Jackie Chan wird in diesem Jahr 72 Jahre alt und noch immer mit reichlich Körpereinsatz als lebendes Hongkong Film-Denkmal im Filmgeschäft aktiv. Kaum ein Asia-Filmfan, der nicht irgendwie mit Jackie Chan-Filmen sozialisiert wurde, zu legendär waren einfach diese selbstlosen und oftmals halsbrecherischen Kampf- und Stuntszenen, als dass man auf seine Filme hätte verzichten können. Mag auch der stets etwas über-artistische und oftmals familienfreundliche Kampfeinsatz nicht jedermanns Sachen gewesen sein, so ist seine Bedeutung für die Bekanntheit des modernen asiatischen Actionkinos jedoch enorm, mehr noch, als es John Woo oder Chow Yun-Fat je waren. Aber auch das Alter geht an Jackie Chan nicht vorbei, die Artistik der alten Kampfszenen ist heute nicht mehr möglich und so ließ auch die Qualität seiner Filme etwas nach. Man merkte, dass die Zeit der krachenden Hongkong Filme mangels talentierter Regisseure und großer Budgets nun vorbei war. Ein bedauernswerter Umstand, denn man hätte Jackie noch einmal so ein richtig fetziges Alterswerk gewünscht, einen Film, wo alles Mögliche an Stunts, Artistik und Hongkong-Actionelementen für die große Leinwand vereint wird. Daher ist es ganz gut, dass der Beijing-Regisseur Larry Yang augenscheinlich ein großer Fan der Hongkong Action ist und nach seiner goutier bar-amüsanten Jackie Chan-Fingerübung (Ride On: Die zweite Chance, 2023) erneut mit dem zähen Martial Arts-Senior zusammenarbeitete und ihm dieses Mal eine wahrlich epische Verfolgungsjagd auf den zernarbten Leib schrieb. Und episch trifft es in diesem Falle ganz gut, denn Larry Yang hat ganze Arbeit geleistet und die enorme Laufzeit von 144 Minuten mit Action und Wendungen von gleich drei Filmen gefüllt, wobei das hier noch nicht das Ende gewesen sein muss. Tipp: Bleiben Sie unbedingt bis ganz nach dem Abspann dran, denn es gibt dort noch eine entscheidende Szene. Shadow Chase ist Jackie Chans bester Film seit 15 Jahren und – endlich – ein wahres Alterswerk von erstaunlicher Qualität geworden. PLAION PICTURES bringt die Action-Empfehlung nun im Heimkino heraus.

Originaltitel: The Shadow´s Edge / Bu feng zhui ying
Regie: Larry Yang
Darsteller: Jackie Chan, Tony Kai Fei Leung, Zifend Zhang, Wen Junhui, Ziyi Wang, Zhenwei Wang
Artikel von Kai Kinnert
Eine technisch versierte Diebesbande terrorisiert Macau. Unter der Leitung des mysteriösen „Shadow“ (Tony Kai Fei Leung) überlistet die Gruppe immer wieder die moderne Überwachungstechnik der Polizei. Nach einem spektakulären Raubzug sehen sich die Behörden gezwungen, den pensionierten Überwachungsspezialisten Wong (Jackie Chan) zurückzuholen. Dieser stellt ein Elite-Team zusammen, um die Gangster zur Strecke zu bringen. Doch in diesem Katz-und-Maus-Spiel verschwimmen die Grenzen: Wer jagt hier eigentlich wen – und wer steht wirklich auf welcher Seite des Gesetzes?

Ich gebe zu, dass der Anfang des Films mir etwas Sorge bereitete. Im Gegensatz zu mir lieben die Chinesen bunten Software-Schnickschnack und Superduper-Hacker, die jede Ampel in China beherrschen und auch jede Überwachungskamera mit gefaktem KI-Material manipulieren können. So beginnt der Film dann auch gleich mit einer hyper-smarten Raubzugaktion junger, attraktiver Menschen, die sich tricky und schmissig mit allerlei Überwachungs-KI-Gedöns und mit 1000 Kostümwechsel-Tricks, die sogar Mission Impossible wie die Augsburger Puppenkiste aussehen lassen, als Superverbrechertruppe empfehlen. Angeführt von Tony Kai Fei Leung, der, soviel sei hier schon verraten, der härteste Gegner in Jackie Chans gesamter Klopp-Karriere ist. Und dass, obwohl Tony nicht mal Martial Arts beherrscht, wohl aber den Nahkampf mit dem Messer, was hier in aller Breite demonstriert wird. Machen Sie sich darauf gefasst, werter Leser, das Tony Kai Fei Leung ein derart harter Brocken ist, dass Jackie Chan die kompletten 144 Minuten benötigt, um diesem Mistkerl irgendwie Herr zu werden. Larry Yang hatte mit dem vorliegenden Film definitiv eine Art asiatische Mission Impossible-Variante vor dem geistigen Auge, die ihm mit seinen ausufernden Verfolgungen und raffinierten Kostümwechselszenen auch trefflich gelungen ist. „Der Film vereint alle vier Elemente des Actionfilms in sich: Nahkampf, militärischer Nahkampf, Kampf mit Stich- und Schusswaffen und Parkour. Wir haben hier nur Martial-Arts-Experten vor der Kamera. Ich habe alle Kampfszenen dem Körperbau der Schauspieler angepasst.“ so der Regisseur im Making Of.
Meine anfängliche Unruhe legte sich in den ersten Filmminuten dann von selbst, denn der Film macht, trotz des üblichen Asia-Technik-Schnickschnacks, schnell klar, dass hier keine Stümper am Werke waren. Kamera und Schnitt sind famos, anders kann man es nicht sagen, dazu kommt eine charismatisch-gelungene Besetzung und das Hongkong Film-Urgestein Tony Kai Fei Leung, der eine brachial-gefährliche Präsenz auf die Leinwand entwickelt und mit Jackie Chan den idealen Gegenspieler hat. So beginnt der Film dann auch mit einer knapp 15-minütigen Actionsequenz, die die professionelle Mission-Impossible-Arbeitsweise der Diebesbande in einer elegant inszenierten Exposition dem Publikum vortrefflich vor Augen führt und in einem Handstreich auch gleich noch die inneren Konflikte der Gruppe in Position bringt. Denn Tony ist eine richtige Dreckssau, ein ehemaliger Späher der chinesischen Armee, der selbst dann noch gefährlich ist, wenn er nur auf einem Stuhl sitzt. Nach dieser formidablen Eröffnung konnte ich beruhigt Durchatmen, denn Larry Yang zeigt, dass er wirklich Ideen für diesen Film hatte. Eben Autorenkino im Actiongenre, denn Yang schrieb das Drehbuch selbst und das auch noch richtig gut. Im Kern besteht die Story zwar aus dem üblichen Versatz des asiatischen Actionkinos, dafür ist es aber originell geschrieben und straff inszeniert worden. Aus dem Drehbuch hätten andere Filmemacher zwei bis drei Kinofilme (und eine TV-Serie) gemacht, Yang hingegen bringt alles in einem einzigen organischen Rutsch so unter, dass man nicht einmal auf die Uhr schaut. Immer wenn man glaubt, jetzt müssten sie Tony Kai Fei Leung aber gleich mal dingfest machen können, entwischt der widerliche Halunke (auch dank seiner unglaublichen Nehmer-Qualitäten) erneut. Und es ist wirklich spannend! Shadow Chase – Im Netz der Diebe ist nicht nur ein Film mit guten Actionszenen, Shadow Chase – Im Netz der Diebe ist insgesamt einfach ein runder und gelungener Film, denn selbst die Dialogsequenzen sind gut geschrieben und gespielt worden.

Selten hat mir Jackie Chan auch außerhalb der Kämpfe so gut gefallen wie in diesem Film. Gut gereift spielt Jackie nuanciert-zurückhaltend und verzichtet auf die übliche Louis de Funès-Dramaschule, was ihm unheimlich gut steht. Und dann Tony Kai Fei Leung: Leise und gefährlich, immer bereit, jemanden die Oberschenkelarterie zu durchtrennen (dieser fiese Mord geschieht im ersten Finale). Aber auch der Rest der Truppe besteht aus guten, jungen Schauspielern, allen vorran die 25jährige Zifeng Zhang, die wie 16 aussieht und in ihrer Rolle zu einer selbstbewussten Kämpferin wird. Mit ihr gibt es später in der Mitte des Filmes eines wirklich spannende Überwachungssequenz, in der sie Tony Kai Fei Leung verfolgt, der natürlich jeden Verfolger 15 Meilen gegen den Wind riechen kann. Auch diese Nummer wird in aller Breite und mit vielen Wendungen inszeniert, flüssig elegant, gut im Timing und stets vom Unnötigen befreit, reiht hier Yang einen guten Einfall an den nächsten. Zinfeng Zhang, Jackie Chan und Tony Kai Fei Leung landen am Ende dieser langen Sequenz in dem Fahrstuhl eines Wohnblocks und es entwickelt sich ein Dialog, der wirklich spannend ist. Yang hat sein Drehbuch auf jeder Seite im Griff, was eine absolute Seltenheit in Asien ist, eigentlich überall auf der Welt, und er führt seine Szenen stets in neue, sinnvolle und spannende Momente hinein, was so zu einem Film führt, in dem nicht eine einzige Minute Verschwendung von Lebenszeit ist. An CGI wird in diesem Film nicht gespart, gerade was Bluteffekte angeht (Tony Kai Fei Leung und der Messerkampf!), aber alles ist vertretbar und von hoher Qualität.
Und die Action? Oh ja. Die Action. Die hat endlich mal wieder so richtig Spaß gebracht. Es wird geschlagen, geschossen, gesprungen und kräftig gestürzt, alles, was das Training so hergibt. Eine Lieblingssequenz ist, wie Jackie mit der langen (!) Teleskopstange gegen die eineiigen Zwillinge kämpft, die gerne synchron hintereinanderstehen und so blitzschnell den Kampf verbreitern können. Da hat Jackie anfangs auch schlechte Karten, bis er den Spieß mit einer ausfahrbaren Stange umdrehen kann. Kamera und Schnitt haben die Dynamik jedes Kampfes voll im Griff, hier gibt es nicht einen Hänger, in Shadow Chase wird nicht eine Sekunde lang geschlampt. Mag der Film auch in einem modernen Tempo geschnitten sein, die Übersicht und die Wirkung der Bewegung, des Kampfes und des Sturzes, bleiben voll erhalten, hier wurde endlich mal auf Weltniveau gearbeitet. Yang zelebriert das Hongkong Kino in epischer Breite, im wahrsten Sinne des Wortes.

Shadow Chase – Im Netz der Diebe ist nicht nur der beste Jackie Chan Film seit Jahren, es ist auch noch ein schnörkelloser Hongkong Actionfilm aus der technischen Oberklasse, der trotz seiner supersmarten Youngster-Diebesbande ein schier endlosen Parkour an spannenden Szenen aller Art liefert. Larry Yang wollte wohl eine Art Best-Of drehen, was ihm definitiv gelungen ist. Shadow Chase – Im Netz der Diebe ist ein Füllhorn an großartig choreografierter Action, jeder Menge guter Einfalle, sympathischer Schauspieler und einer enormen Spannung. Larry Yang ist angetreten, um Jackie Chan ein altersgerechtes Denkmal zu setzen, so scheint es. Es ist ihm gelungen. Der Film ist ein absoluter Tipp für alle, die sich im asiatischen Actionkino wohl fühlen.
Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber, satt und klar, der Ton ist gut. Als Extras gibt es Trailer, ein Making Of und Jackie Chan grüßt Deutschland.
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