“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” #18 – Das Verrätertor (1964)

Heute beschäftigen wir uns mit einem eher stiefmütterlich behandelten Edgar-Wallace-Film. Die Rede ist von DAS VERRÄTERTOR (1964), einer deutsch-britischen Ko-Produktion, die zwar die gewohnten Mechanismen des deutschen Krimis vermissen lässt aber für nette Abwechslung innerhalb der Reihe sorgt. Ob es sich hier um eine zu Unrecht verschmähte Perle handelt, erfahrt ihr im neuesten Teil unserer Wallace-Retrospektive!

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”

Drehbuch: Jimmy Sangster
Regie: Freddie Francis

Darsteller: Gary Raymond, Albert Lieven, Margot Trooger, Catherine Schell, Klaus Kinski, Eddi Arent, Edward Underdown, Anthony James…

Artikel von Christopher Feldmann

Nachdem Rialto-Film mit dem Krimi-Knüller DER HEXER (1964) einen großen Kinoerfolg feiern konnten, der die eher mittelmäßigen Einspielergebnisse der Vorgänger wett machte, ging man endgültig mit DAS VERRÄTERTOR (1964) in Produktion, dem Film der zu diesem Zeitpunkt schon ganze drei Jahre in der Schublade lag und bisher nicht realisiert werden konnte. Da sich die Geschichte in und um den Tower von London abspielt, wollte man unbedingt an Originalschauplätzen drehen, da es den Produzenten, speziell Horst Wendlandt, nicht möglich war, dies mit Bauten im Studio umzusetzen. Da es jedoch schwierig war, als deutsche Produktionsfirma eine Drehgenehmigung in London zu bekommen, wurde das Projekt immer wieder verschoben, bis man im Frühjahr 1964 die beiden Produzenten E.M. Smedley und Ted Lloyd ins Boot holen konnte, die Wendlandt und Preben Philipsen bei der Jubiläumsfeier der Edgar-Wallace-Gesellschaft trafen. Schnell einigte man sich auf eine Ko-Produktion der deutschen Rialto-Film und der britischen Summit-Film und die Produktion von DAS VERRÄTERTOR (1964) konnte beginnen. Das Endergebnis unterscheidet sich dabei nicht nur gravierend von der Originalgeschichte des britischen Schriftstellers, sondern distanziert sich auch generell von der deutschen Krimi-Romantik der 1960er Jahre.

Handlung:
Der wohlhabende Londoner Geschäftsmann Trayne (Albert Lieven) plant ein spektakuläres Verbrechen. Gemeinsam mit seinen Komplizen will er die berühmten Kronjuwelen aus dem Tower stehlen, ein minutiös geplanter Raub, den es in dieser Form bisher noch nie gegeben hat. Um den Plan in die Tat umzusetzen, rekrutiert Trayne den Sträfling Graham (Gary Raymond), der dem Tower-Wächter Dick Lee-Carnaby (Gary Raymond) zum Verwechseln ähnlich sieht und an den er durch unbedarfte Sekretärin Hope (Catherine Shell) herankommt. Alles läuft nach Plan, doch Trayne hat die Rechnung ohne seine gierige Partnerin Dinah (Margot Trooger) und den trotteligen Touristen Hector (Eddi Arent) gemacht, der den Verbrechern durch Zufall auf die Schliche kommt.

DAS VERRÄTERTOR (1964) wurde von Wallace-Fans seit jeher verschmäht. Auch bei diesem Film kann ich mich beim besten Willen an keine einzige TV-Ausstrahlung erinnern. Die deutsch-britische Ko-Produktion hinkte den bekannten Krimis der deutschen Kinoreihe immer ein wenig hinterher, auch wenn sie auf einem Originalroman von Edgar Wallace basiert und von den etablierten Machern hergestellt wurde. Das mag viele Gründe haben, vor allem aber dramaturgische, denn dem Gangsterkrimi fehlen so ziemlich alle gewohnten Elemente, die einen Streifen der florierenden Wallace-Maschinerie eigentlich ausmachen.

Der erste Drehbuchentwurf wurde bereits im Jahr 1961 geschrieben, da man zu dieser Zeit ein gutes Geschäft mit dem Film DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN (1961) gemacht hatte, der ebenfalls als Ko-Produktion zwischen der Rialto-Film und einem britischen Unternehmen entstand. Dieser Entwurf stammte von Hanns Wiedmann (aka Johannes Kai), der vom NARZISSEN-Co-Autor Basil Dawson ins Englische übersetzt wurde. Später nahm sich nochmal Harald G. Petersson das Skript vor, dessen Version mit dem Titel DER LEUCHTENDE SCHLÜSSEL wurde allerdings verworfen und als man endgültig britische Produktionspartner gefunden hatte, holte man das von Dawson übersetzte Skript von Wiedmann aus der Schublade und reichte es an niemand geringeren als Jimmy Sangster, der damals Haus- und Hofautor der Hammer Film Productions war. Unter dem Pseudonym John Sanson schrieb er die endgültige Fassung des Drehbuchs.

DAS VERRÄTERTOR unterscheidet sich erheblich vom bisherigen Output der Wallace-Reihe, geht es hier mitnichten um eine Mordserie oder einen skurril maskierten Verbrecher, sondern um einen geplanten Raubüberfall auf den Tower von London. Somit ist der 18. Edgar-Wallace-Film ein klassischer Heist-Film, ganz in der Tradition des damals populären FRANKIE UND SEINE SPIEßGESELLEN (1960) und Jules Dassins TOPKAPI (1964). So kommt der Film gänzlich ohne Geisterbahn-Hokuspokus und das sonst unverzichtbare Whodunit-Element aus, denn hier wird kein Unbekannter entlarvt oder ein Geheimnis gelüftet, die Marschrichtung ist von Beginn an klar. Das sorgt rein narrativ für eine willkommene Abwechslung innerhalb der Serie, die, meines Erachtens, auch dringend nötig war, da man sich in der Vergangenheit oft wiederholte, was sicherlich dem Publikumsanspruch geschuldet war. Allerdings ist auch hier nicht alles Gold was glänzt, denn DAS VERRÄTERTOR hat auch einige Probleme, die das eigentlich knackige Vergnügen zwischendurch auch etwas beschwerlich machen. So verschleppt sich der Film nach der Hälfte etwas und fokussiert sich zu sehr auf die Beziehung des Tower-Wächters Dick und dessen Freundin Hope. Da rückt das sinistere Treiben des Geschäftsmannes Trayne schon fast in den Hintergrund. Auch die Tatsache, dass die Beamten von Scotland Yard hier nur eine unwichtige Nebenrolle spielen, stößt mir als Krimi-Fan etwas sauer auf, da es zuletzt Zufälle und die nervige Figur des deutschen Touristen sind, durch deren Zutun sich alles zum Guten wendet. Dafür punktet das Ganze aber mit einem turbulenten Finale, welches schon fast an die damals populären James-Bond-Filme erinnert.

Die Geschichte des Wallace-Romans aus dem Jahr 1927 wurde selbstredend dermaßen verändert, dass sie nur noch wenig mit der originalen Erzählung gemein hat.

Den Posten des Regisseurs übernahm Freddie Francis, der in dieser Position nicht nur regelmäßig für Hammer tätig war, sondern als Kameramann für den Film SÖHNE UND LIEBHABER (1960) bereist mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Inszenatorisch wirkt DAS VERRÄTERTOR auch westlich britischer, als es die deutschen Beiträge je sein konnten. So ist besonders die Inszenierung des Raubes äußerst gelungen und sorgt mit seiner Stille für ein gesundes Maß an Spannung. Auch die Sets sind über jeden Zweifel erhaben und geben der Geschichte eine gewisse Seriosität. Nicht auszudenken wie der Film ausgesehen hätte, hätte man die entsprechenden Szenen im Berliner CCC-Studio abgedreht und wieder Hamburg als Fake-London verwendet. Allerdings erlaubt sich auch ein versierter Handwerker wie Francis den ein oder anderen Schnitzer. So muss der geneigte Zuschauer hier und da Anschlussfehler hinnehmen und auch die Sache mit dem Teleskop, welches erstaunlicher Weise um die Ecke gucken kann, wirkt zugegeben recht bescheuert.

Das größte Manko des Films, ist vermutlich die Tatsache, dass man sich hier fast ausschließlich auf das Treiben der Verbrecher fokussiert. Ist die Symbiose zwischen Protagonisten und Antagonisten stets der treibende Motor der Wallace-Krimis fällt die ermittelnde Obrigkeit in dieser Geschichte nahezu gänzlich weg und muss sich mit einer Statistenrolle begnügen. So geht die Dynamik auf halber Strecke flöten und die eigentlich vorhandene Spannung kann nur bedingt gehalten werden, vor allem da die Schurken auch keine Sympathie hervorrufen. Als heimlichen Held des Films wollte man augenscheinlich Wallace-Urgestein Eddi Arent inszenieren, der hier als tollpatschiger Tourist zu sehen ist, der durch Zufall den Räubern in die Quere kommt. Zwar gehörte Arent zum Stammpersonal und gerade seine Auftritte geben den Filmen meist das nötige Etwas, hier wirkt der deutsche Komiker allerdings absolut deplatziert und bringt sogar einen nicht zu unterschlagenden Nerv-Faktor mit. Ein Zugeständnis, dass man seitens Summit Films wohl machen musste, bestand Wendlandt doch bei sämtlichen Ko-Produktionen innerhalb der Reihe auf bekannte deutsche Gesichter, um die Filme entsprechend in Deutschland vermarkten zu können.

Die restliche Besetzung ist allerdings deutlich besser aufgelegt als Ulknudel Arent. Mit den deutschen Schauspielern Albert Lieven, der bereits in DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN zu sehen war, sowie “Mrs. Hexer” Margot Trooger hat man ausgezeichnete Antagonisten gefunden, die ihre Rollen perfekt meistern. Als Zugabe ist natürlich auch Klaus Kinski als Killer mit von der Partie, der daumenlutschend für den nötigen Creep-Faktor sorgt und im Finale in bester Bond-Manier sogar ein Schiff hijacken darf. Das verbleibende Personal besteht derweil aus britischen Schauspielern. Hervorzuheben sind hier die unerhört schöne Catherine Shell, die ein paar Jahre später im Bond-Klassiker IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT (1969) zu sehen war. Etwas blass bleibt allerdings Gary Raymond, der wenig charismatisch in einer Doppelrolle zu sehen ist. Da ihn diese Aufgabe dermaßen strapazierte, wurde er in einigen Szenen von seinem Bruder, einem Londoner Metzger gedoubelt. Ursprünglich waren sowohl Joachim Fuchsberger, als auch Karin Dor, Hans Clarin, Siegfried Schürenberg und Elisabeth Flickenschildt vorgesehen.

Die Dreharbeiten begannen am 18. August 1964 und dauerten bis zum 21. September. Die Innenaufnahmen machte man in den Twickenham-Studios nahe London, die Außenaufnahmen fanden an Originalschauplätzen in und um die britische Metropole statt. Neben Produktionsleiter Wolfgang Kühnlenz war lediglich Komponist Peter Thomas von bisherigen Stamm-Stab übrig, der den Film mit einem smoothen und äußerst eingängigen Score veredelte. Am 18. Dezember 1964 startete DAS VERRÄTERTOR in den deutschen Kinos und erntete durchwachsene Kritiken. Auch die Fans waren dem Film gegenüber eher verhalten, da das typische Whodunit-Element fehlt und der Krimi somit eher atypisch für das Publikum war. Die Mundpropaganda tat ihr übriges und mit knapp 1,5 Millionen Zuschauern fiel das finanzielle Einspiel gemessen an den sonstigen Verhältnissen eher mau aus, vor allem, da man keinen zugkräftigen Star im Cast hatte, der die Massen anlockte.

Die FSK gab den Film ab 12 Jahren frei, nachdem zwei Szenen gekürzt wurden. Mittlerweile ist auch die Originalfassung ab 12 Jahren freigegeben. Der Misserfolg veranlasste Wendlandt beim nächsten Wallace-Film wieder auf bewerte Muster zu setzen und zum ersten und einzigen Mal innerhalb der Reihe eine echte Fortsetzung zu produzieren. Was dabei herausgekommen ist, erfahrt ihr beim nächsten Mal.

Fazit:
Rififi an der Themse. DAS VERRÄTERTOR (1964) ist ein wahrlich untypischer Edgar-Wallace-Film, verzichtete man zu Gunsten einer klassischen Räubergeschichte auf die erprobten Zutaten. Dies merkt man dem Film stellenweise an, auch der bemühte Humor und die nicht immer schnörkellose Story stören das Sehvergnügen. Dafür bringt der Krimi eine wohlige Abwechslung und ein London, welches dieses Mal nicht aus der Konserve stammt. Sicher kein Meisterwerk aber durchaus eine Wiederentdeckung wert!

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