein Vielfaches wieder einspielen. Mit 1,9 Millionen Zuschauern war er zwar nicht so erfolgreich wie DER FROSCH MIT DER MASKE aber immer noch ein profitables Geschäft für die Produzenten, die daraufhin abermals nach London reisten und sich die Rechte an allen verfügbaren Kriminalgeschichten von Edgar Wallace sicherten. Bald darauf begannen schon die Arbeiten am nächsten Film der Reihe.

Fazit:
DER ROTE KREIS (1960) ist einer der unbekannteren und oft unterschätzten Filme der beliebten Krimi-Reihe. Regisseur Jürgen Roland verpasste der Geschichte einen frischen und spannenden Ansatz. Die Geschichte wird recht temporeich und kurzweilig erzählt, hat gute Charakter-Momente zu bieten und besticht durch seine versierte, ernste und teilweise düstere Inszenierung. Ein rundum guter Wallace-Krimi, der mehr Aufmerksamkeit verdient.

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