Für den Hochseefischer, Jäger, Katzenzüchter, Schriftsteller und Kriegsreporter Ernest Hemingway gab es nur drei Sportarten: Das Bergsteigen, den Stierkampf und den Motorsport. Alles andere waren für ihn nur Spiele. Als ausgerechnet Regisseur Joseph Kosinski bekannt gab, dass er seinen Film über die moderne Formel 1 nicht nur für den authentischsten Rennsportfilm, sondern gleichzeitig auch noch für den besten Motorsportfilm aller Zeiten hält, ging ein spürbarer Ruck durch die Motorsportgemeinde. Ob aus Skepsis oder aus Vorfreude sei mal dahingestellt. Erfahrungsgemäß läuft nämlich insbesondere das Motorsportgenre ständig Gefahr, von seinen eigenen Machern entweder seiner Seele beraubt, oder gleich vollständig entleibt zu werden. Da wäre es doch mal interessant herauszufinden, ob er auch noch die Zeit gefunden hat, seinen beiden Superlativen etwas Leben einzuhauchen. Der Film ist im Verleih von WARNER BROS. im Heimkino erschienen.

Originaltitel: F1 The Movie
Regie: Joseph Kosinski
Darsteller: Brad Pitt, Damson Idris, Kerry Condon, Javier Bardem, Kim Bodnia, Shea Whigham
Artikel von Manuel Hinrichs
Wie gerade schon angedeutet, ist kaum etwas so schwer, wie einen überzeugenden Motorsportfilm zu stricken. Zu vielfältig sind die Stolpersteine. Während glaubhafte Ausstattungen und Szenarien Unsummen verschlingen können, reichen bereits irritierende Details und Beziehungsgeflechte aus, um die Überzeugungskraft des gesamten Filmes zu gefährden. Weil sich aber bisher hauptsächlich Motorsportjournalisten und Filmkritiker dieses Filmes angenommen haben, bin ich gespannt, ob F1 – Der Film auch einen Petrolhead für rennendes Altmetall überzeugen kann. Und darum geht’s:
Sonny Hayes (Brad Pitt) war in den 1990er Jahren der vielversprechendste Fahrer der Formel 1, bis ein Unfall auf der Rennstrecke fast seine Karriere beendete. Dreißig Jahre später wird er von seinem alten Weggefährten Ruben Cervantes (Javier Bardem), inzwischen Besitzer des APXGP Formel 1-Teams, zur Rückkehr in die Königsklasse überredet, um an der Seite des jungen Heißsporns Joshua Pearce (Damson Idris) um den ersten Weltmeisterschaftspunkt zu fahren.

Na, das fängt ja schon mal gut an. Mit den üblichen Kategorien, ob F1 – Der Film „gut“ oder „schlecht“ ist, werden wir nicht sehr weit kommen, denn dreimal kurz geblinzelt, gedanklich ein paar Wörter ausgetauscht, und schon könnte diese Beschreibung aus dem Konstruktionsbüro für unterhaltene Reißbrettschreinerei auch auf einen weiteren Top Gun–Teil verweisen. Doch damit nicht genug der Gemeinsamkeiten. Denn wie die ihrerzeit vom US-Militär natürlich auch völlig selbstlos und ohne jeglichen Hintergedanken unterstützten Top Gun-Filme, verfolgt selbstverständlich auch F1 – Der Film ein paar Missionen, die über den reinen Unterhaltungswert hinausgehen und bei denen offenbar nichts dem Zufall überlassen werden sollte.
Einen ersten Hinweis auf die F1 – Der Film -Zielsetzungen erhalten wir bei einem kleinen Blick in die Liste der Co-Produzenten. An ihr wird deutlich, dass mit F1 – Der Film eine völlig neue Qualität der Kooperationen erreicht wurde. So gewann man mit Toto Wolff nicht nur den Motorsportchef von Mercedes-Benz, sondern ebenfalls Stefano Domenicali (Ex Ferrari-Formel 1 Teamchef, Ex CEO der Lamborghini S.p.A. und jetzt CEO der gesamten Formel 1), Tim Bampton (Director Communications McLaren), Ian Holmes (Chief Media Rights & Broadcasting Formula 1), der bei der zweiten Vermarktungsstufe eine Rolle spielen sollte und den siebenfachen Formel 1 Weltmeister Lewis Hamilton. Weitere Unterstützung kam von den Formel 1 Teams von Ferrari und Williams. Kein Wunder, dass einige Kritiker sofort den Verdacht äußerten, dass F1 – Der Film ein sehr teurer Werbespot sei. Bei echten zahlenden Sponsoren auf fiktiven Fahrzeugen auch kein Wunder. Dazu später mehr.
Für den Anfang brauchte man erst einmal eine überzeugende Prämisse für die Story. Diese fand Regisseur Joseph Kosinski schließlich in der Formel 1-Rennsaison von 1989, konkret im damals sehr realen Kampf zweier Weltmeisterschaftsanwärter und McLaren Piloten: „The Magic“ Ayrton Senna und „The Professor“ Alain Prost. Ihre Spitznamen verrieten, dass diese beiden Fahrer kaum unterschiedlicher hätten sein können und doch einte sie, dass sie ihre Ziele um jeden Preis erreichen wollen. Sich zum jeweils eigenen Vorteil gegenseitig ins Auto zu fahren und das Risiko eines Komplettausfalls billigend in Kauf zu nehmen, war da zum Leidwesen ihres Teams nur eine ihrer Optionen.
An die Tatsache, dass beide Fahrer desselben Teams nicht nur im Sinne ihres Arbeitgebers fahrende Teamkollegen, sondern zur selben Zeit auch noch gegeneinander fahrende Konkurrenten sind, erinnert F1 – Der Film uns jetzt in einer eigenen Variante, wodurch er sich von nahezu allen anderen ernstzunehmenden Rennfilmen unterscheidet. Man könnte daher kritisch anmerken, dass es F1 – Der Film durch seine Fokussierung an interessanten Interaktionen mit anderen Rennteams fehlen würde, an thematischer Tiefe, aber sehen wir erstmal weiter.
Weil in der Vergangenheit auch Lewis Hamilton in Interviews gerne mal durchblicken ließ, dass seine härtesten Konkurrenten immer im eigenen Team fuhren, ist nicht auszuschließen, dass der immer noch aktive Formel 1-Rennfahrer bei dem Pitch zu F1 – Der Film sofort Feuer und Flamme war und sofort eine größere Rolle im Film übernommen hätte, wenn seine Fahrerversicherung nicht ihr Veto eingelegt hätte. Offenbar war der Versicherung aufgefallen, wer im Zweifel den zweimonatigen Ausfall eines Topfahrers bezahlen müsste, nur weil dieser sich am Espresso im Cateringzelt verbrüht oder sich ausgerechnet an der Fingerkuppe seines Schaltfingers einen Papierschnitt an den Drehbuchseiten zugezogen haben könnte. Was auch immer der Grund war: Die sichtbare Folge dieser Intervention war jedenfalls, dass Hamiltons englische Bulldogge Roscoe nun mehr F1 – Der Film-Screenzeit hat als sein Herrchen. Nachdem der beliebte Vierbeiner Ende September 2025 seinen Platz im Influencer- und Motorsporthimmel einnahm, wurde ihm durch einen eigenen(!) Credit im Abspann nun auch noch ein Platz im Filmhimmel beschert. Good Boy. Da sein Herrchen vor zwei Jahren jedoch die Absage seiner Versicherung verdauen musste, übernahm er stattdessen eine Aufgabe, die man, sowohl als Film-, als auch als Motorsportinteressierter, gar nicht hoch genug würdigen kann. Auch dazu gleich mehr.
Trotz Fürsprache durch die Formel 1- und Mercedes Benz Chefs Domenicali und Wolff brauchte Kosinski ein Jahr, um die oberste Motorsportbehörde FIA, die Fédération Internationale de l’Automobile, von diesem Apple-Projekt zu überzeugen. Wohlgemerkt eine Behörde, die mangels effektiver Kontrollinstanzen während ihres eigenen Spiels die Spielregeln ändert, um einen „passenderen“ Kandidaten auf den eigenen Präsidententhron zu heben. So sehr ich auch wünschte, die Motorsportpolitik außen vor zu lassen, war es niemand geringerer als Mercedes-Benz Rennchef Toto Wolff, der Kosinski mit den Realitäten des Formel 1-Rennbetriebs vertraut machte, woraufhin dieser von der ursprünglichen Idee, extra Filmfahrzeuge zu bauen, schnellstens wieder Abstand nahm. Selbst die Verwendung originaler Formel 1 Wagen wurde verworfen, weil man tatsächlich bis zu dreißig hochqualifizierte Ingenieure benötigen würde, um einen einzigen Formel 1-Wagen rennbereit zu halten. Dass diese Rennbereitschaft dazu auch noch saftige 250.000 Dollar pro Tag und pro Fahrzeug kosten würde, war dieser Entscheidung sicherlich zuträglich. Mit der Anzahl der benötigten Fahrzeuge und der Drehtage multipliziert, hätte man nämlich sehr schnell die Zutaten für einen Finanzierung- und Logistikalbtraum.
Auf Wolffs Anregung kaufte die Produktion deshalb sechs Dallara F2-2018 Formel 2(!) Chassis, die bei einem Film-Renneinsatz weit weniger komplex sein sollten als brandaktuelle Formel 1 Wagen. Und weniger komplex bedeutet in diesem Fall, dass man für die Rennbereitschaft eines Formel 2 Wagens nur zwei hochqualifizierte Ingenieure bei Kosten von „nur“ 30.000, – Dollar pro Tag pro Fahrzeug benötigen würde. Das schuf nicht nur die richtigen Voraussetzungen für das Vorhaben, sondern war eindeutig auch die bessere Entscheidung für die Produktion. Die Zuschauer dürften aber ebenfalls zufrieden sein, weil selbst Formel 2 Wagen inzwischen ebenfalls bis zu 90% der Leistung eines Formel 1 Fahrzeugs abrufen und somit glaubhaft schnell zu inszenieren sind. Und „glaubhaft“ bedeutet in diesem Fall, dass die Filmgeschwindigkeit nicht manipuliert werden muss. An dieser Stelle bereits erheblich involviert, wies Wolff die Mercedes-AMG Rennabteilung an, die sechs Formel 2 Chassis mit Formel 1 Karosserieteilen auszustatten und den Anforderungen des harten Filmbetriebes anzupassen, selbstverständlich mit Stern auf der Karbon-Nase, denn so ganz umsonst war die Werksunterstützung nicht. Red Bull Racing fiel das Mercedes-Engagement natürlich auch auf und befürchtete, im fertigen Film als das „böse“ Team dargestellt zu werden. Bei der vorhin genannten Prämisse des Filmes gab es dahingehend aber keinen Anlass zur Sorge.

Für die Fahraufnahmen benutzte man unterschiedliche Motoren, darunter ein Elektromotor für die Aufnahmen in der Boxengassen, während zwei weitere Wagen eine Fernsteuerung für die Crashsequenzen hatten. Aber wisst ihr was? Nur Technik-Nerds und absolute Hardcore Formel 1-Fans mit Ganzjahres Paddock-Pass dürften die zweieiigen Zwillinge erkannt haben. Der durchschnittliche Zuschauer wird hier keine Unterschiede bemerken. Das ist insofern aller Ehren wert, weil das Sony Kamerasystem Bilder in IMAX-Qualität lieferte und sämtliche Details quasi unter eine Lupe legte.
Die technische Zusammenarbeit mit Apple brachte schließlich Microkameras hervor, welche den Sensor, den Chip und die iOS-Software des iPhone verwendeten und von denen alleine vier Stück im Cockpit und bis zu fünfzehn Stück an den Außenhüllen der Filmwagen Platz fanden. Da sie für das Sammeln von Footage-Material aber auch an den realen Formel 1-Wagen während der echten Rennen Verwendung fanden, hatte Kosinski bis zu fünfunddreißig Kamerapositionen während einer einzigen Action-Szene zu dirigieren!
Und doch bestand die eigentliche Herausforderung darin, dass die Schauspieler vollkommen sicher im Renntempo fahren können sollten, weil wirklich jede einzelne montierte Kamera maßgeblich die Aerodynamik, -heißt: die Fahrbarkeit- der Rennwagen behelligte. Auf dem französischen Circuit Paul Ricard erlernten die beiden Hauptdarsteller Damson Idris und Brad Pitt während eines viermonatigen Grundkurses die notwendige Fahrzeugbeherrschung. Ihre Nacken Muskulaturen fanden dort die idealen Bedingungen vor, um in superschnellen Kurven und beim Bremsen Bekanntschaft mit der fünffachen Erdbeschleunigung zu machen. Berücksichtigt man, dass bei Raketenstarts „nur“ 4G auf die Astronauten wirken, ist das eine ziemliche Ansage. Trotz des intensiven Sicherheitstrainings zeigte sich aber recht schnell, dass von der menschlichen Dichtung zwischen Sitz und Lenkrad das größte Risiko ausgehen würde. Kosinski dürfte jedenfalls der Viewfinder aus der Hand gefallen sein, als seinem Hauptdarsteller bei einer 300km/h Testfahrt die Straße ausgerechnet auf dem von Betonwällen gesäumten Stadtkurs von Las Vegas ausging. Entweder das oder das Talent. Und Idris erging es da nicht sehr viel besser. Dennoch ist das noch kein Grund zur Häme. Gemessen an den Umständen und -verdammt, ein erster Hinweis- dem Alter des Hauptdarstellers, sowie dem psychisch und physisch herausfordernden Fahrens eines modernen Formel-Rennwagens, bleibt es wirklich eine sehr gute Leistung, weswegen sich sein Klarsicht-Helmvisier im Film auch als Geschenk erwies. Die „on track“ Belastungen, die sich auf Pitts Gesicht abzeichneten, waren jedenfalls gut erkennbar… ja, ich meinte sogar, für einen klitzekleinen Moment den Hauch eines Zweifels erkannt zu haben. Schön, Mr. Pitt im Cockpit endlich mal außerhalb seiner Komfortzone zu sehen, mit den Flieh- und Bremskräften kämpfend, ganz ohne eine Chance für zur Schau gestellte „Coolness“.
Was haben wir noch? Positiv hervorzuheben ist, dass Kosinski von Anfang an angetreten war, den Film konventionell zu drehen, d.h. ohne Einsatz von LED-Rückprojektionswänden, Studiokulissen und CGI-Tricksereien, inzwischen durchaus unüblich. Tatsächlich gelang es ihm weitestgehend, auf all diese Hilfsmittel zu verzichten, weswegen die Zuschauer auf den Tribünen auch keine CGI-Menschenmassen oder Statisten waren, sondern echte Zuschauer während echter Rennen. Der echte Gamechanger war jedoch eine Re-Skinning Software, die offenbar zwischen dem Kameraobjektiv und dem Speichermedium arbeitete. Durch sie entstand in den laufenden (echten!) Formel 1-Rennen der Look jener schwarz-goldenen Fahrzeuge des (Film-) APXGP Formel 1-Teams, die im fertigen Film visuell dann im echten Feld mitfuhren und logischerweise auch in echte Kämpfe mit echten Gegnern verwickelt waren. Holy shit, vor dem Kameraobjektiv fährt z.B. ein rotgelbgrünes o.ä. Auto vorbei und auf der Festplatte der Kamera wird ein schwarz-goldenes Auto inklusive seiner Sponsorenlogos gespeichert? Man muss wirklich kein Programmierer sein, um zu begreifen, dass F1 – Der Film eine der ganz wenigen Anwendungen dieses „False Flag“-Horror-Tools zeigt, mit der man keinen Weltkrieg anzetteln könnte.
Mein persönlicher Held des Filmes war deshalb auch ganz analog. Vor allem aber war er nicht zu sehen. Auf Vermittlung von Lewis Hamilton hatte die Produktion den Ex-McLaren Mann Tim Bampton ins Team geholt, wo ihm die Verwaltung der Schnittmenge zwischen der realen und der fiktionalen (Film-) Formel 1-Welt übertragen wurde. Er genoss bei den echten Formel 1-Teamchefs so viel Vertrauen, dass in und an deren echten Formel 1-Wagen die iOS-Microkameras überhaupt installiert werden durften. Er war es auch, der Ferrari-Chef Frédéric Vasseur von der Idee überzeugen konnte, dass es eine gute Idee sei, das übergroße und hektische (Film-) Motorhome in den APXGP-Farben im Fahrerlager direkt neben dem des konzentrations- und ruhebedürftigen Ferrari-Teams aufzustellen. Außerdem erreichte Bampton, dass das (Film-) APXGP Formel 1-Team im laufenden echten Rennbetrieb der Saison 2023 an echten Strecken eine echte Box samt echter Ausstattung bekam. In der Hektik einer Rennserie, die sich als Benchmark versteht, und in welcher bei 20 Fahrern zwischen dem ersten und dem letzten Startplatz durchaus nur 1,5 Sekunden liegen können und es – Erinnerung! – um eine Menge Geld geht, ein ziemliches Entgegenkommen. Und er organisierte, dass während und direkt nach den offiziellen Samstags-Qualifyings in drei bis fünfzehnminütigen Zeitfenstern gedreht werden konnte. Überliefert ist dieses Vorgehen u.a. für den echten Großen Preis von England in Silverstone und für die Großen Preise von Italien in Monza und der USA in Las Vegas, Nevada. Legt man die gewählten Perspektiven aber auf eine Goldwaage, dann muss man leider konstatieren, dass es nicht immer vollständig gelang, diese etwas „ruhigeren“ und eigentlich rennfreien Zeitfenster auch in der Tiefe des Handlungsraumes so wirken zu lassen, als ob Rennbetrieb wäre. Wie dem auch sei: Bis zum 2023er Streik der Schauspielergewerkschaft, der SAG-AFTRA / Screen Actors Guild – American Federation of Television and Radio Artists schaffte man 38 Drehtage. Weil zu diesem Zeitpunkt nur noch die Szenen mit den Schauspielern fehlten, bereitete Multitool Bampton den Boden für die nötigen Nachdrehs in der Saison 2024, so dass die Filmboxen an denselben Örtlichkeiten derselben Strecken wieder aufgebaut werden konnten, wie schon 2023.
Die Kirsche auf der Sahne waren für mich jedoch jene Bilder, die dank Bampton im und an seinem alten Arbeitsplatz, dem englischen McLaren F1 Technology Centre in Woking, Surrey, gedreht werden konnten, z.B. im alten Büro des legendären exMcLaren Teamchefs Ron Dennis. In seiner aktiven Managerzeit hatte er sich Ayrton Sennas originalen Siegerwagen des Großen Preises von Monaco 1993 in eine riesige Vitrine hinter seinem Schreibtisch stellen lassen. Eines meiner absoluten Set-Highlights. Trotz der Tatsache, dass Einblicke in die Technologieabteilungen sonst zu den bestgehüteten Geheimnissen der Formel 1 gehören, ließen sich auch andere aktive Formel 1-Teams nicht lumpen und öffneten ebenfalls die Tore zu ihren Forschungs- und Strategieabteilungen. So durfte man einen Rennsimulator des Mercedes-AMG Petronas F1 Teamsgenauso nutzen, wie auch den eigenen Windkanal des Williams F1 Teams. Mein zweites Set-Highlight. Leider stieß es der FIA auf, weil die Nutzung der Windkanäle der Formel 1-Teams wegen der Erlangung zusätzlicher aerodynamischer Vorteile laut Reglement sehr scharf reglementiert sind. Während die Führungsspitze des kleinen Williams F1 Teams die Dreharbeiten jedoch als willkommene PR-Aktion feierte, gingen ihren Aerodynamikern vier wertvolle Tage an Entwicklungszeit verloren.
Was für eine Wechselwirkung zwischen Realität und Fiktion: Denkt man nämlich weiter, dann könnte der F1 – Der Film Dreh tatsächlich einen negativen Einfluss auf künftige Platzierungen des Williams F1 Teams genommen haben und somit auch auf künftige Vertragsverhandlungen mit den Sponsoren.

Obwohl das Williams F1 Team eindeutig vom Vorwurf der Vorteilsnahme entlastet wurde, bekam das professionell durchdirigierte Formel 1 Imageprojekt F1 – Der Film einen unerwarteten Makel. Vor allem aber zollten diese Einblicke den bis zu eintausend Ingenieuren, Aerodynamikern, Technikern, Designern und Entwicklern pro(!) Team den nötigen Respekt. Für jene sonst unsichtbaren Mitarbeiter des Teams, welche hinter den großen Fahrernamen und rollenden Hightech-Werbeflächen arbeiten.
Doch damit nicht genug. Für die korrekten F1 – Der Film-Szenenanschlüsse gab es ja noch einen weiteren Meister seines Fachs am Set und so konnte sich Lewis Hamilton konstruktiv beim Filmschnitt einbringen. Ja, genau. Lewis Hamilton, inzwischen von Mercedes-AMG zu Ferrari gewechselt, saß für dieses Mal nicht in einer Karbon-Sitzschale im Rennwagen, sondern auf einem orthopädisch korrekten Gestühl am Filmschnittplatz. Seinen profunden Streckenkenntnissen verdanken wir es, weswegen allzu offensichtliche Fehler bezüglich der Überholvorgänge, Berücksichtigung der Filmzeiten, Gegenschnitte, Hintergründe, Distanzen, sowie beim Einfügen des Footage-Materials vermieden werden konnten. F1 – Der Film zeigt nun also immer jenen Streckenteil, der im vorherigen Bild etabliert wurde, d.h. während eines Rennens in Las Vegas sieht man kein Material eines Rennens in Monza, Silverstone o.ä.! Genauso, wie auf Kurve 3 eines individuellen Kurses dann Kurve 4 und nicht Kurve 9 folgt. All das natürlich in Abstimmung mit den korrekten Hintergründen der betreffenden Streckenabschnitte. Und wie es aussieht, wurde hierbei sehr gute Arbeit geleistet. So fielen dem Erbsenzähler in mir nur ein oder zwei diesbezügliche Irritationen auf, was eine sehr gute Quote ist!
Dank eines ernstzunehmenden Budgets, multiplen Kameraperspektiven, sowie tiefgehenden Kenntnissen der Streckenlayouts, brachte mit F1 – Der Film jetzt tatsächlich mal ein aktueller Rennsportfilm das Husarenstück der Racetrack-Authentizität fertig. Und dies tatsächlich ohne Manipulationen der Abspielgeschwindigkeit, wie vorhin erwähnt. Im Grunde reichten zwei Motorsportprofis aus, dass der Regisseur seinen(?) Anspruch auf Authentizität überhaupt so konsequent verfolgen konnte. Und doch fast ein Jammer, dass die meisten Zuschauer es wahrscheinlich nicht zu schätzen wissen, weil sie diesen Aufwand gar nicht wahrnehmen werden. Soweit also die genrebedingten Hintergründe.
Bei Filmausstattung und Aufnahmetechnik wurde also schon mal gute Arbeit geleistet. Da sollte es doch wohl ein Leichtes sein, die Geschichte und ihre Akteure mit genau so viel Detailversessenheit und Leidenschaft auszuarbeiten. Sollte, aber leider griff stattdessen schon wieder die vorauseilende Angst der Filmemacher vor der einen Person unter den Zuschauern um sich, die sich nicht für das gezeigte Genre interessiert. Während einige deutsche Komödien durch einen heftig knackigen Shootout, ein Erdbeben der Stärke 9 oder durch einen Absturz eines 950km/h schnellen Amazon Frachtflugzeugs ins Wohnzimmer der Protagonisten in den meisten Fällen hinzugewonnen hätten, werden inzwischen selbstverständlich auch die ambitioniertesten und technisch ausgefeiltesten Genrefilme von Betriebswirten so lange gewolft, bis sie auch für den inhaltlich desinteressiertesten Zuschauer so niedrigschwellig wie möglich sind.
Damit wirklich auch jeder versteht, dass Sonny Hayes ein nicht mehr in die Welt passendes Relikt ist, brauchte es ja noch ein paar Konflikte. Also konfrontierte ihn Transformers– und Top Gun: Maverick Drehbuchautor Ehren Kruger nicht nur mit einem alten Weggefährten aus besseren Tagen, sondern auch noch mit einem jüngeren Fahrer. Fertig ist das Rezept für einen Gockeltanz. Mich würde jedoch interessieren, wer entschieden hat, dass sämtliche Frauenrollen trotz ihrer verantwortungsvollen Teamaufgaben in Wirklichkeit nur den einen Job haben, den alten Hayes anzuschmachten oder sich von ihm belehren zu lassen? Die Organisierte, die Gütige, die Kleine, die Toughe. Alle dabei, aber Augenhöhe findet, mit einer Ausnahme, nicht statt. Falls man noch eine letzte Bestätigung gebraucht hatte, warum Teenager-Fortpflanzungsverhaltensmuster -sorry: „Love“ Interests- in einem Genrefilm genauso überflüssig sind, wie der Flirt in einem Atomraketensilo oder pazifistische Grundsatzgespräche während eines Feuergefechts, wird hier bestätigt. Die für US-Filme üblichen, und somit auch in F1 – Der Film platzierten semi-religiösen Selbstkasteiungen („Wir sind Loser!“) und Selbst-Vergewisserungen („Glaube an dich!“) hatte ich da schon längst weggelächelt. Und ja, natürlich ist auch mir klar, dass man von einem Hollywood-Unterhaltungsfilm keine Finesse oder einen Aufbruch in die erzählerische Moderne im Stile Hemingways erwarten kann. Aber nach 130 Jahren Filmgeschichte sollte mal langsam die Frage erlaubt sein, ob US-Autoren nicht noch etwas mehr als nur Kalendersprüche, Plattitüden oder Textbausteine aus Lebenshilfe-Ratgebern abrufen können, um den Filmfiguren etwas glaubhaftere Verhaltensmuster einzuhauchen als irgendeinem dahergelaufenen „Non Player Charakter“ in einem x-beliebigen Telespiel.
Natürlich hätte man die ganzen Rollenzuschreibungen auch als erwartbar abtun können, wenn nicht auch F1 – Der Film einen veritablen NPC vorzuweisen hätte. Sogar einen nicht ganz günstigen. Warum zum Teufel wurde mit Kim Bodnia ein ausgewiesener Charakterdarsteller für die Rolle des APXGP-Teamchefs Kaspar Smolinski besetzt, wenn man ihm dann keinen Raum zum Spielen lässt? Obwohl Hayes sich dauerhaft absolut jeder Teamstrategie widersetzt, darf der direkte Vorgesetzte Smolinski die Laus im Pelz nicht zur Raison rufen, sondern muss sich von Hayes auch noch vor aller Augen anblaffen lassen. Konsequenzen? Nicht in einem „authentischen“ Film von Joseph Kosinski. Stattdessen lässt der Regisseur in einer Szene sogar zu, dass unsichtbare Wände Smolinski faktisch vom Geschehen trennen. Schaut es euch an und lasst es auf euch wirken. Alleine für das Verbrennen dieser einen Rolle hätten sämtliche Verantwortlichen, inklusive Produzent Pitt, einen verdammten Tritt in den Arsch verdient. Weil den Machern also offensichtlich auch die männlichen Filmfiguren nicht wichtig genug waren, um sie mit ausgearbeiteten Persönlichkeiten und Handlungsspielräumen auszustatten, wollte bei mir eine Nähe zu den Figuren und ihren Herausforderungen auch nicht so recht aufkommen. Mehr noch. Trotz des gigantischen technischen Aufwandes ordnete Kosinski seine Geschichte nicht der Dramaturgie der Trainings- und Rennumstände unter, wie es ein echter „bester Motorsportfilm aller Zeiten“ gemacht hätte, sondern dem Image seines Hauptdarstellers und Produzenten. Aber vielleicht war das ja nur ein Hinweis auf die tatsächlichen Machtverhältnisse am Set.
Womit wir bei der m.E. größten Schwäche des Filmes angekommen sind: Sollte Hayes vor allem deshalb keine Konsequenzen durch seinen direkten Vorgesetzten fürchten müssen, weil es die Dramaturgie des Brad Pitt-Films im Formel 1-Film stört, dann hat F1 – Der Film sich damit übernommen, beides zur selben Zeit sein zu wollen. Das eine ging nicht, ohne das andere zu vernachlässigen. Vielleicht bin ich auch nur einem Etikettenschwindel aufgesessen und F1 – Der Film war von Anfang an nur ein weiteres aufgeblasenes Starvehikel, dieses Mal halt mit Werbebotschaft. Immerhin hatte ein gut aufgelegter Javier Bardem offenbar viel Freude daran, endlich einmal keinen psychopathischen Killer spielen zu müssen und das ist ja auch schon was wert.
Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass auch F1 – Der Film den über Jahre strapazierten „David gegen Goliath“-Mythos bediente, dennoch aber Sympathiepunkte sammelte, indem Hayes und Pearce nicht um die Weltmeisterschafts-Krone oder gar Gesamtsiege fahren, sondern bei ihren Kämpfen um einen WM-Punkt am Ende der Formel 1-Nahrungskette herumvegetieren. Eine perfekte Steilvorlage, legt ein gewonnener WM-Punkt in der Realität doch fest, wieviel TV-Geld die Formel 1-Vermarktungs- und Rechteinhaber an das Team überweisen werden. Im Zweifel entscheidet bei unserem APXGP-Team also genau dieser eine WM-Punkt darüber, ob es Team und Arbeitsplätze im nächsten Jahr noch geben wird. Man könnte meinen, dass F1 – Der Film mit diesem Kniff den Mantel des Unterhaltungsfilmes ablegt und einen Hinweis auf den wirklichen Grund liefert, weswegen bunte Autos heute im Kreis fahren. Denn nicht nur die Fußball-Ligen der Welt wurden von der Profitgier zerfleischt, sondern längst auch die Formel 1.

Gemäß verschiedener Quellen stand F1 – Der Film ein Budget zwischen 200 und 300 Millionen Dollar zur Verfügung, vereinzelt sprach man sogar von 250 Millionen Dollar plus 100 Millionen Dollar für die Werbung. Wie auch immer. Durch die intensive Beteiligung des Mercedes-AMG Petronas F1 Teams, sowie der Verwendung weiterer echter zahlender(!) Sponsoren auf den Autos, konnte das Filmbudget um recht sportliche 40 Millionen Dollar aufgestockt werden. Davon konnte Mr. Pitt sich bescheidene 30 Millionen Dollar als Gage sichern, etwaige Erträge aus den ebenfalls echten Produktplatzierungen auf seinem Rennoverall und aus seiner Produzententätigkeit noch gar nicht mitgerechnet. Ich überlasse es eurer Fantasie, ob seine Leistung diese Summe wert war.
Der tatsächliche Gewinner könnte aber F1 – Der Film Co-Produzent und Formel 1 CEO Stefano Domenicali sein, der die Dreharbeiten an den Strecken überhaupt nur deshalb gestattet hatte, weil er sich eine stärkere Präsenz seiner Rennserie auf dem US-amerikanischen Markt wünschte. Bingo, ein echtes Heimspiel für die Formel 1. Immerhin hat sie ja Erfahrung damit, ihre Gewinne u.a. mit Rennen in Autokratien zu erzielen.
Zum Glück war noch Saft im Apfel, weswegen Formel 1 Medienmanager und F1 – Der Film Co-Produzent Ian Holmes mit F1 – Der Film-Produzent Apple einen weiteren Deal abschloss. Ab 2026 wird der Streamer knackige 750 Millionen Dollar für die Formel 1-Streamingrechte in den USA im Rahmen eines Fünf-Jahres-Deals an die Formel 1 Rechteinhaber überweisen. Ich hatte mich schon gefragt, was wohl seine Aufgabe in diesem wüsten Haufen sein würde. Aber klar, durch seine Tätigkeit zeigt sich F1 – Der Film als Teil eines sehr viel größeren Geschäfts. Jene ungefähren 630 Millionen Dollar, die die F1 – Der Film -Verwertung bis Oktober 2025 auf das Apple-Konto gespült hatte, werden wahrscheinlich also eher nicht künftigen Qualitätsfilm- oder Serienprojekten zugeführt, sondern könnten als erste Anzahlung direkt in die Taschen der Formel 1 Verantwortlichen wandern. Holla, da werden dann wohl neue Rennwagen für die Büroeinrichtungen fällig. Und tatsächlich ging es schon los: Neben einem limitierten AMG GT63 im APXGP-Trim(!) für ca. $ 300.000, – stand beim 2025er Concours d’Elegance in Pebble Beach, Kalifornien in der Sonderausstellung der Mercedes-Benz Filmfahrzeuge schon mal einer der wenigen APXGP-Filmrennwagen, der die Dreharbeiten überlebt hatte. Marketing ist alles.
F1 – Der Film ist daher alles zur selben Zeit: Ein massentauglicher Unterhaltungsfilm und ein von den Besten der Motorsportzunft konzipiertes und durchgetaktetes Imageinstrument für eine Rennserie, die mit den höllischen Rennen der Vergangenheit nur noch den Namen gemein hat. Aber schafft F1 denn nun den Sprung in den Olymp des besten Motorsportfilm aller Zeiten? Nein, und zwar deshalb, weil Geld eben nicht alles ist. Neben einer authentischen Ausstattung bräuchte F1 – Der Film nämlich auch noch Genauigkeit und Hingabe bezüglich seiner Figuren. Mindestens! Ganz sicher würde es aber nicht um Punkte, Profite und PR gehen, sondern um Ruhm, Ehre und echten Teamgeist. Vor allem aber wäre die größte Gefahr für die Rennfahrer nicht der genervte Blick des Teamchefs, sondern der Tod auf der Rennstrecke. So leid es mir tut: Durch seine Verortung in der Gegenwart kann F1 – Der Film dieses Podest nicht erklimmen. Falls diesbezüglich ein Interesse an einer weiteren Aufarbeitung besteht: Mit derselben Thematik beschäftigt sich auch der Beitrag Televisionen & Kulturinformatik SPEZIAL: Der beste Rennfilm aller Zeiten.
Allerdings kam F1 – Der Film zu meinem Erstaunen der Auszeichnung des authentischsten Rennsportfilms dann aber doch weitaus näher als so manch anderer Film dieses Genres. Ja, er mag vielleicht nicht dieselbe pure Sprache sprechen, wie die Klassiker aber bei F1 – Der Film haben wir es trotz seiner diversen altmodischen Konzessionen an den Massengeschmack, trotz seiner offensichtlich profitorientierten DNA, trotz manchmal hanebüchener rennstrategischer Entscheidungen, trotz einiger erzählerischer Gratwanderungen und verschenkter Nebenfiguren, sowie trotz einer Laufzeit von 155 Minuten, mit einem überraschend kurzweiligen Brad Pitt-Film zu tun. Tja, da staunt ihr, was?
Zusammenfassend lässt sich deshalb sagen: Auch wenn F1 – Der Film keine Rennsportdokumentation oder eine Eins-zu-Eins-Kopie eines echten Formel 1-Rennens ist und sich dazu noch einige Freiheiten herausnimmt, zeigt er doch eindeutig das Maximum dessen, was gegenwärtig im Bereich des Motorsports filmisch möglich ist. So sieht es aus. Aber macht bereits das ihn zum authentischsten Rennsportfilm? Endlich gibt es mal glaubhafte Fahrzeuge und dann hapert es bei unzureichend handelnden Filmfiguren? Ideal wäre beides, aber mehr ist offenbar nicht drin. Und trotzdem quillt es ihm quasi wie Motoröl aus sämtlichen Dichtungen, dass selbst der moderne Motorsport immer noch weit davon entfernt ist, ein Spiel zu sein. Wenn inzwischen auch eindeutig aus anderen Gründen.
Amazon Partner Links: