Nun wird es doch etwas außergewöhnlich. Wer ein Freund alter Sportwagen ist, darf hier den unbedarften Umgang mit zwei Schätzen der italienischer Automobilgeschichte bewundern, zwei stilvollen Raritäten, die in diesem Film quasi noch Neuwagen sind. Dazu gesellt sich noch eine Reihe weiterer, bemerkenswerter Fahrzeuge, die im warmen Licht von Miami zu entdecken sind…der Streifen ist ein Potpourri an Autos, dass sich der Carspotter die Augen reibt. Doch Autos reichen noch nicht für einen Film, eine Besetzung und eine Story muss auch noch her und so treten hier Donald Sutherland und Jennifer O´Neill in der Hitze des Südens auf und sind dabei kalt wie Eis. CARGO RECORDS brachte den angenehm irritierenden Krimi auf DVD heraus.

Originaltitel: Lady Ice

Regie: Tom Gries

Darsteller: Donald Sutherland, Jennifer O´Neill, Robert Duvall, Patrick Magee

Artikel von Kai Kinnert und Manuel Hinrichs

Versicherungsdetektiv Andy Hammond (Donald Sutherland) und die Polizei jagen im mondänen Milieu von Miami Beach und Nassau skrupellose Diamantenhändler, die von einer jungen attraktiven Frau – genannt Lady Ice (Jennifer O´Neill) – angeführt werden. Als sich Andy in diese „Diamantenlady“ verliebt und plötzliche die Juwelen verschwunden sind, ist das Chaos perfekt.

Kai:

Werter Leser, dies ist eine zweiteilige Filmkritik und daher halte ich meinen Wortanteil zu diesem Streifen kurz und übersichtlich. Mir hatte der Film gefallen. Sutherland und O´Neill spielen irritierend, sie sind Soziopathen auf Metaebene, lächelnd und eiskalt. Wer Fan von Donald Sutherland ist, sollte hier einen Blick wagen, der Mann spielt ohne zu Blinzeln. Doch nicht nur das macht den Film für den geneigten Filmfreund sehenswert, auch die Ausstattung ist außergewöhnlich. Genauer: Die stilvollen Fahrzeuge, die in diesem Film so unbedarft in Szene gesetzt worden sind. Und deswegen übergebe ich jetzt das Wort an Manuel Hinrichs, einem Fachmann in der Historie von Automobilen und einem Freund des analogen Kinos der 1970er: Herr Hinrichs, Sie sind recht unvorbereitet mit diesem Streifen konfrontiert worden, wie wirkte sich das auf Ihren Filmabend aus?

Manuel:

Danke der Nachfrage, Herr Kinnert. Tatsächlich fungierte Diamantenlady durchaus als Türöffner, denn mir wurde erneut bewusst, wie sehr unsere Städte inzwischen von profanem und zum Kotzen langweiligem „Style“ erstickt werden. So trage ich inzwischen nicht nur Koteletten, sondern verspürte nach viermaligem Sehen von Diamantenlady auch ein gesteigertes Bedürfnis nach mehr Stil, z.B. in Gestalt eines Bristol 411 oder eines Jensen Interceptor. Genau. Fahrzeuge, deren Stil man nicht zerstören kann, indem man sich reinsetzt. Solltet ihr nun wissen wollen, wo er denn ist, der Unterschied zwischen „Style“ und Stil, dann kann der Film Diamantenlady euch ein paar Hinweise liefern.

Vom französisch/italienischen Politkino sozialisiert, muss ich leider anmerken, dass ich Diamantenlady damals weder bewusst im TV, noch auf den später verfügbaren Endverbraucher-Videosystemen der ausgehenden 1970er und beginnenden 1980er Jahre (BetaMax, Video 2000 oder VHS) gesehen habe. Dabei hätte sich eine nähere Betrachtung durchaus gelohnt, sowohl für Filmfreunde, als auch für Freunde mobiler technischer Skulpturen. Zwar wurde/wird Diamantenlady als eine Art Thrillerkomödie promoted, ist aber weder ein Thriller, noch eine Komödie. Es ist eher so, dass ich hier ein kleines subversives Meisterwerk erkenne. Und dieser Eindruck ist ganz deutlich das Verdienst der beiden Hauptdarsteller.

Allen voran Jennifer O’Neill, die ihre Rolle Paula Booth tough genug anlegt, um souverän über Allem zu schweben. Mit einer Persönlichkeit, nicht weit entfernt von einer funktionalen Soziopathin ausgestattet, agiert sie cool und professionell genug, um in einer rollenden operativen Basis, während der Fahrt und in Gegenwart halbseidener Händler und Mittäter, professionell das Gewicht von (in den Nahaufnahmen echten) Diamanten im Birnenschliff zu errechnen und um den Preis zu feilschen. Interessant ist aber, dass Paula durch Jennifer O’Neills Spiel immer ein wenig „jenseits“ wirkt. Wobei „jenseits“ nicht „overacted“ meint, sondern ein Spiel, in dem sie alleine zu spielen scheint. Unabhängig davon, wer gerade mit ihr im Raum steht. Oder auf der Straße.

Oder auf dem Planeten.

So ist es exakt diese Irritation, welche dem geneigten Filmzuschauer zunächst etwas Glitter, kurz danach aber eine Extraportion Fuck you in das noch erstaunte Gesicht krümelt. Es gibt hier also etwas kaum Greifbares, was durch den Film wabert. Zeitgleich betreibt ihr Vater Mr. Booth (Patrick Magee) ein offenbar recht erfolgreiches European Exotic Car Dealership. Zusammen mit diversen anderen Firmen und Anwaltskanzleien residiert sein Booth’s Auto Imports immerhin in einem mehrstöckigen Verwaltungsgebäude, samt betriebseigener Reparaturwerkstatt schräg über die Straße. Läuft also für ihn? Ja und Nein, denn neben ein paar leichten Verwerfungen mit einem übermotivierten Schwiegersohn in spe, erwachsen auch ein paar Probleme mit einem mysteriösen „Syndikat“. Hier nicht den Überblick zu verlieren, ist Aufgabe eines der besten Schauspieler seiner Generation: Donald Sutherland. Unfassbarerweise zwischen Klute (1971) und Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973) gedreht, liefert er erneut sein routiniertes Best of an Gesichtern, immer knapp am fiesen Arschloch vorbei. Auch dank einer teilweise suggestiven Lichtsetzung, schaut er vereinzelt genauso diabolisch, als wäre man schon mitten in dem Film Die Körperfresser kommen (1978).

Da Mr. Sutherland in Diamantenlady dieses Mal jedoch den ehrbaren Versicherungsdetektiv Andy Hammond spielt, welcher ein kleines Hausboot irgendwo in den Lagunen der Outskirts von Miami Beach bewohnt, wäre ein Übermaß an Bedrohlichkeit aber zu kontraproduktiv.

Zu diesem Zeitpunkt weitestgehend noch nicht gentrifiziert, wohnt er in einer Gegend von der wir wissen, dass sich dort bis zu den Dreharbeiten von Miami Vice (1984) preislich noch einiges verändern wird und später dort nur Drogendealer und sonstiges Kroppzeugs wohnen werden. Andy wird sich diese Location auf absehbare Zeit jedenfalls nicht mehr leisten können. Das ist insofern interessant, weil er hier irgendeine hübsche Rolex Submariner o.ä. trägt. Er ist den schönen Dingen des Lebens also nicht allzu abgeneigt und könnte somit in ständiger Gefahr sein, seinen mehr oder minder teuren Leidenschaften nachzugehen.

Für eine größere Überzeugungskraft trägt Andy dann auch das fast schon unvermeidliche Männerspielzeug der 1970er US-Krimiwelt mit sich herum: Einen Smith&Wesson M49 Bodyguard Revolver mit 2 Zoll Barrel und verdecktem Hahn für verdecktes Tragen. So ist es unerwartet erfrischend, wie Diamantenlady diese toxische, oft als eine Art „Coolness“ missverstandene Männlichkeit der 1970er Jahre konterkariert.

Von einem Tauchausflug zurückkommend, wird Andy zu Hause von seinen wenig freundlichen persönlichen Betreuern aus Miami Beachs Unterwelt überrascht. Glücklicherweise schaut Paula kurz vorbei und unser Unglücksrabe entgeht so seiner weiteren Tortur. Was für entspannte Zeiten, in denen so ein Hausbesuch noch nicht unbedingt in einem Massenmord enden musste. Dennoch wird Andy anschließend minutenlang schmerzgeplagt durch den Wohnbereich kriechen, während er bemüht ist, seine Hoden in eine weniger schmerzhafte Ordnung zu bringen. Und all das während des Versuches, das AT&T Standard Wählscheiben-Telephon zu bedienen.

Und der Revolver? Offenbar dient er Andy nicht zur Selbstverteidigung, sondern nur für die üblichen Drohgebärden. Er lag wohl irgendwo in der Schublade. Für einen Film der beginnenden 1970er Jahre ist das durchaus denkwürdig.

Apropos „Denkwürdig“. Paula wird im Verlaufe des Filmes unseren mit unerschütterlichem Ego dasitzenden Andy überraschen, indem sie ihm spontan das Symbol seiner Männlichkeit, eben diesen Revolver, aus dem Schulterholster zieht. Die Überraschung im Gesicht von Mr. Sutherland wirkt echt, ebenso wie sein holpriger Versuch zu erklären, warum eine coole Socke wie er denn überhaupt einen Revolver braucht. Der überraschte Blick wird also von wenig coolem Gestammel begleitet. Den kurz darauf zurückeroberten Revolver versucht er jedenfalls irgendwie unbeholfen zurück in das Schulterholster zu schieben. Ja, er muss sogar hinschauen, ob er den Revolver richtig ins Futter geschoben hat.. hätte es ein Profi nicht blind hinbekommen?

Es sei der Fantasie des Zusehers überlassen, ob wir in diesem Moment der Handhabung Andy, oder doch ein unvorbereiteten Donald Sutherland sahen. Aber was auch immer es war: In dieser Szene demontiert Diamantenlady subversiv seine eigene Ära. Sogar die deutsche Synchronisation hilft dankenswerter Weise mit und vermeidet glücklicherweise jene sonst so üblichen und selten dümmlichen 1970er Machosprüche. Hier ist nichts mit „Hey, meine Kleine“, Hey, Süße“, „Hey, Baby“ und sonstigem Synchro-Bullshit, der die Filme dieser Zeit sonst nur allzu gerne, und über Gebühr schnell, altern lässt. Chapeau.

Der Film entfaltet seine Wirkung durch gut aufgelegte Protagonisten, den Schnitt, die Storyideen, die mitunter durchaus moderne Bildgestaltung, samt einiger interessanter Kameraeinstellungen und ist dadurch immer noch „up to date“.. fast hätte ich „zeitlos“ geschrieben. Aber das ist er dann doch nicht. Als unbedarfter Zuschauer meint man hier aber mitunter, einen Ausblick auf die filmische Moderne erkennen zu können. So ist Diamantenlady überraschend gut gealtert und zumindest teilweise aufwendig gefilmt, eine Art „Hybrid“ in der Filmwelt. Noch dazu haben wir es hier doch glatt mit einer Story zu tun, die zu keinem Zeitpunkt langweilig wird.. ja, die Filmlaufzeit scheint geradezu zu verfliegen, ein Indiz für eine straffe Inszenierung. Aber natürlich bleibt auch Diamantenlady ein typisch unperfektes Gewächs seiner Zeit: So sind die Wünsche nach mehr Dramatik (wahrscheinlich von einem zum Brunch dazu gestoßenen Produzenten) ein wiederkehrendes Merkmal von Filmen der 1970er Jahre.

In diesem konkreten Fall ist es eine zusätzliche Tonspur quietschender Reifen auf einem nicht-quietschenden Untergrund. Nur kann man sich bei einem getrickstem Ton auch mal verirren.

Denn so gut die Türfallen und -schlösser eines Maserati Ghibli Spider auch gewesen sein mögen: Auch sie fallen nicht lautlos ins Türschloss. Hier war sowohl das Schließgeräusch der Tür, als auch der kurz darauf eigentlich hörbare Startvorgang des Maserati V8 Motors wohl unter den Ton-Schneidetisch gerutscht. Angesichts dessen, was der Film an sonstigen Schauwerten bietet, wäre dieses jedoch „Jammern auf hohem Niveau“. Denn eines ist klar: Auch, wenn man sich nicht mit Automobilen beschäftigt, haut der Film so richtig in die Vollen.

Und zwar wörtlich: Wenn man zum Beispiel erst einmal verstanden hat, dass in den 1960er/1970er Jahren, aufgrund mehrerer Streikwellen in der italienischen Automobilindustrie, billigster russischer Stahl benutzt wurde, der schon bei der Anlieferung in Italien Rostfraß hatte. Und dann begreift, dass es exakt dieser minderwertige Stahl war, der von vollkommen unterbezahlten und ausgebeuteten Arbeitern mit geradezu fahrlässig gesetzten Schweißpunkten in eine Maserati Ghibli Spider Karosserie verwandelt werden musste. Und all das geschieht in einer immer(!) knapp am Konkurs vorbeischrammenden Firma wie der Officine Maserati, die im Jahre 1968 aus genau diesem Grunde an die Firma Citroën verkauft wurde, dann ahnt man, was die Stunde geschlagen hat. „Die Qualität stand unter keinem guten Stern“ wäre wohl die Überschrift für dieses Unterfangen.

Der spätere Designer des VW Golf 1 und der Nikon F3, Giorgetto Giugiaro, hatte mit dem Ghibli ein brutal schönes Coupe mit gekonnt gesetzten Lichtkanten gezeichnet. Schön und vergleichsweise fahr-stabil. Good Job also.

Aber das kleine Modenesener Unternehmen Maseratihatte auf Druck der US-Amerikanischen Händler reagiert und Giugiaro erneut an den Zeichentisch geholt. Dieser entwarf mit einem einzigen perfekt gesetzten Strich ein wohl proportioniertes Cabriolet. Aus einem echten Gran Turismo wurde so ein Café-Cruiser für die Sonnenseiten des Lebens, perfekt für transkontinentale Highways. Leider wurde der nun Maserati Ghibli Spider genannte Wagen wegen der am Chassis notwendigen zusätzlichen Verstärkungen im Vergleich recht schwer, ohne dass es jedoch die Stabilität des Fahrgestells nennenswert verbessert hätte. Im Film sieht man diese Schwerfälligkeit in den Kurvenfahrten, insbesondere im direkten Vergleich zur Ferrari 365GTB/4 Daytona Berlinetta.

In nahezu jeder etwas zu schnell gefahrenen Kurve wird hier mit dem hohen Gewicht und dem viel zu „weichen“ Chassis gekämpft. Wegen deutlich sichtbarem Untersteuern muss das Fahrzeug vereinzelt geradezu mit einem gezielten Gasstoß in die gewünschte Richtung „gezwungen“ werden.

All diese Informationen hatte ich im Hinterkopf als eben einer jener ultraseltenen Maserati Ghibli Spider bei Timecode 0:45:13 in eine fahrdynamische Extremsituation gezwungen wurde und es darf getrost bezweifelt werden, ob die strukturelle Integrität des Wagens unbeschädigt geblieben ist.

Ich lege mich mal fest: Sollte das Fahrzeug noch existieren und wider Erwarten noch nicht in den Genuss einer „Body-Off“ Vollrestauration gekommen sein, sei dem aktuellen Besitzer dringendst eine Vermessung des Fahrzeuges angeraten.

Warum ist all das nun wichtig? Nun, weil man sich aus heutiger Sicht durchaus die Frage stellen kann, warum in einem Film mit offensichtlich begrenztem Budget, ein so seltenes Fahrzeug an seine Belastungsgrenze gebracht wurde und keine Chevrolet Corvette vom Fließband?

Tja, es war wohl damals einfach noch nicht absehbar, dass der Maserati Ghibli Spider nach seinem eigenen „Tal der Tränen“ in den 1980er Jahren zu einem begehrten Kunstwerk heranreifen und dementsprechend gehandelt werden würde. Er war seinerzeit nur ein weiterer europäischer Exot. Selbst seine Gesamtstückzahl von nur 128 Exemplaren von 1969 bis 1972, davon 40 Exemplare in der US-Version ‘4700’ und 35 Exemplare in der US-Version ‘4900SS’, bewahrten ihn nicht davor, „verbraucht“ zu werden. Aber ich schweife schon wieder ab.

Denn da ist ja noch der merkwürdige Unfall mit der US-Version einer roten Ferrari 365GTB/4 Daytona Berlinetta (hier in einem extrem stilsicheren Auftritt durch seine mit Bremsstaub belegten Campagnolo Aluräder zu sehen). Durch einen kleinen Schnittfehler (beim ersten Mal schauen fiel es mir nicht einmal auf) kann man bei Timecode 0:13:25 ca. eine Filmminute in die Zukunft des Ferrari Daytona schauen. Einer Zukunft, die dann ungefähr ab Timecode 0:14:25 ihre Erfüllung findet. Erster Impuls, wenn man den Vorfall dann sieht? Das kann so nicht beabsichtigt gewesen sein. Ob der damalige Besitzer wohl wusste, was dem Wagen so zustoßen kann?

Heute nahezu undenkbar, wurde es damals einfach gemacht. Scheiß auf die Deckungssumme der Versicherung. Ach was.. Scheiß auf die Versicherung. Auch dazu später mehr. Und ja, natürlich war damals auch der Ferrari 365GTB/4 Daytona von einer Massenproduktion weit entfernt: Von 1968 bis 1974 wurden nur 1290 Stück gebaut, davon 357 Exemplare in 1972 und 225 Exemplare in 1973.

Und dennoch scheint es damals so gewesen zu sein, dass der US-Generalimporteur für Ferrari, Luigi Chinetti, wohl noch eine Ersatz-Windschutzscheibe für den Film-Daytona liegen hatte (als Indiz sei hier die Position des runden Aufklebers und die Aufkleberreste im Sichtfeld von Jennifer O’Neill in Verbindung mit der Schnittdramaturgie der Story genannt).

Aber was die Dramaturgie im Filmschnitt angeht, waren wir ja schon immer hart im Nehmen. Oder hat es uns wirklich jemals gestört, dass wir es in Bullit (1968) mit dem hartnäckigsten VW Käfer aller Zeiten zu tun hatten? Na eben.In dieser Ära waren eben nicht nur die Stars cool, wenn sie in ihre zahlreichen und manchmal geradezu aussichtslos anmutenden Konflikte gerieten (und je hoffnungsloser diese waren, desto besser). Nein, man sah die Verfolgungsfahrt von Lieutenant Frank Bullit (Steve McQueen) im Ford Mustang GT390 und ignorierte, dass man währenddessen das Motorengeräusch eines 289cbi Ford GT40 hörte. Man litt gleichermaßen mit Kowalski (Barry Newmann), wie auch mit seinem an einem Bulldozer zerschellenden Dodge Challenger R/T in Fluchtpunkt San Francisco (1971) oder schob Panik, wenn David Mann (Dennis Weaver) am Steuer seines absolut unterlegenen Plymouth Valiant von einem 1955er Peterbilt 281 Truck (und einem 1964er Peterbilt 351😉 terrorisiert wird (Duell, 1971).

Wegen überschaubarer Storylines kamen all diese Filme sehr schnell auf den Punkt, kein CGI-Augenfutter, welches hier vom Wesentlichen ablenken könnte. So wurden die Filme dieser Ära und ihre Ausstattungen auch deshalb zu Ikonen ihrer Zeit weil sie immer auch nachvollziehbare Prämissen hatten, der „Was wäre, wenn es mir passiert?“-Effekt. Diamantenlady bedient hier jedoch eine etwas andere Klaviatur. Gegen das „shiny and glossy“ Miami Beach kann der sonst so übliche Nihilismus der 1970er Jahre nur partiell durchscheinen. Und immer wenn er in den Vordergrund zu treten droht, wird er von einem schmissigen ’70s Score glaubhaft aufgefangen.

Es gibt sogar eine irgendwie irritierende Tauchsequenz, in welcher Jennifer O’Neill und Donald Sutherland die von Plastikmüll und gesunkenen Kleinst-U-Booten kolumbianischer Drogenkartelle noch weitestgehend verschont gebliebene Unterwasserwelt der Keys in Augenschein nehmen.

So sind die Figuren in Diamantenlady in ihren Konflikten, gemäß des herrschenden Zeitgeistes, von eher nüchterner Persönlichkeit und definitiv keine Helden. Demzufolge gibt es hier auch keine sinnentleerte Geschwätzigkeit und keine penetranten Selbstdarsteller, kein „Gezwitscher“, keine „Instagramability“. Vielleicht fallen hier menschliche Begegnungen auch deshalb immer etwas irritierender aus als erwartet, weil das unnütze (Story-) Füllmaterial einfach noch fehlt. Hier musste eben noch niemand mit Planeten zerstörenden Superhelden bei der Stange gehalten werden, hier explodiert nicht jedes zweite Bild in einem Feuerball, hier bekommen wir keine erzkonservativen Gesellschaftswerte in Form eines Superhelden-Unterhaltungsfilmes serviert. Ganz im Gegenteil. Weil die Dialoge weit weniger gefällig oder harmonisch sind, als es die lichtdurchflutete Umgebung erwarten lassen würde, wird der reine Unterhaltungsaspekt genüsslich untergraben, indem man sich belauert, wie Raubtiere es tun würden. Ohne einen erkennbar platzierten Sympathieträger bringt der Film aber dennoch das Kunststück fertig, Interesse an den Protagonisten hervorzurufen.

Die Leading Female Role Paula Booth ist hier dann auch viel mehr, als nur Stichwortgeberin für ihre männlichen Pendants. Diese undankbarste aller Rollen übernimmt hier dankenswerterweise Robert Duvall.Er leiht Mr. Ford, dem undurchsichtigen Chef Andy Hammonds, sein Gesicht.

Frei von unnötigem Geschlechter-Balast, handelt Paula dann auch ähnlich selbstverständlich, selbstbestimmt und entschlossen, wie es ein paar Jahre später auch Ellen Ripley im Kampf gegen das Alien (1979) tun wird.

Dagegen bietet das heutige Mainstream-“Märchen“-Kino leider hauptsächlich Karikaturen von Frauen.. nein, von Mädchen, die ihren Prinzen suchen. Denn alleine ist man ja nicht komplett.

Und so suchen, kämpfen und fliegen sie grundsätzlich immer in einem, aus einem S/M-Studio entstammenden und natürlich hautengen Latexanzug mit irgendeinem Logo darauf.

Selbst Weltenretterinnen degradieren sich so zu „verfügbarem Augenfutter“, zu einem Schlag in die Fresse eines jeden denkenden Menschen. Auf dass die semi-pubertierenden und sedierten Konsumenten auch am Ball.. höhö.. bleiben und sich ja kein tiefer gehender Inhalt einschleicht.

Natürlich war früher nicht alles besser, aber spätestens an dieser Stelle wird wieder deutlich, wie viel weiter unsere Gesellschaften vor 50(!) Jahren schon einmal waren.

Für einen ungetrübten Filmgenuss von Diamantenlady empfehle ich deshalb auch das Tragen eines viel zu engen Polyester-Anzuges und das Hochdrehen des Heizungsthermostaten auf den Indikator „Sauna“, während man, je nach Filmsituation, an einem angeranzten Stück Restteppich aus dem Keller, einem halben Liter Castrol R Motorenöl und einem alten Autoreifen schnüffelt.

Und so wirkt es auch extrem angenehm, dass nichts, wirklich gar nichts, nach einem Dreh in einem Filmstudio aussieht. Wir sehen echte Wohnräume in echten Gebäuden, die an echten Straßen oder Wasserstraßen liegen, die aber offenbar allesamt nicht abgesperrt wurden. Es gibt keine Rückprojektionen weil die Fahraufnahmen ebenfalls nicht im Studio, sondern auf öffentlichen Straßen unter Zuhilfenahme der örtlichen Begebenheiten stattfanden.

Zufällig anwesende Passanten waren kein Grund die Dreharbeiten abzubrechen, sondern wurden einfach ein Teil der Atmo. Mag es aus heutiger Sicht auch nahezu unbegreiflich sein, wie wenig Verkehr auf den Hauptstraßen des Großraumes Miami unterwegs war, verschmerzt man aber locker das eine oder andere Traffic-Stuntcar um Traffic zu simulieren.

Für eine Kamerafahrt getrailerte Fahrzeuge sind natürlich nicht gänzlich auszuschließen aber wenn es so war, dann ist es nahezu unsichtbar geschehen. Die Fahrten waren also glaubhaft echte Fahrten. Und der Test des tollen Diamanten im Birnenschliff? Gut, bei der Innenaufnahme der Fahrt im Wohnmobil könnten Teile der Crew außen am Fahrzeug gewackelt haben um eine Fahrt zu simulieren. Aber angesichts des Restes wäre das vernachlässigbar. Denn um Booth’s Auto Imports glaubhaft darzustellen, hat man das Beste besorgt, was in Florida verfügbar war und was man heute getrost unter dem Oberbegriff „Kultautos“ zusammenfassen könnte.

Mehr oder minder „Hawkeye“-geschult, meinte ich nicht nur einen, nicht zwei, nicht drei sondern mindestens vier(!) verschiedene Maserati Ghibli Coupes (metallic-grau, dunkel-braun, weiß, silber) und einen weiteren(!) Ghibli Spider in dunkel-blau zu erkennen. Des weiteren waren zwei Citroën SM (gold und grau), ein DeTomaso Pantera (rot), Porsche 911 Targa (rot) und 911 (orange), Jaguar E-Type V12 Roadster plus Coupe (rot und schwarz), Jaguar XJ, ein paar Bentleys und Rolls-Royce, Triumph Stag, Mercedes-Benz 230SL Pagode zu identifizieren und, man glaubt es kaum, einen weißen Audi 100 der Baureihe C1.

Für die Aufzählung besteht natürlich in soweit die Einschränkung, als dass nicht auszuschließen ist, dass man das eine oder andere Fahrzeug umgeparkt hat und es durch unterschiedliche Lichtsituationen zur Doppelsichtung gekommen sein könnte. Nicht auszuschließen, dass „Silber“ so zu „Metallic-Grau“ werden kann. Ein weiteres Highlight war für mich aber das Fahrzeug der Verfolger „in charge“: Ein metallic „Kermit“-grüner Porsche 911. Um die Mittagszeit herum und unter zufälligen Lichtverhältnissen, wurde der Wagen so lecker in einem U-Turn inszeniert, dass man sich in diesen drei Sekunden auch als bisheriger 911-Ignorant sofort schockverliebt (und als waschechter 911-Ignorant spreche ich hier aus eigener aktueller Erfahrung). Himmel, dieser Porsche 911 war eine echte Schönheit, die in dieser Farbe nirgendwo anders hingehört, als nach Miami Beach. Achtet beim U-Turn mal auf die Lichtreflexionen, welche die Konturen und Kurvenradien perfekt unterstreichen.

Dagegen kann Donald Sutherlands „Starcar“, ein rotes 1966er (oder 67er?) Ford Mustang Convertible, nur verblassen. Nach einer derartigen Aufzählung mobiler Werte (und was mit ihnen passieren kann), dürfte hier aber auch dem unbefangensten Zuschauer klar geworden sein, dass so die Film-Versicherungen nicht mehr lange mitspielen würden.

Als Blaupause für die Gefahren, denen hochpreisige Automobile in Filmen ausgesetzt sein können, dürften dann auch die Dreharbeiten zu Steve McQueens Film Le Mans gelten. Hier crashte seinerzeit ein originaler Porsche 917 (Fahrgestellnummer #917.013) im Streckenabschnitt Arnage/Maison Blanche bei 275km/h während der Produktion von Highspeed-Aufnahmen.

Der für den Film angeheuerte Rennfahrer David Piper überlebte knapp, verlor aber seinen rechten Unterschenkel. Und natürlich gab es nach seinem Unfall Konsequenzen.

Während McQueens Rolle Michael Delaney einen Porsche 917 „Gulf“ (Fahrgestellnummer #917.022/ kürzlich noch im Besitz von Jerry Seinfeld) mit Startnummer „20“ fuhr, wurde dieser für Delaneys persönliche Begegnung mit den Leitplanken ausgetauscht und durch einen ursprünglich gelb lackierten Lola T70 (Fahrgestellnummer #SL76/141) mit Startnummer „11“ ersetzt, dem man einfach eine „Gulf“-farbene Porsche 917 Karosserie mit Startnummer „20“ übergestülpt hatte. Wenn man genau hinschaut, kann man es sehen. Offenbar war man sich also damals schon bewusst, dass diese Fahrzeuge selbst in ihrer aktiven Zeit zu wertvoll waren, um im Dienste eines Filmes verschrottet zu werden. Einen weiteren Porsche 917 wollte man in der laufenden Rennsaison 1970 einfach nicht riskieren. Und heute? Für einen 917 zahlt man je nach Rennhistorie zwischen $ 15.000.000,- und $ 40.000.000,-. Recht günstig, wenn man bedenkt, was ein Van Gogh, Monet, oder ein Rembrandt so kostet. Und mit denen hat man wahrscheinlich etwas weniger Spaß.

Kurioserweise war es nun aber ausgerechnet die hedonistische „It’s all about the money, honey!“-Ära der durchgekoksten 1980er Jahre, die via Rechnungsprüfern, Bankern und Anwälten für ein wenig mehr finanzielle Bodenhaftung bei den Filmproduktionen sorgten, was unmittelbar für inflationär eingesetztes „Blingbling“ sorgte, für mehr „Schein als Sein“.

So fuhr Sonny Crockett (Don Johnson) in der ersten Staffel von Miami Vice (1984) dann auch folgerichtig eine Chevrolet Corvette mit einer schwarzen Ferrari 365GTS/4 Daytona Spider Karosserie aus Fiberglas, bevor man für Staffel 2 (und nach einem außergerichtlichen Vergleich mit Ferrari Automobili SpA) wieder zu einem echten Ferrari Testarossa greifen konnte. Der Film Ferris macht blau (1986) stand dem in nichts nach und so fuhr Matthew Broderick ebenfalls eine Corvette. In diesem Falle jedoch mit einer roten Ferrari 250GT California Spider Karosserie, auch aus Fiberglas. Gut so? Eher ein definitives „Jein“. Einerseits weiß ich natürlich, dass vom originalen 250GT California Spyder nur 54 Exemplare existieren und dass jedes einzelne davon, je nach Vorbesitz und Historie, auf Auktionen aktuell zwischen $ 16.000.000,- und $ 22.000.000,- erreichen dürfte. Und ja, allein das macht es dann wohl zu der richtigen Entscheidung, wenn man ein solches Schätzchen nicht der Gefahr aussetzen wollte, in der Schlucht hinter Buellers Haus versenkt zu werden.

Fahrzeug-Reproduktionen wurden so zu einem Mittel des automobilen Kuturschutzes, natürlich auch, um die explodierenden Kosten zu senken (Versicherungen!). Andererseits sah man sowohl dem roten Bueller-Ferrari, als auch dem schwarzen Miami Vice-Ferrari den Fake immer an und das, obwohl letzterer schon recht gut gebaut war. Aber zur Ehrlichkeit gehört auch, dass diese Fakes dem Kultstatus dieser beiden Beispiele keinen Abbruch taten. Deshalb stellt sich hier durchaus die Frage, ob „Kultfilm“/ „Kultserie“ überhaupt seriöse Kategorien sind?

Leider verlor man so aber eine weitere Möglichkeit, im Publikum Leidenschaft für automobile Kunst zu generieren. Aus diesem Grunde mag es im ersten Moment vielleicht auch etwas anmaßend klingen, wenn man Le Mans und Diamantenlady gegenüberstellt. Aber ihre große Gemeinsamkeit und ihre Faszination besteht tatsächlich darin, daß beide Filme so eben nicht mehr gedreht werden können! Bei beiden Filmen bekommt der geneigte Zuschauer etwas inzwischen (leider) wirklich seltenes geboten: Eine unbefangene Authentizität! Und das ist einfach unschlagbar!

Diamantenlady zeigt stilvolle und ultraseltene Automobile in nicht schneller abgespielten und dennoch dynamischen Fahraufnahmen. Mehr noch: In seiner konsequenten Vermeidung von Studioszenen wirkt Diamantenlady fast schon dokumentarisch.

Wer also einen subversiven Film sehen möchte, der durchaus Spaß macht, zusätzlich auch noch solides Schauspiel bietet und den Zuschauer nicht für dumm verkauft weil man sich echte Mühe in den Details und der Ausstattung gegeben hat, der kommt um Diamantenlady nicht herum.

Noch dazu schmückt dieser Film wirklich jede 1970er Sammlung, jede Donald Sutherland Sammlung und natürlich jede Motor-Collection.

Wie so viele Filme dieser Ära hat auch Diamantenlady alles, was für einen Kultstatus nötig wäre.

Er ist jedoch aus sich heraus stark genug, um die „Kult“-Nebelkerze NICHT nötig zu haben!

Ein Diamant im Birnenschliff gewinnt ja auch nicht unbedingt an Schönheit hinzu, wenn man ihn einfasst. Und da haben wir es: „Stil“ entsteht halt durch „Reduktion“ auf das Wesentliche, während „Style“ durch „Addition“ von Unnötigem entsteht.

Also einfach genießen… wer weiß schon, ob es dieses Maß an Authentizität und Stil in einem Unterhaltungsfilm so jemals wieder geben wird…!

Kai:

Vielen Dank Herr Hinrichs, für Ihre liebevolle und… ausführliche… Betrachtung auf den Film. Aber so ist es eben… in dem Film wabert etwas mit, dass einen irgendwie positiv beschäftigt. Eine flirrende Subversivität, hervorragend getragen durch das losgelöste Schauspiel der beiden Hauptakteure, unterstrichen durch eine lässige Ausstattung und einer knappen Inszenierung.

Diamantenlady ist bestes Kino der 1970er, irgendwie cool und mit spannender Besetzung bei reduziertem Plot.

Das Bild der DVD ist gut, der Ton ebenso.

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